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05.08.1983 - 

Auch gute Referenzen können keinen Erfolg garantieren:

Der DV-Dschungel ist voller Gefahren

BERLIN - Empfehlungen renommierter DV-Anbieter garantieren noch nicht, daß Neueinsteiger von einem Softwarehaus diejenige Unterstützung bekommen. die sie benötigen. Diese Erfahrung mußte das Berliner Großhandelsunternehmen Digger's Garden machen: "Für DV-Newcomer gibt es trotz aller Vorsicht jede Menge Fußangeln, die nicht so leicht zu umgehen sind", sagt Andreas Schöller, einer der Betroffenen. Die Auseinandersetzung endete Jetzt vor dem Richter in zweiter Instanz mit einem Vergleich.

Die ersten Erfahrungen mit der Datenverarbeitung machten die Gründer von Digger's Garden, Andreas Schöller und Hans Werner Hall, im Jahre 1978. Sie hatten erkannt, daß sie ihre Abrechnung nur mittels DV übersichtlich und klar gestalten könnten. Nach Absprache mit einem Hobbysoftwerker, einem persönlichen Freund der beiden Geschäftsführer, kauften sie eine IBM 5110.

Bald stellte sich jedoch heraus, daß zum einen die Maschine viel zu klein war, zum anderen der Programmierer-"Freund" zu viel versprochen hatte und der Aufgabe nicht gewachsen war, beschreibt Andreas Schöller die Situation. Einen richtigen Vertrag habe es nicht gegeben, da man glaubte, "unter Freunden" auf so etwas verzichten zu können. Digger's Garden hatte so schließlich erheblich mehr investiert, als wenn es sich gleich in professionelle Hände begeben hätte.

Schöller und Hall glaubten, aus dieser Erfahrung gelernt zu haben und wollten es das nächste Mal besser machen. Auf der Hannover-Messe '81 ließen sie sich am Stand der Digital Equipment GmbH (DEC) beraten und waren "begeistert von der PDP/11-24" (O-Ton Schöller). Sie erkundigten sich nach einem renommierten Softwarehaus, das, so die Digger's Bosse, "totale DV-Anfänger" betreuen und in die DV einführen könnte. Auf diese Weise kam der Kontakt zur Multifunction BV & Co. GmbH, Hamburg, zustande, die 1982 aus wirtschaftlichen Gründen ihre Pforten schloß.

Die Kunst, einen Vertrag abzuschließen

Dieses Softwarehaus war ein Ableger der holländischen Muttergesellschaft Multifunction BV & Co. Die Niederländer, zu 100 Prozent im Besitz der deutschen Gesellschaft, wollten so ihre Programme in Deutschland verkaufen.

Die Gründer von Digger's Garden hatten damals nach eigener Aussage keine Ahnung, wie man einen Vertrag mit einem Softwarehaus abschließt. Sie dachten, ein Mitarbeiter von Multifunction würde sie über ihre Programmanforderungen befragen und auf dieser Grundlage die notwendigen Programmpakete verfassen. Das Wort "Pflichtenheft" hätten sie noch nie gehört und wären auch nicht in der Lage gewesen, so etwas zu erstellen: "Wir konnten", begründet Schöller dieses Manko, "unsere Wünsche gar nicht richtig formulieren."

Branchenkenntnis läßt zu wünschen übrig

Um ab 1. Januar 1982 die neue Software nutzen zu können und vorher noch Zeit zur Einarbeitung zu haben, sollte die Übergabe der Programme im Oktober 1981 stattfinden. In der Zwischenzeit hatten sich bei Multifunction jedoch die Zuständigkeiten geändert und Digger's Garden mußte sich mit neuen Ansprechpartnern auseinandersetzen. Die Programmierer kamen aus dem technischen Bereich und hatten wenig Erfahrung auf dem kommerziellen Gebiet. So gingen die Berliner davon aus, die erforderlichen Anpassungen könnten für jeden späteren Kunden wiederverwendet werden und müßten daher im Standardpreis enthalten sein. Multifunction hingegen verlangte zusätzliche Zahlungen, weil bestimmte Besonderheiten, beispielsweise Berlin-Präferenzen, nicht mehr unter den Standardgegebenheiten berücksichtigt werden könnten.

Schöller entrüstet sich, daß die Programmierer weder Vorstellungen von den Anforderungen und Problemen eines Großhandelsunternehmens noch Erfahrung im Umgang mit DV-Laien hatten. Daraus ergaben sich massive Verständnisprobleme, zumal Hall und Schöller es zunächst auch strikt ablehnten, sich mit den Hintergründen der DV zu beschäftigen. Sie wollten reine Anwender bleiben, um sich nicht von ihrem eigentlichen Geschäft ablenken zu lassen.

Aus "Unkenntnis der Branche" hatten die Kaufleute, wie Schöller zugeben muß, versäumt, die Projektrealisierung zu verfolgen. Als die Programme wegen Terminschwierigkeiten schließlich erst im März 1982 installiert wurden, mußten Januar und Februar nachfakturiert werden, was zu großen Problemen im Dispositions- und Mahnwesen führte.

