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10.03.1989 - 

Wer zu früh kauft, muß oft nachbessern:

Der Lebenszyklus von IBM-Mainframes

In kaum einem anderen Technologiebereich jagen sich Innovationen so schnell wie bei Hard- und Software. Heute gekauft und morgen schon veralten. Eine Sorge, die viele Benutzer plagt. Obwohl es kein Patentrezept für den richtigen Beschaffungszeitpunkt gibt, sollte dieser nicht nur dem Zufall überlassen bleiben.

Im Falle der Beschaffung von IBM-Großrechnern wird das Angebot sehr stark von dem bei IBM vorherrschenden etwa vierjährigen Lebenszyklus des Zentralrechnerkomplexes einer Großrechnermodellreihe (303X, 308X, 3090, Folgesystem Summit) bestimmt. Bei anderen Herstellern ist dies nur in abgestuftem Ausmaß und nicht so prägnant wie bei IBM zu beobachten.

Viele Anwender orientieren sich mit ihrem Investitionsverhalten implizit und ohne daß es ihnen genau bewußt wird, an dem zugrunde liegenden Lebenszyklus.

Wann soll der Rechner gekauft werden

Ein Unterziel der Beschaffungsentscheidung ist die Wahl des richtigen Beschaffungszeitpunktes, wobei hier gar nicht vom "optimalen Beschaffungszeitpunkt" gesprochen werden soll. Darum rankt sich eine vielfältige betriebswirtschaftliche, meist theoretisch orientierte Literatur. Der richtige Beschaffungszeitpunkt ist erreicht, wenn die Nachteile eines weiteren Abwartens durch verpaßte Möglichkeiten größer werden als die Vorteile, die sich durch vermiedene Risiken ergeben.

Die Wahl des richtigen Beschaffungszeitpunktes wird in den meisten Fällen nicht mit einem analytischen Instrumentarium explizit ermittelt, vielmehr richtet sie sich oft nach dem Entscheidertyp. Man kann hier mindestens fünf Typen unterscheiden, die für jeweilige Innovationsgruppen charakteristisch sind, die wiederum den Lebenszyklus-Eigenschaften zugeordnet werden

können.

I. Früher Innovator

II. Pilotanwender

III. Frühe Mehrheit

IV. Späte Mehrheit

V. Nachzügler

Interessen und Motivation oft verschieden

In einem Unternehmen gibt es im DV-Entscheidungsbereich sicherlich unterschiedliche Motivationen und Innovationsgruppen entsprechend den oft unterschiedlichen Interessenslagen der DV-Leitung, Fachabteilung, Geschäftsleitung und Berater. Oft liegt nicht nur eine einzige Innovationsgruppierung vor, doch schält sie sich häufig nach Ausgleich der unterschiedlichen Interessenslagen heraus.

Den frühen Innovator bewegen einige wichtige Gründe zu seinem Entscheidungsverhalten, die er als Vorteile auffaßt:

- Frühester Einsatz neuester Technik im Unternehmen, um immer lange an technisch vorderster Front arbeiten zu können, beispielsweise in Form eines Early Installation Programms (EIP), das ein neues Produkt mit beachtlicher Herstellerunterstützung schnell und vor der allgemeinen Marktauslieferung stabil in den DV-Betrieb einfügen kann (zum Beispiel in 9/85 statt 1 1 /85 im Falle der 3090).

- Kurze Entscheidungswege, da substituierende Konkurrenzprodukte oft noch nicht auf dem Markt sind und keine übergroße Informationsfülle aus Angeboten gefiltert werden muß (meist kommen die konkurrierenden PCM-Angebote mit einer geringen Verzögerung auf den Markt).

- Prestigeeffekte, die durchaus von der Herstellerseite geschickt ausgenutzt oder stimuliert werden können.

