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26.02.1982

Der Bedarf ist strittig und liefert nur schwach Impulse

Eine der wichtigsten Triebfedern für neue Entwicklungen ist salopp, aber nicht abwertend ausgedrückt der Spieltrieb des Entwicklers. Ihm verdanken viele Entwicklungen ihre Entstehung. Allerdings wird das oft nicht zugegeben. Der Entwickler liefert meistens die Begründung für Wirtschaftlichkeit und Notwendigkeit mit, und der Ideenreichtum in diesem Punkt übertrifft meist noch den technischen Erfindungsreichtum. Aufgabe der Führung ist es diesen Entwicklungsdrang in die richtigen Bahnen zu lenken, um die Entwicklung der "Streichholzausblasmaschine "

zu verhindern. Abschalten kann man diesen Drang nicht und das heißt, wir werden uns immer mit Entwicklungen auseinandersetzen müssen, die schlicht und einfach deswegen entstehen, weil sie machbar sind.

Eine zweite gleich wichtige Motivation für neue Entwicklungen ist die Notwendigkeit eines Unternehmens, sich am Markt zu behaupten.

Aus dem Arbeitsprozeß kommen wenig Initiativen

Die dritte Kraft, die Entwicklungen forciert, ist der Bedarf. Sieht man vom medizinischen Bereich und einigen Sonderfällen ab, dann ist dieser Bedarf die strittigste Größe. Obwohl fast immer zu Begründungen herangezogen, ist dieser Bedarf meist nur partiell vorhanden.

Am klarsten sind noch die Bedarfsverhältnisse im Bereich der freien Wirtschaft. Hier besteht ein echter Bedarf an Möglichkeiten zur Verbesserung von Produktivität, Kosten, Qualität und dergleichen, aber er ist meist nur allgemein formulierbar und führt nur in seltenen Fällen zu konkreten Anforderungen an die Entwickler. Auch ist zu bedenken daß für die meisten Probleme eine Losung existiert, oft nicht optimal, aber bewährt. Dazu kommt noch eine Aversion gegen Neuerungen und Veränderungen und auch die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz, so daß aus dem Arbeitsprozeß heraus nur relativ wenig Initiativen kommen.

Im privaten Bereich ist der Bedarf noch zweifelhafter. Meist ist der Bedarf nur suggeriert, jedoch oft so intensiv und geschickt, daß er sich wie ein echter Bedarf darstellt. Man muß aber wohl feststellen, daß der Bedarf im Vergleich zu den vorher erwähnten Punkten nur einen relativ schwachen Impuls für neue Entwicklungen liefert.

Betrachtet man die Entwicklung der neuen Medien, dann findet man die vorstehenden Überlegungen voll bestätigt. Bei uns ist zum Beispiel die Idee Bildschirmtext 1974 im Rahmen einer Studie entstanden, die wir "Telefon als Terminal" nannten und in der wir untersucht haben, welche Möglichkeiten die Technik zur weiteren Nutzung des Fernsprechnetzes bietet. Unser technisches Konzept sah damals noch etwas anders aus, als das was in den nächsten Jahren realisiert wird, aber das Prinzip hat sich nicht geändert. Starke Impulse bekam die Idee durch das Interesse der Post, die den Ansatz für einen neuen Dienst sah und durch die einschlägige Industrie, die nach neuen Absatzmöglichkeiten sucht. Erst dann meldeten sich die ersten Bedarfsträger, oder richtiger gesagt, sie wurden gefunden, denn es bedurfte einer erheblichen Anstrengung, potentielle Interessenten von den Vorteilen der Idee zu überzeugen.

Inzwischen ist die Einführung von Bildschirmtext durch das Bundeskabinett beschlossen. Die Anzahl der diskutierten Anwendungen wächst ständig, wie unter anderem auch dieser Kongreß zeigt, und läßt ahnen, welche Bedeutung Bildschirmtext erlangen kann.

Sehr ähnlich verläuft die Entwicklung auf den anderen Gebieten der Telekommunikation. Damit erhebt sich natürlich die Frage, welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf unsere Gesellschaft haben werden. Diese Frage wird heftig diskutiert, und es lassen sich beliebige Szenarien entwerfen, die alle in gleicher Weise nicht beweisbar sind. Trotzdem sind sie wertvoll, weil sie die verschiedenen Aspekte aufzeigen.

Im kommerziellen Bereich werden sich neue Strukturen bilden, Berufsbilder werden sich ändern, aber es wird sich ein neues Gleichgewicht einstellen. Ob sich Erleichterungen ergeben, kann angezweifelt werden, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Ein Konstrukteur an einer CAD-Anlage wird beruflich in ähnlicher Weise beansprucht wie früher am Reißbrett. In der Übergangsphase mag er es als angenehm empfunden haben, nicht mehr Striche ziehen zu müssen oder als unangenehm, die Bedienung der Anlage erlernen zu müssen. Einzelne werden eventuell den veränderten Anforderungen nicht gewachsen sein und eine andere Tätigkeit suchen müssen. Im neu stabilisierten Zustand wird die Belastung wieder vergleichbar sein. Wichtig ist nur, daß der Umstellungsprozeß nicht zu schnell erfolgt, schneller als die menschliche Anpassungsfähigkeit, denn dann können erhebliche Spannungen im Sozialgefüge unserer Gesellschaft entstehen.

Ähnliches gilt auch für den privaten Bereich. Auch hier kann man mit der Anpassungsfähigkeit rechnen und darauf hoffen, daß der einzelne die angebotenen Möglichkeiten vernünftig nützt. Ob durch die Einführung von Bildschirmtext, Breitbandkommunikation, Satellitenfernsehen und ähnlichem die Menschheit glücklicher wird, darf bezweifelt werden; genauso müssen aber auch die apokalyptischen Bilder einer völlig entmenschlichten Gesellschaft bezweifelt werden. Die Kritiker der Technik erliegen zu oft der Versuchung, Nachteile unserer Zeit mit Vorurteilen der Vergangenheit zu vergleichen.

Unzweifelhaft wird unser Leben in Zukunft noch mehr von Technik umgeben sein als bisher. Damit wird sich das Unwohlsein in der Gesellschaft derjenigen steigern, die nicht das geringste Verständnis für Technik haben. Daraus darf aber nicht die Forderung nach weniger Technik abgeleitet werden, sondern man muß dafür sorgen, daß das Verständnis für die Technik größer wird. Es wird höchste Zeit, daß schon in der Schulausbildung die Technik die ihrer Bedeutung entsprechende Berücksichtigung findet, vergleichbar der Biologie oder Erdkunde. Statt dessen wurde in Baden-Württemberg der schon etwas klägliche Versuch, ein Fach Technik in der Schule einzuführen, inzwischen wieder eingestellt.

Welche Auswirkungen die Einführung neuer technischer Entwicklungen wie zum Beispiel im Bereich der Telekommunikation haben werden, ist schwer vorauszusagen. Welche Folgen eine Nichteinführung hat, ist dagegen klar zu erkennen. Wir müßten die wesentliche Eigenschaft des Menschen zu forschen und zu entwickeln genauso in Frage stellen wie unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsform. Unbeschadet dessen, ob das überhaupt eine sinnvolle Fragestellung ist, muß festgestellt werden, daß ihre Beantwortung außerhalb des Verantwortungsbereiches des Technikers liegt.

*Dr. Ing. Werner Muckli ist Leiter des Entwicklungsbereichs Elektronik bei Dornier System GmbH, Friedrichshafen

(Aus einem Vortrag, der auf dem Online-Kongreß in Düsseldorf gehalten wurde.)