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Eine Chronik geschasster Vorstände

Der meist weiche Fall der Herren am Neuen Markt

05.01.2001
MÜNCHEN - Am Neuen Markt war vergangenes Jahr Tabula rasa angesagt. Viele Vorstände hatten sich mit Prognosen weit aus dem Fenster gelehnt. Als es dann jedoch im Zuge von Gewinn- und Umsatzwarnung oder gar Insolvenzen zum Schwur kam, entpuppte sich so mancher Vorstandsposten sehr schnell als Schleudersitz. Während die Firmenbosse aber in der Regel sanft landeten, gab es für viele Aktionäre ein böses Erwachen. Von Andrea Goder*

Für manche war es bereits ein schlechtes Omen, als die Frankfurter Gigabell AG im Sommer 1999 ausgerechnet am Tag der Sonnenfinsternis an den Neuen Markt marschierte. "Wir wollen die deutsche MCI-Worldcom werden", tönte Gründer und Vorstandschef Daniel David noch im Vorfeld des Going Public. In Wahrheit hatte die konsortialführende Bank HSBC Trinkaus & Burghardt einen Pleitekandidaten an das High-Risk-Segment der Frankfurter Börse gehievt. Eine drastische Gewinnwarnung nur wenige Wochen nach dem IPO, glücklose Beteiligungen, ein insgesamt fragwürdiges Geschäftsmodell und ein Business-Plan, der das Papier nicht wert war, auf dem er stand - die Liste ließe sich fortsetzen. Als einen "Unwert" bezeichnete denn auch Insolvenzverwalter Dirk Pfeil die Aktie.

Firmenchef David, der in den 70er Jahren Schlagerkomponist war und mit eigentlichem Namen Rudolf Zawrel heißt, hat dem Unternehmen längst den Rücken gekehrt. Der glücklose Unternehmer - in der Vergangenheit landete er bereits mehrere Firmenflops - hatte sich maßlos selbst überschätzt. "Zieh Dir nicht die Jacke an, wenn sie Dir zu groß ist", textete der heute 49-Jährige einst. Spätestens mit dieser Pleite hat ihn die Schlagerwelt von einst wieder eingeholt. Wie hoch sein Anteil an Gigabell heute noch ist, darüber gibt es nur Spekulationen. Fest steht, dass die Sperrfrist von sechs Monaten bereits im Februar 2000 endete und der Kurs zu diesem Zeitpunkt noch bei über 100 Euro lag. Hat David noch rechtzeitig Kasse gemacht? Klarheit darüber kann nur das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) in Frankfurt bringen, das wegen Verdachts auf Insider-Handel gegen David ermittelt.

Sind Konsortialbanken auf einem Auge blind, wenn satte Provisionen bei der Börseneinführung von halbseidenen IPO-Aspiranten locken? Diese Frage stellt sich auch bei der in Meerbusch bei Düsseldorf ansässigen Abit AG, die noch bei ihrem ersten Anlauf auf das Börsenparkett im Herbst 1999 scheiterte. Um von der eher tristen Geschäftsentwicklung abzulenken, "jonglierten" die Abit-Vorstände mit der Bilanz - das Geschäftsjahr wurde kurzerhand umgestellt.

Im Zuge des E-Business-Booms wurde noch Anfang Februar vergangenen Jahres eine Kursrakete gezündet, die in der Spitze auf 225 Euro hochschoss. Mit überflüssigen Ad-hoc-Meldungen versuchte der Anbieter von Inkassosoftware zunächst, von den Schwierigkeiten im Unternehmen abzulenken und die Anleger bei Laune zu halten. Nur drei Monate nach dem Börsenstart überraschte der Highflyer am Neuen Markt seine Anleger dann mit einer Gewinnwarnung, die den Kometen am Börsenhimmel rasch zum Verglühen brachte. Firmenchef Andreas Zehmisch musste zugeben, dass der Absatz der E-Inkasso-Software weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben war.

Zehmisch ließ sich seinen Abgang mit einer Million Mark versilbern und ist zudem der einzige aus dem ursprünglichen Vorstands-Trio, der die Lockup-Periode, also die Sperrfrist für eigene Aktienverkäufe, nicht verlängerte. Wo er abgeblieben ist, wollte das Unternehmen auf Anfrage nicht mitteilen.

