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09.06.2000 - 

Kein Import von indischen DV-Experten

"Der deutsche Mittelstand braucht keine Green Card"

Über die aktuelle Green-Card-Diskussion sprach CW-Redakteurin Ulrike Ostler mit Igep-Projekt-Manager Oliver Ottenbreit. Das Akronym Igep steht für das Indo German Export Promotion Project. Dieses entstand 1986 während eines Staatsbesuchs der damaligen CDU-Regierung beim indischen Premierminister Rajiv Gandhi, um die Ausfuhrerlöse des Entwicklungslandes zu erhöhen.

CW: Woraus besteht die Igep-Tätigkeit?

OTTENBREIT: Das Exportförderungsprojekt dient der privatwirtschaftlichen Kooperation. Wir beraten kleine und mittelständische Unternehmen und bringen sie mit indischen Partnern zusammen. Dabei machen wir etwa 200 Millionen Mark Umsatz pro Jahr - ein Betrag, der aufgrund von Geschäftstätigkeiten in Indien und hierzulande zustande kommt. Dazu zählen auch Softwareprojekte.

CW: Haben Sie einen Überblick darüber, wie viele der initiierten Softwarepartnerschaften scheitern? (siehe Seite 63)

OTTENBREIT: Etwa zwei Drittel sind erfolgreich. Das liegt daran, dass die deutschen Unternehmen in Not sind und ein wirklich großes Interesse an der Zusammenarbeit haben.

CW: Damit kommen wir zum Bedarf an IT-Experten, den die sogenannte Green Card decken soll. Wie schätzen Sie das Vorhaben der Bundesregierung ein?

OTTENBREIT: Grundsätzlich halte ich die Green Card für eine vernünftige Sache, wobei ich sie allerdings als Vereinfachung der Einreise-, Aufenthalts- und Arbeitsbedingungen verstehe. Soll damit eine auf fünf Jahre begrenzte Aufenthaltsgenehmigung verbunden sein, so halte ich dieses für unnötig. Die kleinen und mittelständischen Unternehmer brauchen keine indischen Mitarbeiter über einen so langen Zeitraum. Unsere Klientel fordert kurzfristige Unterstützung für drei, vier Monate. In der Zeit können sich die indischen Fachkräfte das Branchen-Know-how aneignen, das sie dann in ihrer Heimat in Programmcode umsetzen. Bis jetzt dauert allerdings das Verfahren, um die Leute hierher zu holen, schon so lange.

CW: Worin besteht der Aufwand?

OTTENBREIT: Die Verfahren bei der Ausländerbehörde, bei den Landesarbeitsämtern und der Deutschen Botschaft in Delhi sind schuld. So muss ein deutsches Unternehmen nachweisen, dass die Stelle, die mit indischem Fachpersonal besetzt werden soll, zuvor bereits vier Wochen in Deutschland ausgeschrieben war und auf dem hiesigen Arbeitsmarkt keine Person mit entsprechender Qualifikation gefunden wurde. Dann muss das zuständige Landesarbeitsamt auf Nachfrage der Ausländerbehörde bestätigen, dass ein möglicherweise angeforderter Facharbeiter eine Arbeitserlaubnis erhält. Erst wenn darauf ein positiver Bescheid da ist, wird die Deutsche Botschaft benachrichtigt. Diese kann dann das Visum ausstellen. Das ganze Prozedere dauert mindestens ein paar Monate.

CW: Es zeichnet sich ab, dass der deutsche Arbeitsmarkt für Inder unattraktiv ist.

OTTENBREIT: Na ja. Ein riesiges Interesse besteht nicht. Die indischen IT-Arbeiter reizt Nordamerika. Das ist schlichtweg das Hightech-Land für sie.

CW: Wie erklären Sie sich das Defizit an einheimischen IT-Kräften?

OTTENBREIT: Schon seit mindestens zehn Jahren läuft so einiges schief. Die Unternehmen haben es versäumt, Ausbildungsplätze zu schaffen, auf die Politik einzuwirken und für die Qualifizierung von Lehrern zu sorgen. Nun sind sie in die Enge getrieben und versuchen mit ungeheuren Gewaltanstrengungen und finanziellen Mitteln den Nachteil, den sie sich selbst geschaffen haben, wettzumachen. Das gelingt freilich nur bedingt.

CW: Sie sagen, die Wirtschaft ist schuld an dem Mangel an qualifizierten IT-Kräften, nicht die Politik?

OTTENBREIT: Wenn man jetzt auf die Versäumnisse der Bildungspolitik schimpft, macht man es sich sehr einfach. Wie soll die Politik die Rahmenbedingungen ändern, wenn aus der Wirtschaft kein entsprechendes Signal kommt? Die Unternehmen müssten auf Voraussetzungen dringen, die ein erfolgreiches Produzieren erlauben. Dieses Signal ist jedoch schlichtweg ausgeblieben. Auch die Softwarehäuser haben sich lieber auf ihren fetten Auftragsbüchern ausgeruht.

CW: Wären Umschulungen in den IT-Sektor eine schnell greifende Alternative zum Import von IT-Know-how?

OTTENBREIT: Das hieße, Mitarbeiter zu fördern und auszubilden. Personalentwicklung ist jedoch ein Instrument, welches von deutschen Unternehmen überhaupt nicht genutzt wird. In Bezug darauf sind wir das Entwicklungsland. Die Mitarbeiter fordern ihre Weiterbildung nicht ein, und Unternehmen bieten sie nicht gezielt an. Personalplaner wissen zwar etwa, wie viele Mitarbeiter in absehbarer Zeit benötigt werden, aber nicht mit welchen Qualifikationen.

CW: Woran liegt es, dass die Unternehmen sich ihre IT-Experten nicht heranziehen?

OTTENBREIT: Weil sie nicht wissen, wie.

CW: Oder ist eine Ausbildung zu teuer?

OTTENBREIT: Der Softwarebereich spricht nicht über Geld. Der hat es.

CW: Warum boomt gerade in Indien die Softwareindustrie? Was läuft dort anders als hier?

OTTENBREIT: Um mit der Softwareentwicklung loszulegen, bedarf es keiner teuren und aufwendigen Anlagen wie in den traditionellen Branchen. Darüber hinaus ist IT-Wissen für die Studenten die Chance, jede Menge Geld zu verdienen, Karriere oder sich selbständig zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Insgesamt verlassen pro Jahr rund 75000 Hochschüler mit einer DV-Ausbildung Indiens Bildungsstätten.

CW: So könnten die deutschen Firmen dort ihren aktuellen Bedarf an IT-Experten decken?

OTTENBREIT: Jetzt wird über Ausländer- und Einwanderungsgesetze nachgedacht und über Zahlen spekuliert. Es sollen 20000, ja, 30000 DV-Kräfte fehlen. Doch die Politiker wissen nicht, wie hoch der Bedarf tatsächlich ist. Auskunft holten sie lediglich von dem einen oder anderen Verteter der Softwarebranche ein. Den Mittelstand hat keiner gefragt.

Außerdem wäre ich mit einer solch unsicheren Zahl nicht hausieren gegangen. Das war ein taktischer Fehler. Zunächst hätte sich unsere Regierung mit der indischen in Verbindung setzen müssen, um grundsätzliches Interesse zu bekunden und ein gutes Gesprächsklima zu schaffen. Man darf nicht vergessen, dass Deutschland als Reaktion auf die Atomtests der Inder beispielsweise seit zwei Jahren keine Mittel mehr für neue Entwicklungshilfeprojekte bereitstellt. Ich kann mich nicht einfach hinstellen und sagen: Deutschland, Großkotz, ich komme ...