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04.10.1996 - 

Componentware

Der höhere Komfort wird seinen Preis haben

Angesichts der stets umfangreicher werdenden Softwarepakete wächst der Wunsch nach griffigen Komponenten, die untereinander agierend ganz genau nur soviel können, wie der Anwender braucht. Auf diese Weise hoffen Anwender - vorausgesetzt, die Komponenten sind richtig zusammengesetzt und granuliert -, endlich die langersehnte Wiederverwendbarkeit von Software erreichen zu können.

Ein solcher Ansatz firmiert seit einiger Zeit unter dem neuen Schlagwort Componentware und kommt aufgrund verschiedener Entwicklungen schnell voran. Die Gefahr besteht allerdings, daß wieder einmal von einem vielversprechenden Ansatz zu schnell zu vieles erwartet wird. Höhere Komplexität reduziert teilweise wieder die Vorteile der Wiederverwendbarkeit.

Es kann davon ausgegangen werden, daß sich in den folgenden zwei Jahren Softwarepakete als Basisbibliothek von Komponenten neu positionieren werden. Wenn hier von Komponenten die Rede ist, kann man sich etwa die Dynamic Link Libraries (DDLs) in Windows als Vorbild denken: kleine Programmeinheiten von 200 bis 400 KB Länge, die die spezifischen Funktionen des Betriebssystems erfüllen und von diversen Programmen in Dienst genommen werden können.

Es gibt drei treibende Kräfte, die die PC-Industrie in Richtung Componentware drängen: Erstens sehen sich unabhängige Software- Anbieter ermutigt, ihre Anwendungen in Teile zu zergliedern, die sich leicht für eine Vielzahl unterschiedlicher Applikationen wiederverwenden lassen (zum Beispiel eine Chart-Funk- tion). Zweitens gibt es Anwender, die unablässig nach passenden Anwendungen suchen und bestrebt sind, die Funktionalitäten ihrer Anwendungspakete in ihren eigenen zugeschnittenen Applikationen wiederzufinden. Drittens bewegt sich der Entwicklungsgang der Systemsoftware in Richtung auf Objektmodelle, die den Einsatz von kleinen, wiederverwendbaren Komponenten geradezu voraussetzen.

Nachfolgend sollen einige Aspekte der kommenden Componentware näher beleuchtet werden. Ein wichtiger Aspekt sind die zu erwartenden allgemeinen Marktdynamiken für Software und Support, ein weiterer die technischen Trends.

Bei Einsatz von Componentware müssen Finanzierungs- und Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen, wie man sie bisher für Softwarepakete angestellt hat, auf die Probleme von Einzelanwendungen übertragen werden.

Der Softwaremarkt könnte sich ändern

Anbieter sind herausgefordert, die richtigen technischen und strategischen Angebote für alle Positionen in der Componentware- Hierarchie zu entwickeln. Unter anderem bedarf es angemessener Geschäftsmodelle. Organisationen müssen mit einer wachsenden Zahl von Endbenutzern rechnen, die eine immer größere Zahl von "taktischen" Applikationen in kürzerer Zeit produzieren.

Wie wird Componentware den Verkauf von Software beeinflussen? Die granulare Natur von Komponenten (im Gegensatz zu den monolithischen Softwareprodukten von heute) wird zu einer Vielzahl neuer Kanäle führen, über die Software in die Unternehmen gelangt. Spezifische vertikale und horizontale Applikationen werden weiterhin als Pakete über Händler und Value Added Resellers (VARs) ins Haus gelangen. Darüber hinaus werden kleinere Gruppen miteinander verbundener Komponenten, die auf einer Diskette Platz finden, über unterschiedliche Verbreitungsformen - beispielsweise über Läden, über Telesales oder als Disketten und CDs auf den Titelseiten von Magazinen - für die Anwender zugänglich sein. Einzelne Komponente lassen sich aufgrund ihrer Größe (100-200 KB) leicht elektronisch übertragen.

Wir erwarten "Shopping Malls" von Komponenten, die - erbaut um individuelle Kernbibliotheken - die primären Quellen für einzelne Komponenten darstellen werden. Diese Malls werden sowohl über alle wesentlichen elektronischen Dienste (zum Beispiel in Compuserve, American Online, Prodigy und Microsoft Network) als auch über Internet und unternehmensspezifische elektronische schwarze Bretter verfügbar sein.

Obwohl die volle Zerlegung von großen Softwaresuites noch zwei Generationen dauern wird, werden Kompatibilitätsprogramme den Komponentenmarkt - speziell für horizontale Erweiterungen von Suite- und Non-Suite-Containern - vorantreiben. Solche Programme sind beispielsweise "Lotus Business Partners" und "Microsoft Office Compatible".

In diesem Jahr stehen horizontal erweiterte Komponenten im Vordergrund. Die schnelle Ausbreitung dieses neuen Softwaretyps in den Organisationen zieht Konsequenzen nach sich, die aufmerksam zu verfolgen sind. Anwendern, die meinen, daß sie selbst in der Lage sein müßten, alle Desktop-Software innerhalb des Unternehmens zu kontrollieren, wird diese Verschiebung zur Componentware einiges abfordern. Die Aufrechterhaltung eines effektiven Managements verlangt nach einer geeigneten Software-Management-Infrastruktur, die gleichermaßen die installierten Produkte, deren Versionen und die Übereinstimmung mit den Kauflizenzen im Griff behält.