Ähnlich spektakulär verlief der Abgang von Jochen Furch, Gründer und ehemaliger Vorstandschef der CPU Softwarehaus AG, Augsburg. "Ich kann keinen Ton dazu sagen, was Herr Furch heute macht", erklärt CPU-Sprecher Jürgen Rösch. Als sicher gilt jedoch, dass er noch mit knapp 25 Prozent am Unternehmen beteiligt ist und eine Abfindung in Höhe von 750000 Mark kassierte. Persönliche und gesundheitliche Gründe nannte Furch für seine Demission - unternehmeriches Scheitern auf ganzer Linie scheint jedoch der wahre Grund zu sein. Eine diffuse Beteiligungspolitik und der teure Aufbau von europäischen Tochtergesellschaften - garniert mit Erwartungen, die sich als Luftschlösser herausstellten - haben die Augsburger Softwareschmiede vergangenen Sommer an den Rand des Ruins getrieben.

Was ein Kassensturz ist, bekamen CPU-Aktionäre mit dem letzten Quartalsbericht präsentiert. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2000 wuchsen die Verluste der schwäbischen Company auf 30,5 Millionen Mark - bei stagnierenden Umsätzen (14 Millionen Mark). Während der Ex-CPU-Boss nach Ablauf der Lockup-Periode noch rechtzeitig ein größeres Aktienpaket in den Markt werfen konnte, leben die Kleinaktionäre - der aktuelle Kurs pendelt unter fünf Euro - bis auf weiteres vom Prinzip Hoffnung.

Hat Hubertus Hoffmann wirklich einen Platz in der Ruhmeshalle der Internet-Pioniere verdient? Das fragen sich so manche Zeitgenossen angesichts der schnelllebigen Cyberwelt zu Recht. Als vermeintlicher Vorreiter der New Economy erhielt der Gründer und Ex-Vorstandssprecher der Münchner Internetmediahouse (IMH) AG im Oktober 2000 von Bundespräsident Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hoffmann, der noch im Juni schwarze Zahlen für das Gesamtjahr 2000 in Aussicht gestellt hatte, bereits elegant den Rückzug in den Aufsichtsrat angetreten. Im Unternehmen schrillten zu diesem Zeitpunkt bereits die Alarmglocken.

Eine regelrechte Ausverkaufsstimmung kam bei der Münchner Beteiligungsgesellschaft dann im November auf, als zwei weitere Vorstandsmitglieder die Segel streichen. Seitdem versucht die Venture-Capital-Gesellschaft VTC-Partners, die vor kurzem mit zehn Prozent bei IMH einstieg, das Ruder noch einmal herumzureißen. In welcher Schieflage sich das stark auf E-Commerce-Beteiligungen spezialisierte Unternehmen befindet, wurde schließlich an der Neun-Monats-Bilanz deutlich, die statt der versprochenen schwarzen Zahlen 42 Millionen Mark Verlust auswies. Wie viel Prozent der 45-Jährige promovierte Politologe heute noch an IMH hält, konnten die Münchner auf Anfrage nicht mitteilen. Seit der Aktienkurs unter den Emissionspreis von 20 Euro gepurzelt ist, habe Hoffmann jedenfalls keine Stücke mehr verkauft.

Was von Unternehmensgründern zu halten ist, die nicht mehr an das eigene Unternehmen glauben, davon können auch Aktionäre der Ixos Software AG ein Lied singen. Bereits vor der Gewinnwarnung des auf Archivlösungen im SAP-Umfeld spezialisierten Unternehmens im April 2000 musste der Titel an der Börse kräftig Federn lassen. Der Grund hierfür waren massive Verkäufe der US-Investmentbank Goldman Sachs, die sich bereits vor dem IPO mit 18,7 Prozent an Ixos beteiligt hatte und das Unternehmen im Oktober 1998 federführend an die Börse begleitete.

Doch auch die beiden Gründer und damaligen Firmenchefs hatten bereits innerlich gekündigt. Eberhard Färber und Hans Strack-Zimmermann trennten sich in den Wochen und Monaten vor der Gewinnwarnung von jeweils 300000 Aktien. Ob es sich dabei um Insider-Delikte handelt, wird Gerüchten zufolge derzeit vom Frankfurter BAWe ermittelt. Nach den Verkäufen halten beide Ex-Firmenchefs noch jeweils 15 Prozent an Ixos. Was Strack-Zimmermann heute macht, ist einer größeren Öffentlichkeit nicht bekannt. Färber, der nach wie vor dem sechsköpfigen Ixos-Aufsichtsrat angehört, schwebt als Business Angel durch die Münchner Gründerszene.

