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19.01.1996 - 

Noch herrscht in der Branche verhaltener Optimismus

Den sicheren Job in der DV gibt es nicht mehr

In einer aktuellen Auswertung von Stellenangeboten kommt der Hamburger EMC Medienservice zu Ergebnissen, die die Herzen der Computerexperten hoeher schlagen lassen muessten - erst recht die von Personalberatern, die sich im Schlepptau dieser Entwicklung am wenigsten ueber mangelnde Beschaeftigung beklagen duerfen.

So hat sich das ausgeschriebene Angebot fuer Software-Ingenieure und fuer Kommunikationsexperten 1995 im Vergleich zum letzten Jahr fast verdreifacht und bei den Anwendungsprogrammierern, Datenbankspezialisten, DV-Beratern, Systemingenieuren und PC- Spezialisten verdoppelt. Niemanden duerfte es mittlerweile ueberraschen, dass die Telekommunikationsbranche am staerksten expandiert - dementsprechend gross ist das Interesse an Neueinstellungen.

Die Zahl der Inserate wuchs 1995 in der TK-Industrie um rund 135 Prozent gegenueber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Die meisten Offerten kommen indes von Software-, System- und Beratungshaeusern. Ihr Anteil macht, bezogen auf die Branchenzugehoerigkeit, bereits fast die Haelfte aller Angebote aus. Rein rechnerisch also gehoeren die Softwerker nicht zu den Verlierern des Arbeitsmarktes. Im Gegenteil: Wenn man bedenkt, dass die Automobil- und die Baubranche weitere Entlassungen in der Groessenordung von 100000 Mitarbeitern angekuendigt haben, geht es den Computerexperten sogar sehr gut. Berechtigterweise aber taucht bei DV-Personalverantwortlichen immer haeufiger die Frage auf, ob sich der Arbeitsmarkt fuer Datenverarbeiter von der Gesamtentwicklung abkoppeln laesst und sich weiterhin so positiv entfalten wird wie im letzten Jahr.

Was die Statistik indes weniger klar zeigt, ist folgendes: Die klassischen DV-Hersteller - frueher fuer zahlreiche Einstellungen gut - halten sich bei Neuverpflichtungen zurueck, um es vorsichtig zu formulieren. Mitarbeiter von Unternehmen wie Siemens-Nixdorf, IBM und Digital sind schon froh darueber, dass die grossen Entlassungswellen vorbei und sie selbst noch an Bord geblieben sind. Vereinzelt sieht man auch wieder Stellenangebote in den Zeitungen.

Auch wenn das Geschaeft in einigen Bereichen anzieht, werde in den seltensten Faellen Personal eingestellt, sondern Ueberstunden angeordnet, weiss Klaus-Dieter Bornemann, SNI-Betriebsrat in Muenchen. Der Produktivitaetsfortschritt ist in allen Branchen enorm, immer weniger Beschaeftigte produzieren immer mehr Gueter.

Auf jeden Fall wird nichts mehr so sein, wie es frueher war. In einer Analyse der Arbeitsbedingungen in der DV-Branche fuer den europaeischen Angestelltenverbund Eurofiet schreibt Digital- Betriebsratschef Wolfgang Mueller: "Es kehrt eben nicht - wie von den leidtragenden Beschaeftigten in den Grossunternehmen sehnlichst gewuenscht - irgendwann wieder Ruhe ein, sondern es wird vermutlich staendig schlimmer mit dem Umbau der Organisationen."

Mueller erinnert in diesem Zusammenhang an Entwicklungen, die eine Entspannung am Arbeitsmarkt unwahrscheinlich machen:

Der Siegeszug der PCs und ihre Vernetzung zu Client-Server- Systemen haben die praktischen Voraussetzungen fuer schlanke Unternehmen durch elektronische Post, Workgroup-Computing, Telearbeitsplaetze etc. geschaffen. Damit sei "die Daseinsberechtigung ganzer Management-Ebenen" weggefallen.

- Ein weltweites unternehmensinternes Computernetz wird es Firmen ermoeglichen, "viel schneller Arbeit von einem Land ins andere zu verlagern". So liessen sich bei Spitzenbelastungen Arbeitszeitschranken umgehen, folgert der Digital-Betriebsrat.

- Nach der Devise "Small is beautiful" wuerden der Trend zum Outsourcing und die Konzentra-tion auf das Kerngeschaeft weitergehen. Ganze Konzernstrukturen wuerden zerlegt, weitgehend selbstaendige Geschaeftseinheiten entstuenden. Das "schlank" gewordene Unternehmen arbeite dann mit einem "Heer von Zulieferern und Subkontraktoren, oftmals Ein-Mann-Unternehmen", zusammen. Die "neuen Selbstaendigen", wie Mueller sie nennt, seien aber "schlechter abgesichert als je zuvor".

