Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

12.08.1983

Der Mensch - das Maß aller Computer

Nicht die Maschine herrscht, sondern ihre Software. Sie machte im Batch-Zeitalter den Computer zum dummen Befehlsempfänger, der stur das tat, was das Programm ihm befahl. Mit dem Anbruch des Dialogzeitalters begann die Herrschaft der Software über den Menschen. Der Computer gibt die Befehle weiter, die ihm die Programmierer eingaben. Mit Hilfe der Softwareergonomie will nun der Mensch die Herrschaft zurückgewinnen.

Bürowelt heute: Etwa die Hälfte aller Beschäftigten der westlichen Volkswirtschaft arbeitet Tag für Tag im Zentrum der Entscheidungen - im Büro. Ihre Haupttätigkeit: Denken - beim Reden, beim Lesen, beim Rechnen, beim Schreiben.

Das ganze Tun dieser 60 Millionen "Wissensarbeiter ist letztlich nur darauf ausgerichtet, ein ganz bestimmtes Produkt zu erstellen, das wie kaum ein anderes der ständigen Veränderung unterliegt: die Information.

Bürowelt morgen: Mehr als zwei Drittel aller Beschäftigten arbeiten Tag für Tag im Zentrum der Entscheidungen - im Büro. Ihre Haupttätigkeit: Denken - beim Reden, beim Lesen, beim Rechnen, beim Schreiben, ihr wichtigstes Produkt: die Information.

Ergonomie entsteht nur aus dem Dialog

Doch mehr und mehr werden die Menschen bei ihrer Denkarbeit unterstützt von Maschinen, die schneller lesen, schneller rechnen, schneller schreiben können. Ihr wirklicher Vorteil sind jedoch ihre Speicher, die nichts vergessen. Nur eins kann der Computer nicht: denken.

Alles, was der Computer tut, ist vorgedacht - von Menschen, von Programmierern. Sein Tun ist unser Wille. Software ist nichts anderes als die "vergegenständlichte Willenskraft" (Marx) des Menschen. Das Problem: Mit dem Beginn des "Dialogzeitalters", der Interaktion von Mensch und Maschine, weitet sich die ursprünglich nur auf die Maschine beschränkte Herrschaft der Programmierer unwillkürlich auch auf den Menschen, den Benutzer, aus. Und da in einer demokratisch gestalteten Welt noch jede Herrschaft der Zustimmung durch die Benutzer bedarf, muß die Software zustimmungspflichtig werden sonst gibt es eine Revolution.

Softwareergonomie bedeutet nichts anderes als die Unterwerfung des Werkzeugs Computer unter den Menschen. Der Benutzer herrscht durch die in der Software vorgedachten Befehle der Programmierer über den Computer. Diese Befehle müssen so gestaltet sein, daß der Mensch sie mit seiner Begriffswelt versteht.

"Schließlich ist jede Software irgendwie ergonomisch", meint H. D. Sieber, Vizedirektor der Schweizerischen Treuhandgesellschaft in Basel. Das stimmt "irgendwie". Doch dann definiert der Informatiker genauer: "Wenn man an die zurückliegende Dekade denkt, dann kommt man zu dem Ergebnis, daß die Benutzer heute noch in den wenigsten Fällen die Möglichkeit haben, die Ergonomie "ihrer" Software zu beeinflussen.

Ergonomie wird nicht verordnet, sondern von den Benutzern und ihrer Arbeitsweise mitbestimmt. Doch das ist leichter gesagt als getan. Ergonomie entsteht nur aus dem Dialog von Mensch zu Mensch, von Benutzer zu Softwareentwickler.

"Die meisten Mensch-Maschinen-Dialoge werden noch weitgehend von traditionellen Programmierern entworfen die mehr Erfahrung mit Batch- als mit Dialogprogrammen haben", warnt Dr. Pavel Rejmann, Berater der Systor AG in Zürich. Das bedeutet: Die Programme sind hardware-und nicht benutzerorientiert. Sie sind unverständlich.

Dr. Gerhard Fischer, Institut für Informatik der Universität Stuttgart, stellt deshalb die These auf: "Für die Akzeptanz von intelligenten Systemen ist es erforderlich daß diese erklären können was und wie sie eine Aktion ausgeführt haben, dies muß auf eine Art und Weise geschehen, daß es der Benutzer verstehen kann."

Wenn der Mensch der Maßstab aller Computer sein soll, wie sieht dann diese Softwareentwicklung aus ?

