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08.09.2000 - 

"UMTS ist für Mobilfunkfirmen enorm wichtig"

"Der deutsche TK-Markt hat eine Beispielfunktion"

Mit Joachim Dreyer, Präsident des Verbands der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM), sprach CW-Redakteur Martin Seiler.

CW: Der VATM hat öffentlich behauptet, die Rahmenbedingungen im TK-Markt Deutschland hätten sich seit Beginn der Liberalisierung verschlechtert, der Wettbewerb habe sich zugunsten der Deutschen Telekom entwickelt - wie kommen Sie zu diesem Schluss?

DREYER: Tatsache ist, dass sich die Welt seit dem 1. Januar 1998 komplett verändert hat: Als das TK-Gesetz entstand, waren alle der Ansicht, dass die Telekom niemals freiwillig die Tarife senken würde. Deshalb hat man das Price-Cap-Verfahren entwickelt, das die Telekom zwingt, die Tarife jährlich um einen bestimmten Betrag herabzusetzen. Inzwischen gleicht die Telekom ihre Preise freiwillig an die Tarife der Wettbewerber an, und über das Price-Cap-Verfahren erfolgt eine weitere Absenkung.

CW: Welche Folgen hat das?

DREYER: Das wirkt sich auf die Preiskalkulationen der alternativen Anbieter aus: Die waren von einer festen Preisentwicklung ausgegangen, und ihre Geschäftspläne wurden dadurch durchkreuzt, dass die Telekom sich viel stärker bewegt hat, als man ihr zuvor zugetraut hätte. Das Umfeld ist insofern rauer geworden. Wer heute neu in den TK-Markt startet, hat keine Garantie, dort wirklich Geld zu verdienen.

CW: Unterm Strich stellen Sie der Telekom also ein gutes Zeugnis aus, weil sie sich dem Wettbewerb gestellt hat.

DREYER: Das hat sie, und zwar viel schneller, als es Wettbewerber, Regulierer und Politik erwartet hätten.

CW: In den mehr als zwei Jahren seit seiner Öffnung hat sich der deutsche TK-Markt stark verändert. Welche Bedeutung hat dies im europäischen Kontext?

DREYER: Eines ist ganz klar - der deutsche TK-Markt hat eine Beispielfunktion, wir beobachten eine unglaubliche Entwicklung. Das findet seinen Niederschlag darin, dass sehr viele ausländische Unternehmen in den deutschen TK-Markt investieren - was man zuletzt bei der UMTS-Versteigerung sehen konnte.

CW: Welche Rolle spielt der VATM in diesem Zusammenhang?

DREYER: Unser Fokus liegt klar auf Deutschland, wir sind aber natürlich auch in Brüssel vertreten. Die Arbeit dort ist für Europa sehr wichtig, und wir müssen die Entwicklungen schon im Vorfeld verfolgen.

CW: Wie sehen Sie die Liberalisierung in Europa?

DREYER: In Ländern wie Spanien, Frankreich oder Italien wird zwar viel über die Liberalisierung des TK-Marktes gesprochen, in Wirklichkeit findet sie aber nicht statt. Nehmen Sie das Beispiel Frankreich: France Télécom hat im Festnetz einen Marktanteil, der noch immer bei weit über 90 Prozent liegt.

Ungerechtigkeiten zeigen sich auch bei der Vergabe der UMTS-Lizenzen: In Spanien haben die Carrier nichts für die Frequenzen bezahlt, und jetzt ist eine lächerliche Steuer im Gespräch, die 0,15 Prozent des Umsatzes betragen soll. Das gibt spanischen Anbietern einen unglaublichen Vorteil, weil sie unterm Strich nur die Hälfte zahlen.

Wenn man den Konzentrationsprozess im europäischen TK-Markt schon nicht verhindern kann, dann müssen wenigstens alle Player die gleiche Ausgangslage haben. Es kann nicht sein, dass Anbieter aus einigen Ländern staatliche Rückendeckung bekommen, sonst haben die deutschen Firmen keine Chance. Gleiche Spielregeln müssen her.

CW: Die Kosten für Telekommunikation in Deutschland sind zwar gesunken, doch der Markt ist noch immer nicht transparent, das Tarifgeflecht ist zu undurchsichtig. Muss der Verbraucher diese Kröte schlucken?

DREYER: Jedes Bemühen, die Tarife transparenter zu machen, führt zu einer weiteren Verkomplizierung. Bei bestehenden Kunden lässt sich ein Tarif nur dann ändern, ohne dass sie den Vertrag kündigen, wenn das neue Angebot in allen Bestandteilen günstiger ist. Das ist die Crux an der ganzen Geschichte. Kompliziert werden die Telefonabrechnungen zusätzlich durch die Vermischung von Festnetz- und Mobilfunk, außerdem durch Entgelte für Datendienste und eventuelle Breitbandanschlüsse.

CW: Was muss sich ändern?

