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14.09.1984 - 

QS-Maßnahmen nur zäh zu realisieren:

Der Faktor "Mensch" ruckt in den Vordergrund

Die EDV ist in den meisten Unternehmen eine historisch gewachsene Realität, die mit zunehmender Komplexität ihre Eigengesetzlichkeiten entwickelt hat. Sie sind immer schwerer zu ändern. So ist es kein Wunder, daß allenthalben die "Software-Unqualität" beklagt wird, umfassende Maßnahmen zur ganzheitlichen Softwarequalitätssicherung jedoch nur äußerst zäh zu realisieren sind. Woran liegt das und was kann getan werden? Wie können Erkenntnisse moderner Unternehmensführung auch für die Software-Qualitätssicherung genutzt werden?

Mit dem wachsenden Einsatz der EDV als mächtiges Hilfsmittel zur Informationsverarbeitung hat die Software entscheidenden Einfluß auf die Erreichung der Gesamt-Unternehmensziele gewonnen.

Somit muß auch die Sicherung der Softwarequalität ganzheitlich gesehen werden. Ganzheitlich bedeutet in Anlehnung an die systemorientierte Managementlehre, daß sowohl bei der Software als auch bei der Software-Qualitätssicherung als Prozeß in der Praxis eine Vielzahl verschiedener Perspektiven simultan berücksichtigt werden muß, um Suboptimierungen, ungleichgewichtige und disharmonische Entwicklungen zu vermeiden. Für die Praxis bedeutet das, neben der Berücksichtigung modernern Software-Engineerings, vor allen Dingen eine verstärkte Berücksichtigung des Faktors Mensch.

QS-Maßnahmen auf jedem Level wichtig

Die Frage der Software-Qualitätssicherung ist längst nicht mehr nur Angelegenheit der Softwareentwickler, sei es Projektleiter, Systemanalytiker, Programmierer, Testmanager oder eigener Software-Qualitätsbeauftragter. Software-Qualitätssicherung muß, wie andere Fragen der Qualitätssicherung im Unternehmen auch, vom Topmanagement mitgetragen werden. Ebenso aber auch von den EDV-Endbenutzern.

Im wesentlichen ist das Management verantwortlich für die Schaffung bestmöglicher Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Software-Qualitätssicherung durch Ordnung und Fixierung von Aufgabeninhalten und Aktivitäten (Aufbauorganisation) sowie ein System von Regelung und Handlungsvorschriften (Ablauforganisation). Dazu gehört auch die Schaffung eines umfassenden Qualitätsbewußtseins unter besonderer Berücksichtigung von Effektivität ("to do the right things") und Effizienz ("to do the things right").

In der Verantwortung der EDV-Endbenutzer liegt vor allen Dingen die Software-Qualitätskomponete "Gebrauchstauglichkeit". Zu sagen, was man will, wie man es will und warum man es will, sollte Sache der EDV-Endbenutzer sein, auch wenn wir in der Praxis leider noch relativ weit davon entfernt sind.

Richtig wäre es, wenn sich die Softwareentwickler auf ihre professionellen Stärken konzentrieren könnten, um damit ihre Verantwortung für die Software-Qualitätskomponenten "Wartbarkeit und Erweiterbarkeit" sowie "Übertragbarkeit" entsprechend gerecht zu werden.

Wie weit sind wir in der Praxis von diesen Zielen entfernt? Wer kennt nicht die alten Klagen und Pauschalvorwürfe, "die EDV-Endbenutzer wissen ja nicht, was sie wollen" und "wir lassen uns nicht länger von den EDV-Leuten bevormunden"? Wie erreichen wir hier eine Verhaltensänderung ohne starre Regeln und Vorschriften, die früher oder später ohnedies wieder scheitern?

"Organisationsentwicklung ist das Management von Veränderungen unter Einbeziehung des Faktors Mensch. Soweit die Definition des Begriffes. Organisationsentwicklung bedeutet soviel wie geplanter organisatorischer Wandel. Es ist eine Art Sammelbegriff für den koordinierten Einsatz sozialwissenschaftlicher Methoden der Einflußnahme mit dem Ziel, innerhalb einer Organisation (Unternehmen, Abteilung) notwendig gewordene Struktur- und Verhaltensänderungen zu erkennen und auf der Grundlage eines gemeinsamen Lernprozesses - also durch Evolution - zu verwirklichen.

