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23.06.1989 - 

Bei den Angelsachsen taugt der 286er nur noch fürs Kinderzimmer:

Der deutsche -Schritt ins 32-Bit-Zeitalter scheitert noch am Preis

MÜNCHEN - Mit einem Raketen-Rucksack auf den Acker zu dösen, zwar einen gewissen Snob-Appeal zu vermitteln, wirtschaftlich erscheint es auf keinen Fall. Was aber, wenn der Rocket-Bag, leicht runtermodifiziert, ähnliche wirtschaftliche Daten aufweist wie ein erdgebundenes, vierrädriges Vehikel eine ähnliche Frage stellt sich dem bundesdeutschen Anwender bei der Wahl zwischen einem PC auf Basis der Intel-Prozessoren 286, 386 und/oder dem 386SX. Für die angelsächsische Kundschaft Indes hat sich das Problem schon fast "in Luft aufgelöst".

Horst-Joachim Hoffmann ist freier Mitarbeiter der Computerwoche in München

"Der 286er ist ein Chip ohne Probleme", stellt Curt Bergstrom, Intel-Produktmanager Europa, für den 386SX gleich zu Beginn deutlich heraus - und er wird weiterproduziert und verkauft, solange es Interessenten gibt. Nichtsdestotrotz hat sich die Welt weitergedreht - war noch vor wenigen Jahren der 8086/8088 mit seinen 4,77 MHz der Chip, der alle Anforderungen erfüllte, so kam diese Rolle bis vor etwa einem Jahr dem 286 zu.

Aber in dem Maße, wie die Programme umfangreicher und komfortabler werden, ist eine größere Geschwindigkeit notwendig, um sie voll auszunutzen und - im wahrsten Sinne des Wortes - zu genießen, meint der Intel-Mitarbeiter, der zuvor den 286 als Produktmanager betreute.

Die PC-Software konnte bislang von allen Chips verarbeitet werden, aber es hat sich herausgestellt, daß für einige Parts mehr Leistung notwendig wurde - zum Beispiel bei den grafischen Interfaces. Der Erfolg des Apple Macintosh wird nicht zuletzt von Experten und Marktbeobachtern auf seine grafische Benutzeroberfläche zurückgeführt. So belegen Untersuchungen, daß Anwender des Apple-Systems auf Grund des grafischen User-Interfaces im allgemeinen mehr Programme nutzen als Anwender herkömmlicher Benutzeroberflächen. Grund: Der oft umständliche Blick ins Manual entfällt. Dementsprechend aufwendig ist auch der Wechsel von einem Programm zu einem Neueren - sei es als Update oder als Neukauf. Auch die Softwareindustrie hat dieses Manko erkannt und sich auf grafische Benutzeroberflächen fixiert, egal wie sie auch immer heißen. Dieses System der Benutzerführung soll nun auch den Intel-Freaks von zur Verfügung stehen.

Notwendiges Mitbringsel eines GUI (Graphic User Interface) ist ein leicht zu verstehender Bildschirmaufbau: Studien, die Bergstrom in diesem Zusammenhang zitiert, zeigen, daß bis zu 70 Prozent der Computer Leistung zur reinen Bildschirmsteuerung verbraucht werden. Wenn ein Window-orientiertes Programm auf einem 286er läuft, führt der Zeitbedarf zum Aufbau des Screen-Updates leicht zu Frustrationen, meint der Intel-Profi. Um eine grafisch ausgelegte Software genauso griffig arbeiten zu lassen wie eine nicht grafische, ist zumindest die zweifache Leistung notwendig - auch, um den Gedankenfluß des Anwenders nicht unnütz durch lange Wartezeiten zu unterbrechen.

Insbesondere mit Blick auf Netzwerke räumt Rainer Nollens, Geschäftsführer der Aavalon Deutschland GmbH aus München, dem 386er Trendsetter-Qualitäten ein. Betrachtet man beispielsweise die neue Ankündigung der IBM über Officevision, dann wird immer klarer, wieviel Hauptspeicher in Zukunft benötigt wird", meint der Münchener Handelsprofi.

