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Immer mehr deutsche Unternehmen lagern die Softwareentwicklung in Billiglohnländer aus


19.09.2003 - 

"Der Offshore-Trend ist unumkehrbar"

Neben der Auslagerung der IT-Infrastruktur denken immer mehr deutsche Unternehmen über Offshore-Anwendungsentwicklung nach. Konzerne wie Daimler-Chrysler oder die Deutsche Bank haben dafür weltweite Strategien entwickelt. Wie hoch die erhofften Einsparungen tatsächlich ausfallen, diskutierten Teilnehmer einer Fachkonferenz in Mainz.

"Offshoring beginnt in Deutschland ein Hype zu werden", erklärte Unternehmensberater Christoph Böhm zur Eröffnung der Konferenz "Offshore-Anwendungsentwicklung". Der Veranstalter Euroforum hatte sowohl Anbietervertreter als auch IT-Manager aus deutschen Unternehmen geladen.

Nach der Restrukturierung im Consulting-Markt könnten die Stundensätze nicht mehr weiter sinken, argumentierte Böhm, der sich mit seiner Firma Transcrit auf die Beratung deutscher Unternehmen in Sachen Offshore spezialisiert hat. Gleichzeitig bleibe der Druck auf die IT-Budgets bestehen, was häufig zu Lasten strategischer Projekte gehe. Viele IT-Verantwortliche hätten die Aufwendungen für Betrieb und Wartung ihrer Systeme über Outsourcing-Maßnahmen gedrückt. Diese Möglichkeiten seien ausgereizt. Um weitere Einsparungen zu erzielen, bleibe oft nur der Weg über Offshore-Projekte. Was in den USA seit Jahren gängige Praxis ist, beginne sich nun auch in Deutschland durchzusetzen.

Tief greifender Strukturwandel

Böhms These stützen mehrere aktuelle Untersuchungen. Andreas Pohl etwa, Geschäftsführer der Deloitte & Touche Corporate Finance GmbH, schätzt, "bis zum Jahr 2008 könnten bis zu 20 Prozent der IT-Budgets deutscher Großunternehmen nach Indien gehen". Das entspreche einem Umsatzpotenzial von bis zu 14 Milliarden Euro. Die deutsche IT-Landschaft stehe vor einer tief greifenden strukturellen Veränderung.

Das wichtigste Motiv für Offshore-Entwicklungsprojekte sind geringere Lohn- und Lohnnebenkosten als für ähnlich qualifizierte inländische Programmierer, hat Regina Moczadlo von der Fachhochschule Pforzheim herausgefunden. Eine von ihr initiierte Untersuchung stützt sich auf 75 deutsche Unternehmen, die bereits Offshore-Projekte in Staaten außerhalb der G7-Gruppe verfolgen. 200 weitere Befragte haben noch keine einschlägigen Erfahrungen gesammelt. Die Ergebnisse decken sich in wesentlichen Teilen mit internationalen Studien. So erhoffen sich drei Viertel der Offshore-Erfahrenen, mit der Auslagerung Kapazitätsengpässe zu überbrücken. Fast ebenso wichtig schätzen sie eine hohe Qualität der gelieferten Programme oder Module ein. Von der Unterstützung ausländischer Programmierer erhoffen sich die Unternehmen zudem eine beschleunigte Marktreife von Softwareprodukten (Time-to-Market).

Auch Böhm kennt solche Vorteile aus seiner Beratungstätigkeit. Er verweist aber auch auf Risiken, die sich insbesondere aus kulturellen Unterschieden ergäben: So würden etwa kritische Projektinformationen bisweilen nur verzögert weitergegeben, weil indische Mitarbeiter darauf bedacht seien, Konflikte zu vermeiden. Häufig mangele es den Offshore-Dienstleistern am nötigen Branchenwissen, um die wirtschaftlichen Hintergründe technischer Funktionen zu verstehen. Einmal erkannt, ließen sich die meisten Probleme aber durch strukturiertes Vorgehen und ein professionelles Projektmanagement eindämmen. Wie die meisten Referenten aus dem Anbieterlager zeichnete Böhm ein ausgesprochen positives Bild der Offshore-Szene.

