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24.07.1987

"Der erhobene Zeigefinger des Personalrats"

Wir gehören als Personalrat nicht zu dem politischen Spektrum, das die COMPUTERWOCHE als "alternative Ecke" bezeichnet. Aber wir sind gewerkschaftlich organisiert, überwiegend in der ÖTV, und auch wir fühlen uns geradezu aufgerufen, uns in die Diskussion um ISDN einzumischen. Wir meinen nämlich, daß es zu den Aufgaben eines Personalrates gehört, sich um die sozialverträgliche Gestaltung neuer Techniken zu kümmern. Die Herstellerfirmen haben sicherlich nicht die sozialverträgliche Technikgestaltung als erstes Kriterium bei der Herstellung und dem Vertrieb ihrer Produkte. Deswegen müssen sich diejenigen, die damit arbeiten müssen, beziehungsweise deren Arbeit durch diese neuen Techniken überflüssig wird, einmischen und einbringen. Und dies geschieht unter anderem durch Gewerkschaften, Personalräte und solche Wissenschaftler wie Herbert Kubicek, die "den Gewerkschaften nahestehen".

Es dürfte unstrittig sein - und die vielen Veröffentlichungen gerade auch in Ihrer Zeitung belegen dies -, daß es gerade bei technischen Großsystemen noch eine Fülle ungeklärter Fragen gibt. Wir haben es mit neuartigen Entwicklungen zu tun, die ganz konkrete Belastungen erzeugen können. Und es ist sicherlich mit ein Verdienst von Herbert Kubicek, wenn die Diskussion um Chancen und Risiken und vor allem um Regelungsmöglichkeiten von ISDN intensiv geführt wird.

Herbert Kubicek hat nie behauptet, daß die Art der bei ISDN zu erwartenden Risiken mit denen der Kernkraft vergleichbar sei. Er weist allerdings darauf hin, daß der politische Umgang mit den technischen Systemen vergleichbar ist. Auch wir kritisieren es, daß erst Systeme installiert werden sollen und man sich dann Gedanken um die Regelungsmöglichkeiten (Mitbestimmung und Datenschutz), um die Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Arbeitsorganisation macht.

Und deswegen meinen wir, daß man sehr wohl aus den politischen Entwicklungen und Erfahrungen bei der Kernkraft, bei der Verkehrspolitik, bei der Chemie lernen müßte. Und insofern halten wir auch den Vergleich "ISDN - der schnelle Brüter der Nachrichtentechnik" für gerechtfertigt.

Wir müssen uns als Personalrat im Augenblick auch mit ISDN auseinandersetzen. Denn die Landesregierung Nordrhein Westfalen plant einen ISDN-Modellversuch bei der Stadtverwaltung in Dortmund. Und selbstverständlich fragen wir hier und heute danach, wie sieht es denn beim ISDN aus mit dem Schutz vor Leistungskontrolle und Überwachung der Beschäftigten?

Und wie sieht es aus mit dem Schutz von Daten von Bürgerinnen und Bürgern? Muß bei ISDN ein besonderes Abschottungsgebot eingeführt werden, das verhindert, daß sensible Daten aus verschiedenen Bereichen zusammenfließen.

Und wie sieht es denn aus mit der Vertraulichkeit bei Electronic Mail? Wer wird denn Zugriff auf diesen elektronischen Briefkasten haben? Gelten da noch die Regelungen wie bisher für die Briefpost, wo durchaus auch vertrauliche Meldungen versandt werden konnten? Wenn Vorgesetzte zum elektronischen Briefkasten Zugriff haben sollen, kann dann überhaupt noch irgend jemand eine persönliche Mitteilung in den elektronischen Briefkasten geben?

Und wie sieht es aus mit der Software-Ergonomie bei Bürokommunikation?

Und wie steht es mit den Belastungen von Beschäftigten, wenn zwei Dienste gleichzeitig genutzt werden können? Oder müssen gar zwei Dienste gleichzeitig genutzt werden? Doppelanschluß - Doppelbelastung?

Und wie steht es mit all den bisherigen Dienstvereinbarungen über die Arbeit an Bildschirmarbeitsplätzen? Da sind bestimmte Pausenregelungen vereinbart. Gelten die dann noch, wenn nun am gleichen Arbeitsplatz auch Telefax und Teletext und wer weiß was für Anwendungen anfallen? Oder müssen dann ganz neue Regelungen her?

Und wie sieht es überhaupt aus mit der Mitbestimmung? Die geltenden Mitbestimmungsrechte sind nicht auf solche offenen Netze abgestellt. Die Mitbestimmung bezieht sich eigentlich immer nur, auf die betrieblichen Bereiche.

Wie sieht es aber jetzt aus wenn die Postdienste hinzukommen? Wie sieht es aus bei der Telekommunikation? Wie kann dann ein Betriebs- oder Personalrat die Schutzinteressen der Beschäftigten wahrnehmen?

Und wie wird sich überhaupt die Arbeitsorganisation verändern? Welche neuen Berufsbilder wird es geben? Was geschieht mit den Frauen in den Zentralen Schreibdiensten, wenn Textverarbeitung an die Arbeitsplätze der Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter integriert wird?

Über diese Fragen muß doch vorher eine Antwort gefunden werden.

Wir würden uns freuen, wenn Sie zukünftig bei der Berichterstattung Ihrer Zeitung auch diesen Themen Raum widmen würden. Wir denken, daß es im Interesse aller ist, daß auf diese und viele andere Fragen befriedigende Antworten gefunden werden. Auf jeden Fall hat uns die Erfahrung im Betrieb und auch die Erfahrung bei vielen politischen Entwicklungen gelehrt, daß Dinge sich nur dann ändern, wenn sich Menschen einmischen und wenn sie Kritik auch vorbringen.

Und beim ISDN muß unseres Erachtens nach die Kritik so früh wie möglich auf den Tisch, damit all die Schwachpunkte, die jetzt noch bestehen, beseitigt werden können. Und auch beim ISDN sollte man auf keinen Fall die Frage von alternativen Lösungen vernachlässigen. Wir finden es auch gar nicht einsehbar, daß überhaupt nur noch die Entwicklungslinie ISDN finanziert, gefördert und diskutiert wird. Bei einer vorausschauenden und verantwortungsvollen Planung müßten sicherlich auch andere weniger problematische Alternativen überlegt werden. Dazu gehört sicherlich auch, daß man den Fragen der Arbeitsorganisation neue beziehungsweise mehr Beachtung schenkt als bisher.