Typischerweise findet man schon heute in Netzwerken 286er und 386er - aber - um nicht zuviel Verlust an Geschwindigkeit zu haben, mache es oft und vor allem in Hinblick auf die Zukunft Sinn, den 386er ins Netz zu nehmen. Spätestens dann nämlich, wenn in einer Vernetzung die Betriebssysteme anfangen, den Prozessor verstärkt zu fordern, sei die Frage nach der Geschwindigkeit von grundlegender Bedeutung, so seine Erfahrung.

Auch der Gedanke des "WYSIWYG" (what you see is what you get) - ob Einplatzanwendung oder vernetzt - erfordert Power. Der 286er wurde zu seiner Zeit nicht für diese hohen Geschwindigkeiten und Leistungsansprüche konzipiert; Intel produziert den Chip mit einer Taktrate von 12,5 MHz, er ist allerdings auch schneller getaktet auf dem Markt. Die Leistungsverbesserungen durch Tuning des Chips bewegen sich zwischen 20 und 50 Prozent; nicht genug für die heutigen Anforderungen, meint der Intel-Manager.

Aber die 286er decken heute eine Vielzahl von Anwendungen ab, erläutert Hermann-Josef Pelzer, Inhaber der H.-J. Pelzer EDV-Peripherie aus Mönchengladbach. Deshalb lohne sich in vielen Fällen ein 386er nicht, da selbst der 286er in traditionellen Anwendungen wie Textverarbeitung ein Vielfaches schneller sei als der Anwender in seiner Arbeit. Anders stellt sich nach Aussage de s Mönchengladbachers die Situation beispielsweise bei CAD-Anwendungen dar, wo der neue mathematische Coprozessor des 32-Bit-Rechners Erstaunliches leiste. Dennoch bietet sich auch im traditionellen Anwendungsbereich eine Analogie mit dem Fernsehen an: Zwar können farbig ausgestrahlte Programme auch auf einem Schwarzweiß-TV empfangen werden - das würde allerdings nur dann Sinn machen, wenn der Unterschied in den Anschaffungskosten über die Maßen groß wären.

Bis Januar dieses Jahres war es eigentlich keine Frage, welche Chip-Basis ein neuer PC auch für diejenigen Anwender haben sollte, die mit spitzer Feder kalkulieren: 286. Der 386SX ist zwar im Markt gewesen, der Preis aber lag um einiges höher, als daß der abgesteckte 32-Bitter ernsthaft für den 286er in Konkurrenz treten konnte.

386SX-PCs lösen die 286er-ATs langfristig ab

Preisreduzierungen seitens Intel aber haben den 386SX von seinem pekuniären Höhenflug auf die AT-Ebene heruntergezogen und ihn so schlichtweg zu dem Konkurrenten des 286er gemacht.

In den USA beispielsweise wird ein 386SX laut Anzeige in PC-Week 5/89 für 1295 Dollar angepriesen, der 286 mit 12-MHz-Takt in annähernd gleicher Grundkonfiguration für 895 Dollar - eine Differenz also von knapp über 40 Prozent. Der erwähnte 386SX besteht aus einer 386SX-Box, 512 K RAM und den wichtigsten Standardfeatures und Komponenten für eine Grundkonfiguration.

Aber es sind auch schon Systeme für 1099 Dollar aufgetaucht - und der letzte Clou: Ein 386SX zum Preis eines 286.

Hier spielt auch IBM einen durchaus interessanten Part. Das IBM PS/2 Modell 55 SX als 386SX-Version ist in den USA nur 500 Dollar teurer als die 286er-Version des Hauses, das Modell 50C aber 3000 Dollar billiger als IBMs billigster 386er PC.

