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08.06.1984 - 

Nippons Söhne mit ihren eigenen Mitteln schlagen:

Der fernöstliche Mythos wird entzaubert

Die jährliche Wachstumsrate des japanischen Bruttosozialproduktes war - insgesamt und pro Kopf - während der letzten zwei Jahrzehnte bei weitem die höchste in der industrialisierten Welt. Nur keine "Japanik", meint trotzdem Professor Lawrence G. Franko in seinem Buch "Die japanischen multinationalen Konzerne. Herausforderung und westliche Gegenstrategien".

So entzaubert er viele der Mythen über die Wettbewerbsfähigkeit der Japaner. Aufgezeigt werden darüber hinaus aber auch die Strategien, die der Westen beachten muß, wenn er die Japaner mit ihren eigenen, erfolgreichen Mitteln schlagen will.

Nicht auf allen Gebieten ist die japanische Industrie der westlichen überlegen. 14 Mitgliedsstaaten der OECD (Großbritannien eingeschlossen) haben ein höheres Bruttosozialprodukt als Japan. Außerdem liegt das absolute Niveau der japanischen Gesamtproduktivität pro Industriearbeiter niedriger als in den Niederlanden, der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz, Norwegen, Belgien, den USA, Frankreich, Kanada Schweden, Österreich und Dänemark. Japan stellt also für den Westen nicht unbedingt ein "massives Handelsproblem" dar.

Der japanische Exportanteil in die EG-Staaten betrug 1980 lediglich 2,5 Prozent aller Importe der EG-Industrienationen und auch nur 4,8 Prozent aller EG-Importe aus Nicht-EG-Quellen. Absolut und relativ gesehen waren die japanischen Exporte in die USA höher. Sie erreichten im gleichen Jahr 13 Prozent aller Gesamtimporte in die Vereinigten Staaten. Allerdings gehen auch zehn Prozent aller amerikanischen Exporte nach Japan. Diese Zahlen beweisen, daß das tatsächliche Eindringen der Japaner ins Bruttosozialprodukt des amerikanischen Marktes sehr geringfügig ist.

Wenn es ein japanisches Handelsproblem gibt, liegt es im Vordringen hochspezialisierter japanischer Produkte in bestimmte westliche Branchen und Marktbereiche.

Fragwürdige Erfolgsfaktoren

Zahlreichen Faktoren hat man die wirtschaftlichen Erfolge Japans in den letzten Jahren zugeschrieben. Davon treffen einige wirklich zu, wie die sehr hohen Investitionen Japans in festes Kapital, die Kontigentierung dieser Investitionen in Teilbereiche mit weltweit rapidem Wachstum und relativem Arbeitsfrieden. Andere wiederum sind eher als fragwürdig zu bezeichnen.

So etwa die Rolle, die dem Ministerium für internationalen Handel und Industrie (MITI) zugewiesen wird. Der Mythos von der Hauptverantwortlichkeit des MITI für die japanischen Erfolge hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Seine Funktion ist seit Mitte der 60er Jahre rückläufig. Japan verdankt seine großen Erfolge eher dem gnadenlosen Preis- und Qualitätswettbewerb aller japanischer Firmen untereinander, der sich in erster Linie auf dem nationalen und später dann auch auf dem internationalen Markt abspielt.

Auch das "Big-business" wird in seinem Einfluß stark überbewertet. Die internationalen Aushängeschilder der japanischen Industrie, wie etwa Honda, Sony und Matsushita, gelten m eigenen Land sogar oft als Einzelgänger.

In erster Linie ist aber die gängige Ansicht, daß die Japaner nur kopieren, lange überholt. Seit über zehn Jahren haben japanische Firmen ihre eigenen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten aufgebaut - und das in einem oftmals weit größeren Außmaß als ihre westlichen Konkurrenten. Dies gilt sowohl für die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel als auch für die Anzahl der Ingenieure und Wissenschaftler, die man mit Forschungs- und Entwicklungsaufgaben betraut. Die japanische Industrie konzentriert ihre Forschungs- und Entwicklungsarbeit in hohem Maße auf die Verbesserung schon vorhandener Technologien

und vernachlässigt, im Vergleich zum Westen, radikale Innovationen.

Der Konkurrenzkampf der Japaner beginnt und endet im eigenen Land. Die Industrie muß sich den Anforderungen des Inlandmarktes stellen. Die japanischen Innovationen sind deshalb darauf gerichtet, Rohstoffe, Energie und Raum zu sparen.

Die japanischen Neuentwicklungen sind ,,kei-haku-tan-sho", wörtlich übersetzt: .,leicht, schmal, knapp und klein". Miniaturisierung und höhere Präzision - in diese Richtung geht in Japan der Trend der Technologie.

Der Westen konzentrierte sich bisher weitgehend auf die scheinbar "höherwertigen" Märkte und auf die genau entgegengesetzten Produktmerkmale. Während hierzulande Diversifikation groß geschrieben wird, entwickeln sich japanische Konzerne organisch, sie betreiben vertikale Integration und schöpfen alle Möglichkeiten innerhalb einer bestimmten Produktrichtung aus.

Management-Praktiken in Japan

Definition der organisatorischen Aufgaben, Aufrechterhaltung der Struktur, Kontinuität im Investitionsbereich, Weiterentwicklung von Produkten und Verfahren sowie Schulung von Mitarbeitern durch Forschung und Entwicklung, Risikobereitschaft, Abstimmung realistischer Ziele mit den vorhandenen Ressourcen - all diese strategischen Gesichtspunkte beherrscht das japanische Management.

