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12.04.1991 - 

Der Weisheit Schluß?

Der Erfolgshit Windows 3.0 hat zweifelsohne seine Macken

Windows 3.0 und kein Ende: Seit zehn Monaten ist die DOS-Erweiterung auf dem Markt, rund zwei Millionen Programmpakete wurden in dieser Zeit weltweit an den Käufer gebracht. Ist Windows 3.0 tatsächlich der Weisheit letzter Schluß? Im folgenden Artikel macht ein überzeugter Windows-Anwender einige kritische Anmerkungen zum Software-Shooting-Star des vergangenen Jahres.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich mag Windows 3.0. In meinen Augen zählt es zu den innovativsten Produkten seit der Markteinführung des perforierten Toilettenpapiers. Doch gerade das, was man mag, sollte man bisweilen auch kritisch betrachten.

Vor knapp einem Jahr ist Windows 3.0 mit einer ganzen Menge guter Vorsätze vorgestellt worden. An guten Wünschen und Vorschußlorbeeren seitens der Presse wurde weiß Gott nicht gespart, die meisten der Versprechen wurden auch eingelöst.

Windows bietet eine einheitliche grafische Benutzeroberfläche, die intuitiv mit der Maus bedient werden kann, und im Zusammenspiel mit einer EGA- oder VGA-Grafik auch optisch keine Wünsche offenläßt.

Frischzellenkur für das angejahrte MS-DOS

Auf der technischen Seite tut sich noch mehr. Beim Start von Windows 3.0 wird das etwas angejahrte Betriebssystem MS-DOS gewissermaßen einer Frischzellenkur unterzogen. Nach einem internen Prozessor-Reset startet Windows den Rechner neu und plötzlich ist ein PC multitasking-fähig und kann mit virtuellem Speicher umgehen, der trotz aller Leistungsfähigkeit der Hardware bislang von DOS, zur Kompatibilität verurteilt war - bis zum Urahnen aller Kompatiblen, dem Intel 8088-Prozessor, sollten schließlich alle Programme ablauffähig sein.

So weit, so gut - nur die Umsetzung des ganzen scheitert für den Anwender oft an Detailfragen. Beginnen wir bei der sogenannten einheitlichen Oberfläche von Windows. Schenkt man den Aussagen der Entwickler von Windows-Software Glauben, kann man beim konsequenten Einsatz von Windows jede Menge Schulungskosten sparen, denn wer erst einmal mit der Bedienung eines Windows-Programmes vertraut ist, dem fällt es - eben aufgrund der einheitlichen Oberflächengestaltung - nicht mehr schwer, ein anderes Windows-Programm zu erlernen.

Neu ist diese Idee nicht, nur gut. Gerade im Großkundenbereich machte sich in den letzten Jahren deutlich bemerkbar, daß die Schulungskosten das für Software - mitunter sogar für Hardware - nötige Investitionsvolumen um ein Vielfaches überstiegen. Wollte man also weiter im Software-Geschäft bleiben, mußte man sich eine Möglichkeit einfallen lassen, eben diese Schulungskosten beim Kunden drastisch zu reduzieren.

Vorbild war hier sicherlich die durchgängige Bedienerführung, die auf dem Apple Macintosh seit Jahren selbstverständlich ist. Damit soll übrigens nicht gesagt werden, daß Apple der Erfinder der grafischen Benutzeroberfläche ist - darüber haben zur Zeit die Gerichte zu befinden. Allerdings war Apple tatsächlich die erste Firma, die konsequent darauf achtete, daß Programme für den Macintosh auch aussagen wie Programme für den Macintosh und dementsprechend leicht bedient werden konnten.

Leider scheint der gute Vorsatz, es dem Mac nachzutun, bei Microsoft nicht auch zu entsprechendem Handeln geführt zu haben. Denn während jedes Programm, das sich im Markt als Macintosh-Programm ausweisen will, von Apple dafür freigegeben werden muß, darf sich alles, was unter MS Windows lauffähig ist, auch als Windows-Programm bezeichnen.

Microsoft scheint es nicht für nötig zu halten, selbst darauf zu achten, daß der Name Windows, "sauber" bleibt. Solange die wichtigsten Standardprogramme für Windows von Microsoft selbst kommen - das ist derzeit mit Excel und Word für Windows der Fall - ist das unproblematisch.

Hier war bislang lediglich zu bemängeln, daß der Anwender von Word für Windows eine Datei "öffnen" mußte, während der Excel-Anwender eine Datei "laden" mußte, um dasselbe Ergebnis zu erreichen. Ab Excel 3.0 - neu zur CeBIT 1991 - darf nun auch der Excel-Anwender Dateien öffnen.

Zum Suchen zu langsam - zum Ansehen zu schnell

Der Ärger beginnt aber bereits bei "Superbase", einem relationalen Datenbanksystem von Precision Software, das von Microsoft selbst nahezu uneingeschränkt für den Einsatz im "Windows Office" empfohlen wird: Hier hielten es die Entwickler für sinnvoll, die flexible Windows-Oberfläche um zusätzliche Schaltfelder zu erweitern, die dem Blättern in einer Datenbank dienen sollen.

