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20.07.1990

Der konstruierte Mensch

Die Annalen verzeichnen 1748 in Holland einen Skandal, der sich auf ganz Europa ausweitet. Der französische Philosoph und Mediziner Julien Offray de La Mettrie veröffentlicht in Leiden sein Hauptwerk "L'homme plus que machine". Bald nach seinem Erscheinen wird das Buch verbrannt, der Autor des Landes verwiesen. La Mettrie beschreibt den Menschen strikt nach den damals bekannten Gesetzen der Physik und Physiologie. Psyche, gar Seele, habe keine eigenständige Natur. Der Mensch: ein zwar komplizierter, aber doch präzis beschreibbarer Mechanismus - läßt er sich nachbauen? Begabte Uhrmacher widmen sich der blechernen Rekonstruktion des Menschen, stellen ihm auch gleich einige mechanische Haustiere zur Seite.

150 Jahre später, Ende des 19. Jahrhunderts, verfügen große Städte über Telefonnetze. Telefonistinnen sitzen vor Pulten, nehmen Anrufe entgegen und verstöpseln Leitungen. Wissenschaftliche Artikel mehren sich, die im Kopf des Menschen eine Art Telefonzentrale propagieren. Hier enden und beginnen Leitungen, die korrekt miteinander verbunden, dann wieder getrennt werden müssen. Das Gehirn ist eine große Schaltzentrale Die Teilnehmer des Leitungsnetzes befinden sich offenbar in den inneren und äußeren Organen des Menschen.

Diese antiquierten Denkweisen lassen uns heute lächeln. Wir sind inzwischen wesentlich weiter und orientieren uns an Computern. Der Mensch, das ist jetzt bekannt, funktioniert nach Programmen. Er läßt sich in Hard- und Software zerlegen. Auch verfügt er über diverse Speicher. Genau betrachtet ist der Mensch ein höchst komplexes - aber prinzipiell berechenbares - hierarchisch strukturiertes Supersystem, bestehend aus einer Vielzahl von Systemmodulen zur Wahrnehmung von Reizen, ihrer Verarbeitung und Kontrolle von Handlungen.

So könnten wir sehr zufrieden sein - beschliche uns nicht der Verdacht, all das böte schon bald unseren Nachfolgern Anlaß zu matter Belustigung. Stoßen wir folglich zu der (tod)ernsten Frage vor, ob wenigstens die Wissenschaft aus der Geschichte zu lernen vermag! Die drei geschilderten Auffassungen vom Menschen erklären sich aus einem völlig gleichartigen Umgang mit allerdings fortschreitenden naturwissenschaftlichen und technischen Kenntnissen.

Ganz offenkundig neigen Wissenschaftler dazu, ihre Erkenntnisse über diese Welt und die Möglichkeiten ihrer technischen Beherrschung vom Menschen selbst zu isolieren und damit als ein in sich geschlossenes, logisches System darzustellen.

Vergessen wird dabei, daß jede Erkenntnis durch den geschichtlich bestimmten Menschen gewonnen wurde und daß der einzige Sinn ihrer praktischen Umsetzung darin liegen sollte, diesem Menschen zu nutzen. So kommt es dann zu den Erscheinungen einer quasi freilaufenden Entwicklung der Technik. Und weil die Produkte dieser Entwicklung scheinbar unabhängig vom Menschen existieren, lassen sie sich wiederum als Maßstab für den Menschen heranziehen. Sie bilden den Hintergrund historischer Menschenbilder - heute also sind wir eine Art Computer.

Als Skandal wird das nicht mehr empfunden - vielleicht deshalb, weil diese Anschauung nicht nur in der Wissenschaft verbreitet ist. Sie findet im Alltagsverstand ihre Entsprechung, mehr noch: ihrer Umkehrung. Die Sprache macht den Computer menschlicher. Er muß gefüttert werden, er versteht und behält, er irrt sich. Er wird zum Freund wie zum Feind, ersetzt Arbeitskollegen und Lebensgefährten. Die Fülle an Anthropomorphismen wundert nicht. Jeder wird mit den Leistungen der Automaten konfrontiert; viele erleben fast täglich, daß rechnergesteuerte Anlagen für Arbeiten eingesetzt werden, die noch vor kurzem Menschen vorbehalten waren.

