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23.04.1976 - 

Bilanz: Computerbildung ohne Bildungscomputer:

Der Aufwand von zehn Jahren kann abgeschrieben werden

So deutlich hat es wohl noch keiner gesagt: Nach zehn Jahren Schulcomputer-Bewegung in der Bundesrepublik ist die EDV-Zeit in der Schule entweder schon vorbei - oder sie hat noch gar nicht angefangen. Wichtig ist, wer das sagt: Einer der ganz wenigen Profis auf dem Gebiet Bildungsplanung und Schulorganisation. Auch wenn Sie sich bisher nicht für DV in der Schule interessiert haben - diesen Artikel müssen Sie lesen: Denn wer mit Datenverarbeitung zu tun hat, muß über diese verfahrene Situation Bescheid wissen. Die CW-Redaktion erwartet Leserbriefe. -py

Daß Computer nunmehr auch die Bildung "erobern" würden, war noch bis in jüngste Zeit ständig gebrauchtes Versatzstück in programmatischen Reden von Politikern und Reformtechnologen. Heute will es niemand mehr, zumindest nicht so, gesagt haben.

Das Band der Argumente für den Siegeszug der Computer in deutschen Schulen erfaßte pädagogische, administrative und ökonomische Dimensionen, die Argumente selbst waren so logisch aufgebaut und im einzelnen einleuchtend, daß Kennern der deutschen Schule eigentlich Bedenken hätten kommen müssen.

Es war gar nicht erforderlich, daß Schulcomputer- Propheten und Informatik-Päpste durch die bildungspolitische Landschaft zogen und ihre Bildungsreformkost propagierten. Kulturpolitiker, die die annoncierte Bildungskatastrophe verhindern wollten, aber auch Computer-Hersteller begannen zu wittern: Schnell sichtbar werdende bildungspolitische Erfolge die einen, einen neuen und vor allem völlig freien Teilmarkt die anderen.

Die Bundesregierung ließ sich nicht lumpen: In zwei gut dotierten Programmen sprühte sie Steuermittel über Forschungs - und Entwicklungsvorhaben, die sich ADV- Ziele in der Bildung setzten.

Kein Programm mehr

Ziehen wir Bilanz: Was wurde aus den politischen, pädagogischen und wirtschaftlichen

Initiativen für Bildungscomputer und Computerbildung? Der Termin bietet sich aus mehreren Gründen an:

- 1976 ist die DIDACTA, die europäische Lehrmittelmesse, genau 25 Jahre alt. Ihre 14. Auflage wurde vom 23.-27. März in den Basler Messehallen präsentiert. Was hier nicht gezeigt wurde, von dem kann man nur annehmen, daß es in der Schule nicht vorkommt.

- 1976 ist das Jahr in dem das 2. Programm der Bundesregierung zur Förderung von Forschung und Entwicklungsvorhaben "Computer im Bildungswesen" zu Ende geht. Was hier nicht öffentlich gefördert wurde, von dem kann man mit einiger Sicherheit annehmen, daß es nicht bearbeitet wurde. Sicher ist jedenfalls, daß das Programm nicht mehr fortgesetzt wird.

Geht's nun schneller, billiger, pädagogischer, humaner in der Schule mit dem Computer? Wurde die pädagogische Reform unterstützt, wurden Umstellungskrisen gemeistert, wird der komplizierten Schulverwaltung in großen Schulsystemen und pädagogisch differenzierten Kurssystemen entsprochen?

EDV findet nicht statt

Die Folgen der bisherigen Entwicklung sind deutlich: EDV findet in der schulbetrieblichen Praxis praktisch nicht statt. Es gibt sicherlich Ausnahmen: Da behelfen sich pädagogische Einzelinnovatoren mit Computerdemonstrationen in verschiedenen Unterrichtsfächern; da erproben schulbetriebliche Autodidakten EDV-Lösungen mit Konfigurationen von der Leistungskraft mittlerer Tischrechner; da laufen Bildungsstatistiken in regionalen und überregionalen Rechenzentren.

Nullpunkt untersschritten

Durchforstet man aber die Praxis auf breiter Front, erkennt man den Ausnahmecharakter der EDV-Paradepferde im Bildungssystem. EDV ist längst nicht mehr "in", zumindest nicht in der Bildungsdiskussion. Das Interesse von Bildungspolitikern, Schulpraktikern, aber auch ADV- Machern, hat offensichtlich den Nullpunkt - unterschritten. Ein unübersehbares Indiz: Das Ausstellerverzeichnis der diesjährigen DIDACTA. Die Liste der Aussteller, die informations- und bürotechnische Geräte für die Schule anbieten, umfaßt 31 Firmen, darunter aber nur 2 ADV-Hersteller der MDT-Klasse. Die Großen fehlen geschlossen. Im 428-Seiten-Ausstellungskatalog finden sich ganze 7 Eintragungen von Firmen bzw. Institutionen, die EDV-Anlagen für Unterrichtszwecke anbieten, wobei darunter auch beispielsweise "Testauswerteapparate" angeboten werden, die sich zu einer MDT-Anlage verhalten, wie ein Gummi-Flugmodell zu einem mehrsitzigen Privatjet. Wie sich die Stellenwerte von technischen Hilfen in der Schulpraxis zueinander verhalten, beweist die Parade der Firmen, die Tageslichtprojektoren herstellen, die sich untereinander wie Eier gleichen. Hier haben über 30 Firmen die Kosten einer Ausstellung in der Schweiz riskiert.

