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21.01.2000 - 

Home Networking/Kampf der Softwarekonzepte

Der IQ im Netz steigt nur langsam

Netze sind dumm. Noch immer verstehen sich Modems oder Drucker im Netzverbund nicht auf Anhieb mit den dazugehörigen PCs. Sun und Microsoft versprechen nicht nur, diese Probleme zu lösen - intelligente Software für Heimnetze soll künftig auch profane Alltagsaufgaben erleichtern. Allerdings könnte die Verwirklichung der Visionen noch etwas länger dauern: Wie Roland Keller* beschreibt, toben derzeit heftige Kämpfe um die Vorherrschaft auf diesem Markt.

Auch Microsoft weiß inzwischen, was Hausfrauen wünschen. Seit Bill Gates für schlappe 75 Millionen Dollar seine Nobelversion des intelligenten Hauses geschaffen hat, gibt man sich in Redmond ein wenig als Weißer Riese, der nicht nur beim Wäschewaschen zur Hand gehen will. Intelligente Netze, so die Botschaft, helfen in allen Lebenslagen und geben uns das Gefühl, im Fünf-Sterne-Luxus zu schwelgen: Sobald wir die Wohnung betreten, wird das Licht eingeschaltet, die Lieblingsmusik erklingt und das Essen ist fertig zubereitet. Keine Frage, dass die Klimaanlage unsere persönliche Raumtemperatur einstellt und keines der Geräte uns mit seinen Problemen behelligt - die Wartung erfolgt automatisch von fern. So oder so ähnlich beschreiben Microsoft und Sun die Vorzüge intelligenter Netze, die in idealer Weise auch klassische Hausgeräte und -technik verbinden und zugleich schlau machen sollen.

Analysten haben für den Bereich der Home-, Gebäudetechnik- und Soho-Netzwerke (Small Office Home Office) enorme Wachstumsraten prognostiziert. Die Cahners In-Stat Group rechnet gar für dieses Jahr mit einer Verzwölffachung des Umsatzvolumens im Markt der so genannten Residential Gateways (RG) gegenüber 1999. Bereits 2,4 Milliarden Dollar sollen im Jahr 2000 für intelligente Netze und die Steuerungen von Haus- und Unterhaltungstechnik über RGs ausgegeben werden. Bei einer Untersuchung der Yankee Group äußerten 31 Prozent der mit einem PC ausgestatteten US-Haushalte, dass sie an intelligenten Hausnetzen interessiert seien. Die Akzeptanz würde sich gar verdoppeln, wenn es preisgünstige, standardisierte Komplettangebote in diesem Bereich gäbe.

Diese Zahlen belegen, dass im Bereich der intelligenten Home-Netzwerke deutlich höhere Wachstumsraten als beim klassischen PC zu erwarten sind. Außerdem dürfte dieser zunehmend Konkurrenz durch neue, intelligente Helfer bekommen, die zugleich Teile der neuen, intelligenten Netzwerkstrukturen werden. Diese Devices werden mehr können als wireless Personal Digital Assistants (PDAs): Sie werden zugleich Steuer-, Informations- und Navigationsinstrument für die künftigen Home Networks sein.

Die Nase vorn hatte bei dem Thema intelligente Netze Sun Microsystems mit seiner auf Java aufbauenden Intelligent Networking Infrastructure, die in der Abkürzung den vielsagenden Namen des hübschen Flaschengeistes Jini angenommen hat. Statt eines zentralen Rechners, der das Netz steuert und intelligent macht, rufen vernetzte Apparate bei Bedarf die notwendigen Funktionen ab, melden sich bei Partnergeräten an oder tragen dazu bei, andere Netzgeräte mit hilfreichen Funktionen zu versorgen. Die Intelligenz sitzt hierbei nicht mehr allein in den Embedded Chips einer Waschmaschine oder eines Staubsaugers, sondern im Netz selbst. Mit mehr als 30 Partnern trat Sun schon Anfang 1999 mit ersten Lösungen an die Öffentlichkeit, darunter war auch ein Jini-Kühlschrank der Bosch- und Siemens-Hausgeräte GmBH (BSH).