Die Frage, wie hoch die versprochenen Einsparungen tatsächlich ausfallen, diskutierten die Konferenzteilnehmer hingegen kontrovers. Laut der Moczadlo-Studie liegt der von deutschen Kunden am häufigsten genannte Stundensatz für Offshore-Dienste zwischen 10 und 19 Euro. Fritz Maurer, Director Supply Chain Management & Enterprise Solutions bei BASF IT Services, kann diese Zahl nicht bestätigen. Nach seinen Erfahrungen mit großen Offshore-Anbietern liegen die Stundensätze zwischen 35 und 40 Dollar. Die IT-Tochter des Chemiekonzerns plant unter anderem die komplette Auslagerung der SAP-Entwicklung. Betroffen sind mehrere hundert Mitarbeiter.

Unterm Strich schätzen laut der Moczadlo-Erhebung 32 Prozent der Befragten die Kostenvorteile der Offshore-Programmierung auf 30 bis 50 Prozent. Ein weiteres Viertel erwartet sogar Einsparungen über 50 Prozent. Dass es sich dabei eher um theoretische Werte handelt, ging aus Beiträgen anderer Referenten hervor. "40 bis 60 Prozent Einsparungen mit Offshore-Entwicklung wird es nie geben", konstatierte etwa Ulrich Meister, Chief Information Officer für den Bereich GTO - Private Business Clients, bei der Deutschen Bank. Realistisch seien allenfalls 20 bis 30 Prozent. Dabei gehe die Deutsche Bank von der Prämisse aus, nicht alle denkbaren Potenziale auszuschöpfen. Denn im Gegensatz zum klassischen RZ-Outsourcing, wo man mit einem "harten Schnitt" die Anzahl der internen Mitarbeiter von 900 auf 50 gesenkt habe, erfordere die Auslagerung der Anwendungsentwicklung ein vorsichtigeres Vorgehen. Entscheidend sei es, die Kontrolle über die Projekte zu behalten. Meister: "Die Governance muss in der Bank bleiben."

Projektkosten sinken

Offshore-Berater Böhm kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Nach Abzug sämtlicher zusätzlichen Kosten, beispielsweise für die Verwaltung, ergäben sich Nettoeinsparungen von zirka 20 Prozent für ein definiertes Softwareentwicklungsprojekt. Das allerdings müsse groß genug sein, um sich überhaupt zu rechnen. Nach seinen Erfahrungen liegt der Grenzwert für ein erstes Offshore-Projekt zwischen 1000 und 2000 Personentagen. Wegen der Anlaufschwierigkeiten sei zunächst nur von einer fünfprozentigen Ersparnis auszugehen. Erst im "eingeschwungenen Zustand" könnten Unternehmen die Projektkosten um 20 bis 30 Prozent reduzieren.

Eine etwas andere Sichtweise präsentierte Christina Schmidt aus dem zentralen Bereich Information Technology Management (ITM) der Daimler-Chrysler AG. "Für uns steht die Qualität im Vordergrund. Das ist das K.o.-Kriterium für Offshore-Projekte." Aus den Unternehmenszielen ergäben sich klare Anforderungen an die IT-Organisation: Schnellere Bereitstellung von IT-Lösungen, Kostensenkung und Steigerung der Qualität. Von den traditionellen IT-Dienstleistern seien diesbezüglich kaum noch Verbesserungen zu erwarten, bilanzierte die Managerin zum Ärger der zahlreich vertretenen großen Serviceanbieter. ITM habe deshalb eine "Strategic Sourcing Initiative" entworfen.

Federführend war Seshu Bhagavathula, der für Daimler-Chrylser bereits ein Forschungszentrum im indischen Bangalore gegründet hatte. Im Rahmen des unternehmensweit angestoßenen Vorhabens identifiziert jede Abteilung ein Pilotprojekt für die Offshore-Entwicklung. Das Management entwickelt daraus zunächst einen Zeitplan für kurzfristige und einfach zu realisierende Projekte. Im zweiten Schritt soll eine umfassende Roadmap entstehen, die alle mittel- und langfristige Projekte definiert und terminiert.

Die IT-Organisation der US-amerikanischen Chrysler Group habe mit diesem Vorgehen bereits gute Erfahrungen gemacht, so Schmidt. Dabei strebe Daimler-Chrylser durchaus auch Einsparungen an. Diese könnten sich anfangs um die 20 Prozent bewegen, für komplexere Projekte mit zusätzlichen Investitionen etwas weniger. Langfristig hält sie eine Kostensenkung um 30 Prozent für erreichbar. Keinesfalls beabsichtige man dabei, in großem Stil Mitarbeiter abzubauen, wie in den Medien vielfach kolportiert. Vielmehr solle sich die Auslastung der vorhandenen IT-Mitarbeiter, die oft bei 120 Prozent liege, möglichst auf 80 Prozent reduzieren. Damit stünden mehr Ressourcen für anspruchsvollere Aufgaben zur Verfügung.