Jetzt ist die Technik da - und keiner nutzt sie

Die Situation heute entbehrt für ADV-Sachkenner nicht einer gewissen Tragik. Die Entwicklung von Hard und Software würde es heute durchaus möglich machen, eine Vielzahl der 30 000 Schulen in der Bundesrepublik Deutschland mit ADV-Systemen zu versorgen, die nach Qualität und Quantität ausreichen, sowohl pädagogische Funktionen (beispielsweise im Informatik- und Mathematik -Unterricht) als auch unterrichtsorganisatorische (etwa in der Testauswertung und Kursplanung), schließlich schulbetriebliche und administrative Aufgaben zu bewerkstelligen. Die entsprechenden Systeme von Wang und Digital Equipment sind Beispiele für andere, die zudem eines gemeinsam haben: Sie sind, zumindest für große Schulsysteme durchaus finanzierbar. Der Kaufpreis von Konfigurationen, die sowohl pädagogischen Aufgaben mit mehreren Lernplätzen als auch schulbetrieblichen Funktionen entsprechen, liegt in der Größenordnung der Personalkosten von zwei Studienräten/Jahr. Die Folgekosten für Schulcomputer-Einsatz sind in Relation zu den ständig anfallenden Personalkosten in der Schule nahezu unbedeutend. Fazit: Zu einem Zeitpunkt, in dem die günstige Kosten-Situation den Einsatz von Computern in der Schule endlich ökonomisch möglich macht, ist die ADV offensichtlich aus der Schule raus.

Zwischen Pragmatik und Chaos

Vielleicht hilft die Suche nach den Ursachen für diese Entwicklung zu einer Änderung der Situation. Aus der beliebig verlängerbaren Liste eine knappe Auswahl:

- Die Interessenlosigkeit von EDV-Herstellen und Benutzern in der Schule heute resultiert aus den unverantwortlich hochgeschraubten Erwartungen in der Gründerzeit der Schulcomputer-Bewegung.

- Man überschätzte die Möglichkeiten und die Notwendigkeiten der Lehrerentlastung und unteschätzte die Dauer der für einen praxisnahen Einsatz erforderlichen Forschung und Entwicklung.

- Die Möglichkeiten des Computer-Einsatzes zur Lösung administrativer und ökonomischer Probleme wurde entweder unterschätzt oder bewußt vernachlässigt. Nur ganz vereinzelt wurde an schulbetrieblichen Systemen gearbeitet, die die zwischen Pragmatik und Chaos schwankenden schulinternen Verwaltung so strukturiert, daß der effektive Einsatz vor Schulcomputern möglich wird.

Defizit an Bildung und Orgware

Zudem trifft der Mangel an schulbetrieblicher Orgware auf ein eklatantes Ausbildungsdefizit bei den Lehrern, die ja auch die schulbetrieblichen Führungspositionen einrücken sollen. Die so vehement betriebene "Verwissenschaftlichung" der Lehrerbildung meinte vor allem die "Vergesellschaftswissenschaftlichnung".

Die imagepflegende Innovationslust

Daß die von den solchermaßen vertieft ausgebildeten Lehrern betreuten Schule einer Gesellschaft angehören die mit den Computern schon längst leben muß, scheint die Schule als Institution nur wenig zu stören. Aber auch die EDV-Hersteller selbst haben am faktischen Ende der Schulcomputer-Bewegung ihren Anteil. Als sie bemerkten, daß, aus welchen Gründen auch immer, das große Schulcomputer-Geschäft nicht zu machen war, verloren sie schnellstens ihre imagepflegende Innovationslust. Hoffnungsfroh eingerichtete Betreuungsabteilungen wurden reduziert, ganze Geschäftsbereiche durch "Umwidmung" aufgegeben. ADV in der Schule ist für die ADV-Macher bis auf wenige Ausnahmen kein Thema mehr, Individuelle, betriebliche und öffentliche Computer-Ausgaben einer zehnjährigen Bildungsexpansion voller Spendierhosen werden wohl abgeschrieben werden müssen.

* Dr. Dr. Gerhard E. Ortner (36) studierte Wirtschafts-, Erziehungs- und Rechtswissenschaft und lehrt seit 1973 an der Gesamthochschule Paderborn. Er ist kommissarischer Direktor des Institutes für Bildungsbetriebslehre beim Forschungs- und Entwicklungszentrum für objektivierte Lehr- und Lernverfahren (FEoLL), dem Projektträger für BMFT- Fördervorhaben der Schul-DV.