DREYER: Gerhard Schmid von Mobilcom hat es bereits angedeutet, und auch im Internet gibt es das bereits: die Flatrate. Sie werden in Zukunft zu einem monatlichen Fixtarif frei im Internet surfen, telefonieren und Daten übertragen können. Das kommt mit absoluter Sicherheit. Vielleicht werden große Firmen noch zusätzliche Rabatte bekommen. Darauf werden Dienste aufsetzen, beispielsweise die Möglichkeit, mit dem Handy einzukaufen, oder spezielle Breitbandapplikationen. Die Grunddienste werden aber in spätestens drei Jahren mit einem Pauschalbetrag abgegolten. Es wird dann sicher auch noch Spezialtarife geben, falls Kunden nur einzelne Dienste nutzen möchten. Aber der Standard wird die Flatrate für die Rundumversorgung sein.

CW: Sie haben ein Thema bereits angesprochen, das in letzter Zeit in aller Munde war: UMTS. Welche Bedeutung messen Sie dieser Technologie bei?

DREYER: Für die Mobilfunkfirmen ist UMTS enorm wichtig. Eine Firma, die zu diesem Netz keinen Zugang hat, kann einpacken. Das ist so, als hätten in der deutschen Automobilindustrie nur drei Firmen eine Lizenz, um autobahntaugliche Fahrzeuge zu bauen. Auf diese Art und Weise könnte der Finanzminister beliebig viel Geld kassieren. Die Frage bleibt, ob das rechtlich zulässig ist.

CW: Ist es das?

DREYER: Wenn es darum geht, die Existenz von Firmen in Frage zu stellen nach dem Motto: "Wenn du nicht zahlst, bist du draußen", dann ist das problematisch. Aber so hat es sich letztendlich entwickelt. Die Industrie - und ich nehme mich da nicht aus - hätte diese Gefahr erkennen müssen, als das Auktionsverfahren vorgeschlagen wurde.

CW: Stehen die für die Frequenzen bezahlten Summen in einem realistischen Verhältnis zu ihrem wahren Wert?

DREYER: Im Nachhinein muss ich sagen, dass 100 Milliarden Mark für einen Dienst, der im Prinzip auch nicht viel mehr kann als GSM, eine Menge Geld sind. Man sollte sich in Zukunft genau überlegen, in welchen Fällen eine Versteigerung Sinn macht. Hier hätte es andere Möglichkeiten gegeben. Niemand hat gemerkt, dass es um die Existenz der Bewerber ging.

Aus Wettbewerbssicht ist allerdings positiv, dass letztendlich sechs Lizenzen vergeben wurden. Außerdem wird es nicht dazu kommen, dass eine Firma eine andere übernimmt, weil dem die hohen Lizenzkosten im Weg stehen. Diese Summen müssen ja bar beglichen werden und können nicht mit Aktien bezahlt werden. Ich befürchte allerdings, dass mit den sechs Firmen, die den Zuschlag bekommen haben, auch genau jene bestimmt sind, die in Europa das Sagen haben werden. Auf der Mainzer Auktion wurde vorweggenommen, wie die konsolidierte TK-Landschaft in Europa aussehen wird. Das ist meine feste Überzeugung.

CW: Wie geht es mit UMTS weiter?

DREYER: Ich sehe für die Zukunft eine - allerdings nicht allzu große - Gefahr, dass das Geld für den Aufbau entsprechender Netze fehlen könnte. Davon hätte dann niemand etwas.

CW: Glauben Sie, dass die Kapazitäten der Zulieferer - also Siemens, Ericsson oder Nokia - ausreichen werden, um europaweit UMTS-Netze aufzubauen?

DREYER: Hier könnte es Engpässe geben, was allerdings für Firmen wie Motorola, die zum Beispiel bisher nicht so sehr als UMTS-Lieferant hevorgertreten ist, wiederum eine Chance darstellt. Wir haben einige andere ganz maßgebliche Probleme, die man einfach sehen muss: Es gibt eine Ungleichheit zwischen denen, die heute schon ein Netz haben, und denen, die noch ohne eigene Infrastruktur dastehen. Im Prinzip könnte E-Plus, das ja ein 1800-Megahertz-Netz hat, die Standorte eins zu eins übernehmen. Die Frequenzen sind ja ähnlich, deswegen gibt es dort kein allzu großes Problem. Andere müssen sich erst Standorte suchen. Deswegen gibt es in Ländern wie zum Beispiel Holland und der Schweiz auch Gesetze, wonach die Betreiber ihrer Konkurrenz Standorte über Kollokation zur Verfügung stellen müssen. In Deutschland gibt es eine solche Vorschrift nicht.

CW: Erwarten Sie sonst noch Schwierigkeiten?

DREYER: Nachdem die Lizenzkosten so hoch waren, könnte ich mir vorstellen, dass aufgrund der fehlenden Finanzierungsreserven aufseiten der Carrier verlangt wird, dass Hersteller wie Siemens oder Nokia die Finanzierung der Netze übernehmen. Es gibt sogar Überlegungen, diese Unternehmen an den Lizenzkosten zu beteiligen. Das hat die Börse noch gar nicht richtig begriffen.