Die Preispolitik beim 386SX, die in den Vereinigten Staaten bei einigen Herstellern - nicht nur bei IBM - im Vergleich zu der 286-Preisgestaltung zu beobachten ist, basierte mit größerer Differenz als jetzt in der Vergangenheit wohl auf einem Schutz der 286er-Verkäufe, die durchaus auch derzeit noch ihren Mann ernähren, wohl aber langfristig der neuen Architektur weichen werden. Der Trend zum mittelfristigen Ausmustern des 286 scheint klar und wird belegt. IBMs neuester Gag nämlich nicht nur im Wall Street Journal: Anzeigen mit einer klaren Aussage ("Now you can have 386 performance at a 286 price: It's the new IBM Personal System/2 Model 55 SX with Micro Channel").

Von diesem Preisverhältnis kann in Deutschland zur Zeit noch geträumt werden - ein günstiger AT mit Festplatte ist bei Discountern für knapp 2400 Mark zu haben, ein 386er kostet immer noch mehr als das Doppelte bis hin in die fünfstellige Mark-Gegend, und ein 386SX derzeit knapp 100 Prozent mehr als der AT, wenn er überhaupt im Angeblich ist". Vielfach herrscht auch in Händlerkreisen noch die Meinung vor, daß ein 286er mit Neat-Prozessor und 20 MHz dem 386SX überlegen sei. Zudem, so heißt es, sei für den 386SX noch keine Nachfrage vorhanden.

Die Angleichung der Preise zwischen AT286 und 386SX wird aber nicht mehr lange auf sich warten lassen. International tätige Marktexperten beobachten schon jetzt einen massiven Druck insbesondere aus Fernost und Großbritannien von derzeit noch kleinen Unternehmen, die sich auf die 32-Bit-Architektur spezialisieren. Für das Europa 92 erwarten sie dann spätestens den Big Bäng in deutschen Landen.

Romtec, ein Marktforschungsunternehmen in den Vereinigten Staaten, berechnet übrigens den Zeitpunkt, an dem die 286er-Verkäufe von den 386SX-Verkäufen jenseits des Atlantiks überholt werden, mit dem ersten Quartal 1990. Da die 386er SX die Vorzüge der 32-Bit-Architektur mit den Kostenvorteilen des 16-Bit-Bussystems vereinen, sieht auch Hermann-Josef Pelzer Chancen für diese Rechner, langfristig den 286er abzulösen.

Die verfügbare Softwarebasis spielt allerdings neben der Preisentwicklung eine beträchtliche Rolle für den Markterfolg eines Gerätes, Zum ersten bleibt festzustellen, daß 286er-Software auf Mitgliedern der 386er-Familie lauffähig ist, aber, so heißt es dazu in einem der ersten Softwarekataloge zur 386er-Generation: "..der Chip nutzt nur einen kleinen Teil seiner Möglichkeiten, wenn 16-Bit-DOS-Software auf ihm gefahren wird." Ganz deutlich stellt Intel heraus, daß die Softwarekompatibilität innerhalb der Systeme der neuen Familie auch zum 486 gegeben ist: " Der 486 ist nur ein superschneller 386", meint Bergstrom in diesem Zusammenhang .

Aber, auch eines ist derzeit zu bemerken: In diesem ersten MS-DOS Katalog aus den Vereinigten Staaten sind ganze 149 Programme aufgeführt, die speziell für die neue Architektur geschrieben sind. Dennoch steht nach Meinung von Experten aus zwei Gründen ein Boom der 386er-Software vor der Tür : Zum einen sei aus der aktuellen 286er Software, zumal, wenn sie Ansätze grafischer Benutzeroberflächen zeigt, der Dampf raus - zukünftige Upgrades werden sich der 386er-Architektur widmen müssen, um attraktiv zu bleiben. Diese Upgrades werden aller Voraussicht nach auf Grund des erweiterten Adreßraumes und der Multitasking-Fähigkeiten der neuen Familie zwei- bis fünfmal schneller laufen als auf einem 286er, größere Datenbanken, komplexere CAD-Zeichnungen und Kalkulationsmodelle verarbeiten oder DTP zu höherer Reife bringen. Parallelität zu früheren Zeiten tut sich auf: Schon jetzt laufen einige Spreadsheet-Programme nicht mehr auf kleinen Prozessoren der 8086/8088er- Klasse.