Deutsche Bank streicht Stellen

In der Deutschen Bank scheinen die Prioritäten anders gelagert zu sein. "Offshore-Entwicklung bedeutet meistens Personalabbau", ließ IT-Manager Meister in der Diskussion keinen Zweifel offen. Dies geschehe entweder über Aufhebungsverträge oder einen Betriebsübergang nach § 613a des BGB. Betriebsbedingte Kündigungen kämen für die Deutsche Bank nicht in Betracht.

Das Frankfurter Geldinstitut beschäftigt sich schon seit Anfang der 90er Jahre mit dem Thema Offshore oder Nearshore. Dabei haben sich drei Vorgehensmodelle herausgebildet: Im ersten Schritte gründete die Bank eigene Entwicklungszentren in Niedriglohnländern. So erstellt etwa eine Niederlassung in Singapur Teile der Software für den Auslandszahlungsverkehr. Die zweite Variante bezeichnet Meister als hybrides Modell: Der Finanzkonzern beteiligt sich am Serviceanbieter oder gründet Joint-Ventures. Ein Beispiel dafür ist die Beteiligung am deutschen IT-Dienstleister GFT, der wiederum Nearshore-Kapazitäten in Spanien vorhält. Die konsequenteste Form bildet die Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern ohne finanzielle Beteiligung. Entsprechende Offshore-Projekte verfolgt die Deutsche Bank beispielsweise im indischen Chennai. Die Anwendungsentwickung für die Personalverwaltung wurde komplett an Accenture ausgelagert. Der Serviceanbieter greift dazu unter anderem auf Ressourcen in Manila zurück.

Für die Zukunft verfolgt Meister eine "Ausstiegsstrategie" zugunsten selbständiger externer Partner. Das bedeutet, eigene Offshore-Aktivitäten werden zurückgefahren, Beteiligungen an Dienstleistern wie im Fall GFT reduziert. Ein Grund dafür sind konkurrierende Ziele zwischen Auftraggeber und Serviceanbieter, die sich insbesondere mit Gemeinschaftsunternehmen häufig ergeben hätten, beschreibt der Manager seine Erfahrungen.

Welche Konsequenzen die Offshore-Aktivitäten auf den deutschen Arbeitsmarkt haben werden, stand in Mainz nicht im Mittelpunkt. "Der Trend zur Offshore-Entwicklung ist unumkehrbar", antwortete Mathias Weber vom deutschen IT-Branchenverband Bitkom auf die Frage nach einem bevorstehenden Stellenabbau. Bitkom unterstütze seine Mitglieder dabei, den notwendigen Transformationsprozess zu bewältigen.

Erfahrungen aus den USA zeigen indes, dass die mit Offshoring verbundenen Stellenstreichungen durchaus zum Problem werden können. Immer häufiger ist von wütenden Protesten entlassener IT-Experten zu lesen. Amerikanische und indische Medien berichten bereits von Plänen einiger US-Bundesstaaten, IT-Outsourcing ins Ausland per Gesetz einzuschränken.

Wolfgang Herrmann

wherrmann@computerwoche.de

Offshore-Zentren

Indien und Russland

Die mit Abstand bedeutendste Region für Offshore-Projekte ist Indien. Nach Schätzungen des Industrieverbands Nasscom (National Association of Software and Service Companies) könnte die indische IT-Industrie bis zum Jahr 2008 ein Exportvolumen von 77 Milliarden Dollar erreichen. Derzeit buhlen rund 1000 lokale IT-Serviceanbieter um die Gunst internationaler Kunden. Rund 15 Prozent von Indiens gesamten Ausfuhren entfallen auf Software; fast alle führenden Softwareanbieter haben Entwicklungszentren auf dem fünften Kontinent eingerichtet.

Dennoch empfiehlt Mathias Weber vom deutschen IT-Branchenverband Bitkom, für Offshore-Aktivitäten auch andere Regionen in Betracht zu ziehen. So böten etwa ost- und mitteleuropäische Staaten, allen voran Russland, schon wegen der räumlichen und kulturellen Nähe interessante Perspektiven. Informationen liefert neben Bitkom (www.bitkom.org) etwa der russische Verband der Offshore IT-Anbieter Russoft (www.russoft.org) oder die Initiative Fort-Ross (www.fort-ross.ru). Als aufstrebende Offshore-Länder, die das "indische Modell" kopierten, nennt Unternehmensberater Christoph Böhm zudem China, die Philipinen, Israel und Irland.