Diese Schaltflächen sind in Funktionalität und Optik an die Bedienungselemente eines Video-Recorders angelehnt und ermöglichen beispielsweise en "Schnelldurchlauf" einer Datenbank. Verkneift man sich einmal die Frage nach dem Sinn einer solchen Funktion (zum Suchen zu langsam und zum Ansehen der Datensätze zu schnell), bleibt immer noch die Frage nach der Konsistenz der Windows-Oberfläche. Den Superbase-Entwicklern war hier offensichtlich die Konsistenz zu Superbase auf dein C64 wichtiger.

Die Menüs sind ineinander verschachtelt

Ein anderes Beispiel ist "Wincad Drafix", ein CAD-Programm, um dessen Vermarktung sich North American Software bemüht. Hier sind die Menüs ineinander verschachtelt und ändern sich je nach dem augenblicklichen Zustand der Arbeit. Den Windows-Anwender, der auf das SAA-Grundgesetz vertraut, wonach identische Funktionen immer an derselben Stelle wiederzufinden sind, bringt diese Oberfläche zur Verzweiflung. Ergebnis: Die Software dürfte ihn - so er das Programm konsequent einsetzen will - schleunigst in die Arme des nächsten Schulungsunternehmens treiben.

Eher anekdotischer Charakter kommt in diesem Zusammenhang der Markteinführung von Lotus 1-2-3 Version 3.1 zu. Angesichts der Tatsache, daß Programme, die nicht unter Windows lauffähig sind, immer schwerer an den Käufer gebracht werden können, hat Lotus die Oberfläche von 1-2-3 an Windows angeglichen und wird nicht mehr müde zu behaupten, die neue Version könne von Windows aus gestartet werden - was für 1-2-3 ebenso zutrifft, wie für jedes andere DOS-Programm, ganz gleich wie angejahrt es auch sein mag.

Was jede Winzer-Genossenschaft unmittelbar auf die Palme treiben würde, läßt Microsoft also offenbar völlig kalt: Erkennbare Schritte gegen diesen zumindest fragwürdigen Gebrauch des Etikettes "Windows" wurden bislang nicht unternommen. Der Kunde wird es wohl von selbst merken.

"Viel WSYI und wenig WYG"

Ähnlich konsequent zeigt sich Windows, wenn es um die Einlösung des Versprechens "WYSI-WYG" geht. Bekanntermaßen steht diese unhandliche Abkürzung für das Schlagwort "What You See Is What You Get" - gemeint ist damit, daß das, was ein Programm dem Anwender auf dem Bildschirm anzeigt, identisch sei mit dem, was der Drucker irgendwann einmal ausgibt. Grundsätzlich ein ebenso lobenswerter wie papiersparender Gedanke - wären da nicht wieder die vielen kleinen Details, die das Leben so schwer machen können.

Voraussetzung für Wysiwyg ist zunächst einmal die Bifdschirmdarstellung im Grafikmodus - die bietet Windows bekanntlich. Ebenso nötig ist aber auch, daß der Druckertreiber und der Bildschirmtreiber gut miteinander zusammenarbeiten. Und da hapert es bisweilen.

Selbst die Microsoft-Postille "Microsoft System Journal" witzelte auf dem Titel der Ausgabe 2/91: "Viel WYSI und wenig WYG" - soll heißen, zwischen dem, was Windows zeigt, und dem was Windows ausgibt, bestehen unter Umständen ziemliche Diskrepanzen.

Natürlich ist dieses Problem lösbar: der Anwender hat die Möglichkeit, sich auf dem Wege über Softfonts zuverlässige Schriftarten zu besorgen - natürlich gegen Bares und nur wenn er bereit ist, einen weiteren Obulus in Form von Festplattenspeicher zu leisten. Oder - das ist der letzte Schrei - er kauft sich Font-Technologie zu. Angeboten werden derzeit der "Adobe Typemanager", "Bitstream Facelift" und "Softtype" von Z-Soft. Preis: jeweils ein paar hundert Mark. Für die Spielernaturen unter den Anwendern gibt es dazu noch "Truetype". Truetype ist eine neue Fonttechnologie, die von Microsoft und Apple gemeinsam angekündigt wurde: sie soll, jeweils Bestandteil der nächsten Versionen von Windows beziehungsweise des Mac-Betriebssystems werden.

Geschichte von System7- Cronique scandaleuse

Wann es soweit ist? Keine Ahnung. Die Geschichte von System 7, dem nächsten Mac-Betriebssystem seit seiner Ankündigung bis zu seiner bisher immer noch nicht erfolgten Auslieferung, gleicht schon jetzt einer Chronique scandaleuse. Dagegen sind Microsoft und die nächste Windows-Version 3.1 nicht so leicht zu fassen. Seit einiger Zeit werden Microsoft-Programme immer erst dann angekündigt, wenn sie bereits zur Auslieferung auf Lager liegen. Um den Markt auf ein Produkt vorzubereiten, bedient man sich zudem eines anderen Instrumentes: der gezielten Indiskretion. Zuletzt bei Excel 3.0 und Windows 3.0, von dem auf der CeBIT '90 jeder sprach, nur nicht Microsoft; zur Zeit bei MS-DOS 5.0 (irgendwie muß der Konkurrent "DR DOS" ja in seine Grenzen gewiesen werden) und bei Windows 3.1.