Von Suns Vorsprung ließ sich Microsoft freilich nicht beeindrucken und "schlidderte", wie Sun-Boss Scott McNealy kolportierte, mit seinem Universal-Plug-and Play-(UPNP-)Konzept "hinterher": im Schlepptau ebenfalls mehrere Dutzend hochkarätige Unternehmen, die sich für UPNP-Lösungen interessieren. Anders als Jini, so Microsoft, setzt UPNP nicht auf proprietäre Konzepte wie Java, sondern arbeitet auf der Basis bestehender Internet-Standards wie der Extended Markup Language (XML), wobei es unabhängig von Sprachen und Betriebssystemen einsetzbar sein und sich auch selbst konfigurieren können soll.

Jini, so heben US-Experten hervor, schütze vor dem sich in der Praxis häufig ergebenden Kabelsalat und verzichte auf die üblichen Softwaretreiber. Zugleich würde das von vielen als überholt angesehene Konzept der klassischen Hierarchie mit dem PC an der Spitze überflüssig gemacht: Geräte und von ihnen bereitgestellte Services arbeiten stärker in einer sich selbst steuernden Allianz. Die Intelligenz kommt also wirklich aus dem Netz und nicht aus dem Rechner.

Inzwischen haben sowohl Sun als auch Microsoft für ihre Lösungen Initiativen mit mehreren Dutzend Partnern gebildet, die nicht nur Standards hervorbringen, sondern vor allem den noch offenen Zweikampf entscheiden sollen. Im UPNP-Forum haben sich unter anderem Compaq, Hewlett-Packard (HP), Intel, Matsushita, Philips, Siemens, Sony und Thompson gefunden, Cisco ist unlängst ebenfalls dazugestoßen. Die Open Services Gateway Initiative (OSGI), die sich mit dem Einsatz von Jini beschäftigt, wird neben anderen von Alcatel, AMD, Compaq, der Deutschen Telekom, Ericsson, HP, IBM, Motorola, Nokia, Oracle, Philips, Siemens, Sharp, Toshiba und Whirlpool getragen.

Die Mitgliedschaften einiger Unternehmen in beiden Initiativen zeigt, dass vielfach Unschlüssigkeit darüber herrscht, welches System das bessere ist beziehungsweise sich am Markt durchsetzen wird. Durch die Polarisierung der Auseinandersetzung sind Lösungen oder Anstöße anderer Hersteller, darunter HP, Lucent oder Motorola, eher aus dem Blickfeld geraten.

IP bietet sich als Basis anBei HP geht man davon aus, dass "Chai Appliance", eine nach eigener Aussage auf Java aufbauende offene Lösung, durchaus gute Marktchancen im UPNP-Umfeld hat, zumal Microsoft das Produkt für sein Windows CE lizenzierte. Mit dem "Jetsend", das die direkte Verbindung von Peripheriegeräten ohne PC ermöglichen soll - etwa bei digitalen Kameras, die ihre Bilder direkt zum Drucker schicken -, ist HP bereits auf dem Markt. Doch ob sich neben Sun und Microsoft generelle Lösungen im Home- und Soho-Netzwerkbereich durchsetzen können, ist mehr als fraglich. Derzeit wagt auch kein Analyst Prognosen, welches der beiden Systeme den Sieg erringen könnte - oder ob es eine Koexistenz der Systeme geben wird.

Skeptisch sind Fachleute allerdings auch in der Frage, ob das Internet Protocol (IP) und das Web als präferierte Basis intelligenter Netzwerklösungen für Haus- und Küchengeräte der Weisheit letzter Schluss sind. Heinz Lux, bei der Siemens AG in Regensburg Spezialist für intelligentes Wohnen (das Unternehmen arbeitet übrigens wie einige andere auch in beiden Initiativen mit), zeigt sich wenig von der am Internet angeschlossenen Kaffeemaschine überzeugt. "Die Frage ist nicht nur, ob jedes Hauhaltsgerät heute über das Internet angesprochen werden muss, sondern ob sich das angesichts der notwendigen Adressierung auch kostengünstig realisieren lässt."