Noch fehlt das spezielle 386er Betriebssystem

Die Software, die derzeit für den 386er speziell zugeschnitten wurde, und die sich unter Berücksichtigung neuester, fast täglicher Ankündigungen auf mittlerweile vielleicht 200 Pakete belaufen wird, ist allerdings ganz gezielt auf Anwendungen zugeschnitten, die hohe Anforderungen an statistische und mathematische Berechnungen stellt.

Eines der Probleme, die derzeit noch den breiten Durchbruch von 386er Software behindern, ist die Tatsache, daß noch kein speziell auf den 32-Bit-Prozessor zugeschnittenes Betriebssystem verfügbar ist. Der volle Durchbruch für diese Chip-Architektur wird mit OS/2 Version 386 kommen, so meinen Experten. Dem Vernehmen nach wird Microsoft die entsprechende Entwicklungstoolbox noch in diesem Jahr parat haben, für die Anwenderseite ist das nächste Jahr im Visier.

Dennoch ist, wie erwähnt, Software vorhanden, die mittels sogenannter DOS-Extenders erstellt wurde allerdings noch gewisse Einschränkungen bei Multitasking und grafischer Oberfläche beinhaltet. Aber die Softwareunternehmen stehen Gewehr bei Fuß. Novell, Versacad und Autocad gelten als Vorreiter. Aber - diese spezielle 386er Software läuft nicht mehr auf dem 286er - sie ist schlicht zu umfangreich. Die Softwaremanufakturen indes wissen, daß sie trotz der breiten 286er-Basis gut vorbereitet und schnell mit ihren Programmen auf den neuen Markt kommen müssen, um nicht unnötig Wettbewerbsvorteile zu riskieren. Normalerweise in aller Stille, aber dennoch spürbar rüsten so inzwischen auch die Mitglieder des Software " Who's who" auf OS/2-Zeiten um.

Auch die Softwaretechniker in ihrer Rolle als halb Techniker, halb Kaufleute haben hier ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, meint Nollens. Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, mit neuer Hardware mehr zu tun, dann werden sie das auch, so eine seiner Aussagen. Dennoch wird von Marktbeobachtern nicht. erwartet, daß die 286-Software vollständig ausgeklammert werden wird. So lange wie es Kunden für sie gibt, wird auch sie gehandelt werden. Aber neue Upgrades und vor allem auch neue Software orientiert sich eindeutig schon jetzt an der 32-Bit-Architektur.

Langfristig sei der Anwender mit der 386er-Architektur besser beraten, meint Günter Krauss, Geschäftsführer der Santa Cruz Operations Deutschland GmbH aus Frankfurt, da diese Architektur auch softwaremäßig vitaler sei als die 286er - dies nicht zuletzt im Hinblick auf Betriebssystemanwendungen unter Unix. Für Neueinsteiger scheint die Richtung klar: Mit Geduld und Konsistenz Nachfrage nach dem 386SX erzeugen, aber - wo möglich noch abwarten, bis die Preise auch in Deutschland rutschen. Wenn dann aber ein PC auf der Investitionsliste steht, mit dem die Anwendung wachsen soll, dann scheint die 386er-Architektur eine Zukunft zu bieten, die dem 286er verwehrt ist.

Der 386SX gilt hier als guter Kompromiß: Er leistet nicht das gleiche wie der originäre 386er, aber durch seine interne 32-Bit-Architektur bleibt er für die nächsten Jahre ein guter Einstieg in eine neue Welt. Die Mankos im Bereich der Software, die heute noch existieren, sind gleich auf zweierlei Art und Weise tragbar, denn erstens läuft die vielleicht bereits eingesetzte 286er-Software auch auf dem neuen System und zweitens, so Chip-Profi Bergstrom, bleibt einem die Frustration erspart, in ein bis zwei Jahren nur noch in Softwareanzeigen von Programmen zu lesen, die nicht mehr auf dem 286 laufen.