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13.12.1996 - 

Thema der Woche

Der Internet-Boom öffnet Linux die Tür zur Unternehmens-DV

Bei vielen Anwendern hat Linux nach wie vor den Ruf, vor allem ein Betriebssystem für Bastler und Studenten zu sein. Für den Einsatz in Unternehmen, so dieses Vorurteil, sei es nicht geeignet.

Dabei hält der kostenlose Unix-Clone gerade in technischer Hinsicht mit kommerziellen Systemen häufig mit und stellt sie in manchen Bereichen sogar in den Schatten. So unterstützt er mehr Hardwareplattformen als die Konkurrenz und liegt für den Alpha-Chip von DEC bereits heute als 64-Bit-Version vor. Gerade dem allseits zum Profi-System hochgejubelten Windows NT ist Linux in einigen Belangen technisch überlegen.

Professionelle Anwender freilich beeindruckt eine lange Liste technischer Glanzleistungen weniger. Für sie entscheiden Kriterien wie erwiesene Stabilität, Support und das Software-Angebot.

Was die Stabilität von Linux anlangt, ist es nach der anfänglichen Experimentierphase nun über diesbezügliche Zweifel erhaben. Die schon vor längerer Zeit getroffene Entscheidung, zwischen stabilen Kerneln für Produktionsumgebungen (sie tragen eine gerade Versionsnummer wie 1.2.x oder 2.0.x) und Entwicklerversionen zu unterscheiden, brachte einen großen Fortschritt. Berichte über den Einsatz von Linux unter schwerer Arbeitslast bezeugen die Verläßlichkeit des Systems (siehe dazu: "Survey: Mission critical Linux" unter http://free.rmnet.it/linux/).

Problematisch scheinen naturgemäß die Beschaffung und Qualität des Supports, wenn hinter einer Software nicht ein großer Anbieter, sondern eine Gemeinde weltweit verstreuter Entwickler steht. Vor allem gilt die Lebensweisheit, daß man keine Gewährleistung für etwas verlangen kann, wofür man nichts bezahlt hat. In der Praxis freilich muß sich der Linux-Anwender sowenig ohne Unterstützung behelfen, wie umgekehrt der Kunde kommerzieller Produkte sich dieser sicher sein kann.

Mit der Verbreitung des freien Betriebssystems - weltweit hat es nach Schätzungen über eine Million Anwender - entstehen auch Supportstrukturen. Linux-Distributoren betätigen sich durchweg als Dienstleister, die neben vorkonfigurierten Komplettsystemen auch Supportverträge anbieten.

Die Schattenseiten der Hilfsbereitschaft

Technische Hilfestellung erhalten Anwender durch die starke Verankerung von Linux im Internet. Zahlreiche Diskussionsforen im Usenet drehen sich um die Verwaltung und Benutzung von Linux. Die dort herrschende Hilfsbereitschaft hat indes auch ihre Schattenseiten: Anwender klagen, daß sie sich teilweise durch einen Wust von inkompetenten Beiträgen wühlen müssen, um schließlich die gesuchte Lösung für ein Problem zu finden. Eine wertvolle Informationsquelle bieten zudem die zahlreichen "How-tos" und Frequently Asked Questions (FAQs), die laufend aktualisiert werden.

Zwar existiert ein Menge freier Software für Linux, das Angebot an kommerziellen Programmen ist aber auf eigentümliche Weise mit der Supportproblematik verbunden. Softwarehäuser schrecken nämlich häufig vor der Unüberschaubarkeit zahlreicher Linux-Distributionen zurück, die ihnen die Kundenunterstützung erschweren könnte. Wenn sie Produkte für den Unix-Clone entwickeln, dann suchen sie deshalb etablierte Linux-Vertreiber, die ihnen eine einheitliche Plattform für ihre Software gewährleisten sollen. So verfährt beispielsweise die Software AG mit ihrem Datenbanksystem "Adabas D", das sie nur für "Caldera Desktop" anbietet. Es handelt sich dabei um die von Ex-Novell-Chef Ray Noorda entwickelte Linux-Ausgabe. Hierzulande übernimmt der in Berlin ansässige Vertreiber von Caldera, Lunetix, den First-Level-Support für das relationale Datenbank-Management-System (RDBMS), erst weitergehende Probleme werden dann an den Hersteller weitergeleitet. Ähnliches zeichnet sich mit Netscapes "Suitespot"-Servern ab. Die Internet-Company führt ebenfalls mit Caldera Gespräche über die Portierung der Produkte auf Linux.

