Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

26.09.1997 - 

Kongreßmesse der German Unix User Group in der Krise

Der Siegeszug von NT ließ Unix-User Trauer tragen

Gleich in der Eröffnungsrede bekamen Unix-Enthusiasten einen Dämpfer. "Umgebrochen auf Hardware-Plattformen findet das stärkste Wachstum im deutschen IT-Markt derzeit bei den PC-Servern statt", konstatierte Dieter Sinn, Senior-Berater bei der Diebold Deutschland GmbH, Eschborn, "und zwar auf Kosten kleiner Unix-Systeme." Laut Diebold wuchs das Segment bis Anfang 1996 innerhalb eines Jahres um 35 Prozent auf rund zwei Milliarden Mark an, während der Umsatz mit Unix-Plattformen um zwei Prozent auf 3,4 Milliarden Mark sank.

Chancen für den Unix-Markt beobachtet Diebold dagegen im High-end-Bereich (Investitionsvolumen mehr als 150000 Mark), wo die Plattformen mit Mainframes konkurrieren. Das Wachstum hier betrug zirka acht Prozent, schätzt Sinn. Doch hänge die Zukunft des Betriebssystems nicht von der Hardware ab, sondern von der Software, die darauf läuft - insbesondere von Applikationen wie R/3 (siehe Grafik). Die Lösungsanbieter jedoch scheinen die Portierungen auf die vielen verschiedenen Unix-Plattformen mittlerweile leid zu sein.

Verwunderlich sei es, so Sinn, daß auch traditionsbewußte Branchen wie Banken die Einführung von Wintel-Systemen ohne langes Nachdenken beschlössen. Es sei Usus, IT im Konsens mit allgemeinen Trends anzuschaffen und nicht nach Abwägung technischer Machbarkeit. Anschließend setze das Klagen über mangelnde Skalierbarkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit der Systeme ein.

Infolge des Wettbewerbsdrucks fallen die Preise der Unix-Anbieter auf PC-Niveau, so der Diebold-Mann. Aufgrund geringerer Margen schraubten die Anbieter zugleich die Support- und Innovationsleistungen zurück.

Doch beides hält er für dringend notwendig. Ein 64-Bit-Unix allein könne nicht als Innovationsschub gelten. Vielmehr verlange der Markt nach einfacherer Bedienbarkeit und nach objektorientierten Betriebssystemen.

Der GUUG schlug Sinn die Objektorientierung als Betätigungsfeld vor. Zwar gebe es hier zahlreiche Spezialmessen, doch fehle es an Standards und an Anwendern, die sich für solche engagierten.

Derzeit hat die GUUG rund 1350 Mitglieder, zirka zehn Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Daß die Mitgliedszahl nicht stärker zurückging, verdankt sie den Linux-Anwendern (siehe Kasten), mit denen der vorherige GUUG-Vorstand nichts zu tun haben wollte, wie vereinsinterne Quellen berichten. Heute ist man offensichtlich froh über die Freeware-Tüftler, verschönern sie doch die Statistik. Aufrund von Querelen mit dem Messeorganisator Network GmbH in den vergangenen Jahren, die eine Trennung der Veranstaltungspartner und katastrophal schlecht besuchten Konferenzmessen in Leipzig und Wiesbaden zur Folge hatten, waren etliche enttäuschte Mitglieder ausgetreten.

Nun schreibt sich der Verein die Förderung von offenen Systemen und - nur noch unter anderem - von Unix auf die Fahnen. Gleichzeitig schließt der Verein jedoch aus, daß es sich bei Windows NT um ein offenes System handelt. Während die GUUG noch erörtert, ob die Offenheit eines Systems eine akademische oder marktrelevante Bedeutung besitze, beschäftigten sich gleich mehrere Konferenzbeiträge mit der Frage: Wie migriere ich von Unix auf NT?

Gerne räumt der Vorstand ein, daß, obwohl Microsoft-Produkte ausschließlich mit eigener Software zusammenspielen, dem Hersteller "der Desktop der Gegenwart" gehört. Das werde sich jedoch in Zukunft allein aus Kostengründen mit dem Markteintritt des Network Computers (NC) ändern.

Diese Argumentation läßt außen vor, daß der aktuelle Verdrängungswettbewerb jedoch im Workstation- und High-end-Bereich stattfindet. Falls der NC die Unternehmens-DV aber durchdringen kann, erübrigt sich eine bewußte Entscheidung für oder gegen ein Betriebssystem. Es wäre nahezu unsichtbar und setzte ohnehin voraus, daß es offen für NC-typische Anwendungen ist.

Gleiches gilt für die plattformunabhängige Programmiersprache Java. Auch davon erhoffen sich die Unix-Anbieter eine Belebung des Unix-Geschäfts. Java-Anwendern und -Entwicklern kann jedoch das Betriebssystem, auf dem die Lösungen laufen, gleichgültig sein.

Auf der verzweifelten Suche nach Einsatzfeldern für Unix half ein Diskussionsbeitrag aus dem Publikum aus: "Wie wäre es mit Unix-Systemen als technische Workstation?" Unix als künftiges Nischenprodukt - diesen Eindruck der GUUG-Besucher verstärkte das Podium noch, auf dem Vertreter von IBM, Digital-Equipment, SCO, SUN und der Linux-Gemeinde saßen. Weder Sun, noch Digital-Equipment, noch Hewlett-Packard waren als Aussteller auf der Messe vertreten. "Vielleicht ist die Zeit für eine Unix-Spezialmesse vorbei", so der Sun-Vertreter Svend Back lapidar.

Gescholten wurden die Firmenvertreter auch dafür, daß sie die technische Überlegenheit von Unix gegenüber NT nicht besser vermitteln können. "Der Kampf mit der Microsoft-Marketing-Maschinerie ist nicht zu gewinnen, indem wir klarstellen, daß das 63ste Bit bei uns gerade steht", führte IBM-Chefdesigner Josef Reger stellvertretend für die Unix-Anbieter ins Feld. "Halten Sie Unix die Treue, wenn Sie nicht darüber lamentieren wollen, daß es vom Markt verschwindet!", lautete sein Appell. Die von Applaus quittierte Reaktion eines Zuschauers lautete: "Sie vermitteln den Eindruck, daß Sie Unix schon für tot halten."