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10.05.1985 - 

Kein Alkohol und Basic an Jugendliche unter 16 Jahren:

Der Computer gehört nicht ins Kinderzimmer

MÜNCHEN - Ein Unding bleibt der Computer für kindliche Vorstellung, lautet doch seine griffigste Definition Information Processing Device. "Selbst wenn ihm die Zukunft gehören sollte - gehört er auch in Zukunft nicht ins Kinderzimmer," argumentiert der Münchner Kabarettist und Informatiker Dr. Dietrich "Piano" Paul in seiner Polemik.

Nachdem aber die einschlägige Industrie die Frage "Der Computer im Kinderzimmer?" für sich längst mit einem freudigen "Ja" beantwortet hat, ist es nicht nur legitim, sondern geradezu hygienisch-zwingend, hier mal nicht ausgewogen abzuwägen, sondern ganz massiv dagegenzuhalten. Bis die diversen wissenschaftlichen Langzeitstudien fertig sind, wäre es ohnehin wieder einmal zu spät. Solche Fragen werden auch nicht durch pseudorationale Gutachten und Schlechtachten geklärt - sowas muß man aus-raufen. Wohlan!

Den Löwenanteil der Kindersoftware stellen die beliebten Packman-Zoing-Zoing-Pieps-Blink-Schepper-Schepper-Spiele, von Digital Gadgets Unlimited - Sacramento, Hongkong, Böblingen. Den traurigen Rest bildet Basic, eine Programmiersprache, die auf Kleinrechnern leicht montiert werden kann. Das ist aber auch das einzig Nette, was sich über Basic sagen läßt. Als Einstieg ins Programmieren ist es ein Flip-Flop.

Über Computerspiele und Basic zu schimpfen - für solche Selbstverständlichkeiten ist mir die COMPUTERWOCHE zu schade. Für die CW nur vom Besten. Ich gehe also in den nächsten Computershop und kaufe ein Buch über KNOBEL, die renommierteste Kinder-Computer-Sprache. Immerhin aus dem Hause MIT. Was man denn damit so spielen könne? Der Verkäufer drückt mir das Buch in die Hand und wendet sich freudigbeflissen einem leicht genervten Vater zu, dessen 13jähriger wissen will, ob's den da auch mit 32 K gäbe. Natürlich gibt es.

Ich blättere. Klappentext: Mit KNOBEL kann man faszinierende Grafiken erzeugen lassen, Gedichte schreiben und mathematische Probleme lösen. Dann die Widmung: "Für Dicky und Abigail". Kapitel 1: "Wir zeichnen ein Quadrat". Und jetzt über eine halbe Seite:

"Tippe zunächst REPEAT 4. Achte auf den Zwischenraum! Verwende aber nicht die REP-Taste. Und drücke noch nicht die RETURN-Taste. Jetzt tippe [FD 50 LT 90]. Eckige Klammern erscheinen nicht auf der Tastatur, dazu mußt Du . . ." und so weiter.

Es geht doch nichts über Real-Satire. Ich hoffe nur, Dicky und Abigail besitzen auch noch einige dicke Filzstifte, um gelegentlich händisch, mit grünen und roten Fingern, selbst zu malen. Und hoffentlich fällt ihnen was Lustigeres ein als ausgerechnet ausgerechnete Quadrate. Und ich hoffe, sie erleben irgendwann auch noch die sensationally thrilling experience, daß man Gedichte und Mathematik auch - ohne Computer machen kann, sogar viel besser, weil dann der Spaß nicht an dem apokryphen Kauderwelsch einer trostlos-armen Kunstsprache und an der blinkenden Bildschirmoberfläche - "Achte auf den Zwischenraum!" - hängenbleibt, sondern zur Sache selbst vordringen kann. Nichts gegen fortgeschrittenes Werkzeug. Aber zum Zeichnen, Gedichte schreiben und Mathematik treiben ist der Computer ein alberner Firlefanz. Und zum Rechnen tut's der Taschenrechner dreimal. - Obwohl man da ja auch mal - na ja.