Natürlich ist das am Computer orientierte Menschenbild genauso falsch wie das vermenschlichende Gerede in bezug auf diese nützlichen Maschinen. Doch folgt man den Visionen der einschlägigen Wissenschaften, muß das so nicht bleiben. Heute besticht der Automat durch sichtbare Leistungen. Morgen soll nicht nur die Leistung stimmen, es sollen zudem die Vorgänge im Automaten den internen Vorgängen im Menschen angeglichen werden. Der Fachmann spricht von kognitiv adäquaten Systemen. Das ließe, so die Meinung, höhere Flexibilität und eigenständige Lernfähigkeit der Automaten erwarten.

Im Zentrum dieser Bemühungen steht neben der Computerindustrie die Kognitionswissenschaft, ein Pool aus Teilen so unterschiedlicher Disziplinen wie Biologie, Neurophysiologie, Psychologie, Linguistik und Mathematik. Die hier als vordringlich erklärten vier Fragenkomplexe kennzeichnen klar die gedankliche Verbindung zwischen Mensch und Maschine:

- Automaten müssen Gegenstände und Zeichen identifizieren: Was lehrt uns hierzu die menschliche Wahrnehmung?

- Automaten sollen sprachliche Nachrichten verarbeiten und Informationen auffinden: Wie läßt sich menschliche Sprache formalisieren und programmieren?

- Automaten sollen über Expertenwissen verfügen und dieses lernend ergänzen: Wie funktionieren Gedächtnis, Denken, Lernen und Problemlösen beim Menschen?

- Automaten sollen identifizierte Gegenstände zielgerichtet manipulieren: Wie plant und kontrolliert der Mensch seine motorischen Handlungen?

Die Kognitionswissenschaft versteht sich offenbar als eine Grundlage der hochentwickelten Ingenieurkunst. Halten wir fest: Solange die Leistungen der Menschen das Vorbild für die Konstruktion der Automaten darstellen, werden wir mit zunehmend komplexen, hoffentlich brauchbaren Erzeugnissen konfrontiert.

Das also ist in Ordnung. Doch was bringt die Umkehrung der Denkrichtung? Was erfahren wir über den Menschen, wenn wir seine Automaten untersuchen? Tatsächlich wird ernsthaft behauptet, daß Identifizierungsmechanismen, künstliche Sprachen, Speicher- und Schlußfolgerungs-Systeme sowie Manipulationstechniken der Automaten grundsätzlich zur Erklärung des Menschen herangezogen werden können. In Wahrheit läßt sich aus der Betrachtung von Automaten und ihren formalen Grundlagen allenfalls Aufschluß darüber gewinnen, wie Menschen Automaten bauen - mehr sicher nicht.

Ist das Hin und Her zwischen beiden Denkrichtungen die Methode der Wahl, um sich trockenen Fußes aus dem Sumpf der Unkenntnis zu liften? Dann steht - ganz nach Belieben - einmal der Mensch, dann wieder der Computer auf festem Boden, und durch den so gewonnenen Erkenntniszuwachs soll ein großartig klingendes Ziel in greifbare Nähe rücken: Die Schaffung eines neuzeitlichen Homunkulus, die Konstruktion des menschengleich wahrnehmenden, sprechenden, denkenden und handelnden Automaten. Erlauben wir uns hierzu zwei Fragen. Erstens: Geht das überhaupt? Zweitens: Wollen wir das wirklich? Verneinen wir die erste Frage, brauchen wir uns mit der zweiten gar nicht mehr zu beschäftigen.

Eine Realisierung des technisch-kognitiven Homunkulus setzt voraus, daß zwischen Mensch und Computer ausreichend viele grundsätzliche Übereinstimmungen bestehen. So müßte sich im Menschen der funktionale Aufbau des Computers wiederfinden lassen, etwa die Gliederung in Ein- und Ausgabesysteme, Speicher, Rechenwerk etc. Wichtiger noch: Die internen Vorgänge im Menschen müßten formalisierbar, auf Rechenoperationen rückführbar sein.

