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04.11.1983 - 

Teil 1

Der Bürocomputer - Sein Einsatz und seine Folgen

Prof. Dr. Gernot Wersig Freie Universität Berlin, Arbeitsbereich Informationswissenschaft

Betrachtet man den Komplex "Bürocomputer" unter dem Gesichtspunkt der Bürotätigkeit selbst, dann wird deutlich daß die Veränderungen, die die Entwicklung neuer Technologien und darauf fußender allgemeiner Dienste im Bürobereich bewirken, weit über den reinen "Computer" hinausgehen. Das "automatisierte" oder "papierlose" Büro ist zwar noch eine Zukunftsvision - die nicht notwendigerweise von allen Beteiligten begeistert aufgenommen wird - deren Realisierung viele nicht erleben werden; der Weg dorthin deutet sich aber schon massiv an.

Kleinere, leistungsfähigere, billigere Computer

Die Zeit, in der Computer ein "elitäres Spielzeug" waren, ist mit den mikroprozessorbasierten Computern, die unter dem Stichwort "Personal Computer", "Top-Desk-Computer" angeboten werden, endgültig vorbei. Für eine Reihe von Routineaufgaben des "House-keeping" kleiner und mittlerer Betriebe sind diese Computer (in variablen Ausbauklassen) durchaus erschwinglich geworden, werden mit viele Aufgaben abdeckender Software angeboten und sind relativ einfach zu handhaben.

Leistungsfähigere Peripherie

Die maschinellen Ungetüme der Vergangenheit sind größtenteils bereits aufgelöst in funktionale Komponenten, die in zunehmendem Maße zu dem Bausatz zusammenstellbar sind, der der jeweiligen Einsatzbedingung entspricht.

Der Zusammenhang zwischen Computern und anderen Geräten im Bürokontext vertieft sich in unterschiedlichen Formen:

- Schreibmaschinen werden immer "intelligenter" (bis sie bald ganz in der Trennung von Tastatur, Verarbeitungseinheit und Drucker aufgehen).

- Neue Geräte werden die Reichweite des Computers ergänzen: computergesteuerte Videoanlagen (zum Beispiel für Schulungszwecke) und Bildplatten (zum Beispiel Nachschlagewerke) sind bereits an einzelnen Stellen im Einsatz.

Die Möglichkeit, Rechner über größere Entfernungen miteinander zu verbinden, war durch ein umständliches und teures Leitungsnetz, hohe maschinelle Anforderungen und fehlende Standardisierung beschränkt. Dies ist bereits weitgehend abgebaut.

- Bereits kleine Anlagen sind heute netzfähig durch den Einbau einer entsprechenden Schnittstelle, mit der Zeichen über das Telefonnetz übertragen werden können.

- Mit dem neuen Datenpaketvermittlungsnetz Datex-P steht eine leistungsfähige, kostengünstige und standardisierte Übertragungsmöglichkeit für höhere Ansprüche zur Verfügung, die auch in zunehmendem Maße in die Gerätefähigkeiten eingebaut wird.

Unter Nutzung technischer Intelligenz stehen bereits einige weitere Übertragungsmöglichkeiten zur Verfügung, die Computerunterstützung brauchen und tendenziell mit den anderen Entwicklungen zusammenwachsen.

- Teletex als die neue, erheblich komfortablere Form des Fernschreibens,

- Telefax als die immer bedeutsamer werdende Form der Fernkopie,

- Bildschirmtext mit einer Reihe von auch für die Bürokommunikation nutzbaren Teildiensten.

Interne Vernetzung

Bereits mit der Zusammenschaltung mehrerer Geräte entsteht eine erste Form eines "In-house"-Netzes. Relativ leistungsfähige In-house-Netze werden schon angeboten bis hin zur Übertragung von Ton und Bewegtbild, das Nebenstellenkonzept des Telefons wird in diese Richtung erweitert. Zwar fehlt es hier noch an der notwendigen Standardisierung, doch ist dies nur ein retardiarender Faktor, der bald an Bedeutung verlieren wird.

Die Zeit, in der man sich ein Gerät für einen Zweck hinstellt, ist bald vorbei. Durch funktionale Modularisierung und zusammenhaltende Intelligenz werden Gerätekonfigurationen immer mehr in der Lage sein, mehrere Funktionen zu übernehmen. Bereits jetzt sind Anlagen im mittleren bis unteren Preisbereich verfügbar, die in den vier Standardfunktionen relativ gleichwertig arbeiten:

- Textverarbeitung,

- Verarbeitung von Daten (einschließlich komfortabler grafischer Datenverarbeitung),

- Aufbau von Datenbasen,

- Kommunikation über Netze.

