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08.02.1980

"Der Computer..." - die große Ausrede

Professor Joachim Zeiler

Leiter der Zentralstelle für automatische Datenverarbeitung, Dokumentation und Statistik des Bundesgesundheitsamtes Berlin

In den letzen Jahrzehnten hat die elektronische Datenverarbeitung unser tägliches Leben mehr verwandelt als viele andere Erfindungen zuvor und wird möglicherweise noch weitere tiefe Veränderungen verursachen.

Die Gesellschaft erkennt nur sehr langsam die Tragweite dieser Innovation und versucht die "äußeren Einflüsse" in den Griff zu bekommen. Die Versuche betreffen gegenwärtig nur die Wirkungen im persönlichen Bereich (Datenschutzgesetz), die anderen - im sozialen Umfeld werden entweder nicht wahrgenommen oder verniedlicht. Man glaubt heute schon einer beliebigen, computer-geschriebenen Information mehr als einer mündlichen Mitteilung, denn was aus dem Computer kommt muß richtig sein.

Wer kennt nicht die Geschichten mit den Computer- Rechnungen über 0.00 Mark, deren Bezahlung mehrfach angemahnt wird (durch Computer) und deren Eintreibung durch Zwangsvollstreckung man nur durch Überweisung von 0.00 Mark (über Datenträgeraustausch) entgeht. Diese als "lustige Geschichten" erzählten Ereignisse begegnen uns täglich und zeigen unsere Ohnmacht gegenüber einer Technik, deren Nutzen für unsere Bequemlichkeit (Taschenrechner, Digitaluhr etc.) wir allerdings gerne annehmen.

Es gibt so viele Beispiele für Unsinnigkeit, die alle ihre "Erklärungen" finden in der Entschuldigung "das macht leider unser Computer so". Ich persönlich empfinde es langsam als Ärgernis, seit mehr als fünf Jahren auf den Steuerbescheiden die Mitteilung (extra vom Rechner ausgedruckt und nicht Vordrucke) zu finden, daß ich zur Steuervorauszahlung veranlagt werde und zwar an vier Zahlungsterminen im Jahr soll ich 0.00 Mark bezahlen. Diese Stelle des Berechnungsprogramms hätte doch schon längst verbessert werden können.

Als EDV-Mann stört mich dies noch mehr, wenn ich feststellen muß, daß diese "kurze Mitteilung" den Druck einer zweite Seite veranlaßt hat. Beklagt man sich darüber, so erhält man einer der üblichen Entschuldigungen. Vielleicht sollte man einen Verbesserungsvorschlag einbringen. Noch weit ärgerlicher sind jene kaum noch lesbaren "Rechnungen", die nur noch von "Schlüsselzahlen" wimmeln und deren Bedeutung man unlesbaren Fußnoten und kleingedruckten Tabellen entnehmen soll.

Die DV könnte menschenfreundlicher sein

Der Gipfel ist dann erreicht, wenn man zum Beispiel eine in dieser Art erstellte Gehaltsabrechnung bekommt mit dem Hinweis, man möge den Inhalt sorgfältig prüfen, auch wenn das Formular die neuesten Schlüsselzahlen noch nicht enthält, da der alte Formularbestand ja noch " aufgebraucht" werden soll. Ich finde, das muß nicht sein. Die Datenverarbeitung könnte viel menschenfreundlicher sein; dazu muß man aber einige "liebgewordene" Gewohnheiten über Bord werfen. Doch hier beginnt schon das Dilemma, Gewohnheiten kann man ändern, Programme jedoch stellen Wertgegenstände dar, die man nicht so einfach wegwerfen kann; die Revisionsabteilungen haben etwas dagegen.

Was helfen Appelle, die Verwaltung bürgerfreundlich zu machen, wenn alle Veränderungen gleichzeitig den Grundsätzen einer sparsamen Haushaltswirtschaft genügen müssen.

Ich glaube, jeder von uns kann solche Beispiele massenweise aufzählen und jeder hat sich schon mit solchen Ärgernissen herumgeschlagen.

War der Weg der elektronischen Datenverarbeitung in diese "Sackgasse" zwangsläufig? Ja und nein!

Ja, weil in den Anfängen der Datenverarbeitung die Kodierung zu einer geheimnisvollen Kunst gemacht wurde und weil dann diese Programme dem schnellen Wandel der Technik nicht angepaßt werden konnten. Am Anfang (langsame Drucker) setzte sich die "Schlüsselzahlentechnik" bis zur Ausgabe hin durch. Mit fortschreitender Technik war dies nicht mehr notwendig, wurde aber dennoch beibehalten.