Auch von den grossen Anwenderunternehmen kann man nicht unbedingt sagen, dass sie auf der Suche nach Datenverarbeitern seien. Gertrud Heck-Weinhart, Abteilungsleiterin Anwendungsentwicklung der Wuerttembergischen Versicherungsgruppe und neugewaehltes Praesidiumsmitglied der Gesellschaft fuer Informatik (GI), macht sich da keine Illusionen. Den sicheren Job in der DV, wie er frueher ueblich war, gebe es nicht mehr. Die GI muesse sich staerker mit den aktuellen Trends auf dem Arbeitsmarkt auseinandersetzen. Einer davon sei die Auslagerung von DV-Aktivitaeten aus den Unternehmen bis hin zur Vergabe von Auftraegen in Billiglohnlaender. Auch der Einsatz neuer Technologien verspreche wenig arbeitsmarktpolitische Impulse. Die Verbreitung von Multimedia und Internet garantiere keine zusaetzliche Beschaeftigung fuer Informatiker. "Damit sind zuerst Fachabteilungen wie das Marketing beschaeftigt", weiss Heck-Weinhart.

In der Regel, so ist von Computer-Managern bei Anwendern zu erfahren, versuche man Mitarbeiter aus dem eigenen Unternehmen auf die neuen Themen anzusetzen. Das foerdere die Motivation. Zudem finde man am Markt schwer Mitarbeiter, die bereits Erfahrung mit den aktuellen DV-Techniken mitbringen.

Mit den immer kuerzeren Innovationszyklen - "seit 15 Jahren laeuft MVS fast unveraendert, bei PC-Hard- und Software kommt man mit dem Neuen gar nicht nach", so ein DV-Chef - steigen die Kosten und damit auch der Zwang zum Sparen. Das heisst: Personaleinstellungen finden nur in Ausnahmefaellen statt, bestaetigt auch Heck-Weinhart. Und wenn dann doch ein Bewerber das grosse Los gezogen hat, muss er jung und billig sein.

"Diese Entwicklung wird von Jahr zu Jahr schlimmer", hat Hans- Juergen Fuellgrabe vom Fachvermittlungsdienst Bielefeld festgestellt. Junge, gut ausgebildete Absolventen beginnen mit 4000 Mark Monatsgehalt und oft darunter. Ueber die Chancen der aelteren Mitarbeiter will Fuellgrabe gar nicht erst sprechen. Bereits ab 40 wuerden Datenverarbeiter schwer vermittelbar. Er belegt dies an seinem Bezirk Ostwestfalen. Von den 300 arbeitslos gemeldeten Computerfachleuten sind zwei Drittel ueber 35 Jahre alt.

Das Arbeitsamt versuche den Arbeitslosen durch Fortbildung, Umschulung und Massnahmen der Wiedereingliederung ins Berufsleben wie Gewaehrung von Zuschuessen zu helfen. Nachdem die Bundesregierung 1993 die Foerdermittel fuer Weiterbildung drastisch gekuerzt hatte und die Zahl der Arbeitslosen stark anstieg, fliessen nun seit 1994 wieder mehr Gelder. Im letzten Jahr umfasste der Topf fuer Qualifizierungsprogramme und Arbeitsbeschaffungs-Massnahmen (ABM) der Bundesanstalt fuer Arbeit (BA) in Nuernberg 24,7 Milliarden Mark. Dieser Betrag soll nicht gekuerzt werden.

Trotz dieser Hilfen vom Staat hat Fuellgrabe kein Rezept fuer aeltere DV-Experten. Sicherlich gebe es die Moeglichkeit, sich selbstaendig zu machen. Aber womit? fragt der Berater. Gerade Mitarbeiter, die jahrelang nicht ueber den Tellerrand ihrer Arbeit hinausgesehen haben - und das betreffe vor allem Datenverabeiter der ersten Stunde -, tun sich mit dem Wechsel in die Selbstaendigkeit schwer. Die 70000 von der BA gefoerderten Existenzgruendungen im letzten Jahr, die die Nuernberger Behoerde dieser Tage stolz verkuendete, sind bei fast vier Millionen Arbeitslosen ein Tropfen auf den heissen Stein.

Heck-Weinhart wehrt sich gegen das Pauschalurteil, dass aeltere Mitarbeiter nicht mehr genug leisteten. Es komme auf die Ausbildung an. Als Problemfaelle sieht sie eher die Schmalspurinformatiker.

"Eine gute technische Ausbildung hat wieder Konjunktur", meint der Kienbaum-Berater Waldemar Timm. Zwar sei der Wirtschaftsinformatiker nach wie vor gefragt, allerdings haetten sich die Chancen der systemnah ausgebildeten Mitarbeiter im Vergleich zu den letzten Jahren erheblich verbessert. Das bestaetigt auch die EMC-Auswertung, die ein ueberdurchschnittliches Plus bei den Stellen fuer Systemingenieure ermittelt hat.

Kienbaum-Berater Timm nennt folgende Gruende fuer die Hausse der Systemspezialisten:

- Die boomende Telekommunikationsbranche braucht Software- Entwickler, die etwas von Nachrichten- und Elektrotechnik verstehen.

- Beim Zusammenwachsen von DV und TK benoetigen Unternehmen Integratoren, die in beiden Welten zu Hause sind.

- Externe Dienstleister - vom Einzelkaempfer bis zum Systemhaus - uebernehmen unterschiedlichste Arbeiten der zentralen DV- Abteilungen. Auch hier sei Systemwissen von Vorteil. Fuer diese Externen gelte aber mehr denn je, dass sie das aktuelle DV-Know-how parat haben muessten. Das laesst sich mittlerweile Woche fuer Woche in den Stellenanzeigen nachlesen: Client-Server-Wissen und Know-how in objektorientierter Programmierung werden sehr bald zum Standardrepertoire gehoeren.