Die existierenden Nachteile sollen nicht vergessen werden: Ein vor der allgemeinen Marktauslieferung installiertes Produkt kann gewisse Instabilitäten aufweisen, die sich auf den eigenen Betrieb auswirken können; Nachbesserungen werden notwendig (zum Beispiel Upgrade von der 3081D zur 3081K oder Modellsprung von der 3081D zur 3084Q in 5/84). Auf Preisnachlässe muß der frühe Innovator verzichten, ebenso auf Kostenreduzierungen durch Konkurrenzbeachtung. Der frühe Innovator entstammt meist der Klasse der "treuen" Kunden und wird noch nicht von zu starken EDV-Budget-Restriktionen geplagt.

Pilotanwender, die nach der allgemeinen Marktauslieferung (FCS: First Customer Shipment) möglichst bald beliefert werden wollen, werden neben den folgenden Argumenten auch die der frühen Innovatoren auf der Vorteilsseite buchen, da diese nur vorgezogene Pilotanwender sind:

- Die Aussicht auf eine schnellstmögliche Lieferung bei einer Bestellung bald nach der Ankündigung, ohne daß die Bestellvorgänge der frühen Mehrheit die Lieferzeiten noch verlängern.

- Die Übereinstimmung des Abschreibungszyklus mit dem Lebenszyklus, was allerdings nur in wenigen Fällen als ein beachtenswerter Vorteil gesehen wird.

Im Vergleich zu dem frühen Innovator fehlt bei einer Installation nach dem FCS-Zeitpunkt ohne ein EIP die kostenlose Herstellerunterstützung. Die vorher aufgeführten Nachteile gelten auch hier.

Die frühe Mehrheit steigt im Trend in die neue- Technik (Modellreihe) ein und sieht darin die folgenden Vorteile:

- Die Modellpalette ist vom Hersteller bereits auf mehr als die anfänglichen Ankündigungsmodelle (oft zwei) ausgedehnt worden, so daß eine gewisse Entscheidungsvielfalt besteht.

- Die anfänglichen PCM-Konkurrenzprodukte können auch bereits in der Entscheidung berücksichtigt werden.

- Wenn man Glück hat, kann man erste Preisnachlässe zur Verkaufsbelebung des Herstellers bereits mitnehmen. Dies hängt natürlich ganz vom Auftragseingang beim Hersteller ab: Bei 3090-Systemen erfolgte die erste Preisrücknahme sehr früh im Februar 1986 (ein Jahr nach der Ankündigung, drei Monate nach FCS), was auf eine schleppende Geschäftsentwicklung schließen läßt; bei 308X-Systemen erfolgte die Preisreduktion erst spät Anfang 84 (bei einer Ankündigung der 3081D in 11/80). Ob Preisnachlässe auf der Erstanstiegsflanke der Lebenszykluskurve mitgenommen werden können, läßt sich nicht mit Sicherheit prognostizieren.

Nachteile sind, daß die späte Mehrheit mit Sicherheit mit beachtlichen "Nachlässen" rechnen und auch das volle PCM-Angebot ausnutzen kann. Die üblichen Effekte der Geschäftsbelebung (Preis runter, Leistung hoch) kommen wahrscheinlich noch nicht voll zum Tragen. Auch ist die Modellpalette erst in der Endphase des Lebenszyklus voll ausgebaut (Motto: Jedem Interessenten die genau passende MIPS-Zahl). Als weiterer Nachteil können Unwägbarkeiten bei der Entwicklung der Lieferzeiten aus den verschiedensten Gründen eintreten.

Die späte Mehrheit sieht es als Vorteil an, daß die Preise unter dem Konkurrenzdruck der PCM-Anbieter besonders günstig gestaltet wurden. Auch werden die üblichen zeitlichen Bindungen, um Entscheidungsdruck zu erzeugen, meist gegen Ende des Lebenszyklus eingesetzt (Beispiel: 150 Tage Zahlungsziel und 130 Tage Lizenzfreiheit bei Upgrade einer 3081K zur 3084Q bei gleichzeitiger Migration zu MVS/XA mit einer Zeitbindung bis zum 30. 9. 84).