Umsetzungen können ins Auge gehen

Zu allem Überfluß wollte auch die Arbeit am Rechner nicht recht vorankommen, weil "alles trotz der Größe der PDP/11 so unheimlich langsam war" (Schöller). Der Grund dafür sei wohl im Betriebssystem zu suchen gewesen, das von CTS-300 auf CTS-500 umgeschrieben werden mußte, um Multi-Terminal-Fähigkeit zu ermöglichen.

Im Laufe der Zeit häuften sich die Programmausstiege und Fehler. Die Folge war eine gegenseitige Schuldzuweisung. Multifunction war der Ansicht, es handle sich um vom Anwender verursachte Bedienungsfehler, während Schöller auf die Schwachstellen der Software verwies, die heute auch der Anbieter nicht mehr leugnet. Auch über eine ordnungsgemäße Programmübergabe gingen die Meinungen auseinander.

Ende Juli 1982 meldete die Hamburger Multifunction Konkurs an. Damit mußte Digger's Garden eine Anzahlung von 45 000 Mark sowie eine Gutschrift über 39 000 Mark für die Laufwerke in den Wind schreiben, die Multifunction inzwischen weiterverkauft hatte. Die Zahlungen wären zwar nach Abschluß des gesamten Projekts fällig gewesen, doch Digger's Garden fühlte sich in einer Zwangslage: Die Angst, man werde sie bei der Projektbetreuung. "ganz schlimm verhungern lassen", wie es Schöller befürchtete, wenn sie nicht im voraus zahlten, war letztlich größer als der Gedanke daran, Vorsicht walten zu lassen.

Die holländische Mutter gründete nach diesem Konkurs ein Zweigbüro in Deutschland und wollte von Hamburg aus den deutschen Markt weiter betreuen. Zu diesem Zweck wurden die wichtigsten Programmierer übernommen. Digger's Garden sah sich gezwungen, mit der neuen Multifunction Real Time Computer BV zusammenzuarbeiten, da der Periodenabschluß noch nicht beendet war. Die Hamburger Niederlassung machte daraufhin den Vorschlag, zum Preis von 35 000 Mark das ganze Programm neu zu schreiben und es dann fehlerfrei für Digger's Garden anzupassen. Für eine erste Fehlerbestandsaufnahme berechneten die Holländer schon mal 15 000 Mark, ohne daß laut Schöller eine merkliche Verbesserung festzustellen war.

Im Oktober 1982 einigten sich Schöller und Hall mit dem holländischen Geschäftsführer darauf, einen Softwarewartungsvertrag abzuschließen, der eine fachgerechte Betreuung gewährleisten sollte. Die alten Rechnungen mußten natürlich zuvor bezahlt werden. Drei Tage später jedoch stellte sich die Sachlage wiederum verändert dar: Digger's Garden wurde darüber in Kenntnis gesetzt, eine Wartung sei nur dann möglich, wenn "ein System von ausgetestet und funktionsfähig sei". Digger's Garden nahm diese Haltung nach eigenen Angaben als Zeich(...) dafür, daß Multifunction nur noch an ihnen verdienen wollte und entschloß sich, ohne Support weiterzuarbeiten.

Rechtsansprüche sind oft nicht nachweisbar

Multifunction bestand darauf, finanzielle Ansprüche geltend zu machen und so endete der Streit vor dem Richter. Digger's Garden, die Beklagte, verlor den Prozeß in erster Instanz. Allem Anschein nach verhielt sich die Mutterfirma in jeder Hinsicht so geschickt, daß sie jegliche Eigenhaftung umgehen konnte. Es gab keine ausreichenden juristischen Beweise, um die Mutter als Rechtsnachfolgerin der Tochter haftbar zu machen. Trotzdem wollten sich die Berliner nicht geschlagen geben und erhoben Einspruch gegen die Klage. In zweiter Instanz wurde schließlich ein Vergleich geschlossen, demzufolge sich Multifunction mit drei Vierteln der Klageforderung zufrieden geben mußte. Digger's Garden hatte neben den durch den Rechtsstreit verursachten Kosten auch wegen der DV-bedingten Arbeitsausfälle den Gewinn eines ganzen Jahres in den Wind zu schreiben. Dabei gab es jedoch noch Glück im Unglück: Für die PDP/11 wird wesentlich mehr Software angeboten als für einen "Exoten", so daß sich gegebenenfalls leichter Ersatz beschaffen läßt.

Aus ihren bisherigen Erfahrungen zogen die Berliner die Lehre, sich doch mit dem Problemkreis DV näher zu befassen. Ferner haben sie von einem Münchner Softwarehaus Programme zunächst zur Probe installieren lassen, um nach einer gewissen praktischen Testzeit entscheiden zu können, ob sich der Kauf lohnt.