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16.04.1993 - 

Software-Engineering steht vor neuen Herausforderungen

Der gemeinsame Markt verlangt europaweite Informationssysteme

Europaweite Informationssysteme werden die neuen Nervenstraenge sein, um die oeffentlichen Verwaltungen in einem geeinten Europa naeher zusammenzubringen. Sowohl die Industrie als auch jeder einzelne wird davon profitieren. Wichtige Kommunikationsaufgaben sind bereits in Planung.

Edis soll fuer den elektronischen Austausch von Sozialdaten zwischen nationalen Behoerden sorgen: beispielsweise fuer das Verrechnen von Rentenanspruechen, die ein Arbeitnehmer nun in verschiedenen EG-Laendern erwerben kann. "Eures" wird ein internationales DV-unterstuetztes Stellenvermittlungs-System fuer Arbeitsplaetze bei EG-Behoerden sein. Der Wegfall der Grenzkontrollen durch das Schengener Abkommen bringt ein Sicherheitsdefizit, das durch ein europaweites elektronisches Polizeifahndungs-System ausgeglichen werden soll. Weitere Projekte wie ein Netz fuer Ueberwachung und Austausch von Umweltdaten haben bereits im Rahmen von ENS (European Nervous System) begonnen.

Neben Behoerden wird auch der Dienstleistungssektor, also etwa Banken und Versicherungen, europaweite Informationsnetze brauchen, um den Herausforderungen des gemeinsamen europaeischen Marktes gerecht zu werden.

Der foederalen Struktur Europas gerecht werden

Riesige Summen werden hier in den naechsten Jahren investiert werden. Die europaeische Hardware- und Software-Industrie erwartet grosse Auftraege. Doch ist sie dieser Herausforderung auch gewachsen?

Europaweite Informationssysteme stellen neue Anforderungen an die Informationstechnologie (IT), die bei der Entwicklung von Hardware und Software beruecksichtigt werden muessen. Die zentralisierten Datenverarbeitungs-Systeme, wie sie heute noch bei Behoerden und Verwaltungen vorherrschen, werden durch hochgradig verteilte Strukturen abgeloest, nicht zuletzt, um der foederalen Struktur Europas gerecht zu werden. Systeme mit innovativen Kommunikationseigenschaften muessen bereitgestellt werden. Eine enge Verzahnung zwischen Hardwaretechnologie und Softwaresystemen ist die Folge. Dies kann nur durch kooperative Entwicklung von Systemplattformen und Software-Engineering-Methoden gewaehrleistet werden.

Die Partner Bull, Olivetti und Siemens-Nixdorf nehmen diese Herausforderung an. Durch ihre Kooperation legen sie die Basis, um in diesem Marktsegment eine aktive Rolle zu uebernehmen. Ihr Ziel ist es, europaweit schluesselfertige Systemloesungen anzubieten.

Das EMSC hat die noetigen Weichenstellungen dazu vorbereitet. In einem Competence Center bei Neapel werden die Faehigkeiten der gemeinsamen europaeischen Hardwareplattformen von Bull, Olivetti und Siemens-Nixdorf zum Informationsaustausch und zur Kooperation getestet und die Portabilitaet der Softwaresysteme demonstriert. Diese Systeme auf der Basis des Betriebssystems Unix werden die Grundkomponenten der zukuenftigen verteilten Informationssysteme bilden.

Die effiziente Produktion der Systeme und insbesondere der Software-Anteile wird durch System- beziehungsweise Software- Engineering-Methoden gesteuert. Die gemeinsame Entwicklung von Systemen erfordert die Abstimmung der herstellerspezifischen Methoden.

In Muenchen wurden die Methoden der drei Anbieter harmonisiert und um die neuen Kommunikationstechnologien erweitert. In einem Labor bei Paris werden die Entwicklungswerkzeuge installiert und validiert.

Das EMSC koordiniert auch die Forschungs- und Entwicklungsaktivitaeten der drei Partner im Bereich multilingualer Systeme. Denn eine Eigenheit der EG ist die Vielzahl der Amtssprachen in ihren Mitgliedslaendern. Sich auf eine Sprache zu einigen, ist politisch nicht durchsetzbar und in einem multikulturellen Europa auch nicht erwuenscht. Kommunikative Systeme muessen deshalb auch eine Anpassung der uebertragenen Information in die jeweilige Landessprache unterstuetzen. Die Partner entwickeln hierfuer gemeinsame Loesungen.

Was fuer die kulturelle Eigenstaendigkeit selbstverstaendlich ist, naemlich eigene Sprachen, ist auf dem Gebiet der Software- Entwicklungsstandards ein grosses Hindernis.

Aufwendige europaweite Informationssystemprojekte koennen nur noch durch Kooperation verschiedenster Hardware- und Softwarehaeuser entwickelt werden. Nicht angepasste System-Engineering-Methoden sind ein starkes Kooperationshemmnis.

