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12.11.1982

Der Informationsverschmutzung folgt die lnformationsmoral

Wenn wir spüren, daß wir nach dreißig Jahren Computerzeitalter erst am Anfang des Zeitalters der Informationstechnik stehen, so trifft dies noch viel mehr für die Gestaltung ihrer Anwendungen zu. Konkret lassen sich die neuen Handlungsspielräume, die gestaltet werden müssen, so wenig beschreiben wie wir die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte kennen. Aber wir können einige Alternativen beim Namen nennen, die sich bereits jetzt abzeichnen.

Werden wir zum Beispiel die neuen technischen Möglichkeiten nutzen, um mehr Informationstransparenz zu schaffen und mehr Zugang für mehr Menschen zu qualitativ besseren Informationen? Oder werden wir die neuen Möglichkeiten der Massenmedien, der elektronischen Post, der Informationsbanken dazu nutzen, um noch mehr Uninteressantes noch schneller als bisher zu verbreiten und damit die Informationsverschmutzung zu verschlimmern?

Ängstliches Verhindern

Wir können uns auch Informationsbanken vorstellen, die für alle, die sich an den Kosten beteiligen, wissenschaftliche, technische und wirtschaftlich relevante oder bildungsrelevante Informationen bereithalten, einschließlich des Zugangs zu Informationsbanken anderer Länder und Kontinente, mit segensreichen Auswirkungen für Forschung und Entwicklung, für die Reaktion der Unternehmen auf technische oder marktmäßige Veränderungen, für den Bildungsstand der Bevölkerung, für das Urteilsvermögen der Konsumenten. - Man könnte sich aber ebenso vorstellen, daß solche Informationen privilegierten Gruppen vorbehalten bleiben, daß internationale Informationsströme staatlich gefiltert, verzollt oder verboten werden, daß viele wertvolle Informationen an ihrer Quelle bleiben, weil sich eine Behörde oder eine wissenschaftliche oder wirtschaftliche Organisation weigert, auch nichtgeheime Dinge der Öffentlichkeit zugänglich zu machen - womöglich unter Berufung auf den "Datenschutz".

Wir können uns eine Zukunft vorstellen, in der die Möglichkeiten der Telekommunikation in der Organisation der Arbeit wie in der Organisation des Gemeinschaftslebens zur Dezentralisierung genutzt werden, zu mehr Selbstbestimmung am Arbeitsplatz und zu mehr Bürgernähe in Verwaltung und Politik. Auf der anderen Seite ist mehr Zentralisierung technisch durchaus möglich.

Wir können auch die neuen Techniken zu weit mehr und weit persönlicherer Kommunikation zwischen Menschen nutzen, da Kommunikation von der Technik her demnächst weit leichter, schneller billiger und persönlicher sein kann als früher, zum Beispiel im Vergleich von Telefon zu Bildtelefon, von Briefpost zu elektronischer Post, von Kabelverbindungen zu Satellitenfunk im Überseeverkehr. Aber wir können auch die Kommunikation unmenschlicher machen, indem wir uns hinter die Technik zurückziehen und unpersönlicher als früher miteinander verkehren.

Nicht zuletzt können wir mit Datenschutz die enormen zusätzlichen Möglichkeiten von Informationsspeicherung, Informationszugang und Kommunikation sicherer und zuverlässiger machen und damit die Voraussetzungen für einen ungehinderten Informationsaustausch schaffen. Wir können aber im Zeitalter des Technikpessimismus auch uns im ängstlichen Verhindern von Information verlieren und damit wesentliche Chancen der neuen Technik zunichte machen - und dies zu Beginn einer Zeit, von der die Fachleute sagen, daß der verbesserte Zugang zu Information die Auswirkungen besserer Informationsverarbeitung noch übertreffen wird. In dieser Zeit wird jenes Unternehmen, jene Volkswirtschaft anderen überlegen sein, die schneller und billiger über die besseren Informationen verfügen, auf wissenschaftlich-technischem, auf wirtschaftlichem oder auf politischem Gebiet. Andererseits muß jedes gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben dort zum erliegen kommen, wo jeder alles weiß und alles das Gleiche wissen. Hier die optimale Grenzziehung zu finden kann nur ein Kompromiß zwischen Informationsbedürfnissen und Geheimhaltungsbedürfnissen sein und geht über "Datenschutz", wie wir ihn heute verstehen, so weit hinaus wie die kommende Informationstechnik über die Datenverarbeitung.

Wie geht nun die Entscheidung für eine bestimmte Alternative unter mehreren neuen Möglichkeiten in einer Gesellschaft vor sich? Man könnte dies damit vergleichen, daß für neue Spiele, die es vorher noch nicht gab, neue Spielregeln entwickelt werden müssen, damit sie überhaupt gespielt werden können. Denn ohne Spielregeln funktioniert keine Kommunikation und kein Zusammenspiel, keine Zusammenarbeit.

