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29.03.1996 - 

Forrester Research zur Zukunft des World Wide Web

Den bunten Web-Seiten folgt die Aera des Internet-Computing

CW: Ist das Internet ein Geschaeft?

Colony: Derzeit wird etwa ein Prozent des amerikanischen Bruttosozialprodukts auf diesem Gebiet erwirtschaftet. Das sind immerhin 65 Milliarden Dollar. Wenn man Informationen, Software und aehnliches verkauft, dann sind das schnell zehn bis 20 Prozent des Umsatzes.

CW: Ist nicht die Sprachhuerde ein grosses Problem, speziell fuer europaeische Internet-User?

Colony: Ich denke, jedes Land wird mit der Zeit immer mehr eigene Inhalte schaffen, die dann auch in der jeweiligen Sprache angeboten werden. Aber es waere sicher keine gute Idee Mauern um die nationalen Internet-Angebote aufzubauen. Lassen Sie mich hier etwas Grundsaetzliches sagen: Das Web ist am Ende. Es hat als Medium ausgedient.

CW: Wie meinen Sie das?

Colony: Sie haben gefragt, womit Geld gemacht wird. Die Antwort lautet: Sicher nicht mit den langweiligen mittels Hypertext Markup Language (HTML) gestalteten Seiten. Auch mit den wenigen Formularen im Netz laesst sich nicht viel anfangen. Bisher laeuft nicht viel mehr als der Austausch von Mails und das Werben mit elektronischen Broschueren.

CW: Wodurch wollen Sie das HTML-Web ersetzen?

Colony: Mit dem, was wir Internet-Computing nennen, das heisst mit interaktiven Anwendungen. Den Weg dorthin hat die Programmiersprache Java gewiesen. Wenn ein Kunde sich bei einem Versandhaus einwaehlt, dann muss hier ein intelligenter Dialog stattfinden. Bertelsmann wickelt 300000 Anrufe taeglich ab. Das wird kuenftig die Aufgabe des Internet sein.

CW: Schaffen das die Netze?

Colony: Das ist die Frage. Bei allem, was wir hier besprechen, spielt die deutsche Telekom eine zentrale Rolle. Das Minimum, was die hiesigen Endanwender brauchen, sind Verbindungen mit einer Uebertragungsrate von 2 Mbit/s. Wir sind erst am Anfang des Internet-Zeitalters, nur das rein dokumentenorientierte Web ist tot.

CW: Was bedeutet es fuer Betriebssysteme wie Windows, wenn die Anwendungen ueber den Browser laufen?

Colony: Es wird eine Revolution bei der Benutzerumgebung geben. Alle Leute haben Probleme im Umgang mit Windows. Wenn die Anwendungen nicht mehr auf diese Systemumgebung angewiesen sind, haben auch andere Anbieter wieder eine Chance. Ich habe bei Siemens-Nixdorf eine sehr ansprechende Benutzerumgebung gesehen.

CW: Es heisst, viele Anbieter versprechen sich vom Java-Boom eine Eindaemmung der Microsoft-Dominanz am Desktop. Stimmt das?

Colony: Richtig ist, dass Bill Gates Angst hat. Vor zwei Jahren existierte quasi nur ein Abspielgeraet fuer Desktop-Anwendungen, die Kombination DOS und Windows auf Intel-PCs. Jetzt gibt es Java, und Microsoft ist nicht mehr der einzige Anbieter, der sagt wo es langgeht. Natuerlich versucht Microsoft, jetzt auch bei den Browsern mitzumischen. Wir glauben jedoch, dass Netscape und Sun mit Java diese Auseinandersetzung fuer sich entscheiden werden. Die Software-Entwickler haben sich mit vollem Engagement auf Java und den Netscape Navigator 2.0 geworfen, nicht auf Windows 95. Microsofts Internet Explorer wird ein Aussenseiter in der Browser- Welt bleiben. Daran aendert auch der Vertrag mit America Online nichts.

CW: Das klingt, als laege die Zukunft des Internet allein im Consumer-Geschaeft. Was ist mit verteilten Anwendungen im Intranet?

Colony: Das Intranet wird in den kommenden zwei Jahren den grossen Durchbruch schaffen. General Electric beispielsweise will 1996 eine Milliarde Dollar mit kommerziellen Anwendungen fuer diese abgeschlossenen Umgebungen umsetzen.

CW: Microsoft hat auf der CeBIT eine Allianz mit SAP bekanntgegeben ...

Colony: Da haben sich zwei Dinosaurier getroffen.

CW: Microsoft will SAPs R/3-Paket Internet-faehig machen. Ist so etwas realistisch?

Colony: Microsoft versucht zur Zeit, ueberall mitzumischen. Da zeigt sich die Angst, den Anschluss zu verlieren. Damit will ich nicht sagen, dass Microsoft vom Markt verschwinden wird. Das verhindert moeglicherweise auch Partner Intel. In deren neuen P7- Chip soll meines Wissens Java fest implementiert werden.

CW: Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Laesst sich R/3 fuer das Internet aufbereiten?

Colony: R/3 ist bei aller Modularisierung ein Monolith und zudem ein sehr geschlossenes System. Aus dem Blickwinkel der Internet- Zukunft ist es ein Risiko, heute ein solches System zu kaufen. Andere Hersteller wie Baan oder Dun & Bradstreet sind weit besser auf die Erstellung sagen wir einer Internet-faehigen Buchhaltung vorbereitet. Das Internet ist ein Problem fuer Unternehmen wie SAP, es ist ein Problem fuer das ganze Client-Server-Konzept. Es wird R/3-Aequivalente geben, die im weltweiten Netz laufen.