Wie wird die Softwarezerlegung in Komponenten die Support- Infrastruktur beeinflussen? Die meisten Unternehmen treffen ihre Entscheidungen für den Kauf von Softwarepaketen auf der Basis von Produktfunktionen und der Möglichkeit, sie in die vorhandenen Produktsammlungen integrieren zu können. Sie ordern den Support erst nach der Produktauswahl, selbst wenn die Supportqualität als Selektionskriterium in die Entscheidung mit einging. Dieses Modell ist jedoch nicht mehr praktikabel, sobald der Desktop als Ansammlung von Komponenten funktioniert und jedes Dokument mittels verschiedener Softwareprodukte von unterschiedlichen Lieferanten entsteht.

Für fast alle Unternehmen sind die Kosten bei internem Support für einen Komponenten-Desktop unvertretbar hoch. Jedes auftretende Problem will "desintegriert" sein, bevor klar ist, welche Komponente beziehungsweise welche Komponenteninteraktion Fehler aufweist. Die optimale Lösung wird darin bestehen, den Support an einen spezialisierten Supportanbieter zu übergeben, der sich auf die Komponenteninteraktion spezialisiert hat und den gesamten Desktop pflegt. Die zukünftige Produktauswahl wird es erforderlich machen, die Zuverlässigkeit des Supportanbieters zu testen, bevor man irgendeine Komponente anschafft.

Entgegen dem allgemeinen Glauben, daß die Komponentenzerlegung von Software mit einer Senkung der Softwarepflegekosten einhergehen müsse, geht die Gartner Group davon aus, daß sich die Benutzerkosten erhöhen werden. Anhand zweier Beispiele, dem DLL- Management und dem Fall der zerstörten Verbindung zweier Komponenten, sei dies im folgenden dargestellt.

DDLs erlauben die nachladbare Nutzung von Programmbibliotheken und -code zur Laufzeit von Applikationen unter Windows. Sie stellen eine spezifische Gruppe von Windows-Komponenten dar und sind ein Vorbote dessen, was sich unter dem Begriff Componentware anbahnt. Heute stehen Benutzer der Herausforderung gegenüber, mit diversen DLLs verschiedener Softwarehersteller zurechtkommen zu müssen. Versionskontrolle und korrekte Plazierung der DLLs in die Verzeichnisstruktur erhöhen die Komplexität der Benutzerumgebung.

Der Gartner Group sind Benutzer bekannt, die durchschnittlich mehrere Monate im Jahr mit DLL-bezogenen Problemen zu tun haben. Das kostet jährlich vierstellige Beträge. Die wahrscheinlich höheren Kosten infolge der Arbeitsunterbrechungen sind darin noch gar nicht inbegriffen.

Das zweite Beispiel für den höheren Wartungsaufwand im Zusammenhang mit Component- ware bieten zerstörte Verbindungen zusammenhängender Dokumente. Wenn heutzutage Benutzer unter Einsatz von Object Linking and Embedding (OLE) Dokumente verbinden, geschieht das über einen Zeiger, der auf den Namen des zu verknüpfenden Dokumentes zeigt. Wird diese Datei verschoben oder umbenannt, ist die Verbindung zerstört.

Oftmals sind sich Benutzer dieses Umstandes nicht bewußt und verschwenden viel Zeit, um Dateien aufzuspüren, von denen sie annehmen, daß sie zur Verbindung gehören. Oft wissen sie nicht, welcher Art diese Verbindung war. Schlimmer noch: Dateien und Daten können auch verlorengehen, wenn Benutzer - im Glauben, daß Links existent sind - übersehen, daß das nicht mehr gilt, wenn die Daten in der Tat nicht mehr existieren.

Dieser Typus des zerbrechlichen Linkens wird nicht verschwinden, solange OLE-Anbieter Microsoft keine Directory- und Management- Werkzeuge zur Verfügung stellt, die diese grundlegenden Probleme in Angriff nehmen. Das wird jedoch sicher nicht vor 1997 oder 1998 geschehen, denn erst dann könnte Microsoft mit einem objektorientierten File-System (OFS) kommen. OFS soll mit dem "Cairo"-Release von Windows NT erscheinen.

Es ist schwierig, exakte Geldbeträge anzugeben, die Benutzer ausgeben, um embryonale Formen von Componentware einzusetzen. Gleichwohl ist davon auszugehen, daß die Beträge dafür schnell steigen werden, sobald Componentware in Form von Office-Paketen und Endbenutzer-Entwicklungswerkzeugen vorherrschend wird. Selbst primitive Formen von netzwerkvermittelten Komponenten sind zu erwarten und werden wachsende operationelle Kosten nach sich ziehen.

Aus all dem ergibt sich die Schlußfolgerung, daß Componentware evolutionär vorankommt, daß aber Geschwindigkeit und Richtung noch nicht deutlich auszumachen sind. Wie bei anderen Informatikkonzepten auch - siehe Objektorientierung, Client-Server oder Multimedia und Internet - zeigt sich, daß euphorische Erwartungen oft blind machen. Componentware ist sicher kein kurzfristiger Kosteneinsparungsfaktor. Trotzdem stehen wir am Anfang einer Entwicklung, die die Teilung großer Pakete in Komponenten dringend erforderlich macht, um die zunehmende Komplexität und Menge an Software bewältigen zu können.

Angeklickt

Viele Anwender setzen derzeit Hoffnungen in kleine, wiederverwendbare und kostengünstige Components. Diese sollen nicht mehr können, als der Anwender braucht, und miteinander agierend auch größere Systeme bilden. In diesem Wunsch spiegelt sich die Unzufriedenheit über komplexe Software wider, die mit teuren Funktionalitäten überladen ist, die selten oder nie gebraucht werden. Doch das Konzept der Componentware bringt einige neue Probleme mit sich. Ob es zu kostengünstigerer Software- Erstellung taugt, ist zumindest fraglich.

*Frank Sempert ist Geschäftsführer der Gartner Group in Frankfurt.