Ja, weil man dem Dilemma fehlen der Fachkräfte nur durch Einsatz von Spezialsoftware und "schnell" ausgebildeter Mitarbeiter Herr zu werden glaubte. Es wurde die "Formular-Software" entwickelt; hiermit waren die Rechner zu "Datenerfassungs-Systemen" und "Listendruckern" degradiert.

Nein, weil man die technische Entwicklungsfähigkeit des Computers unterschätzt und kein großes Zutrauen in die "Dialogfähigkeit" hat. Die Hersteller taten das ihrige dazu und entwickelten Bildschirmgeräte, die sich besonders "ökonomisch" für den Formulardialog eigneten; der größte Komfort war dann der Liftgriffel, mit dem man die Eingabe durch Ankreuzen oder Auswählen wesentlich erleichtern wollte. (Hat die pistolenartige Form dieser Zusatzgeräte irgendeine Funktion?) Offensichtlich hat kaum jemand intensiv darüber nachgedacht, daß der menschliche Dialog üblicherweise "Frage und Antwort" ist und nicht "Fragebogen und Ausfüllen".

Haben die Fortschritte im Software-Engineering die Situation gebessert?

Haben die Fortschritte im Software-Engineering die Situation gebessert? Vielleicht, nur ist bisher nach außen noch nicht viel zu sehen (die obigen Beispiele werden nicht weniger, eher mehr). Ich glaube aber auch, daß die jetzigen Methoden für die geschilderten Probleme wenig bringen werden, denn die bisherige Zielrichtung war eindeutig "fehlerfreie, leicht wartbare, gut testbare" Programme zu schrieben.

Ein Programm, welches Ergebnisse durch Schlüsselzahlen erläutert beziehungsweise Schlüsselzahlen verarbeitet, mag fehlerfrei sein, leicht zu warten und einfach zu testen, das Ergebnis ist für den "Endverbraucher" trotzdem nur schwer zu verdauen. Es stand bisher zu sehr der Lösungsalgorithmus für die Verarbeitung, weniger der für die Ein- oder Ausgabe im Vordergrund.

Hier muß meiner Meinung nach eine Wende eintreten; es darf nicht jeder Unsinn, den Computer hervorbringen, gleichsam als durch das System bedingt entschuldigt werden. Insbesondere die Hersteller von Großsystemen sind aufgerufen, in ihrer eigenen Softwareentwicklung und Softwareausbildung sofort diesen Schritt zu gehen und die Computer und ihre Anwendungen "menschengerechter" zu machen. Schon die kleinen Schach-Computer "sprechen" mit ihrem Partner Aber die Großcomputer "äußern" sich noch immer teilweise sehr unverständlich .

Fast alle großen Hersteller bieten Rechner-Netze an, so auch ein großer deutscher Hersteller; aber der Kommunikationskomfort für den Endverbraucher wirkt zum Teil äußerst ernüchternd.

Ich frage, warum meldet sich ein Netzknoten mit einer "Fehlernummer", wenn er keine Verbindung zum gewünschten Verarbeitungsrechner herstellen kann? Die Antwort ist doch klar und könnte in verständlicher Sprache formuliert sein.

Warum meldet die Kommandosprache aufgetretene Fehler nur durch eine Nummer, deren Bedeutung nur Fehlermanualen entnommen werden kann, mit manchmal sehr "erhellenden" Kommentaren. Zur Entscheidungsfindung werden diese Nummern im System gespeichert, warum nicht gleich diese Interpretation oder Entscheidungen mitliefern?

In die gleiche Richtung zielen die Forderungen nach "forgiving systems" und "help modules" in Anwendungsprogrammen. Noch immer gehen zu viele DV-Systeme davon aus, daß die Endbenutzer DV-Profis sind. Dies ist langst nicht mehr so. Deshalb sollten die Systeme in der Lage sein, bei einem nicht sofort interpretierbaren Kommando von sich aus eine Interpretation anzubieten und jedes Softwaresystem muß einen Modul enthalten, den man jederzeit aufrufen kann, wenn der Nutzer nicht weiter weiß.

Damit das "unbehagliche" Gefühl der Bürger gegenüber der DV, insbesondere in den Behörden und großen Organisationen, nicht noch größer wird, muß die Datenverarbeitung einfach menschlicher werden. Der Computer darf nicht mehr länger die große Ausrede sein.