Siemens setzt auf Residential Gateways

Selbst Bill Gates, dessen intelligentes Haus er besichtigt hat, sei inzwischen von der zentralen PC-Steuerung aller Funktionen nicht mehr überzeugt, meint Lux. Praktikable Lösungen, Geräte intelligent miteinander und dem Nutzer kommunizieren zu lassen, sieht man bei Siemens vor allem in einheitlichen Schnittstellen der Geräte. Die Befehle an die Geräte kommen über das genannte Residential Gateway, das man sich als eine Art Applikations-Server vorstellen kann. Egal, in welcher Form oder über welchen Weg die Befehle ins Haus kommen - Internet, Telefonie, Funk, Fernsteuerung, PC, Powerline oder intelligente Netze -, das RG als Schnittstelle setzt sie um und sorgt dafür, dass sie an das betreffende Gerät weitergegeben werden. Angeschlossen sind an dieses Gateway nicht nur Haus- und Unterhaltungsgeräte, sondern auch Sicherheitssysteme und all das, was man üblicherweise unter dem Begriff Gebäude-Management zusammenfasst: Klimatechnik, Fensterschließ-Automatik, Energiesparkonzepte etc. Welche Rolle intelligente Netzwerkkonzepte wie Jini oder UPNP in solchen RG-Szenarien spielen werden, ist noch offen. Die Steuerung dieses Netzes soll die Blackbox des Residential Gateways übernehmen.

Unterschätzen in solchen kommenden Szenarien darf man auch solche Unternehmen nicht, die bislang hauptsächlich als Lösungsanbieter für Sicherheits- und Zugangssysteme auftraten: die Hersteller von Smartcard-Systemen. Unternehmen wie Infenion und Gemplus denken schon lange über Zahlungs- und Sicherheitslösungen hinaus. Was MIT-Vordenker (Massachusetts Institute of Technology) Nicholas Negroponte noch vor wenigen Jahren als Vision verkaufte, ist zum Teil schon mit Chips in so genannten kontaktlosen Mini-Tags realisiert: Stichwort "intelligente Kleidung". Überall dort, wo Massentextilien registriert, sortiert und gepflegt werden, werden solche Konzepte bereits getestet. Bei der Reinigung und dem Sortieren von Kleidung arbeiten Maschinen "Hand in Hand". Kontaktlose Produkt-Tags helfen in Zukunft bei der Lagerverwaltung in Fabriken und beim Einzelhandel.

Ein solches Konzept lässt sich mühelos auf den Haushalt und den privaten Alltag übertragen und ist letztendlich eine Bedingung für das Funktionieren intelligenter Netze: Waschmaschinen können durch die Tags an Textilien erkennen, welche Programme zu wählen sind oder ob Kleidungsstücke in der Trommel liegen, die nicht miteinander gewaschen werden dürfen. Kühlschränke können durch die Tags an den Produkten über deren Inhalt Auskunft geben.

Beim Weiße-Ware-Hersteller Miele gehören intelligente Programme, die anhand des Wäschegewichts Wasser- und Waschmittelbedarf bestimmen, längst zum Standard. Fernsteuerungen geben über den Status des Geräts Auskunft, der Kundendienst kann über Schnittstellen Fehlermeldungen abrufen und Programme updaten - Fortschritt pur. Doch bis Jini oder UPNP Mieles Haushaltsmaschinen über intelligente Netze steuern werden, dürfte noch eine geraume Zeit vergehen: "Wir beobachten die Entwicklungen mit Spannung", betont Miele-Sprecher Michael Prempert. Es sei noch zu früh, um zu sagen, welches System sich durchsetzen wird.

Tatsächlich hat man sich an der Basis, jenseits von großen Hausgeräteherstellern wie Siemens, Elektrolux und Co. bisher kaum mit der Zukunft der intelligenten Netze beschäftigt. Vielleicht auch, weil sich die Visionen der Industriegrößen im Haus- und Wohnbereich nicht so leicht durchsetzen lassen wie im professionellen IT-Umfeld.