Dr. Raimund Birri von der Universität Loughborrough in Großbritannien empfiehlt allen Softwareentwicklern: "Analysiere und beschreibe zuerst die Benutzergruppe und deren spezifische Verwendung der Software und gewährleiste davon ausgehend eine Anpassung der interaktiven Software."

Und weiter: "Für die Programmierung heißt das, daß mit der Gestaltung des Benutzerdialogs begonnen werden sollte und dieser nicht erst am Schluß an den bereits erstellten Programmoblauf angepaßt werden soll."

Adaptiv gegenüber verschiedenen Benutzern

Doch auch dies ist nicht so einfach, wie es gesagt ist. Denn: "Den Benutzer eines Computersystems gibt es nicht. Computersysteme müssen sich adaptiv gegenüber verschiedenen Benutzergruppen verhalten", postuliert Dr. Fischer, der in Stuttgart im Rahmen eines mit 3,5 Millionen Mark öffentlich finanzierten Projektes die Mensch-Maschine-Kommunikation (MMK) untersucht.

Erste Ansätze bei der Verwirklichung von ergonomischer Software lieferte im November vergangenen Jahres die amerikanische Fachzeitschrift "Datamation", die "Nine Principles for Ergonomic Software" von Louis Fried veröffentlichte.

Keine Degradierung zum Befehlsempfänger

Pierre Nellen, Direktor der Orsysta, Rechenzentrum der Schweizer Publicitas-Gruppe, kommentiert die Thesen: "Nimmt man den Standpunkt der Endbenutzer, also der eigentlichen Kunden eines Softwareentwicklers, oder deren Beauftragten, der Organisatoren der Fachbereiche, ein, ist man geneigt zu sagen: Da hat einer einmal den EDV-Fachleuten ins Stammbuch geschrieben, wie sie eigentlich Programme bauen sollten."

Und deshalb empfiehlt der Praktiker: "So sollten sich an einem konkret zu realisierenden oder bereits realisierten Projekt beide Partner gemeinsam Rechenschaft ablegen, inwiefern diese Grundsätze eingehalten werden können oder konnten. Letzten Endes sind nur solche Argumente pro und contra zu akzeptieren, die von beiden Seiten gemeinsam mit dem gleichen Stellenwert begründet werden können. Die Resultate dieser Auseinandersetzungen werden zu überarbeiteten oder weiterentwickelten Grundsätzen führen. Diese Ergebnisse sollten ihren Niederschlag in den Fachpublikationen finden. Besonders typische Fallbeispiele müssen bei Organisator- und EDV-Ausbildungslehrgängen geschult werden."

Und Rene W. Schärlig, Direktor der Systor, warnt: "Wir dürfen keine Systeme mehr entwickeln, die den Menschen zum dummen Befehlsempfänger des Computers degradieren, die nicht Werkzeug des Menschen, sondern Herrschaftsinstrument über den Menschen sind.

Die Menschen fühlen sich ohnmächtig und leben gleichzeitig in dem Glauben, durch einen Fehler ungeheuere Kräfte in Bewegung setzen zu können, denen sie gleichzeitig hoffnungslos ausgeliefert zu sein vermeinen."

Schon berichtet die amerikanische Wirtschaftszeitung ":Wall Street Journal" von wahren "Berührungsängsten der Menschen gegenüber dem Computer, den sie nicht durchschauen, der intolerant ist und den Benutzer als dumm hinstellt". "Der Computer sagt einem nicht, wie man Eingabefehler beseitigen soll oder was Systemmeldungen wie "Statement Error" oder "Input Error" bedeuten", klagt eine Anfängerin gegenüber der Tageszeitung. Die "Tastatur-Phobie" mancher Benutzer geht sogar so weit, daß sie befürchten, "bei einem falschen Knopfdruck eine ganze Stadt in die Luft zu jagen", berichtet das "Wall Street Journal".

Ergonomie ist nicht billig. Noch wird zu wenig in diese Richtung getan. Die Japaner haben bereits begonnen. Und sie haben auch ein Mittel gefunden, wie man den Menschen die Angst vor dem Computer nehmen kann: durch Spaß und Spiele.

Raimund Vollmer ist freier DV-Fachjournalist in Reutlingen. Der vorliegende Gastkommentar ist den "Systor Info - Informationen für das Management", Nr. 12 vom Juli 1983 entnommen.