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24.04.1992 - 

Gastkommentar

Der Recycling-Cornputer - ein Wunschtraum?

Professor Arno Rolf Universität Hamburg, Fachbereich Informatik

Wenn es um die Beziehung von Computer und Umwelt geht, scheint die Welt noch in Ordnung zu sein, und nicht nur für DV-Experten. Wir und die DV-Nutzer werden durch eine ganze Reihe von Metaphern und Leitbildern in dieser Auffassung bestärkt. Da ist von "weißer Industrie" die Rede und von der "Informationsgesellschaft", in der die Abfälle und Schadstoffemissionen, die durch die Produktion entstehen, sich nach und nach durch immer mehr "saubere" Dienstleistungen auflösen. Und es hat sich in unserer Wahrnehmung festgesetzt, daß die Mikroelektronik keine wertvollen Ressourcen verbraucht. Ihr Rohstoff ist Quarzsand, der reichhaltig vorhanden ist. Die Mikroelektronik steht gerade für stetig steigende Leistungen, die mit immer weniger Energie- und Platzbedarf erbracht werden können. Und auch die Produktion von Programmen ist eine Form der Wertschöpfung, die keine erkennbaren umweltrelevanten Effekte hat. Auf einen Nenner gebracht: Wir brauchen sauberes, umweltverträgliches Wachstum, und wir haben Gott sei Dank saubere, umweltverträgliche sowie intelligente Technologien.

Hier kommt zunächst ein auffälliges Phänomen der Computerbranche zum Vorschein. Sie hat eine enorme Fähigkeit, griffige Metaphern für allerlei Sachverhalte zu entwickeln. Durch diese Metaphern wird oft eine bestimmte, zuweilen etwas zu enge Sichtweise festgeschrieben. Sie lenken die Wahrnehmung in häufig äußerst schmale Orientierungsschneisen. Sie lullen ein und lassen kaum noch Gelegenheit, andere Wege zu beschreiten. Anhand der Metaphern und Leitbilder ließe sich eine spannende Geschichte der Computerbranche schreiben - sowohl ihrer Erfolge als auch ihrer Irrtümer.

Das ökologische Netzwerk der Umweltzerstörung ist erheblich komplexer, und die IuK-Techniken haben daran mehr Anteil als ihre Leitbilder und Metaphern glauben machen wollen.

Im folgenden möchte ich zur Diskussion stellen, ob sich der bislang einzige von uns wahrgenommene Konflikt im Verhältnis von Computer und Ökologie - die Belastung der Umwelt durch Computerschrott - durch die Umsetzung der anstehenden Elektrik- und Elektronikschrott-Verordnung des Bundesumweltminister auflöst. Können wir die Umweltprobleme, die wir als Berufstätige in dieser Branche mitzuverantworten haben, durch den Aufbau einer Recyclingwirtschaft für Computer und Elektronik in den Griff bekommen und uns insoweit entlasten? Unabhängig davon, ob es ausreicht, wäre es ein großartiger Erfolg und in jedem Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

Die geplante Elektronikschrott-Verordnung beschränkt sich nicht auf Büro-, Informations- und Kommunikationstechniken, sondern bezieht unter anderem auch Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräte und Elektrowerkzeuge mit ein. Immerhin schätzt das Umweltbundesamt die jährliche Schrottmenge auf zirka 150 000 Tonnen, davon sind 70 000 Tonnen Fernseher, Videogeräte sowie Radios und 8500 Tonnen Computer.

Die abfallwirtschaftlichen Ziele der Verordnung werden in ° 1 genannt: Abfälle aus gebrauchten elektrischen und elektronischen Geräten sollen gesammelt, verwertet und entsorgt werden. Es ist der Wille des Gesetzgebers, daß zurückgenommene Geräte einer erneuten Verwendung oder einer vorrangig stofflichen Verwertung zugeführt werden; sofern sie nicht verwertbar sind, sollen Sie zur Abfallentsorgung kommen. Es wird auch der Wunsch geäußert, bereits bei der Entwicklung neuer Geräte Gesichtspunkte der Abfallvermeidung und umweltverträglichen Verwertung gebrauchter Geräte zu berücksichtigen, etwa durch den Ersatz umweltgefährdender Stoffe, durch größere Reparaturfreundlichkeit, leichtere Demontage und Wiederverwendung verwertbarer Produktteile.