Um KNOBEL noch schnell zu erledigen: ich frage, ob das ein Kind nicht auch alles selbst zeichnen könne. Der Verkäufer lacht: "Sogar noch viel mehr", wird dann aber sehr schnell wieder sehr ernst: "Aber natürlich können Sie Ihr Kind damit relativ frühzeitig an den Computer gewöhnen". Das ist es also. Logo.

Exkurs für Programmiersprachen-Freaks: Selbstverständlich kann man mit KNOBEL viel mehr anstellen, was der Verkäufer selbstverständlich nicht wußte. Der KNOBEL-Computer kann etwa nicht nur - wie reizend - rechtwinklige Polygonzüge zeichnen, sondern er kann das - Vorsicht, jetzt kommt die Faszination - auch noch "rekursiv", durch ähnliches Wiederholen (vgl. Abb. 1), aufmotzen. Diese "Rekursion" wurde aber weiß Gott nicht von Kinderpsychologen aus 10 000 Kinderzeichnungen herausdestilliert, sondern sie ist - wer hätte das gedacht - ein well-known-feature der - nicht einmal zünftigen, sondern hochschulgeprägten - Programmiertechnik. Es ist doch eine hahnebüchene Frechheit, herzugehen, und nur weil es digitalen elektronischen Datenverarbeitungsanlagen anscheinend Spaß macht, im Art-Deko der 50er Jahre manisch-rekursiv Tapetenmuster zu kritzeln, diese fragwürdige Tätigkeit nun partout auch Kindern aufzupfropfen. Ein Kind läßt keine Grafiken erzeugen, sondern malt selbst und zwar Autos und Bäume den Briefträger und den Familiendackel. Der Computer ist, auch bei einem halben Mega-RAM, mit einem harmlosen Teddybären bereits heillos überfordert. Was, darum ginge es gar nicht? Genau darum geht es!

Natürlich ist es selbstverständlich und gut, wenn sich Gegenstände der Erwachsenenwelt im Kinderzimmer kindgerecht, wiederfinden, etwa ein Holzauto, das ein Kind eine halbe Stunde unter begeistertem Brrn-Brrn und Äng-Äng herumschiebt. Ein Auto ist ein greifbarer Gegenstand, mit einer charakteristischen Form, der sich bewegt, stinkt und Krach macht. Und: dessen Funktion sich mit dem lakonischen Prädikat "es fährt" begreifen läßt. Versuchen Sie mal, sich das Analogon für den Computer auszumalen. Das Kind sitzt eine halbe Stunde vor einem grauen stummen Plastikquader und brabbelt mit Begeisterung: Rechen - Rechen, Denk - Denk - oder wie, oder was. Der Computer ist ein Unding, dessen griffigste Definition noch immer die des "information processing device" ist.

Nun gut. Als Nachbildung der Erwachsenenwelt müßte der Spielzeugcomputer eben erlauben, Lagerbestände abzufragen, Platzkarten zu buchen und so weiter, so wie es früher Kinderpost, Kinderkaufmannsladen und Kinderdruckerei gab. Allein - ich fürchte, das Eintippen von "Wieviel A767?" oder "Cancel F105" wird die Kleinen ziemlich bald anöden. Sowas mutet man Erwachsenen zu. Wenigstens Kinder haben noch ein Anrecht, auf einen optisch und manuell erfahrbaren Formenreichtum, wollen Briefe stempeln, Obst auswiegen und mit der Pinzette Lettern setzen. Ach ja, stimmt, Setzer gibts ja auch keine mehr.

Und Kindern steht auch ein Spielzeug zu, das sie verstehen können. Keine elektronischen Black-Boxes mit Knöpfchen-Interfaces. Sondern Spielzeug zum Auseinandernehmen und noch besser, Zusammenbauen. Kinder sind Naturforscher und Techniker. Aber Naturwissenschaft und Technik waren die längste Zeit etwas zum Sehen und Anfassen.