In den Forschungen zur kognitiv orientierten künstlichen Intelligenz (KI) wird dieses Menschenbild bejaht. Dort sieht man den Computer als universelle Maschine, auf der sich jede spezielle Maschine, auch der Mensch, simulieren läßt. Das große Ziel heißt "kognitive Simulation". Seit Jahrzehnten versprechen uns die KI-Forscher Maschinen, die menschengleich, ja besser noch als der Mensch denken, Probleme lösen und entscheiden. An finanzieller Förderung fehlt es nicht, doch nur wenige der Ankündigungen wurden realisiert. Notwendigerweise, wie der amerikanische Philosoph Hubert Dreyfus in seinem Werk "Die Grenzen künstlicher Intelligenz - Was Computer nicht können" überzeugend nachweist.

Die KI-Forscher mogeln sich an zwei Hürden vorbei, die sie nicht überspringen können. Erstens ist die vorausgesetzte Berechenbarkeit interner menschlicher Vorgänge mehr als fragwürdig. Zweitens bleibt der Status solcher Formalisierungen, hätten wir sie denn, weitgehend unreflektiert. Zwar hat Leibniz schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts behauptet, menschliches Denken ließe sich auf Rechenoperationen zurückführen, doch wird diese Meinung weder durch empirische Befunde noch durch eine zwingende logische Beweisführung gestützt. Bezeichnenderweise liegen entsprechende Formalisierungen immer nur in illustrativen Ansätzen vor.

Selbst wenn wir endlich über die langgesuchten Formalisierungen verfügten, hätten wir den Menschen nicht erklärt, sondern höchstens aus mechanistischer Sicht beschrieben. Dreyfus verdeutlicht dies am Beispiel des radelnden Menschen. Radfahren läßt sich als eine Abfolge einzelner Kurven darstellen, wobei durch die Lenkbewegungen des Fahrers ständig Erdanziehung und Fliehkraft ausgeglichen werden.

Man mag Dreyfus mit Recht entgegenhalten, daß Prozesse dieser Art heute besser mit neuralen Netzen zu simulieren seien. Nachweislich können Teilleistungen des Menschen wie etwa Mustererkennung so wesentlich erfolgreicher als zuvor automatisiert werden. Bei den neuralen Netzen basiert die Mensch-Computer-Analogie nicht auf naiver Psychologie, sondern auf stark vereinfachenden Modellierungen neurophysiologischer Vorgänge.

Doch auch für diese Analogie gilt: Ohne die Einbeziehung von Bewußtsein und Affekt ist Denken und Handeln des Menschen nicht erklärbar. Gerade diese Eigenschaften jedoch entziehen sich allein schon aus Kenntnismangel der Formalisierung. Jede realistische Mensch-Computer-Analogie wird sich auf die mechanistischen Aspekte beschränken müssen und so den Automaten als nützliche mechanistische Ergänzung des Menschen verstehen.

Nützlich ist sie dann, wenn Zeit und Geld vernünftig eingesetzt werden, wenn im Vordergrund des Verhältnisses von Mensch und Automat die vom Menschen vollzogene Zweckbestimmung steht: das gute brauchbare Werkzeug. Niemand würde einen Hammer konstruieren, ohne die hier relevanten Eigenschaften des Handwerkers zu berücksichtigen. Beim Computer, der dem Menschen im Kern ja ständig ähnlicher werden soll, wird diese Anpassung nur oberflächlich vollzogen. Dafür muß sich der damit arbeitende Mensch seelisch und geistig verrenken. Ihm wird unnatürliches, allzuoft letztlich pathologisches Verhalten im Umgang mit den Automaten abgefordert, die Hersteller und Wissenschaftler zu "Denkmaschinen" mystifizieren. Benutzbarkeit und Durchschaubarkeit der Automaten sollten zum Schrittmacher der weiteren Technologieentwicklung gesetzt werden. Nicht die Menschen versagen, die ungeeignete Automaten fehlerhaft bedienen, sondern jene, die blind für das Wesentliche, den Menschen, aus den Augen verlieren und Phantomen nachjagen. +