Die Schwäche der Verordnung ist, daß sie verbindlich ist, solange es um nachgeschaltete Maßnahmen geht; so vermittelt sie den Eindruck, daß das Umweltproblem Computerschrott im wesentlichen durch Recycling zu lösen sei. Sie steht in der Tradition der klassischen, aber heute nicht mehr ausreichenden Umweltpolitik, die in nachgeschalteten Auffang- und Reinigungsprozessen denkt und handelt. Das ist zwar notwendig, allein schon deshalb, weil es eine große Menge an Altlastengibt; sich allein darauf zu verlassen, ist aber auch der betriebs- und volkswirtschaftlich schlechtere weil teurere Weg. Auf Dauer billiger wäre es, Konstruktionsprinzipien und Produktionsprozesse so zu gestalten, daß Schadstoffe sowie Abfälle vermieden und der Anteil der wiederverwertbaren Stoffe erhöht wird. Die vorliegende Verordnung läßt dies nur im Rahmen einer Absichtserklärung erkennen.

Das sympathische aber verengte Leitbild der Elektronikschrott-Verordnung läßt sich etwa wie folgt interpretieren: Die Elektronikgeräte verwenden zukünftig zum überwiegenden Teil Werkstoffe, deren Zusammenhang gekennzeichnet ist. Daher können die Geräte wiederverwertet werden. Die neu konstruierten Geräte sind durch intelligente Steuerung der Betriebsabläufe ganz auf Energieeinsparung eingestellt; sie sind weitgehend aus wiederaufbereiteten Materialien gefertigt. Auf diese Weise kann "sauberes" Wachstum mit Umweltschutz verbunden werden. Die Logik ist faszinierend, sie hat dennoch einige Schwachpunkte.

Die geschlossene Auffang- und Recyclingwirtschaft ist leider nur begrenzt zu realisieren. Zwar kann auch heute schon unterstellt werden, daß die lange vorherrschende Goldgräberstimmung - Ausschlachten der Edelmetalle, vor allem von Gold, Platin und Silber, Rückgewinn einiger Wertstoffe wie Kupfer, Kobalt, Nickel, Chrom, Wismut und Zink, den Rest wegwerfen - zumindest bei den Computerherstellern schon die Ausnahme ist. Dennoch muß man auch für die nächste Zukunft davon ausgehen, daß es für die sogenannten Problemfraktionen* keine akzeptablen Aufarbeitungskonzepte gibt; es existieren lediglich fragwürdige Praktiken der Verstreuung, etwa die Verhüttung in Dioxinschleudern oder die Entsorgung über neue Produkte. So entstehen aus gemischten dioxinhaltigen Kunststoffen zum Beispiel Blumenkübel - das ist zwar im Sinne der Wiederverwertung wünschenswert, weicht aber zugleich der angemessenen Beseitigung der darin enthaltenen Problemabfälle aus. So weist der Leiter des Hamburger Ökologieinstitutes Ökopol, Joachim Lohse, darauf hin, daß der Platinschrott fast das gesamte Periodensystem der Elemente enthält - fein verteilt in einem Gemisch aus bis zu 40 Kunststoffen, die mit Flammschutzmitteln gegen Selbstentzündung angereichert sind.

Die problematischsten unter diesen Flammschutzmitteln sind schon produktionsbedingt mit erheblichen Mengen bromierter Dioxine und Furane verunreinigt.

Die Recyclingwirtschaft hat aber auch deshalb ihre Grenzen, weil die Herstellung der Chips und Leiterplatten hochgradig umweltrelevant ist. Hunderte von Stofen und Chemikalien in äußerster Reinheit werden benötigt. Das erzeugt Sonderabfälle und verschlingt große Mengen Energie. Zur Herstellung gehört auch, daß bei der Erzförderung Schlämme, Schlacken und Filterstäube bei der Metallanreicherung entstehen, Öl gefördert und Kunststoff hergestellt werden muß.

Erst am Ende der Kette steht die Herstellung, vor allem die Isolierung der Chemikalien und Metalle in höchsten Reinheitsgraden sowie ihre innige Vermengung zu elektronischen Bauteilen. Der größte Teil der beim Herstellungsprozeß benötigten Stoffe geht nicht in das Produkt ein - nach IBM-Schätzungen beinhaltet es nur 1,4 Prozent.

Auch hier gibt es also Auffang- und Reinigungsprobleme und damit die Gefahr von Verstreuungen hochtoxischer chemischer Neuschöpfungen ohne natürliche Abbauprozesse. Die in Fässern verschlossenen Reinigungsmittel gehen zwar als Sondermüll auf die Deponie, sie sind damit aber nicht für alle Zeiten aus der Welt.