Auf diese Weise bilden sich um einzelne Distributoren kommerzielle Gravitationszentren heraus, von denen nicht klar ist, ob sie der Weiterentwicklung des Systems insgesamt nutzen werden. So brachte es beispielsweise der britische Anbieter Lasermoon als erster Distributor mit seinem "Linux FT" auf eine Mitgliedschaft in dem Standardisierungsgremium X/Open. Es steht aber noch nicht fest, ob er das aus den zahlreichen Konformitäts- und Zertifizierungsver- fahren gewonnene Know-how an die Linux-Gemeinde weitergeben wird.

Dirk Haager von der Stuttgarter Delix GmbH, die die Deutsche Linux Distribution (DLD) zusammenstellt, sieht in der Bevorzugung bestimmter Distributionen ein untaugliches Mittel, um den Support in den Griff zu bekommen. Da Linux ständig weiterentwickelt wird und Updates überall kostenlos zu bekommen sind, können Anwender beliebig Änderungen an ihrem System vornehmen - egal von welchem Distributor es stammt. Er plädiert statt dessen dafür, den Support an die Versionsnummern wesentlicher Systemkomponenten wie Kernel, Laufzeitbibliotheken oder des X-Window-Systems zu koppeln. Im übrigen weist er darauf hin, daß in der Linux-Gemeinde ohnehin Standardisierungsbestrebungen im Gange sind, die die zwingende Kopplung von Anwendungen an bestimmte Distributionen überflüssig machen sollen. So setzt sich beispielsweise das von Red Hat entwickelte rpm-Format zur Installation von Software allgemein durch.

Proprietäres Gebaren beim Support

Daß die Verfügbarkeit kommerzieller Software bisher weniger an technischen Faktoren, sondern häufig am Distributionsmodell von Linux scheitert, zeigen auch die zahlreichen Programme für SCO Unix, die sich mit Hilfe des iBCS2-Emulators auf dem Freeware-System ausführen lassen. Obwohl beispielsweise Oracle 7 in der Ausführung für SCO Unix dank Anleitungen im Internet http://www.wmd.de/wmd/staff/pauck/misc/oracle-on-linux.html ohne weiteres unter Linux betrieben werden kann, leistet der Datenbankhersteller keinen Support für diese Konfiguration. Eine löbliche Ausnahme bildet hingegen das deutsche Softwarehaus Vektorsoft, das seine Entwicklungsumgebung "Konzept 16" auch dann unterstützt, wenn es unter der SCO-Emulation unter Linux läuft.

Welche Distribution dabei zum Einsatz kommt, ist nach Aussage des Supportbeauftragten Andreas Framm gleichgültig.

Neben der Tatsache, daß sich Linux nicht im Besitz eines Herstellers befindet und deshalb der Quellcode frei zugänglich ist, spricht vor allem der unschlagbar günstige Preis für das Betriebssystem. Freilich wird die Ersparnis von ein paar tausend Mark kaum einen DV-Verantwortlichen dazu bewegen, ausgerechnet für den neuen Datenbank-Server ein System heranzuziehen, von dem er nicht überzeugt ist.

Linux lohnt sich erst in großem Stil

Andererseits schlägt der Preisvorteil erst richtig zu Buche, wenn jemand wie der Linux-Vorzeigeanwender und Autoverleiher Sixt Budget eine große Zahl an Installationen vornimmt. Dort ist man stolz darauf, mit dem konsequenten Einsatz des Freeware-Systems Hunderttausende Mark gespart zu haben. Diese Vorgehensweise ist den meisten DV-Leitern aber wohl zu riskant und setzt vor allem entsprechendes Unix-Know-how im Unternehmen voraus.