Für Willi Essig, Entwickler beim Hausgerätekomponenten-Hersteller EGO in Oberderdingen, sind intelligente Netze denn auch noch kein Thema im operativen Geschäft. Visionen gebe es viele, doch hätten die Hersteller oft mit dem Henne-Ei-Problem zu kämpfen. So sei es durchaus sinnvoll, wenn intelligente Töpfe und Herde miteinander kommunizierten, damit nichts mehr anbrenne umd sich der Garprozess besser steueren lasse. Doch habe man sich bislang noch nicht einigen können, wer die Prozesse steuern soll: der Chip im Herd oder der im Topf.

Sicherheit, Überwachung und sinnvolle Energiesteuerung stehen beim Forschungsprojekt Intelligentes Haus der Fraunhofer-Gesellschaft, das in Duisburg durchgeführt wird, im Mittelpunkt. Auch Aspekte der Zeitersparnis und Bequemlichkeit werden nicht vernachlässigt, doch die denkende und sprachgesteuerte Kaffeemaschine ist bei vielen ähnlich gelagerten Projekten nur das typische Klischee, das als werbewirksames Aushängeschild herhalten muss.

Haus- und Heimtechnikunternehmen wie Siemens setzen den Hebel beim intelligenten Netzwerk anders an. Ähnlich wie bei E-Commerce glauben viele zunächst an das Business-to-Business-Segment: Wachstum wird zunächst beim Gebäude-Management erwartet, bevor irgendwann auch der letzte Eierkocher ans Netz geht.

Solche Systeme sind bislang noch ohne Jini oder UPNP ausgekommen, doch sehen Sun und Microsoft für ihre Konzepte hier besonders interessante und schnell umsetzbare Anwendungsbereiche. Sehr intensiv widmen sich beide dem Thema Gateways, über die solche Systeme gesteuert werden. Ulrich Dielel, der mit seiner GPP in Chemnitz Software für Hausgeräte und Haustechnik entwickelt, glaubt allerdings, dass sich nur robuste Lösungen durchsetzen können, die viele Jahre Bestand haben.

Mit einer Spur von Resignation erwähnt er dann allerdings, dass sich mit einer entsprechenden Marktmacht bekannterweise auch ein System durchsetzen lasse, das nicht das sinnvollste für die Anwender sein müsse. Achtet man bei Spezialisten für Haustechnik auf Zwischentöne, ist auch Skepsis zu spüren, was die Kompetenz von großen IT-Playern in diesem Bereich betrifft: Hausgeräte und Technik dürften nicht mit PC-Peripherie verwechselt werden, wie dies Bill Gates des öfteren vorgeworfen wird, der in seinem E-Palazzo so gut wie alles dem PC untergeordnet hat. Unabhängige Selbststeuerung sei hier gefragt, was für Jini spricht.

Während Visionen wichtig sind, um dem Thema intelligente Netze Glanz zu verleihen, erweisen sie sich bei der Umsetzung eher als störend. Nur zu schnell zerplatzen die Träume der Planer, wenn es um harte Fakten wie Kosten oder Marktakzeptanz geht. Immerhin gibt es für die intelligenten Netze auch einfach zu vermittelnde Bilder, die Hoffnung machen, etwa weniger statt mehr Kabel oder innovative Kommunikationsarten. Doch bevor intelligente Netze den Haushalt erobern werden, müssen erst einmal die bekannten Probleme im Zusammenspiel von Rechnern, Peripheriegeräten und intelligenten Devices aus der Welt geschafft werden.

Neues zum Thema wollen die OSGI- und UPNP-Leader noch in diesem Quartal berichten. Vielleicht gibt es dann schon praktische Fortschritte, an denen sich ablesen lässt, welchem System die Zukunft gehört - und wann mit einer breiten Umsetzung zu rechnen ist.

ANGEKLICKT

Sun, Microsoft und andere Hersteller versprechen den Anwendern das Blaue vom Himmel: Das Anschließen und Benutzen von Geräten in Netzwerken soll kinderleicht werden. Möglich machen sollen dies Technologien wie die Java Intelligent Network Infrastructure (Jini) oder Universal Plug and Play (UPNP). Bis diese ihre Wirkung voll entfalten können, wird aber noch einige Zeit vergehen, da unklar ist, welches Konzept sich am Markt durchsetzt.

*Roland Keller ist freier Autor in München.