Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

01.02.1980 - 

Bammel vorm Bildschirm:

Der Computer wirkt leicht grauslich aufs Gemüt

Daß die Massenmedien, voran das Fernsehen, die computergestützte Werktätigkeit zunehmend als Motiv verwenden, ist zu begrüßen. Doch die negativen Aspekte treten durchweg stärker hervor als die postiven: Kurzgefaßte Polemik dramatisiert sich eben besser (und schneller) als ausgewogenes Für und Wider. Erst wenn die Berufskritiker selbst elektronische Arbeitsmittel einsetzen, wird das dankbare Thema erschöpft sein.

Wer's im Berufsleben noch nicht gemerkt hat, erfährt's nach der Tagesschau: Vom Bildschirm droht Unheil - nicht vom Fernsehbildschirm, versteht sich, ihm kann das Publikum mit wachsendem Entspannungsgefühl tagelang unterbrechungslos frönen, ohne daß sich ein Bindehäutchen rötet, ohne daß ein ergonomisch vermessener Sehnerv neuralgisch fiebert - nein; der böse Bildschirm steht am Arbeitsplatz und bringt Computerkapazität an denselben.

Wer sich länger als 20 Minuten auf seine Mattscheibe konzentriert, um eine zugriffsfreundliche Datenbank nach den letzten Inventurergebnissen abzufragen, den trifft der Streß mit Wucht. Er (oder sie) kriegt alsbald feuchte Hände und Füße, Schüttelfrost setzt ein, der Kreislauf setzt aus, der Blutdruck sinkt, der Cholesterinspiegel steigt. . . die Volksgesundheit ist in Gefahr.

Hackethal was here!

Was Hasch und Heroin nicht schaffen, mit dem Terminal wird es erreicht - Kollaps vor der Konsole, Depression am Dialoggerät, Hackethal was here!

Kurios, daß gerade das Fernsehen die modernen elektronischen Arbeitsmittel, zu denen der Bildschirm gehört, vorwiegend kritisch beleuchtet. Prinzipiell ist die vermehrte Hinwendung des Mediums zum Aktionsraum Mensch-Maschine sehr zu begrüßen, denn jahrzehntelang galt die alltägliche Maloche im alltäglichen Beruf als tabu, weil langweilig. Fließband-Monotonie zu zeigen war "out". Jetzt ist Computer "in". Wieso der Wandel?

Die Gründe sind rasch erläutert: Da besteht erstens der akute Problemverdacht mit sozialpolitischer Grundnote. An brisanten Themen wie "Textverarbeitung als Job-Killer", "Mikroprozessoren und Gesellschaft", "Bildschirm als arbeitstechnische Intensivstation" kommt kein Programmdirektor guten Gewissens vorbei. Für wen oder was zahlt der Zuschauer schließlich die erhöhten Gebühren, wenn nicht für noch schönere Probleme? Zumal, und das ist der zweite Punkt, die traditionelle TV-Tristesse der Rauschgift- und Milieugeschädigten zunehmend Sendungen beherrscht, die fälschlicherweise als "Krimis" ausgewiesen sind, obwohl Derrick und die Tatort-Kommissare darin nur als onkelfromme Seelenmasseure für die (immer die gleichen) Milieugeschädigten auftreten.

Drittens haftet dem Computer auch heute noch das Science-fiction-Flair des Unheimlichen an - wirkt also leicht grauslich aufs Gemüt.

Viertens sind sogenannte Problemdokumentationen meist kostengünstig herzustellen, denn Szenerie, Staffage und Statisten gibt's fast umsonst.

Ärger - je nach Standort und Proporz

Fünftens läßt es sich im Begleittext wundervoll polemisieren; je nach Standort und Proporz kann man die Unternehmer oder die Gewerkschaften ärgern. Auf jeden Fall macht man mit Arbeitsplatz-Automation ein Programm.

Freilich: Die vor diesem Hintergrund entstandenen TV-Produktionen werden der Wirklichkeit wenig gerecht, weil sie einseitig die problematischen Aspekte der computergestützten Berufstätigkeit herauskitzeln. Natürlich gibt es einen verbreiteten Bammel vor dem Bildschirm (medizinisch: horror tubi = Röhrenangst), gibt es Netzhautreizung und Streß überall dort, wo ein Gerät nicht den ergonomischen Erkenntnissen entspricht, wo es falsch eingesetzt wird, oder wo man einen Menschen, der nicht die rechte Beziehung zum Terminal findet, ohne gründliche Vorbereitung davordrängt. Insider kennen diese Ausdrucksform der Unsicherheit bei Mitarbeitern, die sich fremdbestimmt fühlen, weil ihnen das elektronische Transaktionsgeschehen (noch) mysteriös erscheint.

Derlei Fälle sind gewiß nicht selten, doch ihre Bewältigung (durch Aussöhnung mit der Hardware) ist möglich, anderenfalls hätte die Menschheit den Einsatz des ersten mechanischen Webstuhls nicht überstanden, denn nicht das Ausflippen, sondern die Anpassung bestimmt den Gang zu höheren Entwicklungsstufen der Industriegesellschaft. Aber leider eignen sich solche Anpassungsprozesse mit ihren langwierigen Emanzipations- und Humanisierungsschüben kaum zur mediengerechten Visualisierung. Und wenn die EDV-Unternehmen mehr als bisher an der Aufklärungsarbeit teilnehmen wollen, geraten sie leicht in den Verdacht des propagandistischen Egoismus.

Also werden wir vorerst weiterhin mit studioproduzierten EDV-Vermeintlichkeiten konfrontiert sein, wahrscheinlich bis zu dem Zeitpunkt, da der letzte Redakteur seine Ansicht über Computer, Bildschirm und Datenbank mit Hilfe eines Computers, eines Bildschirms und einer Datenbank formuliert.

Dann hat sich das Thema von selbst erledigt - und so lange kann das eh nicht mehr dauern.

Heinzgünther Klaus ist Pressesprecher der Honeywell Bull AG, Köln