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26.10.2006

Der Stadtplaner des CIOs

Der Enterprise-Architekt hat nur einen kleinen Stab an Mitarbeitern, dafür den Überblick über alle Anwendungen. Eine Position, die kaum ausgeschrieben wird, auf die aber Firmen mit großem IT-Budget nicht verzichten können.
Sie haben im Unterschied zu den klassischen Projektleitern nicht viel zu sagen und müssen diese durch ihr Wissen und ihre Kommunikationsstärke vom Wert der Gesamtarchitektur überzeugen.
Sie haben im Unterschied zu den klassischen Projektleitern nicht viel zu sagen und müssen diese durch ihr Wissen und ihre Kommunikationsstärke vom Wert der Gesamtarchitektur überzeugen.

Gernot Dern arbeitet als Chief-IT-Architect für die SEB-Bank in Frankfurt am Main. Er beschreibt seine Aufgabe ohne den typischen IT-Jargon: "Wie ein Stadtplaner erstelle ich einen Gesamtbebauungsplan zur Anwendungslandschaft der Bank. Vorher muss ich nicht nur die Geschäftsanforderungen an die Architektur analysieren, sondern ebenso die Detailarchitekturen der vorhandenen Bauwerke, sprich Anwendungen und Systeme, berücksichtigen."

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Bücher von und für Enterprise-Architekten

Sie müssen in ihrem Beruf nicht nur planen, entwerfen und ihre Vorstellungen kommunizieren, sondern sie auch gut beschreiben. Einigen IT-Unternehmensarchitekten scheint Letzteres leicht zu fallen, da sie ihr gesammeltes Wissen zum Thema in Fachbüchern gebündelt haben.

Gernot Dern, Chief IT-Architect der Frankfurter SEB-Bank, hat sein Handbuch "Management von IT-Architekturen" gerade frisch überarbeitet. Auf über 300 Seiten und anhand vieler Beispiele und Fallstudien zeigt er auf, wie sich IT-Landschaften auf Basis einer Informationsarchitektur erfolgreich gestalten lassen und wie IT-Architektur helfen kann, die IT-Strategie umzusetzen. Die zweite erweiterte Auflage erscheint Ende November.

Auch der Münchner Berater Wolfgang Keller (www.objectarchitects.biz), früher Chefarchitekt im Generali-Konzern, hat ein Buch zum Thema veröffentlicht. Darin beschreibt er, wie die Architektur den CIO unterstützen kann, eine Strategie zu erarbeiten. Er zeigt die Aufgaben von IT-Unternehmensarchitekten auf, etwa das Management des Anwendungsportfolios und der Richtlinien, das Monitoring des Projektportfolios sowie die Begleitung von Projekten. Fallstudien, Checklisten für Richtlinien, Architekturdokumente sowie Gesetzestexte runden das Buch ab.

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/

579620: Was EAM-Tools leisten müssen;

569037: Enterprise Architecture Management bei BMW;

582201: Enterprise Architecture treibt SOA.

Angesichts von 300 wichtigen Anwendungen allein in Deutschland muss Dern eine hohe Komplexität steuern. Zudem stimmt er die Weiterentwicklung der Anwendungslandschaft laufend mit der Zentrale in Stockholm ab und begleitet wichtige Projekte, um detaillierte IT-Architekturen zu erarbeiten.

Was Enterprise- von Software- architekten unterscheidet

Im Unterschied zu Softwarearchitekten, die sich nur um eine einzige Anwendung kümmern, müssen IT-Unternehmensarchitekten mitunter Tausende von Anwendungen im Blick haben. Die Enterprise-Architekten entscheiden, ob diese sinnvoll in den Bebauungsplan zu integrieren sind oder abgelöst werden. Eine Aufgabe, die in der Regel nur noch mit Hilfe so genannter EAM- (Enterprise-Architecture-Management-)Tools zu bewältigen ist. Eine komplexe Applikationslandschaft gibt oft den Anstoss, dass sich Unternehmen einen Enterprise-Architekten leisten.

Der Münchner Autor und Berater Wolfgang Keller, der sich schon 15 Jahre mit dem Thema Softwarearchitektur auseinandersetzt und zuletzt als Chefarchitekt im Generali-Konzern tätig war, beschreibt die Szene so: "Je größer das IT-Budget, desto wahrscheinlicher trifft man einen Unternehmensarchitekten an. Selten findet man ihn in Firmen mit weniger als 50 Millionen Euro IT-Budget, häufig in Konzernen mit 200 und mehr Millionen Euro IT-Aufwendungen." Mittelständische Firmen beschäftigen laut Kellers Erfahrung nur dann einen Unternehmensarchitekten, wenn IT zum Kerngeschäft gehört, wie bei Banken und Versicherungen. In der Regel ist der Enterprise Architekt kein Einzelkämpfer, sondern hat ein kleines Team an Mitarbeitern an der Hand, die etwa ein Prozent der IT-Mannschaft ausmachen.

Ohne Strategie kein Planungsspielraum

Angesiedelt ist der Enterprise-Architekt in modern organisierten IT-Abteilungen direkt im Umfeld des Chief Information Officer (CIO). "Er ist ein wichtiger Helfer, quasi der Stabschef des CIO", beschreibt Keller. Schließlich müssten die Unternehmensarchitekten in einem ersten Schritt die Geschäftsstrategie verstehen und sie dann mit dem CIO in die passende IT-Strategie und Architektur ummünzen. In der Praxis stößt hier aber so mancher Architekt zum ersten Mal an seine Grenzen, so die Erfahrung von Keller: "Wenn es überhaupt keine Unternehmensstrategie gibt, kann der Architekt die bestehenden Anwendungen nur verwalten. Je nach Firmenkultur und eigener Vernetzung kann er als IT-Mann auch eine Strategiediskussion anstoßen." In hierarchisch organisierten Unternehmen, in denen sich Abteilungsleiter und Vorstände nicht austauschten, blieben solche Vorstöße jedoch ohne Erfolg.