Als Nachteil kann die aufkommende Diskussion um die Folgesysteme (H-Serie, dann Sierra, dann Summit) empfunden werden, da vermutbare Verbesserungen des Preis/ Leistungs-Verhältnisses bei der neuen Serie an dem späten Einstieg in eine Altserie zweifeln lassen. Gegenüber dem Management muß die DV-Leitung die sehr späte Bestellung beispielsweise einer 3084QX bei direkt darauffolgender Ankündigung der 3090/200/400 gegenüber den Vorgesetzten vertreten. Man kann jedoch sicher sein, daß EBM die DV-Leiter in solchen Situationen nicht im Stich läßt, hatte doch eine 3090/400 bei Ankündigung eine sehr lange Lieferzeit, die später (still) wieder zurückgenommen wurde. Diese und andere Faktoren helfen bei der Verteidigung einer sehr späten Bestellung eines Altmodells.

Nachzügler müssen Nachteile in Kauf nehmen

Die Nachzügler sind die typischen Second-hand-Investoren, die als Vorteil verbuchen können, daß sie rein beschaffungsmäßig äußerst günstig fahren. Sie müssen gewisse Nachteile in Kauf nehmen, wie die Erhöhung der Wartungskosten durch die Out-of-Release-Politik des Herstellers (wogegen Third Party Maintenance (TPM) helfen kann), die Abschottung von modernsten Betriebssystemversionen (MVS/ESA nicht auf 3090-Basismodellen etc.) oder die möglicherweise imageschädigende Wirkung des ständigen Einsatzes von Gebrauchtsystemen. Gegen dieses Argument ist der Nachzügler jedoch meistens gefeit, da er sowieso nicht zu den glühenden Verfechtern der offiziellen Herstellerpolitik gehört Meist gehört er auch zu den Vertretern eines PCM-Einsatzes, entweder nach der häufigeren Zwei-Beine-Philosophie oder im totalen Alleingang, wobei er dann nicht mehr zu der Nachzüglergruppe gehören muß.

Wie bereits erwähnt sind diese Innovationsgruppen in abgemagertem Ausmaß auch bei anderen Herstellern als IBM anzutreffen, doch ist auch bei IBM das Investitionsverhalten bei anderen Systemen - wie S/ 38v AS/400, PS/2, 6150 - wieder ganz anders zu beurteilen. Die Aussagen bezogen sich nur auf die Großrechnermodellreihen.

Die Lebenszykluskurve weist einen strukturell ähnlichen Verlauf wie bei den 308X-Systemen auf. Wegen der Konstanz des Großrechnergeschäfts bei IBM, läßt sich vorhersehen, daß die Folgesysteme der "Summit"-Serie ebenfalls einen ähnlich verlaufenden Lebenszyklus aufweisen werden.

Erste Preisnachlässe erfolgten recht früh

Nach der Ankündigung in 2/85 kann die Innovationsgruppe I sofort mit Bestellungen aktiv werden, um 3090/200-Systeme via EIP schon ab 9/85 installiert zu bekommen, bevor die First Customer Shipments ab 11/85 beginnen. Erste Preisnachlässe erfolgten in 2/86 recht früh, gefolgt von dem ersten Leistungsschub der E-Modelle in 2/86. Es folgen weitere in 2/87 angekündigte E-Modelle, die noch existierende Lücken in der Produktpalette schließen, des weiteren Leistungsschübe der S-Modelle ab Mitte 88. Nunmehr stehen bis zur Ankündigung der Summit-Serie nur noch die Letztmaßnahmen des Schlußverkaufes an (Zeitbindungen, gezielte Preisnachlässe bei bestimmten zu forcierenden Modellen etc.). Den Ankündigungszeitpunkt der Summit-Serie kann man ziemlich genau auf Mitte 1989 festlegen, da den 3090-Verkaufsmaßnahmen die Luft ausgeht und eine Ankündigung einer neuen Serie im ersten oder zweiten Quartal im Hinblick auf das in den USA viel beäugte vierte Quartal einen Sinn ergibt.

Prof. Dr. Joachim Niedereichholz lehrt Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim.