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12.04.1985

Der Informatiker: gefordert als Fachmann und als Staatsbürger

Dr. Hermann Rampacher

Geschäftsführer der Gesellschaft für Informatik e.V. Bonn

Erstmals in der Geschichte können Menschen durch die wissenschaftlich fundierte Technik Umwelt und Gesellschaft in jeder Hinsicht revolutionär verändern. Ins Zentrum der modernen Technik rückt die Informatik, da durch ihre Methoden und Ergebnisse "geistige Arbeit", die bisher ausschließlich dem Menschen vorbehalten war, in wachsendem Umfang maschinell erledigt werden kann. Die gerätetechnische Basis für die Bewältigung der immer vielfältigeren Informationsverarbeitungsprobleme wird derzeit von Mikroelektronik und Nachrichtentechnik bereitgestellt, die Grundlagen der maschinellen Lösungsverfahren und deren Anwendbarkeit in Rechensystemen vom Mikrocomputer bis zum Rechnernetz werden von der Informatik erforscht. Wenn heute Telekommunikation, Bürokommunikation, Fertigungsautomatisierung, Weltraumfahrt oder auch Gebiete wie Hochenergiephysik, Intensivmedizin, Meteorologie ohne die Informatik-Komponente nicht mehr möglich sind, können sich die Informatiker ihrer gesellschaftlichen Verantwortung genauso wenig entziehen wie etwa Kernphysiker oder Gentechnologen.

Die derzeit meisten gesellschaftlichen Konflikte in den westlichen Demokratien sind keine Ziel-, sondern Steuerungskonflikte. Sie entstehen dadurch, daß über den Weg zu weitgehend unbestrittenen Zielen - wie Friedenssicherung, Frieden mit der Natur, Erhaltung einer lebenswerten Umwelt, Recht auf Arbeit, Erhaltung von Freiheit und Menschenwürde - kontroverse Vorstellungen bestehen, die sich noch verschärfen, wenn offenbar mehrere Ziele nicht gleichzeitig realisierbar sind.

Aus einer allgemeinen gesellschaftlichen Verantwortung heraus handelt der einzelne Informatiker moralisch richtig, wenn er bei Steuerungskonflikten die Rationalität der gesellschaftlichen Kommunikations- und Entscheidungsprozesse zu stärken versucht. Die allgemeine gesellschaftliche Verantwortung jedes Wissenschaftlers gebietet ihm demnach, dazu beizutragen, Emotionen in der politischen Auseinandersetzung zu dämpfen und folgerichtige Argumentation zu stützen.

Die fachliche gesellschaftliche Verantwortung des Wissenschaftlers, also insbesondere auch des Informatikers, verlangt von ihm, kompetente Stellungnahmen abzugeben wo seine fachliche Arbeit zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Konsequenzen führen kann.

Sein Ziel muß sein, einzelne politische Entscheidungsträger, Entscheidungsgremien und die Öffentlichkeit in den Grenzen seiner fachlichen Kompetenz durch wohlbegründete Argumentation aufzuklären. Wo aber die Fachkompetenz des einzelnen endet, besteht seine moralische Verantwortung fort, die "Scientific Community" der Informatiker dahinzubringen, gesellschaftlich relevante Fragestellungen mit genau der Offenheit und Intensität zu erforschen wie andere Anwendungsprobleme der Informatik in Technik, Wirtschaft, Recht und Verwaltung auch. Dabei muß er in seiner Darstellung berücksichtigen, daß die Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Aussagen über rein technische Systeme ungleich höher ist als die über soziotechnische Systeme. Ich versuche, an drei Beispielen gesellschaftlich verantwortliches Handeln des Informatikers aufzuzeigen.

Bei der politischen Diskussion des Datenschutzes kann der Informatiker fachlich nichts dazu beitragen, welche personenbezogenen Informationen im einzelnen nun schutzwürdig sind oder nicht. Dies ist eine wertende Zielentscheidung, in die der Informatiker nicht als Fachmann, sondern nur als Staatsbürger eingreifen kann. Er sollte als Spezialist vielmehr die Aufmerksamkeit der Politiker oder der Öffentlichkeit darauf lenken, daß das eigentliche Problem in der unkontrollierten Verknüpfung dezentral maschinell gespeicherter Informationen besteht. Er sollte weiterhin kompetente Vorschläge unterbreiten, wie eine unzulässige Verknüpfung personenbezogener Informationen technisch unterbunden werden kann. Lassen sich unzulässige Verknüpfungen nach dem Stand der Technik nicht verhindern, dann muß schon die reine maschinelle Speicherung ihrem Umfange nach reduziert werden: Es darf keinen "gläsernen Menschen" geben!

Das Wohlergehen unserer Gesellschaft ist wesentlich von einer leistungsfähigen Wirtschaft abhängig: Nur so kann unser System der sozialen Sicherheit halten oder gar verbessert werden, und nur so haben arbeitsfähige Menschen Chancen, eine ihrer Ausbildung und ihren Fähigkeiten entsprechende Beschäftigung zu finden. Ohne eine internationale Spitzenstellung der Informatikforschung und der Informatik-lndustrie der Bundesrepublik wird aber die deutsche Volkswirtschaft den scharfen internationalen Wettbewerb nicht bestehen können. Rechnet man doch beispielweise in den USA damit, daß bis zum Ende dieses Jahrtausends die Informationstechnik den zweiten Platz in der Rangfolge der Branchen einnehmen wird; ohne die steuernde Intelligenz von Computern ist aber die Informationstechnik schon heute unvorstellbar. Für die rohstoffarme und eng besiedelte Bundesrepublik ist überdies die umweltfreundliche und rohstoffsparende Informationstechnik eher noch wichtiger als für die USA.

Andererseits gibt es derzeit keine ausreichend empirisch gestützten, theoretisch fundierten Modellvorstellungen über die Auswirkung der absehbaren Entwicklung von Informatik und Informationstechnik auf die Arbeitsplätze und die Leistungsfähigkeit des sozialen Sicherungssystems im Rahmen des weltweiten Wettbewerbs. Der einzelne Informatiker überschreitet also den Rahmen seiner fachwissenschaftlichen Kompetenz, wenn er inhaltlich zum Problemkreis "Arbeitsmarkt und Informationstechnik" Stellung bezieht. Er handelt aber im Rahmen eben dieser Kompetenz und damit gesellschaftlich verantwortlich, wenn er nachhaltig die Einrichtung einschlägiger interdisziplinärer Forschungsprojekte innerhalb der Informatikforschung fordert oder innerhalb seines Zuständigkeitsbereiches tatkräftig unterstützt. Kommissionen zur Technikfolgen-Abschätzung einzusetzen reicht allein genausowenig aus wie Behörden oder isolierte Forschungseinheiten auf diesem Gebiet einzurichten. Vielmehr muß die Erforschung von gesellschaftlichen Folgen der Informatik-Entwicklung integrierter Bestandteil der Informatikforschung selbst sein.

Übrigens hat der Fakultätentag Informatik bereits 1976 in seinem Fächerkatalog das Fach "Gesellschaftliche Bezüge der Informatik" eingeführt. Auch die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) widmet einen ihrer insgesamt acht Fachbereiche der Thematik "Informatik und Gesellschaft". Zum Jahreswechsel appellierte der Bundespräsident zum wiederholten Mal an die Wissenschaftler, die Verantwortung für die Folgen ihrer Erkenntnisse selbst mitzuübernehmen und nicht einfach auf die Politiker abzuwälzen.

Das alle Menschen bedrängende Probleme der Friedenssicherung hat weltweit Natur und Ingenieurwissenschaftler zu engagierten Diskussionen und auch Stellungnahmen veranlaßt - treiben doch gerade naturwissenschaftlich-technische Forschungen und Entwicklungen die Rüstungsspirale weiter an. Durch die breite Anwendbarkeit der Methoden und Ergebnisse der Informatik können Grundlagenforschung und militärische Anwendungen weit näher beieinanderliegen als bei den meisten anderen Ingenieurwissenschaften. Unabhängig von ihrem persönlichen staatsbürgerlichen oder gar parteipolitischen Engagement handeln Informatiker im Rahmen ihrer Fachkompetenz, wenn sie die Entscheidungsträger in Ost und West auf die besonderen Gefahren hinweisen, die mit der Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen in Europa wegen der kurzen Vorwarnzeiten verbunden sein können Diese kurzen Vorwarnzeiten legen ein "Launch on Warning" nahe, das heißt die Delegierung der Startentscheidung für die Raketen an ein automatisches Frühwarn- und Entscheidungssystem.

Solche Systeme sind aus zwei technischen Gründen prinzipiell fehleranfällig. Einmal können die Warn- und Entscheidungsmodelle, die den das System steuernden Programmen zugrunde liegen, nicht alle Kombinationsmöglichkeiten von Ortungs- und Entscheidungsszenarien enthalten; es ist also niemals auszuschließen, daß der automatisierte Prozeß zu Fehlreaktionen mit irreversiblen Folgen führt, weil die im vorliegenden Verteidigungsfall vorhandenen Bedingungen bei der Systementwicklung "vergessen" wurden. Neben dieser "prinzipiellen Unvollständigkeit der Modelle" muß damit gerechnet werden, daß beim Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten des äußerst komplexen Frühwarn- und Entscheidungssystems Fehler auftreten; man könnte hier von "Betriebsstörungen" aufgrund der "Undurchschaubarkeit" des Gesamtsystems sprechen "Launch on Warning" bedeutet also eine technische Überforderung eines jeden Computersystems!

Ein Informatiker handelt der Gesellschaft gegenüber verantwortlich, wenn er Entscheidungsträger wie Öffentlichkeit fachlich kompetent aufklärt, außerhalb seines Kompetenzbereiches zu einer emotionsarmen, argumentativ getragenen Entscheidungsfindung beitragt, gleichzeitig aber in seinem beruflichen Umfeld versucht, den Kompetenzrahmen seines Faches planmäßig in Richtung auf gesellschaftlich bedeutsame Fragestellungen zu erweitern