Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

23.08.1991 - 

Ein Plädoyer gegen Unix

Der Newsletter "insight IBM" (August 1991) der britischen Beratungsfirma Xephon Plc. über Journalisten und Mythen

Es ist erstaunlich, wie viele Journalisten und andere "Experten", die es eigentlich besser wissen müßten, den Trend weg vom Mainframe, der zweifellos existiert, aber immer noch schwach ausgeprägt ist, mit dem vorübergehenden und weitgehend vorgetäuschten Aufstieg von Unix in Verbindung bringen.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die meisten Firmen, die vom Mainframe weggehen, ersetzen ihn entweder durch AS/400-Systeme oder PC-LANs, also keineswegs durch Unix-Systeme.

Bei näherer Betrachtung ist das gar nicht so abwegig:

- Wenn die Hauptinvestitionen in Mainframe-Hard- und -Software getätigt wurden und diese Anwendungen in LANs eingesetzt werden können, warum sollte man einen Aufpreis für Unix zahlende Unix-MIPS mögen zwar billiger als Mainframe-MIPS sein, aber PC-MIPS sind noch günstiger. Unix-Software bewegt sich überdies in anderen preislichen Größenordnungen als entsprechende PC-Software.

Warum also sollte jemand bei der Alternative weg vom Mainframe ausgerechnet Unix wählen? Weil es "offen" ist? Wohl kaum - der Unix-Kernel gehört AT&T und sämtliche Erweiterungen, die Drittanbieter drauflegen und die aus dem Kernel ein kommerziell einsetzbares System machen (OLTP, DBMS, Sicherheit, Integrität, Verfügbarkeit etc.), sind herstellerspezifisch und inkompatibel zu allem, was früher da war, da ist oder da sein wird.

Selbst wenn Unix "offen" wäre, was bedeutet, Standards von Organisationen einzuhalten, die keine kommerzielle Ausrichtung haben, sieht die Wirklichkeit so aus, daß sich Anwender herzlich wenig um "De-jure-Standards" kümmern.

De-jure-Standards sind bestens geeignet für Konsumgüter wie Muttern, Schrauben oder Schweinebäuche. Konsumgüter-Märkte, in denen die Anbieter häufig mit gleichen Produkten auf dem Markt sind, bieten die günstigsten Preise. Der Nachteil ist der Mangel an Innovationskraft, denn entweder ändern alle Anbieter gleichzeitig das Produkt oder keiner ändert etwas. Daher hängen diese Dinge von einem Konsens unter Bürokraten, Lobbyisten und Politikern ab, die in dem Prozeß der Marktstandardisierung mitwirken. Das Innovationstempo in diesem Bereich ist nicht unbedingt atemberaubend.

Wer also kauft Unix-Systeme? Unix-Kunden scheinen sich in drei Hauptkategorien aufzugliedern:

- Kunden, deren Hauptanforderung das Timesharing in der Anwendungsentwicklung für Endanwender ist - also hauptsächlich Universitäten und Anwender in wissenschaftlichen oder Ingenieursbereichen;

- politisch motivierte Organisationen, vor allem Behörden, die denken, daß Normen per se etwas Gutes sind; diese Behörden verpulverten schon in den 70er Jahren Unsummen an Steuergeldern bei der Installation von Codasyl-Datenbanksystemen, um diese in den 80er Jahren wieder einzumotten;

- Leute in leitenden Positionen, die Unix als das offene System schlechthin sehen - ein Image, das von Werbetextern, PR-Agenturen und Journalisten geschaffen wurde. Die Message kann so zusammengefaßt werden: "Unix-Systeme sind offen (was nicht stimmt); offene Systeme bringen den Kunden die preiswerteste Technologie (was nicht stimmt) und befreien sie aus den Klauen der herstellerspezifischen Systeme (was zum Teil stimmt, wenn es ihnen nichts ausmacht, eine von einem Komitee entwickelte antiquierte Technologie zu nutzen)." Nebenbei gesagt verstehen wir sehr gut, warum Werbetexter und PR-Agenturen die Mythen um Unix aufrechterhalten, aber warum Journalisten (normalerweise eine ziemlich zynische Bande) alle Übertreibungen um Unix einfach so hinnehmen, ist rätselhaft.

Nein, wenn Mainframes in absehbarer Zukunft aussterben, dann liegt das nicht an Unix. Mit der Zeit, und dabei wird es sich eher uni Jahrzehnte als um Jahre handeln, werden verteilte PC-Netzwerke mit ausreichender Performance, Sicherheit, Integrität und Verfügbarkeit für unternehmenskritische Anwendungen Mainframes ersetzen. In der Zwischenzeit spielt der Mainframe weiterhin eine Rolle, und sei es nur als "Datenlager" und zentraler Server für ein Netz von PC-LANs.

Für die nahe Zukunft haben die Mainframes eine kleine, aber lukrative und sichere Nische, PCs haben einen großen und weiter wachsenden Markt - Unix hat nur eine gute PR. Unsere Einschätzung ist also, daß der Mainframe Unix locker überleben wird.

Es sein denn, die IBM verliert die Nerven, befindet, daß der Mainframe wirklich tot ist und treibt

a) die Preise für Mainframe-Software in die Höhe, um soviel Umsatz wie möglich aus einem Bereich zu ziehen, der als sterbender Dukatenesel bezeichnet werden könnte. Oder die IBM schaltet sich

b) mit der RS/6000 weiter in den Kampf um den Unix-Markt ein, indem sie die Maschine mit Mainframe-Funktionalität ausstattet und gleichzeitig die Preise gesenkt werden.

In diesem Falle würde die RS/6000 unter AIX (eine weitere herstellerspezifische Unix-Version) ein neuer "De-facto-Standard" werden - kurz: ein kleiner Mainframe.

Anmerkung d. Red.: Wir verstehen sehr gut, warum DV-Berater, die sich auf den IBM-Markt spezialisiert haben, den Big-Blue-Mythos aufrechterhalten wollen. Aber versuchen Sie einmal, AS/400 Anwendungen auf anderen Hardwareplattformen laufen zu lassen. Soviel zum Thema "Offenheit".