Vom einzelnen Unternehmen abhängig ist auch der Entscheidungsspielraum eines Enterprise-Architekten: Die Spanne reicht von keinem bis großem Einfluss in der Umsetzung beziehungsweise in der Projektebene. Sitzt der Enterprise-Architekt wie oft in der Praxis auf einer Stabsstelle, bleibt sein Einfluss begrenzt, sagt Keller: " In der Regel haben die Projektleiter den Hut auf. Natürlich kann sich ein Enterprise-Architekt beim CIO beschweren, wenn ein Projekt nicht nach den Richtlinien seines Bebauungsplanes umgesetzt wird. Besser ist es aber, mit den Projektleitern und den Sponsoren der Projekte wie Bereichsleiter oder Fachvorstände zu reden und Einsicht zu erzeugen."

Kommunikation ist tägliche Übung

Kommunikation ist alles. Fragt man Unternehmensarchitekten nach den Erfolgsfaktoren für ihren Beruf, hört man diesen Satz. Für sie ist er keine Phrase, sondern tägliche Übung: Immer wieder müssen sie reden, ob sie nun vor dem Entwurf des Bebauungsplans Anforderungen und Einflussfaktoren erfragen oder später den Plan kommunizieren.

SEB-Chefarchitekt Dern verbringt etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit mit Abstimm- und Analysegesprächen, die er am liebsten von Angesicht zu Angesicht führt. Ob Topmanagement, Fachbereiche, Entwicklungseinheiten oder Architekten in der schwedischen Zentrale oder anderen Landesgesellschaften, sie alle muss Dern einbinden, sie müssen sich und ihre Anforderungen in Gesamt- und Teilbebauungplänen wiederfinden und sie mittragen - sonst bleibt der Entwurf nur ein Stück Papier.

Langfristige Planung kontra Quick and dirty?

Unterschiedliche Interessen der verschiedenen Gruppen können für reichlich Konfliktstoff sorgen, weiß Gernot Starke, der Unternehmen in Sachen IT-Architektur berät: " Enterprise- Architekten wollen oft die große Lösung für übermorgen, während der Projektleiter schon morgen eine Lösung braucht." Langfristige Planung kontra kurzfristige Insellösung? Auch Dern kennt diesen Widerspruch aus seinem Alltag, darum nennt er Konflikt-Management als zweite wichtige Fähigkeit, die IT-Unternehmensarchitekten mitbringen sollten.

Von diesen weichen Faktoren abgesehen sollte ein IT-Unternehmensarchitekt aber auch über mehrjährige Berufserfahrung und umfangreiche fachliche Fähigkeiten verfügen: Dern profitiert noch heute von seinem Mathematikstudium, das ihn lehrte, abstrakt zu denken und zu strukturieren. Jeder Enterprise-Architekt braucht IT-Wissen, um die Anwendungen bewerten und einordnen zu können, wie auch betriebswirtschaftliches Know-how, um zum Beispiel die Unternehmensstrategie erfassen zu können. Ein IT-Generalist ist in dieser Funktion eher gefragt als ein Implementierungsspezialist, ergänzt Berater Keller. Von großem Vorteil seien auch Führungs- oder Beratungserfahrung: "Das Verkaufstalent des Enterprise-Architekten ist gefordert, wenn die Entwickler die Richtlinien nicht als Handlungsanweisungen, sondern als Hilfe für ihre Arbeit empfinden sollen."

Unerlässlich ist auch Branchenwissen, um die Geschäftsprozesse zu verstehen. Keller selbst arbeitete zum Beispiel mehrere Jahre in verschiedenen Führungspositionen im Generali-Konzern, bevor er dessen Chefarchitekt wurde. Auch SEB-Mann Dern hat bei seinem vorigen Arbeitgeber, der R+V Versicherung, einschlägige Branchenerfahrung gesammelt und das IT-Architektur-Management geleitet, bevor er für die SEB-Bank das fünfköpfige Architekturteam aufbaute. Branchenwissen ist seiner Erfahrung nach übrigens nichts, was man sich einmal aneignet und dann immer besitzt. Auch heute lernt Dern noch ständig dazu, entweder durch die Gespräche mit den Vertretern der Geschäftsbereiche oder durch eigenes Studium.

Angesichts dieser hohen Anforderungen wundert es nicht, dass sich in Print- oder Online-Stellenmärkten kaum Stellenanzeigen für IT-Unternehmensarchitekten finden. Manchmal beauftragen Unternehmen Personalvermittler und werden wie die SEB-Bank im Fall von Dern fündig. Oft kommen Enterprise-Architekten aber auch im Gefolge eines neuen CIO in ein Unternehmen oder wie im Fall von Keller zufällig an ihren Job. Mitunter schaffen sich Firmen einen Unternehmensarchitekten an, obwohl sie noch nicht reif dafür sind, hat Keller beobachtet: "Man sollte sich vorher das Unternehmen genau anschauen. Je fließender die Grenzen zwischen IT und Business sind beziehungsweise je besser die beiden Seiten kommunizieren, desto mehr Gestaltungschancen hat ein Enterprise-Architekt." Vorbild seien hier Markenartikelhersteller, deren IT in die Produktentwicklung gut integriert ist.