Einen Beschaffungs-Standard definieren

Auch die EG-Kommission hat dies erkannt und das Euromethod- Projekt ins Leben gerufen. Es ist in mehreren Phasen bis Ende 1996 geplant. Ein Konsortium aus verschiedenen europaeischen Softwarehaeusern und

dem EMSC fuehrt eine Teilphase des Projekts zur Zeit durch. Es soll einen oeffentlichen Beschafferstandard fuer die Planung, Entwicklung und den Betrieb von Informationssystemen definieren. Basis ist die Harmonisierung der in den zwoelf EG-Laendern eingesetzten Software- Engineering-Methoden. Keine leichte Aufgabe, denn auch hinter nationalen Methoden stehen Marktinteressen.

Waehrend Euromethod in einem Wurf eine europaweit einheitliche Methode entwickeln will, beschreitet das EMSC zusaetzlich auch den Weg der kleinen Schritte, zunaechst einzelne Methoden zu vergleichen und zu harmonisieren.

In Sachen Software-Engineering-Harmonisierung hat das EMSC schon Pionierarbeit geleistet. Es hat eine Vergleichs- und Konvergenzstudie zweier wichtiger europaeischer Entwicklungsmethoden fuer Informationssysteme, SSADM (die Beschaffermethode des oeffentlichen Dienstes in Grossbritannien) und Grapes (die von Siemens-Nixdorf entwickelte grafische Engineering- Sprache) durchgefuehrt. Der Ergebnisbericht, in Kooperation mit der britischen Computer- und Telekommunikationsbehoerde CCTA

erstellt, liegt bereits in Buchform vor 1). Die Zusammenarbeit mit Bull und Olivetti fuehrte zur Entwicklung der BOS-Engineering- Methode, die Grapes, Omega (eine Variante des franzoesischen Beschafferstandards Merise) und die Olivetti-Methode (Mois) harmonisiert. Zusaetzlich enthaelt die BOS-Engineering-Methode Techniken zur Beschreibung von Verteilungsaspekten, wie sie in europaweiten Informationssystemen auftreten.

Aber neben der Harmonisierung der Methoden, also einer Begriffsdefinition und einer Vorgehensstrategie, muss auch eine Harmonisierung der grafischen Beschreibungssprachen erfolgen. Eine Aufgabe, die das Euromethod-Projekt erst in seiner letzten Phase anpacken wird.

Eine europaeische Beschreibungssprache entwickeln

Die Bedeutung einer gemeinsamen europaeischen System- und Software-Engineering-Sprache kann nicht ueberschaetzt werden. In vielen IT-Projekten wird bereits bei der Ausschreibung eine formale Spezifikation vorgeschrieben. Die Methoden und die ueblicherweise grafischen Beschreibungen variieren von Land zu Land.

In Hinblick auf den gemeinsamen Wettbewerb der Anbieter ist diese europaeische Vielfalt nicht nur unverstaendlich, sie ist gefaehrlich. Denn der Zuschlag fuer die Entwicklung eines Systems wird bald selbstverstaendlich an die formale Beschreibung des Entwicklungsfortschritts geknuepft werden. Nur so ist es zukuenftig moeglich, grosse IT-Projekte zu kontrollieren, zu managen, zu simulieren, zu entwickeln, zu integrieren und zu warten.

Weshalb sollte dieses Prinzip EG-weit angewandt werden, gebunden an eine einheitliche Methode und Sprache?

Gerade hier kann Europa weltweite Standards setzen. Damit beginnt das EMSC jetzt schon mit der Entwicklung einer europaeischen Beschreibungssprache. Dies erfordert die Einbeziehung weiterer starker europaeischer Partner. Kontakte zu CCTA und Softwarehaeusern sind bereits geknuepft.

Ein europaeischer Standard fuer System-Engineering-Methoden und Sprachen wird der IT-Industrie den Wettbewerbsvorsprung geben, der auf der Hardwareseite teilweise verloren ist.

Das ist keine Wunschvorstellung. Der Erfolg moderner Technologien ist nicht zuletzt ein Erfolg standardisierter, im wesentlichen in Europa entwikkelter Methoden (experimentelle Physik) und Symbolsprachen (Mathematik), die mit dem noetigen gesunden Menschenverstand und Erfahrung kombiniert werden. Vor allem in den Hochlohnlaendern Europas ist dies eine vielversprechende Strategie. Das EMSC wird die Rolle des Know-how-Zentrums uebernehmen, eines Motors der Innovation und Promoters fuer Methoden und Werkzeuge.

1) Rudolf Duschl, Mic Hopkins (Hrsg.): SSADM & Grapes. Two Complementary Major European Methodologies for Information Systems Engineering. Springer Verlag, Berlin - Heidelberg - New York 1992, 320 Seiten, 102 Mark.

*Dr. Rudolf Haggenmueller ist Direktor des European Methodology & System Center (EMSC) in Muenchen. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung aus Europa Magazin, Heft 1 + 2/1993, S. 89-90.