Bei der Entwicklung solcher Spielregeln gibt es mehrere Ebenen:

- die Anpassung menschlichen Verhaltens an neue Anforderungen und Möglichkeiten,

- die Anpassung von Organisationsformen, zum Beispiel in Wirtschaftsunternehmen, in Behörden oder in den Streitkräften

- sowie die Entwicklung neuer gesellschaftlicher Institutionen und Normen.

Nehmen wir zunächst ein Beispiel für Verhaltensformung und stellen wir uns vor heute gäbe es plötzlich Bildtelefone und wir könnten, wollten wir telefonieren, nichts anderes mehr benutzen. Wir wären vermutlich ein wenig verlegen, weil wir nicht wüßten wie wir uns beim Bildtelefonieren unserem Gesprächspartner gegenüber verhalten sollten.

Andere Beispiele, die neue Verhaltensformen erforderlich machen, sind Videokonferenz oder der Dialog mit elektronischen Informationsbibliotheken.

Etwa gleichzeitig mit der Ausformung neuer Verhaltensweisen wachsen neue Organisationsformen. Beispiele hierfür sind die erwähnte Ausgestaltung flexiblerer Arbeitszeiten und Arbeitsorte infolge der neuen Telekommunikationstechniken.

Eine spätere Stufe ist die Entwicklung gesellschaftlicher Institutionen und Normen. Veränderte Institutionen werden zum Beispiel wahrscheinlich notwendig durch die neuen Techniken der Massenkommunikation, welche das heutige Rundfunk- und Pressewesen das Bildungssystem und das Funktionieren unserer parlamentarischen Demokratie tiefgehend beeinflussen könnte.

Neue gesellschaftliche Normen für neue informations-technische Möglichkeiten laufen auf nichts anderes hinaus als auf eine neue, den neuen Umständen angepaßte Informationsmoral.

Man könnte zum Beispiel angesichts der vielfach gesteigerten Möglichkeiten der Informationsverarbeitung und des Informationszugangs die Zeitgenossen auf den sorgsamen Umgang mit Informationen verpflichten im Sinne von Klarheit, Richtigkeit und Kürze. Man könnte auch besonders diejenigen zur Sorgfalt verpflichten, die Informationen erzeugen oder verbreiten, welche beachtliche Steuerungswirkungen im Gemeinwesen entfalten.

Spielraum notwendig

Aber man kann die Entwicklung solcher Spielregeln nicht wissenschaftlich oder bürokratisch bestimmen. Sie entwickeln sich aus der Erfahrung im sogenannten Prozeß von "Versuch und Irrtum". Dies schließt Fehlentwicklungen und Zick-zack-Kurse vor allem in der Anfangsphase mit ein - was nicht heißt, daß sie leichtfertig geschehen sollten. Deshalb kann man nicht mit guten Ergebnissen rechnen, wenn man solche Entwicklungen von Anfang an in die Korsetts von detaillierten und starren Regelungen zwängt, in denen ein Trial-and-Error-Prozeß der Suche nach den besten Gestaltungsmöglichkeiten gar nicht mehr stattfinden kann. Der Innovationsprozeß auf der Suche nach den besten Spielregeln braucht Spielraum und Flexibilität, und er braucht Anregungen durch die Teilnahme möglichst vieler kompetenter Mitspieler. Dies gilt sinngemäß auch für den Datenschutz.

Das Wichtigste im Zusammenhang mit neuen Spielregeln ist jedoch die Zielrichtung, in welche die Wirkungen der neuen Techniken gehen sollen, und der gesellschaftliche Konsensus über sie. Unsere Jugend fragt mit vollem Recht, wozu wir noch mehr Wohlstand und noch mehr Technik anstreben und was wir damit machen wollen. Pragmatisches Bestehen der Tagesprobleme gibt hierauf keine Antwort. Wir müssen Vorstellungen darüber entwickeln, wie unser Privatleben, wie unser Arbeitsleben, wie die Bundesrepublik in dreißig weiteren Jahren aussehen sollen. Auch diese Vorstellungen werden sich ändern im Prozeß von Versuch und Irrtum, indem wir durch Erfahrung dazulernen. Sie sollten die materielle Basis der technisch-wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nicht vergessen, denn ohne sie sind alle weiterführenden Ziele unrealisierbar. Aber sie sollten zugleich hin ausweisen über die erste Phase der Industrialisierung, die uns weitgehend von materieller Not befreit hat: Die zweite Phase könnte den Industrialismus menschenfreundlicher und naturfreundlicher machen. Die Auswirkungen der neuen Informationstechnik werden wir in diesem Rahmen nur dann zum Guten gestalten können, wenn wir einigermaßen ahnen, wozu und wohin - sonst wird das Ergebnis dem Zufall überlassen bleiben.

Obiger "Gastkommentar" ist einem Vortrag entnommen, der auf der 6 Dafta (Datenschutzfachtagung) in Köln kürzlich gehalten wurde.

*Dr Wilhelm K. Scheuten, IBM, Bereich Unternehmensverbindungen (Grundsatzfragen - Wirtschaftspolitik)

Ein Tagungsband zur 6 Dafta erscheint Anfang 1983 beim Datakontext-Verlag, Köln. Er enthält das vollständige Referat.