CW: Erwarten Sie Komplikationen, was die Standorte für UMTS-Sendestationen angeht? Kirchtürme sollen derzeit ja sehr begehrt sein.

DREYER: Die heutigen GSM-Betreiber könnten durch die Umrüstung ihrer vorhandenen Standorte ein zu 80 Prozent flächendeckendes UMTS-Netz aufbauen. Das müsste in den Ballungszentren durch Hinzufügen weiterer Zellen noch optimiert werden. Ich erwarte aber durchaus Schwierigkeiten für neue Betreiber, geeignete Standorte zu finden. Immerhin geht es fast um 10 000 Lokationen, die benötigt werden. Dafür die Genehmigung zu bekommen dauert seine Zeit. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass es schwieriger sein wird als früher, die Erlaubnis für eine Sendestation zu bekommen.

CW: Lassen Sie uns über die Ortsnetz-Liberalisierung reden. Was muss geschehen, damit der Wettbewerb auf der letzten Meile richtig in Fahrt kommt?

DREYER: Dazu muss ich zunächst einmal sagen, dass die Teilnehmeranschlussleitung (TAL) aus Sicht der Carrier viel zu teuer ist. Damit meine ich nicht so sehr die Monatspreise, sondern die einmaligen Kosten, die damit verbunden sind. Es geht da um ein paar hundert Mark, die umgelegt werden müssen auf die durchschnittliche Haltedauer eines Kunden, die irgendwo zwischen zwei oder drei Jahren liegt. Die momentanen Regelungen sind nur dazu geeignet, Vielzahler, etwa große Mietshäuser, anzuschließen. Ein alternativer Zugang zum Ortsnetz rechnet sich eigentlich nur bei Kunden, die für deutlich mehr als 200, 300 Mark im Monat telefonieren. Diese Preise müssen runter.

CW: Wie sieht es mit der Entwicklung von Alternativen aus?

DREYER: UMTS wird in der Lage sein, einen Ersatz zu bieten. Der Kunde hat dann seine verschiedenen Geräte - ob schnurlos oder nicht - und ist über UMTS angeschlossen. Wenn man höhere Übertragungsraten benötigt, wird man auch in Zukunft eine Regelung über die TAL finden müssen.

CW: Im letzten November wurden von der Regulierungsbehörde (Reg TP) die Lizenzen für den Wireless Local Loop (WLL) vergeben. Sehen Sie den Richtfunk als ernsthafte Alternative?

DREYER: Theoretisch ja, wobei ich aber im Richtfunk nicht das Patentrezept sehe, denn diese Technik ist recht teuer. Hinzu kommt, dass auch WLL nur für die Kunden geeignet ist, die jeder gerne haben möchte, also mit Telefonkosten von 300 Mark und mehr pro Monat.

CW: Wie steht es um Powerline und Kabel?

DREYER: Powerline eignet sich hier nicht, weil die Qualität nicht gleichbleibend ist. Außerdem gibt es keinen internationalen Standard. Der Kabelanschluss ist prinzipiell geeignet, allerdings müssten die Betreiber hier zunächst einmal zweistellige Milliardenbeträge investieren. Man wird sehen, ob sie dazu bereit sind. Für mich spielt daher UMTS eine Schlüsselrolle.

CW: Die Bundesregierung hat unlängst eine teilweise Rücknahme der Regulierung gefordert. Der VATM sieht das anders. Warum braucht der deutsche Markt noch immer die Regulierung, und welche Bedeutung messen Sie der Reg TP bei?

DREYER: Die Regulierungstiefe kann erst dann zurückgefahren werden, wenn ein selbsttragender Wettbewerb entsteht. Wir sehen noch einen enormen Regulierungsbedarf im Bereich der Konvergenz der verschiedenen Dienste.

Was die Ankündigung der Regierung betrifft, so sind wir etwas anderer Ansicht: Wir haben noch keinen selbsttragenden Wettbewerb. Die Telekom hat - zuletzt bei der UMTS-Auktion - bewiesen, dass sie auf Verdrängung aus ist, und nicht auf Wettbewerb. Das zeigt sie immer wieder. Wenn Sie heute eine Kollokation beantragen für die TAL, steht in den Sternen, ob, wann und in welcher Qualität Sie die bekommen. Sie können sich da auch auf keine Zusage verlassen, weil die Politik der Telekom darauf abzielt, möglichst den früheren Monopolzustand wieder herzustellen, also 100 Prozent Marktanteil für die Telekom. Solange das so ist, braucht der Markt noch eine sehr stringente Regulierung.

CW: Denken Sie dabei auch an Themen wie Voice over Internet Telephony (VoIP)?

DREYER: Ja, hier bedarf es einer Anpassung der entsprechenden Gesetze. Das weiß der Gesetzgeber auch. Das sind keine trivialen Prozesse, und ich glaube, da wird die Regulierungsbehörde noch einiges zu tun haben.