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13.09.1985 - 

Hindernisse für das Deutsche Forschungsnetz bei der OSI-Realisierung, aber:

Der DFN-Verein hält an EARN-Einbindung fest

BONN/STUTTGART - Der Erfolg des Projektes "Deutsches Forschungsnetz" ist - ungeachtet der Kompromißbereitschaft, die IBM gegenüber dem DFN-Verein in Sachen OSI-Entwicklungen signalisiert hat - noch keineswegs gesichert: Das DFN muß bis 1987 zum einen das von Big Blue gesponserte Wissenschaftsnetz EARN integrieren und zum anderen auch noch ein Mehr an Leistung bieten.

Allein die Gründungshistorie beider Netze offenbart die von Anfang an bestehende Dualität, wenn nicht Konkurrenz von DFN und EARN, auch wenn die IBM immer wieder betonte, das von ihr finanzierte "European Academic and Research Network" sei als Vorläufer des Deutschen Forschungsnetzes zu sehen. Nach zweijährigen Diskussionen fiel im März vergangenen Jahres der Startschuß für das DFN. Ziel des vom Bundesforschungsministerium mit rund 60 Millionen Mark dotierten Renommierprojekts: Bis 1988 wird in drei Schritten ein offenes herstellerneutrales Kommunikationsnetz für den deutschen Wissenschaftsbetrieb installiert, das sich so weit wie möglich am OSI-Referenzmodell orientiert.

Um nicht die endgültige Standardisierung aller Ebenen abwarten zu müssen, wurden für die ersten DFN-Versionen 0 und 1 die PIX-Protokolle als Ausgangsbasis für die Entwicklung der anwendungsorientierten höheren Ebenen ausgewählt. Den Übergang auf OSI markiert dann die DFN-Version 2. Dieses Konzept wurde von allen Gründungsmitgliedern und Betrieben des gemeinnützigen DFN-Vereins - neben Forschungseinrichtungen gehörten auch IBM und Siemens dazu - abgesegnet, was für Big Blue allerdings bedeutete, die PIX-Protokolle nachzuentwickeln, da man im Unterschied zu anderen Herstellern nicht über entsprechende Verfahren verfügte.

Nahezu parallel zum DFN startete der Marktführer im Mai 1984 auch in der Bundesrepublik das EARN-Netz, das auf den IBM-eigenen RSCS-Protokollen basiert Für die notorisch unter Geldmangel leidende Wissenschaftsszenerie gestaltete Big Blue den Anschluß an das Netz besonders attraktiv: Die ersten 24 Teilnehmer erhalten gemietete Standleitungen und die entsprechende Software bis 1987 zum Nulltarif, alle späteren EARN-User müssen lediglich die Anschlußkosten zum nächsten EARN-Knoten berappen.

Wie sein deutsches Pendant ist auch EARN ein Netz der Benutzer und wird von diesen selbst - über die in Paris ansässige EARN Association - betrieben; diese Organisationsform hat zur Folge, daß IBM offiziell keinerlei Einfluß nehmen kann. Dies gilt auch und vor allem im Hinblick auf die Frage, was nach 1987 mit EARN passiert, wenn Big Blue das Netz nicht weiter sponsert und die von der Organisation der europäischen Postverwaltungen CEPT auf vier Jahre befristete Betriebsgenehmigung ausläuft. Das EARN-Board of Directors ist aber offenbar gewillt, das Netz auch danach weiter zu betreiben; zu diesem Zweck hat man bereits Anfang dieses Jahres erklärt, EARN so schnell wie möglich in Richtung OSI zu migrieren.

IBM hat bereits die entsprechenden Weichen gestellt: Das im Juli gegründete "Europäische Netzwerk Center" (ENC) in Heidelberg entwickelt zwar zusammen mit der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) und im Auftrag des DFN-Vereins OSI-Software für den seit langem zugesagten Anschluß der IBM-Rechner ans DFN (siehe auch CW Nr. 30 vom 26. Juli 1985, Seite 1: "IBM bekräftigt ,halbes Ja' in Richtung OSI"), am Rande der ENC-Pressekonferenz in Heidelberg machten die anwesenden IBM-Vertreter aber deutlich, daß diese Entwicklungen natürlich auch auf die Migration von EARN auf OSI anwendbar seien und diese beschleunigen würden.

Die komplizierte Situation zwischen DFN und EARN wird aber auch durch DFN-interne Meinungsverschiedenheiten verschärft. Es gibt inzwischen nämlich nicht wenige IBM-Großanwender, die die für das Deutsche Forschungsnetz festgelegte Strategie mit den einzelnen Realisierungsschritten revidiert sehen wollen. Ihr Argument: Im DFN spielten Protokollentwicklungen eine viel zu große Rolle, der Wissenschaft sei es im Grunde gleichgültig, mit Hilfe welcher Standards sie kommuniziere, wichtig sei vielmehr die Kommunikation an sich - und hier habe sich das EARN als überaus pragmatische und stabile Lösung etabliert, während das DFN noch vorwiegend Idee sei. Besagte Anwender kritisieren auch die aus ihrer Sicht teuren Zwischenlösungen für das DFN-1, sie schlagen statt dessen vor, bis zur endgültigen Version 2 die EARN-Protokolle zu fahren. Dies habe dann auch den erfreulichen Nebeneffekt, daß die IBM-Welt schnell ins DFN miteinbezogen sei.

Trotz dieses Unterwanderungsversuchs halten das BMFT und der DFN-Verein an dem einmal eingeschlagenen Kurs fest, ungeachtet der Tatsache, daß die Zwischenlösungen hinterher überflüssig sind. Auch die Kritik der IBM-Großanwender kommentiert man im Bonner Forschungsministerium eher gelassen: Es sei unheimlich schwer, die deutsche Wissenschaft unter einen Hut zu bringen, insbesondere, wenn es sich um Kunden von Big Blue handele, die doch sehr stark das IBM-Motto "Das ganze DFN könnt ihr euch sparen, wir bieten euch zunächst das EARN und dann, wenn es soweit ist, OSI" propagierten. Im Haus Riesenhuber ist man nicht bereit, DFN zugunsten von EARN aufzugeben, es sei "absolut unvorstellbar und indiskutabel, daß wir uns mit dem DFN in ein solches Netz einbetten". Man könne allenfalls, und das habe man von Anfang an betont, EARN als Untermenge von DFN akzeptieren, waber nicht als Ersatz und auch nicht umgekehrt".

Zusätzliche Unterstützung erhoffen sich der DFN-Verein und sein Finanzier in Bonn im übrigen auf der europäischen Buhne. Bis Ende de Jahres soll mit Hilfe der Kommission der Europäischen Gemeinschaft eine europaweite Netzvereinigung gegründet werden - zum einen, um die nationalen Projekte in den einzelnen Ländern besser zu koordinieren, zum anderen aber auch, um ein Gegengewicht zum europäisch angelegten EARN-Netz zu bilden. Wie beim DFN heiße aber auch hier die Devise nicht, die EARN-Benutzer auszugrenzen, sondern vielmehr "liebevoll zu umarmen", wie es ein Beteiligter formulierte, denn schließlich gehe es ohne IBM-Anwender nun einmal nicht.