Um so überraschender ist die Tatsache, daß sich die westliche Faszination vom japanischen Management auf keinen dieser Faktoren bezieht. Im Westen schiebt man die Erfolge des japanischen Managements allein auf die Begabung, "die Dinge auf richtige Art und Weise in Angriff zu nehmen" - eine rein personalwirtschaftliche Interpretation. Motivation durch eine "typisch japanische" Form des Umgangs miteinander ist aber nicht die einzige Erklärung dafür, daß der japanische Arbeitnehmer stets bemüht ist, seinen Teil zur Produktionssteigerung beizutragen.

Demzufolge ist das System des japanischen Managements in seiner Motivation, in seiner Belohnung und Bestrafung weitaus stärker an die finanziellen Ergebnisse gebunden als die Lohn- und Gehaltsabschlüsse im Westen. Japan gehört zu den wenigen Ländern, in denen Löhne nach unten hin flexibel sind.

Multinationale Herausforderung

In Japan beginnt die Multinationalisierung im eigenen Land. Gemeinschaftsunternehmen mit ausländischen Partnern galten in Japan von jeher als Teil jener kontinuierlichen Bemühung, die darauf abzielte, die Japan-fremde Terminologie und das ausländische Management kennenzulernen. Nachdem man sich zunächst in Japan mit fremdländischen Methoden und Menschen erfolgreich auseinandergesetzt hatte, war es für die Japaner keine Schwierigkeit, mit ausländischen Verkaufsagenten, Anlagemanagern und Angestellten auch außerhalb Japans zu verhandeln.

Erleichtert werden die Förderung des japanischen Exports, die Suche nach Rohstoffen und der Einstieg der Japaner in die ausländische Produktion bisher durch die "sogo shosha" die General-Handelsgesellschaften. Diese wurzeln tief im heimischen Markt und erfüllen wichtige Funktionen unterschiedlichster Art. Sie veranstalten weltweit wichtige Informationstreffen und meistern kulturelle und sprachliche Barrieren, die sonst den japanischen Handel beeinträchtigen könnten. Allerdings waren sie in der Beschaffung von Gütern erfolgreicher als im Export der japanischen Waren, denn die japanischen Firmen ziehen es generell vor, im Ausland ihr eigenes Verteilersystem aufzubauen, während sie die Entwicklung peripherer Märkte den "sogo shosha" überlassen.

Worin sich japanische multinationale Konzerne tatsächlich von westlichen unterscheiden, ist die Orientierung der Japaner hin zu Produktionsstätten in Asien und Lateinamerika. Dort haben sie den Vorteil billiger, aber hochproduktiver Arbeitskräfte. Sie nutzen jene Produktionsstätten extensiv als Plattform für den Export in wieder andere Länder. Die meisten der multinationalen Aktivitäten der Japaner beziehen sich auf neue Industrieländer, die weder in Nordamerika noch in Europa liegen.

Qualitätsorientiertheit und wertzuwachsorientierte Neuerungen unter anderem bei den integrierten Schaltungen haben in der Halbleiterindustrie der Japaner dazu geführt, daß die japanischen Produkte das einst von den Amerikanern gehaltene Monopol brechen konnten.

Der weltweite Verkauf von Mikrocomputern und Mikroprozessoren hat in den letzten zehn Jahren die Milliardengrenze überschritten. 70 Prozent des japanischen Anteils an der gesamten Weltproduktion (26 Prozent) werden den integrierten Schaltungen zugeschrieben.

Zum Teil liegt die sich zusehends verstärkende Dominanz der integrierten Schaltungen aus Japan darin begründet, daß sie für breite Verbraucherschichten entwickelt wurden. Der Schwerpunkt der USA liegt dagegen eher in Richtung "professionelle" Computer und Verteidigungsindustrie. Die Europäer setzen allein auf den militärischen Bereich.

Finanzielle Mittel für Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Elektronik kommen in Japan in größeren Ausmaßen von privaten Geldgebern als in Europa und den USA. 98 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsfonds stammen dort aus firmeneigenen Quellen. Unterstützungsprogramme von seiten der Regierung sind unbedeutend. Der Konkurrenzkampf der japanischen Unternehmen untereinander ist auf diesem Sektor sowohl auf dem nationalen als auch auf dem internationalen Markt sehr hart. Im Westen hat die staatliche Unterstützung zwar dazu beigetragen, bahnbrechende Neuerungen anzuregen, aber es gibt so gut wie keine Anzeichen dafür, daß diese wirklich bedeutend für den Markt waren.

Gegenstrategien für den Westen

Für die multinationale Bedrohung von seiten der Japaner ist eher die Kurzsichtigkeit des Westens verantwortlich zu machen als die Tüchtigkeit der Japaner. Die westlichen Konzerne haben auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung viel zu wenig geleistet und sie stellten einen viel zu engen Horizont in bezug auf Zeit, Raum, Produkte und Marktsegmente unter Beweis. Vor allem aber muß der Westen sich den Vorwurf gefallen lassen, im Niedrigpreismarkt versagt und auch hier den Japanern alle Wege geebnet zu haben. Lebensfähiger Wettbewerb verlangt weitsichtige Strategien. Staatlich geförderte Industriepolitik ist kein Allheilmittel, insbesondere dann nicht, wenn sie die Firmen ihrer Wettbewerbskräfte beraubt, anstatt diese zu stärken.

Protektionismus, Kartelle, staatliche Subventionen und Unterstützungsprogramme sind kein Ersatz für eine zukunftsorientierte und effektive Unternehmensführung. Eine vielseitige Firmenpolitik, die Forschung und Entwicklung einen breiteren Raum gewährt, ist auch im Westen realisierbar.

Weitere Berichte in der nächsten Ausgabe.