Qualität verlangt Offenheit

Ein Organisations-Entwicklungsprojekt wird von der Gesamtheit der Mitglieder einer organisatorischen Einheit zum Beispiel dem ganzen Unternehmen oder einem Bereich getragen. Inhalt der Organisationsentwicklung ist die Bearbeitung konkreter Fragen und Probleme der täglichen Arbeit, der gemeinsamen Zukunft. Die einzelnen Schritte der Organisationsentwicklung - Analyse, Planung, Durchführung und Auswertung - vollziehen sich auf der Grundlage offener Informationen und aktiver Mitwirkung der Betroffenen. Die Einflußnahme auf die Gestaltung und Entwicklung der Organisation erfolgt in weitestem Sinne durch eine Verbesserung der Kommunikation, insbesondere durch das Einleiten von Teamarbeit, durch das Schaffen von Lernsituationen und durch die Erweiterung von Handlungsspielräumen.

Im Organisations-Entwicklungsprozeß wird das Schaffen von Situationen angestrebt, in denen individuelle und Gruppeninteressen offengelegt, bestehende Machtverhältnisse transparent gemacht und vorhandene Konflikte bearbeitet, das heißt auf dem Verhandlungsweg neue Lösungen zugeführt werden. Die Planung von Veränderungen in der Gegenwart erfolgt unter der Berücksichtigung sowohl der besonderen historischen Entwicklung der Organisation in der Vergangenheit als auch einer weitblickenden Vorausschau und deren mögliche Zukunft.

Ganzheitliche Software-Qualitätssicherung im Unternehmen ist eine gemeinsame Aufgabe des Managements, der EDV-Endbenutzer und der Softwareentwickler. Der Wunsch nach guter Software und die Notwendigkeit nach Organisation der Softwarequalitätssicherung muß von allen Beteiligten gesehen und getragen werden. Erfahrungsgemäß finden Verhaltensänderungen ja nur unter relativ großem Druck von innen und außen statt, so daß damit zu rechnen ist, daß spürbare Veränderungen erst dann zustande kommen, wenn Schäden aus fehlender Softwarequalität die Grenze der Erträglichkeit deutlich überschritten haben.

Das Management hat die Aufgabe, das Organisationsentwicklungsproblem zu definieren und die Voraussetzungen für eine gute Abwicklung zu schaffen, das heißt namentlich Fixierung des Ziels und der Beteiligten sowie Sicherung eines phasenweisen Vorgehens. Darüber hinaus hat das Management für ein Klima des gegenseitigen Vertrauens, offener Kommunikation und zielstrebiger Kooperation zu sorgen.

Softwareentwickler und EDV-Endbenutzer müssen die beiderseitige Bereitschaft, einander zu helfen sowie von einander zu lernen, mitbringen. Die praktischen Maßnahmen zur Verbesserung der Verständigung und Zusammenarbeit reichen von gelegentlichen Problemlösungsklausuren über die Einrichtung von Qüalitätssicherungsteams und Qualitätszirkeln über die Job-Rotation zwischen Fachabteilung und Softwareentwicklung sowie die Benennung von eigenen Kontakt- und Koordinationspersonen zwischen den Abteilungen bis zum gemeinsamen Bier nach Feierabend.

Killerphrasen taugen nichts

Der qualifizierte DV-Endbenutzer wird nicht umhinkommen, ein gerüttelt Maß an Fachausbildung in Theorie und Praxis auf sich nehmen, um die Möglichkeiten und Grenzen der EDV realistisch einschätzen und seine Anforderungen an die Software realistisch formulieren zu können. Wesentlichste Aufgabe des DV-Endbenutzers ist und bleibt jedoch die Kenntnis seines Geschäftes, wobei allerdings zu wünschen wäre, daß weniger vergangenheitsorientiert in Richtung Substitution bisheriger Arbeiten als vielmehr zukunftsorientiert in Richtung Innovation für zukünftige Leistungen gedacht würde.

Auch die Softwareentwickler sind aufgerufen, mehr an die Zukunft als an die Vergangenheit zu denken. "Das haben wir bisher so gemacht", ist als Killerphrase zu disqualifizieren. Wenn wir wissen, daß die EDV ein Abbild des Unternehmens ist, eines Unternehmens eingebettet in pulsierende Märkte, dann müssen neue Lösungen erheblich flexibler werden als die bisherigen; dies um so mehr, als wir angesichts exponentiell wachsender Komplexität nicht mehr davon ausgehen können, unsere Software alle paar Jahre wegschmeißen und neu schreiben zu können.

Wer heute noch glaubt Software, Softwarequalität und Software-Qualitätssicherung seien nur Fragen technisch-analytischer oder technische-konstruktiver Natur, liegt schief. Software, Softwarequalität und Software-Qualitätssicherung sind in hohem Maße organisatorischer, um nicht zu sagen soziologischer Natur.

Das ist es, warum auch die Software-Qualitätssicherung ganzheitlich gesehen und angepackt werden muß.

*Dr. Walter Wintersteiger ist Leiter des Geschäftsbereiches Beratung und Schulung der Vorarlberger Rechenzentrum Ges.m.b.H., Dornbirn, und Präsident des Softwaretest-Österreich.