Und deswegen soll ein Jugendlicher erst mit dem Metallbaukasten einen Drehkran konstruiert und mit dem "Kleinen Chemiekus" den Keller oxidiert haben, bevor er den Schritt zur Abstraktion und Kalkülisierung tut. Solches Spielzeug nimmt das Kind ernst. In beiden syntaktischen Richtungen: Das Kind das Spielzeug und das Spielzeug das Kind. Der 16-K-RAM-Bildschirm im Kinderzimmer ist ein frivoler Zynismus, der das Kind veräppelt.

Über die verheerenden Wirkungen nachzudenken, die Packmann, Basic und anthropromorph getarnte Maschinen auf die sprachliche Ausdrucksfähigkeit und auf das Welt und Maschinenbild eines Kindes entfalten, das überlaß ich Ihnen als leichte Übungsaufgabe.

Daß der Computer die Kinder fasziniert, weiß ich auch. Aber das kennen wir doch längst vom Fernseher, der für Kinder, leider nicht, eine von vielen netten Spielsachen ist, sondern: "die absolute Schau". Die Faszination läßt sich übrigens ab zwölf durch Zombie-Videos noch steigern. Das unschuldig-blöde Argument, der liebe Computer mache den süßen Kleinen doch so viel Spaß, sollten einige Experten also lieber gleich wieder vergessen.

Daß der Computer gegenüber dem Fernseher die kindliche Kreativität fördert, halte ich für ein Gerücht. Der Fernseher bietet zwar auch nur dramaturgische und technische Abziehbilder, Leben aus 2 x 2 = 4ter Hand. Aber immerhin, noch Bilder von Menschen, Geschichten, die zwar nicht das Leben, aber wenigstens ein Drehbuchautor schrieb. Bei Computerspielen erlebt das Kind nur gerasterte Bonsai-Kretins, die manisch über den Bildschirm turnen. Oder sinnfreie und sinnenfreie Kommandos eines ganz oberflächlichen Glasperlenspiels, das nicht die keusche Frucht einer reichen Kultur und eines reichen Lebens darstellt, sonder die ängstlich vereinsamte Vermeidung desselben.

Für den stundenlangen nervösen Aktionismus der Hacker, einer mittlerweile eingedeutschten onomatopoetischen Metapher für unsere jugendlichen Tastenteufel, für die Gefahr, daß der naive Umgang mit dem Rechner bei Jugendlichen sehr schnell den Charakter einer Suchtbefriedigung annimmt, dafür sei auf Weizenbaums Buch "Die Macht der Computer" verwiesen. Weizenbaum ist übrigens auch vom MIT - wie KNOBEL. Anscheinend doch nicht so übel, der Laden . . .

Damit kein Mißverständnis sei: ich hab nichts gegen den Computer. Er ist kein Teufelszeug, aber auch kein Spielzeug, sondern er ist ein schlichtes Werkzeug. Schlicht: bezogen auf seine Sinngebung. Daß er hinsichtlich der Komplexität und Effizienz alles andere als schlicht ist, sondern gelegentlich sogar phantastisch, das steht auf einem anderen Blatt. Natürlich gerät ein Insider ins Schwärmen, wenn er einem Laien die gigantische intellektuelle Leistung verständlich zu machen versucht, die etwa darin besteht, ein monströses Programmsystem wie ein distributed embedded system zum Laufen zu bringen. Das ist der übliche und legitime Stolz des Fachmanns auf sein Fach. Aber ein tüchtiger Maschinenbauer oder Chemiker wird doch deswegen seinem 12jährigen noch keine Gewindefräse oder Stickstoff-Reduktions-Anlage unter den Christbaum stellen!

Ich plädiere für Nüchternheit gegenüber dem, mit der Inbrunst eines sehenden Sehers vorgetragenen "Dem Computer gehört die Zukunft!"

