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07.09.2001 - 

Studie zum Standort Neuer Markt

Der Kapitalmarkt braucht die Wachstumsbörse

MÜNCHEN (CW) - Nachdem das Gejammer um das Image des Neuen Marktes immer lauter wurde, hat die Deutsche Börse AG eine Gruppe von Experten mit dem "Neuer Markt Report" beauftragt. Hintergrund der nun vorgelegten Studie ist eine Versachlichung der bisher eher emotional geführten Diskussion.

Der Report beleuchtet den Neuen Markt sowohl aus Kapitalmarktsicht sowie aus juristischer wie volkswirtschaftlicher Perspektive. Dabei untersuchten die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein, die Anwaltssozietät Shearman & Sterling sowie die Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants je einen der Aspekte.

Nach der Schelte, die der Neue Markt spätestens seit den ersten Insolvenzen erhielt, wollten die Autoren nicht zuletzt auch in einem internationalen Vergleich prüfen, ob die Vorwürfe durch eine möglichst sachliche Überprüfung bestätigt werden. Um es vorwegzunehmen: Das Wachstumssegment der Deutschen Börse ist im internationalen Vergleich besser als sein Ruf. Zumindest was die Börsenumsätze, die Zahl der gelisteten Unternehmen sowie die Marktkapitalisierung betrifft, können die Wachstumsmärkte anderer europäischer Länder dem Neuen Markt in Frankfurt nicht das Wasser reichen. Nichtsdestotrotz kämpft der Sektor auch vier Jahre nach seiner Gründung noch mit einer Reihe von teils hausgemachten Problemen.

Beim Vergleich des Neuen Marktes mit der wohl weltweit wichtigsten Wachstumsbörse, der National Association of Securities Dealers Automated Quotation - kurz: Nasdaq - stießen die Experten allerdings an ihre Grenzen. Immerhin besteht die Nasdaq seit nicht weniger als 30 Jahren, genauer: Der Handel startete am8. Februar 1971. Doch nicht nur diese zeitliche Komponente lässt eine direkte Gegenüberstellung beider Märkte nur bedingt zu. Auch Faktoren wie Marktgröße, Liquidität und Sektoreneinteilung erschweren ein Urteil. Während der Neue Markt mit seinen knapp 400 gelisteten Unternehmen stark internet-, banken- und pharmalastig ist, liegt der Sektorschwerpunkte der rund 4000 Firmen der Nasdaq in den Bereichen Software, Halbleiter und Telecom.

Wer sich also mit seiner Kritik am Neuen Markt auf die US-amerikanische Vorzeigebörse beruft, wird nicht weit kommen, denn, so die Aussage, ein Performancevergleich ist "aufgrund der größeren Reife des US-Marktes nur wenig aussagekräftig".

Durchaus vergleichbar ist hingegen das Regelwerk des Neuen Marktes mit dem der Nasdaq, beispielsweise die Verpflichtung, vierteljährlich einen Quartalsbericht vorzulegen. Auch hier musste die Deutsche Börse zunächst schlechte Erfahrungen sammeln. So stellte sich im Laufe der ersten Jahre heraus, dass die Unternehmen zwar dieser Pflicht nachkommen, aber in höchst unterschiedlicher Qualität. Mit Blick auf die fehlende Transparenz für den Anleger wurden daher erst kürzlich die Vorgaben für die Berichterstattung verschärft (siehe Seite 49).

Weiterer RegelungsbedarfAuch von der Möglichkeit, Unternehmen vom Handel auszuschließen, macht die Deutsche Börse erst seit kurzem und nach Auffassung der Experten noch zu zögerlich Gebrauch. Den Anwälten von Shearman & Sterling gehen die Änderungen noch nicht weit genug. Sie sehen aus rechtlicher Perspektive zusätzlichen Regelungsbedarf in folgenden Punkten: Die Emissionsprospekte sollten als alleinige Investitionsgrundlage verwendet werden, wobei sie inhaltlich wie sprachlich verbessert werden müssen. Preismanipulationenen etwa im Zusammenhang mit bevorrechtigten Zuteilungen (friends & familiy) oder Kursstabilisierungen sollten zum einen neu definiert werden, zum anderen ist deren Transparenz zu erhöhen. Außerdem sieht die Sozietät einen Nachholbedarf bei der Wertpapieraufsicht - das Bundesaufsichtsamt für Wertpapierhandel beispielsweise ist zwar für Insiderhandel, nicht jedoch für Kursmanipulationen zuständig. Nicht zuletzt im Hinblick auf bereits laufende Verfahren gegen einige Firmen beziehungsweise deren Vorstände sollten die Haftungstatbestände verschärft, das Strafmaß erhöht und dieses im Falle von Verstößen konsequenter durchgesetzt werden.

Vertrauen zurückgewinnenEntscheidend für die Weiterentwicklung der Kapitalmarktstandards, so die Juristen, ist, "in welchem Zeitraum und mit welcher Konsequenz der aufgezeigte Handlungsbedarf in Angriff genommen wird". Man könnte es auch anders formulieren: wenn nicht bald etwas geschieht, geht das ohnehin lädierte Vertrauen der Anleger vollends verloren. Dieses wiederum ist nach Ansicht der Autoren der Motor für einen möglichen Aufschwung des Neuen Marktes. Die gerade erst aufgeblühte Aktienkultur in Deutschland hat in den vergangenen Monaten heftige Rückschläge erfahren. Da jedoch Privatanleger nach Ansicht der Experten rund die Hälfte der frei handelbaren Aktien in ihren Depots halten, ist die Frage nach dem Vertrauen in das Börsensegment nicht unerheblich.

Hierzu zählt nicht nur das Vertrauen in den Kapitalmarkt, sondern auch in die dort gelisteten Unternehmen. Deren Bewertung hat sich als besonders schwierig herausgestellt. Junge Firmen lassen sich aufgrund fehlender Erfahrungswerte nur schwer einschätzen. Zudem besitzen die zugrunde liegenden Märkte eine hohe Dynamik, und die meisten Branchen unterliegen dem schnellen technischen Wandel. Die Analysten von Dresdner Kleinwort Wasserstein stehen den "neuen" Bewertungansätzen der jungen Unternehmen entsprechend kritisch gegenüber. Umsatzmultiplikatoren oder Clicks pro Website besitzen kaum Aussagekraft. Die Experten begrüßen daher eine Rückkehr zu traditionellen Maßstäben.

Bei aller Kritik der Autoren an einzelnen rechtlichen oder konzeptionellen Punkten: Einigkeit herrscht hinsichtlich des gesamtwirtschaftlichen Nutzens, für den eine Wachstumsbörse sorgt. "Flexible und funktionierende Aktienmärkte haben positive Effekte sowohl auf das Wirtschaftswachstum als auch auf die Beschäftigung", so die Consultants von Roland Berger. Sie räumen dem Neuen Markt auch künftig gute Chancen ein. Ihrer Meinung nach dürfte die Liberalisierung von Monopolmärkten, die Reform der Altersvorsorge sowie die langfristig höhere Rentabilität der Aktienanlage gegenüber anderen Anlageformen - Vertrauen vorausgesetzt - die Entwicklung der Börse weiter vorantreiben.