Deshalb findet Linux seinen Weg in die Unternehmens-DV zuerst dort, wo sein Einsatz unkritisch scheint und wo Firmen nur geringe Mittel aufwenden wollen. Viele Unternehmen machen gerade ihre ersten Gehversuche in Sachen Intranet und wünschen sich dabei gleich eine Anbindung an das weltweite Internet. Linux drängt sich dafür als preiswerte Komplettlösung geradezu auf. Die Einsparungen betreffen hier nicht nur das Betriebssystem selbst: Zum Lieferumfang gehört ein Web-Server ebenso wie ein Mail-, FTP-, Proxy- und News-Server. Für diese Dienste müssen Anwender bei kommerziellen Anbietern teilweise erhebliche Summen berappen. Holger Dyroff von der Fürther Suse GmbH bestätigt, daß er Linux-Rechner vor allem für hausinterne Web-Server und für Internet-Gateways inklusive Firewall-Lösung verkauft.

Gelegentlich kommt das freie Betriebssystem auf subversive Weise in diese Position. Fortgeschrittene Anwender mit Unix-Kenntnissen revitalisieren bisweilen ausgemusterte Desktop-Rechner mit Linux. Dank der mäßigen Hardware-Anforderungen von Linux steigen die Rechner dann gewissermaßen zum Abteilungs-Server auf. Ein namhafter Stuttgarter Hersteller von Aufzügen wurde so ohne Wissen der DV-Abteilung zum Linux-Anwender. Mittlerweile jedoch haben sich die DV-Verantwortlichen so weit mit dem Freeware-System angefreundet, daß sie dessen weitergehenden Einsatz offiziell in Erwägung ziehen.

In der vermeintlich unkritischen Funktion als Intranet-Plattform kann der Unix-Abkömmling seine Stärken zeigen und so das Vertrauen der DV-Leiter gewinnen. Dies gilt um so mehr, als mit der rasch zunehmenden Bedeutung von Intranets die Billiglösung plötzlich in eine wichtige Position gerät. Sie empfiehlt sich für einen weiteren Einsatzbereich, der zwar inzwischen als Selbstverständlichkeit gilt, von dessen reibungslosem Funktionieren jedoch einiges abhängt: File- und Print-Services. Linux eignet sich dank der kostenlosen Server-Message-Block-(SMB-)Implementierung "Samba" als Server für Windows- und OS/2-Clients. Samba gaukelt den Clients einen Windows NT Server vor. Mit Hilfe der ebenfalls kostenlosen Netware-Emulation "Mars-nwe" und "Linware" kann Linux zudem existierende No- vell-Clients bedienen.

Die in Elchingen ansässige Busse Design Ulm GmbH vollzog den Umstieg zu Linux als Internet-Gateway und File-Server innerhalb kurzer Zeit. Als die Ablösung eines RS/6000-Servers unter AIX und eines SCO-Unix-Systems anstand, ersetzte sie DV-Leiter Rainer Hochgeladen durch Linux-PCs. Diese sind mit einem Pentium (Taktrate 166 Megahertz), 64 MB RAM und 6-GB-Festplatten ausgestattet. Sie bedienen 40 Client-Maschinen, wobei es sich in der technischen Abteilung hauptsächlich um Unix-Workstations handelt, im kaufmännischen Bereich um DOS-Windows- sowie Windows-NT-Rechner. Für die DOS-Maschinen benutzt das Entwicklungsinstitut teilweise noch PC-Network-File-Systems zur Anbindung an die Linux-Server, die aber nach und nach über Samba angeschlossen werden sollen.

Unix-Profi Hochgeladen äußert sich zufrieden über die Stabilität und Performance der Systeme, die sieben Tage pro Woche rund um die Uhr laufen. Im Vertrauen auf vorhandene Unix-Kenntnisse wagte er den Linux-Einsatz ohne die Sicherheit eines Supportvertrages, überlegt aber nun, einen solchen mit der Suse GmbH abzuschließen. Beweggrund dafür sind nach seiner Aussage weniger akute Probleme als vielmehr der Wunsch, bei der Betreuung des Internet-Gateways entlastet zu werden. Dieses kam erst nach den File-Servern hinzu.