Nach dem Krisenjahr 1999 kam es bei der Münchner NSE Software AG 2000 zu einem weiteren Stühlerücken. Dem 1978 von Manfred Nerb gegründeten und auf Finanzsoftware spezialisierten Unternehmen gehörten nach dem Börsengang noch sechs von insgesamt sieben Nerb-Geschwistern an. Manfred Nerb musste dann allerdings nach einer drastischen Umsatz- und Gewinnwarnung bereits im Dezember 1999 den Hut nehmen. Kein Fortune war auch seinem Nachfolger und Bruder Friedrich Nerb beschieden, der ebenfalls zu hoch pokerte und nach kurzer Zeit aussteigen musste.

Als finanzieller Schrecken ohne Ende gestaltet sich für die NSE-Aktionäre vor allem die Endlos-Entwicklung der Back-Office-Lösung "Finas Enterprise". Während sich heute neue Vorstände an Bord des haverierten Softwaretankers befinden, hofft der Nerb-Clan mittelfristig auf bessere Zeiten. Das nicht ohne Grund. Die am Unternehmen beteiligten Familienmitglieder halten insgesamt noch 30 Prozent am Unternehmen und haben sich beim IPO im April 1999 freiwillig einer Lockup-Periode von fünf Jahren unterzogen.

Ein Knirschen in der Vorstandsetage gab es in diesem Jahr auch bei der Bintec Communications AG. Noch im Frühjahr nervte der Nürnberger Spezialist von Remote-Access-Lösungen seine Anleger mit Informationsmüll. "Web-TV live vom Bintec-Messestand" lief beispielsweise im Vorfeld der CeBIT über die Ad-hoc-Ticker. Dann allerdings platzte die vermeintliche Erfolgsstory, noch ehe sie so recht begonnen hatte. Als im Juli die Übernahme der Elmeg Beteiligungs AG scheiterte, kam das Unternehmen nicht mehr aus den negativen Schlagzeilen heraus. Im August folgte eine Gewinnwarnung, die Vorstand Claus Wortmann den Job kostete. Die nächste Hiobsbotschaft trat nur wenige Wochen später ein. Bintec musste die bereits revidierten Prognosen erneut zurücknehmen.

Für die Aktie gab es daraufhin kein Halten mehr - im Sturzflug ging es deutlich unter die Fünf-Euro-Marke. Aus der Traum auch für Vorstandsmitglied und Mitbegründer Gregor Krawczuk, der noch zum IPO als Ziel formulierte, den Aktienkurs jährlich um über 30 Prozent zu steigern. Vor kurzem verließ er das Unternehmen. Krawczuk, der noch 22 Prozent am Unternehmen hält, hat laut einer Unternehmenssprecherin nach Ablauf der Lockup-Periode (10. September 2000) keine Aktien abgegeben - was angesichts des derzeitigen Kursniveaus ausnahmsweise glaubhaft klingt.

Bitter dürfte auch der Abgang für Gerd Nicklisch gewesen sein. Der Ex-Emprise-Chef, der die Hamburger Company 1994 zunächst als IT-Dienstleistungs- und Consulting-Unternehmen positionierte, fand zuletzt immer mehr Gefallen an der New Economy. Mit dem Kapital aus dem Börsengang strickte er an einem E-Commerce-Portfolio. Die Mitgesellschafter und Teile des Aufsichtsrates verfolgten die internationale Einkaufstour, darunter auch mehrere Minderheitsbeteiligungen, jedoch mit argwöhnischen Blicken.

Nicklisch wurde schließlich zurückgepfiffen und kehrte dem Unternehmen, als sich die strategischen Differenzen immer mehr zuspitzten, den Rücken. Das Börsenfiasko der Emprise-Tochter Mediascape und Gerüchte um die Abgabe großer Aktienpakete durch Altaktionäre waren weitere Gründe, die die Kursrakete schließlich zum Absturz brachten. Zur Frage, welche neuen beruflichen Wege der heute 48-jährige Manager eingeschlagen hat und wie viel Prozent er noch an Emprise hält, wollte man sich in der Emprise-Pressestelle nicht äußern.

*Andrea Goder ist freie Journalistin in München.