Der Vorteil dieses Verfahrens liegt beim Hersteller: Kein Marketingmanager und kein Pressesprecher muß sich neue Ausreden einfallen lassen, wenn er auf die Verspätung eines Produktes hingewiesen wird. Im Gegenteil, er kann sich sogar noch großzügig zeigen: "Sie wissen ja, daß wir Windows 3.1 noch nicht angekündigt haben, aber wenn Sie mir versprechen, nicht darüber zu schreiben..."

Zuverlässig wie ein Warentermingeschäft

Das Nachsehen hat der Anwender: Kommt das Update von Windows 3.0 auf Windows 3.1 vielleicht noch vor August 1991? Wenn ja, dann kann man sich die paar hundert Mark für den Adobe Typemanager eventuell ja sparen, denn Truetype wird Adobe-Type-1-Schriften unterstützen. Kommt es erst später, lohnt sich der Kauf des Typemanagers ja, vielleicht doch. Und so fort. Die Investitionsplanung für Software erhält so dieselbe Zuverlässigkeit, wie ein Warentermingeschäft in norwegischen Kaffeebohnen.

Wenden wir uns schließlich noch der technischen Seite von Windows zu: Laut Packungsaufdruck ist Windows lauffähig auf allen Personal Computern mit einem Intel 80286-Prozessor oder höher und mit mindestens 640 KB Arbeitsspeicher. Ein zusätzlicher Erweiterungsspeicher von 256 KB wird werksseitig empfohlen.

Technisch gesehen ist Windows 3.0 tatsächlich auf einem PC AT mit 640 KB RAM lauffähig, aber für viel reicht es nicht.

Dabei sind nur die wenigsten Anwender bereit, sich mit dem Wissen um die technischen Möglichkeiten und Finessen eines Betriebssystemzusatzes zu bescheiden. Was zählt, ist nach wie vor die Leistung, die ihm ein System zur Verfügung stellt, um seine tägliche Arbeit schneller und besser zu erledigen.

Hier stößt ein AT mit Intel 80286-Prozessor und einem Minimalspeicher sehr schnell an seine Grenzen. Selbst einfache Aufgaben, bei denen man ohne Windows kaum merkt, daß der Rechner tätig ist, werden mit Windows zur nervtötenden Geduldsprobe.

In der Praxis erweisen sich Rechner mit 386SX-Prozessoren und einem Arbeitsspeicher von zwei, besser noch vier Megabyte Kapazität als Mindestkonfiguration für den Einsatz von Windows 3.0.

Wer die Möglichkeiten von Windows und seinen Applikationen wirklich ausschöpfen will, der kommt um eine Highend-Konfiguration mit 386-Prozessor mit mindestens 25 MHz Arbeitstakt und über vier Megabyte RAM nicht herum.

Spekulieren über die Zukunft von Windows

Kommt Ihnen diese Konfiguration irgendwoher bekannt vor? Richtig, ein Rechner mit dieser Konfiguration ist gut für den Einsatz von OS/2 vorbereitet. Das gibt mir abschließend noch die Gelegenheit, ein wenig über die fernere Zukunft von Windows zu spekulieren.

Die Einführung von OS/2 als Betriebssystem der Zukunft (und damit als Cash-Cow für die Zukunft von Microsoft) ist bekanntermaßen nicht nach Plan gelaufen. Einer der Gründe dafür mag darin gelegen haben, daß die Rechner, die problemlos mit OS/2 und seinen hohen Ansprüchen an die Hardware zusammengearbeitet hätten, nicht vorhanden waren und im Markt auch keine Bereitschaft vorhanden war, diese Hardware anzuschaffen. Wer ist schließlich bereit, einige zehntausend Mark in Hardware zu investieren, bloß um ein Betriebssystem, für das kaum Applikationen existieren, installieren zu können?

Heißt es denn OS/2 oder Windows 4.0?

Inzwischen sieht die Lage anders aus: Windows 3.0 bietet dem Anwender eine hinreichend große Menge hochentwickelter Software an, läßt ihn aber auch deutlich spüren, daß es sinnvoll ist, seine Hardware entsprechend zu erweitern. In der Tat zeigt sich Windows für, jedes zusätzliche Kilobyte RAM unmittelbar mit höherer Arbeitsgeschwindigkeit erkenntlich.

So wird also nach und nach eine breite Hardwarebasis wachsen, die OS/2 als Betriebssystem einsetzen kann. Offen bleibt lediglich die Frage, ob man dann noch von OS/2 sprechen wird, oder das Betriebssystem nicht schlicht Windows 4.0 nennen wird.