Erhebliche Einsparmöglichkeiten bietet ein kostenloses Betriebssystem am Desktop, weil dort die meisten Lizenzen zu erwerben sind. In dieser Position macht Linux X-Terminals Konkurrenz, die es in Verbindung mit kostengünstiger PC-Hardware preislich unterbieten kann.

Wegen des schlechten Abschneidens der Unix-Anbieter im Kampf um den Desktop herrscht dort auch für Linux ein knappes Software-Angebot. Nicht zurückstehen gegenüber Microsoft muß das System aber als Web-Client, da eine Linux-Version des "Netscape Navigator" existiert.

Eine deutliche Aufwertung des Freeware-Systems erwarten dessen Anhänger durch die Freigabe des Büropakets "Star Office für Linux". Der Hamburger Hersteller Star Division will das Bundle an private Anwender sogar kostenlos abgeben. Ebenfalls eine Verbesserung in dieser Hinsicht bringt der Windows-Emulator "Wabi" in der Version 2.2. Die Software des Workstation-Herstellers Sun wurde von Caldera auf Linux portiert und erlaubt die Ausführung der wichtigsten 16-Bit-Windows-Programme. Interessant ist diese Lösung weniger, um auf jedem einzelnen Desktop installiert zu werden, sondern um PC-Software auf einem Applikations-Server ablaufen zu lassen - die Clients beschränken sich mit Hilfe eines X-Servers auf die Bildschirmdarstellung.

Portierung auf Apples Power-Mac

Ähnliche Pläne sagen Insider Apple nach. Der Hersteller hat die Portierung von Linux auf den Power-Macintosh unter der Bezeichnung "Mk Linux" selbst vorgenommen. Sollte er den Mac-Emulator für Unix, das Macintosh Application Environment (MAE), auf Linux übertragen, könnte sich das kostenlose System einen Namen als Apples Applikations-Server machen.

Eine generelle Verbesserung des Software-Angebots erwartet sich die Linux-Gemeinde durch den Erfolg von Java. Das Betriebssystem unterstützt die Internet-Programmiersprache bereits auf Kernel-Ebene und kann so Applikationen auch unabhängig von Browsern ausführen.

Was ist Linux?

Linux ist eine eigenständige, freie Neuimplementierung des Unix-Betriebsystems. Es entspricht dem Standard Portable OS Interface for Unix (Posix) und verfügt außerdem über System-V- und BSD-Erweiterungen. Zur Zeit läuft das System auf Intel-, Motorola-68K-, Power-PC-, Mips-, Sparc- und DEC-Alpha-Rechnern. Den Anstoß zur Entwicklung gab 1991 der finnische Student Linus Benedict Torvalds, der sich bis heute um die Entwicklung des System-Kernels kümmert. Das vollständige Linux-System stellt mittlerweile ein internationales Entwicklerteam zusammen, das sich in erste Linie über das Internet organisiert.

Linux ist freie Software, die üblicherweise als "Freeware" bezeichnet wird. Für die Verwendung fallen keine Lizenzgebühren an, und der Sourcecode ist für alle Entwickler und Anwender frei erhältlich. Bei allen rechtlichen Fragen ist die GNU Public Licence bindend.

Die gesamte Software, die benötigt wird, um eine vollständige Unix-Umgebung rund um d0-Kernel aufzubauen, ist ebenfalls Freeware. Dazu gehören alle Standard-Unix-Tools, das "Xfree86"-X-Window-System, der GNU-GCC-ANSI-C/C++-Compiler, diverse Netzwerksoftware, Textverarbeitungswerkzeuge und eine Reihe weiterer Softwarepakete. DOS- oder SCO-Unix-Anwendungen lassen sich via Emulation unter Linux ausführen, der Windows-3.1-Emulator "Wabi" ist als kommerzielle Software über Caldera verfügbar.