CW: Sie denken, man wird Transaktionsverarbeitung ueber das Internet realisieren?

Colony: Ja, warum nicht?

CW: Das klingt ziemlich gefaehrlich. In einem weltweiten Netz geschehen staendig Dinge, die eine Transaktion scheitern lassen koennen.

Colony: Gefaehrlich, nein. Das klingt nach einer lukrativen Marktluecke.

CW: Die Desktop-Software ist derzeit mindestens so monolithisch wie R/3. Werden Winword & Co. vom Markt verschwinden?

Colony: Nein, aber sie werden ernsthafte Konkurrenz bekommen. Es wird neue Moeglichkeiten geben, Texte zu verarbeiten. Der Markt wird chaotischer werden, mit mehr Auswahl und niedrigeren Profitmargen.

CW: Besteht nicht die Gefahr, dass zu grosse Erwartungen dem Internet-Geschaeft aehnlich schaden wie der einst hochgelobten Technik der kuenstlichen Intelligenz?

Colony: Die Abkehr vom Web hat begonnen. Das nimmt nicht wunder, faehrt das Online-Magazin "Hot Wired" monatlich einen Verlust von 350000 Dollar ein. Es ist eine Frage der Zeit, wie lange der Verlag das durchsteht. Wir sind nicht blauaeugig. Deswegen sagen wir ja, dass das Web in seiner jetzigen Form obsolet ist. Aber das Web ist nicht das Internet. Es kommt auf Applikationen an, nicht auf schoene Web-Seiten.

George F. Colony, Gruender und President der Forrester Research Inc., Cambridge, Massachusetts, prophezeit Microsoft einen dornenreichen Weg ins Internet-Geschaeft. Colony gruendete das Marktforschungsinstitut 1987 mit der damals noch nicht trivialen Idee, dass der PC und insbesondere das Client-Server-Konzept die Unternehmens-DV umkrempeln wuerde. Diese Trends werden inzwischen vom Internet-Computing eingeholt. Daher sieht Colony das Ziel seines Unternehmens heute in der Beobachtung des Wandels.

Forrester Research nennt Softwaretrends im Internet

Forrester Research hat drei zentrale Softwaretrends im Zusammenhang mit dem Internet-Computing ausgemacht.

Eine neue Klasse inhaltsorientierer Multimedia-Anwendungen ist im Entstehen. Damit meinen die Analysten Informationen, die in einer Anwendung eingebettet sind. So sollen sich Kunden im Dialog mit dem Programm das Auto ihrer Wahl konfigurieren und dann bestellen koennen.

Es wird eine Invasion von Applet-Entwicklern geben. Programmierer und Kunden arbeiten im Netz zusammen an neuen Produkt-Releases. Dieser Trend geht am Desktop auf Kosten von Microsoft. Java stellt fuer Entwickler eine alternative Schnittstelle dar, mit der man fuer eine Betriebssystem- und Hardware-unabhaengige Plattform schreiben kann. Auf diese Weise lassen sich potentiell weit mehr Kunden erreichen, als es Windows-Anwender gibt. Hinzu kommt, dass die Microsoft-Strategien bislang nicht am Internet ausgerichtet waren. Das Unternehmen ist dadurch technologisch in die Defensive gedraengt worden.

<H4>Die Arbeitsweisen wandeln sich grundlegend:</H4>

-Entwickler werden ihre Programme im Internet-Dialog mit den Kollegen erstellen und dabei Standards quasi "on the fly" festlegen. Schwerfaellige Organisationen wie OSF und X/Open werden dadurch ueberfluessig.

-Netzweite Allianzen bei der Applikationserstellung fuehren zu einer Spezialisierung der beteiligten Firmen auf bestimmte Applets, die dadurch auch rasch an neue Anforderungen anpassbar sind.

-Die Applets werden immer kleiner und ueber das Netz vermarktet. Das Geschaeft mit der Software von der Stange aus dem Laden um die Ecke wird unwichtiger. So will die Microsoft Corp. bis Ende 1997 rund zehn Prozent ihres Produktgeschaefts auf elektronischen Wegen machen. Bis zur Jahrtausendwende soll Forrester Research zufolge etwa die Haelfte aller Programme auf diese Weise zum Anwender kommen.

-Lagerhaltung und Verpackungskosten gehoeren der Vergangenheit an. Die Analysten gehen davon aus, dass dieser Vorteil an die Kunden weitergegeben wird. Nach ihrer Ansicht pendelt sich der Preis fuer Komponenten bei etwa zehn bis 20 Dollar ein.

-Low-Tech am Arbeitsplatz wird immer weniger akzeptiert, wenn sich die Anwender zu Hause mit Applets High-Tech-Anwendungen zusammenstellen koennen.

Die Forrester Research Inc.

Die Forrester Research Inc., Cambridge, Massachusetts, ist ein 1987 gegruendetes Marktforschungsunternehmen, das sich auf die Bereiche DV und neue Medien spezialisiert hat. Die Analysen beruhen im Kern auf Interviews mit Spezialisten vor allem auf Herstellerseite. Erst seit diesem Jahr versuchen die Analysten, gezielt Anwender zu befragen. Geforscht wird bislang ausschliesslich in den USA. Das Unternehmen rechtfertigt dies mit dem Technologievorsprung der Vereinigten Staaten. Eine Ausweitung der Aktivitaeten auf Europa ist jedoch fuer 1997 geplant.