Sorgen Sie sich, Ihr Kind habe beim künftigen Gerangel um die letzten Jobs nur eine Chance, wenn es computerproof ist? Es genügt völlig, wenn Jugendliche im Rahmen ihrer Berufsausbildung ihre jeweiligen "Schnittstellen" und Computerfertigkeiten kennen und erlernen. Im übrigen hört man immer wieder: gerade die militanten Mikrofreaks, die in jedes Register kriechen, um die Bits einzeln zu setzen, haben Schwierigkeiten, wenn's ans ernsthafte Programmieren geht. Wie man eine Floppy kopiert, lernt man auch noch mit 16. Und zwar in drei Minuten. Organisiertes Denken lernt man, bis man 16 ist. Oder auch nicht.

Kribbelt in Ihnen die diffuse Angst, vom Fortschritt abgehängt zu werden? Oder nehmen Sie den Computer als Bestandteil des Lebens einfach hin, nachdem die Entwicklung nun mal nicht aufzuhalten sein wird? Sie (trauriger) Lemming. Vielleicht glauben Sie ja, man solle die Kinder, im Interesse ihrer Zukunft, ruhig frühzeitig abhärten? Sicher gelingt es ja auch bald, den säurefesten Baum zu züchten. Die Großchemie soll da schon ganz eifrig üben.

Wir sollten vorsichtiger geworden sein. Das Auto, der Fernseher: grandiose Erfindungen. Doch wir sind dabei, schmerzhaft zu lernen, daß diese, unsere Zivilstation prägenden Massengüter, derselben nicht zum Vorteil gereichten. Es ist das legitime und sogar gute Recht der Industrie Märkte öffnen zu wollen. Aber es ist die verdammte Pflicht der Politik, gegebenenfalls Grenzpflöcke einzurammen. Kein Alkohol und Basic an Jugendliche unter 16!

Wenn mir jetzt einer kommt: das sei alles das Gewäsch eines eitlen, hoffnungslos altmodischen, weltfremden Spießbürgers, der um seine humanistischen Privilegien und Nimbi fürchtet, dann kann ich genauso psychologisierend und tief zurückschlagen, indem ich meinem un-werten Kontrahenten ex cathedra die sittliche Reife abspreche. Denn wenn man den Computer nicht bloß als zweckmäßiges Werkzeug erachtet sondern als Wert an sich anschmachtet, dann handelt es sich nicht mehr um eine profane Mensch-Maschine-Symbiose auf Nützlichkeitsbasis dann - ja dann - ist Liebe im Spiel (Regie: Stimme mit Vibrato).

Der Computer als Fetisch einer neurotischen Generation! . . .

(Vibrato aus).

Also, Sie sehen, ich hätte da noch einige hübsche, kleine Verunglimpfungen im Keller. Wollen wir's lieber bleiben lassen, ja?

Daß der Marktführer in seiner Werbung eine moderne Symbolfigur der Menschlichkeit wie Charlie Chaplin mißbraucht, ist so perfid wie durchsichtig. Schade, daß Chaplin kein "Modern times" der 80er Jahre mehr drehen kann. Nachdem die heutige Computereuphorie etwa dreimal so verrückt ist wie die damalige Mechanisierungswut, wäre Chaplins remake auch dreimal so lustig. Mein Gott was für eine Komödie!

Schon gehört?

Tommy ist schon fünf Jahre alt und hat zum Kummer der Eltern noch kein einziges Wort gesprochen. Plötzlich sagt er laut und deutlich aus dem Kinderzimmer: "Wo ist das neue Release?" Die Mutter fangt vor Freude an zu weinen. Der Vater ist glücklich: "Tommy, du kannst ja sprechen. Warum hast du denn bisher nie etwas gesagt?" Tommy mürrisch: "Bis jetzt war ja immer alles in Ordnung" .