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25.06.1995

Der ganz normale Windows-Wahnsinn

Dieter Eckbauer

Windows 95 ist zum Objekt fuer beinahe jede nur denkbare Form von Spekulation geworden: OS/2-Killer, Beta(test)blocker, Multimedia- Hebamme, Microsofts Waterloo womoeglich - viel Brimborium um ein Produkt, das es offiziell noch gar nicht gibt. Es kann deshalb nicht ueberraschen, dass die Traeume vieler amerikanischer Boersenanalysten aus Gates-Garn gesponnen sind. "Wall Street Ties Its Fortunes to Windows 95", titelte das "Wall Street Journal". Daran wird deutlich, dass Microsoft fuer neutrale Beobachter endgueltig zum Superstar, zur IBM der 90er Jahre aufgestiegen ist - mit einem Unterschied: Praesenz und Wirkung in den Massenmedien haben im PC-Zeitalter enorm zugenommen.

Frueher hiess es, dass die gesamte DV-Industrie angesteckt wird, wenn Big Blue einen Schnupfen bekommt. Das waren Insideransichten. Selbst IBM-Kenner wussten im Grunde wenig ueber das Innenleben des Mainframe-Monopolisten, der als unverwundbar galt. Wie sich im nachhinein zeigte, als Big Blue scheinbar aus heiterem Himmel in eine schwere Unternehmenskrise geriet, konnten die Symptome nicht gedeutet werden, was fuer eine Analyse wichtig gewesen waere. Doppelte Ironie: Selbst die Topmanager der IBM waren sich ueber die wahren Gruende im unklaren. Dass man heute schlauer ist, die Erkenntnisse aber offensichtlich noch nicht umsetzen kann, steht auf einem anderen Blatt.

Doch zurueck zum Windows-Wahnsinn. So verstaendlich die Aufregung ist - die Boersianer sollten die Kirche im Dorf lassen. Keine Sorge, ein Flop, ein Windows-95-Bumerang, der die IT-Industrie am Kopf trifft, macht noch keine Baisse. So duenn ist die Branchenhaut nicht. Umgekehrt wuerde selbst ein Windows-Wunder keine Hausse ausloesen. Killerapplikationen sind nicht in Sicht. Multimedia? Daran werden Seelendoktoren, die auf die Behandlung frustrierter Computermarketiers spezialisiert sind, noch ihre helle Freude haben. In der Hoffnung, auf ergiebige Marktvorkommen zu stossen, bohren die IT-Hersteller immer tiefer. Ihr Pech ist, dass sie den Bohrturm nicht einfach versetzen koennen. Sie muessen das komplette Gestaenge hochziehen und an einer anderen Stelle neu beginnen. Auch diese kann die falsche sein. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Jeder Bohrexperte wird ihnen das sagen. Doch das Sondieren kostet Zeit, die die Multimedia-Anbieter nicht haben.

Nach diesem Vergleich kann Windows 95 bestenfalls der Bohrkopf sein. Damit ist alles ueber die marktstrategische Bedeutung der Microsoft-Software aus Kundensicht gesagt. Die "Wall Street" scheint das nicht zu stoeren. Ihr Wenn-nicht(Windows 95)-was-dann- Wehklagen wirkt nicht sonderlich ueberzeugend. Die Anwender werden schon wollen. Man muesste ja sonst die Gewinnerwartungen nach unten revidieren. Unterschaetzen sollte man die Suggestivkraft der Windows-Weissagung keineswegs. Das Vertrackte daran ist, dass sich die Anbieter unter Zugzwang setzen. Fuer die Anwender sollte das indes kein Massstab sein. Sie koennen mit der Umstellung auf ein neues Betriebssystem warten, ob es nun Windows 95 oder Windows- wer-weiss-wie-was heisst.