Diese Entwicklungen sind nicht ausschließlich mit der Blickrichtung "Büro" entwickelt worden, zumal "Büro" sehr unterschiedliche Funktionen nach Aufgabenstellung, Betriebsgröße, Managementstruktur übernehmen kann. Für die Bürowirklichkeit spielt dieses allgemeine Umfeld aber eine wichtige Rolle, auf die hier nur kurz hingewiesen werden soll:

Arbeitsmarktgesichtspunkte

Die neuen Technologien werden nicht zu Unrecht als "Jobkiller" bezeichnet, auch wenn ihnen nicht die ganze Schuld zuzuschieben ist. Natürlich haben sie einen rationalisierenden Effekt, der allerdings erst langsam im Bürobereich wirken kann. Noch sind die Kosten für ein vollständig umgerüstetes Büro recht erheblich, fehlen Standardisierungen, sind einzelne Konfigurationen ungleichmäßig leistungsfähig. Der Rationalisierungseffekt der Gegenwart kann daher häufig tatsächlich eher ein qualitativer sein. Dies kann ein wichtiges Einführungsargument werden, wenngleich in mittelfristiger Perspektive (wenn intelligentere Prozesse wie Sprachverarbeitung, verteilte Systeme besser erschlossen sind) und bei größeren Betriebseinheiten auch heute bereits der quantitative Rationalisierungseffekt möglich ist. Die daraus entstehende Unsicherheit bei potentiell Betroffenen sollte man bei allen Vorteilen, die sich absehen lassen, nicht unterschätzen (siehe Teil 2. "Die betriebliche Situation").

Die neuen Technologien

Sie werden, ob man dies will oder nicht, auf breiter Ebene eingeführt. Zögert man betrieblich zu lange, wird die Zahl derjenigen, die bereits Begegnungen in Alltag oder Beruf als Mitarbeiter oder Kunden hinter sich haben, wachsen. Zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit eines Betriebes wird auch in Zukunft die Position zu diesen Technologien gehören, wobei in bestimmten Fällen auch gerade der Verzicht durchaus ein positives Gewicht erhält.

Auf der anderen Seite wird der Bürobereich einen nicht unerheblichen Ausstrahlungseffekt auf den außerbetrieblichen Alltag ausüben. Dabei wird es weniger eine Rolle spielen, daß Mitarbeiter im Büro Technologien kennenlernen, die sie dann auch außerhalb des Betriebs einsetzen wollen, sondern daß die Umstellung von Arbeitsabläufen des Büros auch Kunden und externe Betroffene zwingt, sich darauf einzustellen. Die Wahl des Zeitpunktes, der Umstellungsargumentation und des Erscheinungsbildes der Umstellung spielen hier eine wichtige Rolle.

Damit hängt zusammen, daß die neuen Technologien außerhalb des ohnehin formalisierten Arbeitszusammenhangs, nicht ganz zu Unrecht im Verdacht stehen, die Grade von "Unmenschlichkeit" zu erhöhen. Einige Probleme, die damit zusammenhängen, sind - die Notwendigkeit, einen Prozeß für die elektronische Datenverarbeitung zu algorithmisieren, das heißt in eine endliche Menge von Schritten aufzulösen (und damit "menschliche Auswege" zu unterdrücken);

- die Anwendung einer allgemeinen Regel auf einen Einzelfall, der sich (mit einigem Recht) immer für einzigartig hält;

- die Loslösung eines Problems zum Zwecke der elektronischen Bearbeitung aus seiner menschlichen Umwelt, in der es noch als "vertraut" gelten konnte.

Diese Bewegung, die zunimmt und durch die Büroautomatisierung weitere Ansatzpunkte finden kann, sollte nicht unterschätzt werden. Bis zu einem gewissen Grade kann man darauf in der Gestaltung der Dienstleistungen Rücksicht nehmen bis hin zu dem Punkt, daß man die Umstellung auch wahlweise nutzbar macht, bis ein Verfahren entwickelt wird, in dem die "Vermenschlichung" der Automatisierung und die Gewöhnung der Betroffenen einander begegnen können.

Kulminationspunkt von sehr realen Ängsten

Jede nach außen dringende Automatisierung des Büros gerät daher in die Gefahr, zum Kulminationspunkt von drei gegenwärtig sehr realen Ängsten der Bevölkerung zu werden:

- Der Angst vor der identitätsbedrohenden Wirkung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, in der sich tendenziell die Befürchtung festigt, daß der Mensch generell durch Maschinen ersetzt wird.

- Der Angst vor der ohnehin alles regelnden und steuernden Bürokratie als undurchschaubares Herrschaftsinstrument.

- Der Angst vor dem elektronisch alles kontrollierenden "Großen Bruder".

Büroautomatisierung kann, wenn sie vorschnell, einseitig und ohne umfassendere Perspektive vorangetrieben wird, diesen Ängsten nicht nur eine Nahrung geben, sondern ihnen auch größere Berechtigung verleihen.

Der im Einzelfall des Betriebes wirkende Rationalisierungsdruck mag häufig genug diese allgemeinere Situation nicht berücksichtigen können; um so wichtiger ist es, daß Verbände, Forschungsinstitutionen, Gewerkschaften hier allgemeine Hinweise erarbeiten, die einerseits betriebliche Besonderheiten berücksichtigen, andererseits den gewaltigen, auf uns zukommenden Wandlungsprozeß von unnötigen Schnittkanten befreien.

(Entnommen aus DSWR, Zeitschrift für Praxisorganisation, Betriebswirtschaft und elektronische Datenverarbeitung, Heft 9, 1983, Verlag C.H. Beck, München)