Die Herstellung von Mikroelektronik und die Recyclingprozesse machen die Schwierigkeiten deutlich, auf einen Entwicklungspfad im Sinne des von Umweltpolitikern angestrebten "sustainable development" zu kommen. Weder ist das Problem allein mit Recycling zu lösen, noch erscheint eine weitgehend umweltgerechte Herstellung der Elektronik möglich. Viele Umweltschutzprobleme resultieren zwar daraus, daß bislang ökologische Auswirkungen noch zu wenig beachtet werden.

Der Herstellung von hochentwickelten Computern und Mikroelektronik und ihre Überführung in umweltverträgliche Stoffströme scheinen nach heutigem Stand der Technik jedoch deutliche Grenzen gesetzt zu sein.

Dennoch gibt es hier noch große Reserven, vor allem liegen sie bei umweltgerechteren Konstruktionsprinzipien. Ein im ZVEI/VDMA-Arbeitskreis geprägtes Schlagwort für die Demontage lautet "Produktion rückwärts". Es bedeutet unter anderem: Einschränkung der Material-, insbesondere der Kunststoffvielfalt, Aufbau eines Materialienkatalogs und Normung der Materialkennzeichnung, Lösbarkeit bei Verbundwerkstoffen, Nutzung weniger, vielfach einsetzbarer Verbindungselemente und Gestalten aufgrund typisierter Konstruktionsweisen.

Wenn wir nach Lösungen suchen, sollte ein Problem nicht ausgelassen werden: Der effektivste Weg für den Umweltschutz besteht darin, die Stoffdurchsätze durch längere Lebensdauer zu verlangsamen. Dies kann durch höhere Reparaturfreundlichkeit, mehr Nachrüstmöglichkeiten, langsameren Modellwechsel und mehr Designtreue erreicht werden. Da damit zugleich Absatz- und Wachstumseinbußen (und Arbeitsplatz-Verluste) verbunden sind, bleibt die Umsetzung dieser Forderung zumeist aus. Denn dies widerspricht der Logik der geltenden ökonomischen Mechanismen und Leitbilder - und sie betreffen uns alle.

Ich vermute, daß viele Umweltprobleme - auch über den Fall Computerschrott hinaus - sich aus einem falschen Leitbilder - und sie betreffen uns alle.

Ich vermute, daß viele Umweltprobleme - auch über den Fall Computerschrott hinaus - sich aus einem falschen Leitbild ergeben. Es hat uns vor langer Zeit auf einen Irrweg geführt: Der Mensch, der den Industrialisierungsprozeß vorangetrieben hat, hat offensichtlich übersehen, daß Materie nicht verlorengehen kann. Für ihn gehen Roh- und Betriebsstoffe wie auch die eingesetzte Energie bei der Produktion unter. So hat es uns die Ökonomie seit Jahrzehnten gelehrt: Entweder sie gehen in das Produkt ein, dann sind sie rechtlich Bestandteil des Produkts und können nicht Gegenstand besonderer Rechte sein - so auch das Bürgerliche Gesetzbuch - oder es fallen Abfälle an, die dann wertlos für den Betrieb sind. Die betriebliche Rechnungslegung ist buchstäblich blind für alles, was wertlos ist.

Und das ist eben alles, was man kostenlos bekommt oder abgeben kann. Entsprechend verhält es sich beim Konsum.

Der Industrialisierungsprozeß wird unter der Leitlinie der Unendlichkeit von Produktion und Konsum veranstaltet. Kapital und Arbeit werden mit technischem Fortschritt kombiniert, während sich Energie und Materie der Natur entnehmen und ihr vermeintlich ohne Reue wieder zurückgeben lassen. Naturkapital ist kein betriebswirtschaftlich relevanter Faktor. Er geht weder in die Rechnungslegung ein, noch ist darüber in den meisten Fällen in anderer Weise Rechenschaft abzulegen. Solange wir dies nicht überdenken und Konsequenzen ziehen, werden unsere Erfolge im Bereich Umwelt bescheiden bleiben.

Ich fürchte, die in vielen Metaphern zum Ausdruck kommende Denkweise hält die DV-Anwender davon ab, auch für ihren Verantwortungsbereich diese grundsätzlichen Fragen zu stellen - beispielsweise auch die Frage: Ist der Computer nicht heute das Steuerungsinstrument einer Methode der Industrialisierung, die vom Verbrauch der Natur lebt?

*Dies sind Öle, Fette, Batterien, Kondensatoren, Magnet- und Farbbänder, Leiterplatten mit ihrer Mischung aus Edelmetalleln, Kunststoffen und Flammschutzmitteln, gemischte, nicht metallfrei zu erhaltende Kunststoff-Fraktionen sowie die cadmium- und strontiumhaltigen Bildröhren.