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19.01.1990 - 

Die Nachfrage nach DV-Spezialisten für Handbücher steigt weiter

Der "technische Redakteur" ist ein Beruf mit viel Zukunft

Je komplexer ein technisches Produkt, desto wichtiger seine sach- und aufgabengerechte Dokumentation. Entwickler, Hersteller, Fachhändler und Berater haben längst erkannt, daß die Qualität des Handbuchs der Qualität des Produkts entsprechen muß. Angesichts steigender Komplexität der Produkte und immer kürzerer Innovationszyklen ist der technische Redakteur heute mehr gefragt denn je.

Technische Dokumentationen, Produktbeschreibungen, Handbücher und Bedienungsanleitungen werden immer wichtiger, die Anforderungen an sie immer differenzierter. Zwei Beispiele: Zu einer NC-gesteuerten Werkzeugmaschine braucht man außer der technischen Dokumentation Ersatzteilkataloge, Montageanleitungen, Handbücher für Wartung und Service, Benützerhandbücher, Trainingsunterlagen sowie Fachinformationen zur Unterstützung von Vertrieb und Verkauf.

Die gesamte technische Dokumentation eines Airbus mitsamt Bedienungs- und Wartungsanleitungen ist mit über 360 000 Seiten Papier so umfangreich, daß sie nicht nur das gesamte Innere des Flugzeugs ausfüllt sie kostet auch soviel wie die ganze Maschine.

Qualifizierte technische Redakteure sind nicht nur in der DV Mangelware. Die einschlägigen Zeitungen sind voll von Stellenanzeigen für technische Redakteure. Vor allem Branchen wie Maschinenbau, Elektronik, Elektrotechnik suchen oft vergeblich nach Spezialisten, die ihre Produkte beschreiben.

Für diesen Mangel gibt es drei Gründe. Zum einen werden immer mehr produktbegleitende, Unterlagen benötigt, da die Zahl neuer Produkte ständig steigt. Sie müssen beschrieben, erklärt und bedient werden. Immer kürzere Produktentwicklungszeiten und Produktverbesserungen verlangen nach neuen Handbüchern.

Zum zweiten steige die Qualitätsansprüche: Benutzerhandbücher, Trainingsunterlagen, Wartungshandbücher und Montageanleitungen müssen den Bedürfnissen der verschiedenen Zielgruppen differenziert angepaßt werden.

Die Produkte selbst werden immer erklärungsbedürftiger und komplexen, vor allem auch in der DV. Da aber gerade hier immer mehr "Laien" mit komplexen Anwendungsprogrammen in Berührung kommen, rissen die Handbücher diesen Anwendern entgegenkommen. Hinzu kommt noch, daß Dokumentationen und Handbücher jetzt als wichtiges Marketinginstrument erkannt und nicht mehr nur als "Stiefkind" des Produkts gesehen werden.

Ein gutes Handbuch bedeutet zufriedene Kunden, und das heißt auch: geringere Kosten Service, Hotline, Schulungen und Vorort-Betreuungen. Ein gutes Handbuch erhöht die Akzeptanz der Produkte am Markt.

Der dritte Grund für den Mangel an qualifizierten technischen Redakteuren liegt im Berufsbild selbst. Im Unterschied zu anderen Ländern gibt es in der Bundesrepublik fast keine anerkannten Ausbildungsmöglichkeiten; die wenigen sind kaum bekannte.

Technikern, Ingenieuren und DV-Spezialisten erscheint der Redakteursberuf nicht attraktiv, Journalisten beziehungsweise Geisteswissenschaftlern fehlt es an Fachwissen.

Zu wenig ist allen bekannt über Aufstiegsmöglichkeiten und die vielfältigen, anspruchsvollen Aufgaben, die der Beruf des technischen Redakteurs mit sich bringt.

Technische Redakteure müssen Spezialisten in einem Fachgebiet sein. Entweder sind sie Ingenieure oder Techniker, die das Fachwissen für ein bestimmtes Gebiet von Haus aus mitbringen, oder sie müssen es sich nachträglich aneignen. Die erste Möglichkeit ist ein Studium im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Als Alternative gibt es die technische Ausbildung oder aber auch die praktische Erfahrung, die man im Beruf gesammelt hat - es muß nicht unbedingt ein Hochschulstudium sein.

In der Kfz-Branche gibt es beispielsweise viele Meister, die nach einer Fortbildung hervorragende Wartungshandbücher oder Reparaturanleitungen schreiben.

Auch in der DV-Branche ist der Fachspezialist der ideale technische Autor für Dokumentationen, die Hardware, Reparatur, Wartung, Ersatzteile betreffen. Gleiches gilt für Handbücher zu Programmiersprachen, Betriebsystemen oder Entwickler-Tools. Anders sieht es bei Handbüchern für Anwendersoftware wie Textverarbeitung aus: Hier kann der technische Redakteur durchaus auch ein Lehrer oder Geisteswissenschaftler sein. Seine im Vergleich zum Entwickler laienhaften Kenntnisse sind hier sogar vorteilhaft, da er sich viel besser auf die Probleme der einfachen Anwender einstellen kann.

Der Geisteswissenschaftler bringt Kenntnisse mit, die beim Verfassen von Dokumentationen wichtig sind: strukturieren, gliedert, sprachlicher Ausdruck, didaktische Fähigkeiten. Das Fachwissen muß er sich zusätzlich aneignen.

Allerdings: Je spezialisierter die Zielgruppe, desto spezialisierter muß auch der technische Redakteur sein. Das vielzitierte Schlagwort vom "benutzerorientierten Handbuch" oder der "benutzerfreundlichen Dokumentation" bedeutet nichts anderes, als daß sich der technische Redakteur auf seine Zielgruppe einstellt.

Zielgruppen orientiertes Arbeiten erfordert die Kenntnis bestimmter Arbeitstechniken: Es gilt, potentielle Anwender nach ihren Erwartungen an die Qualität des Produkts und der Dokumentation zu befragen. Er braucht die Fähigkeit zur Recherche bei Entwicklern und Anwendern.

Der technische Redakteur fungiert als Mittler oder Moderator -zwischen Entwickler und Anwender, zwischen Produktlogik und Benutzerlogik. Diese Mittlerfunktion ist nicht immer einfach. Teamgeist, didaktische Fähigkeiten, Geduld, Diplomatie und - Eigenverantwortlichkeit sind deshalb ebenso wichtige Voraussetzungen wie sprachliches Ausdrucksvermögen und technisches Können.

"Learning by doing" als klassische Methode

"Learning by doing" - dies dürfte immer noch die "klassische" Ausbildung der meisten technischen Redakteure in der Bundesrepublik sein. Der akute Fachkräftenmangel zwang die Unternehmen jedoch dazu, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten anzubieten. Zur Zeit gibt es in der Bundesrepublik drei Möglichkeiten für eine Ausbildung zum technischen Redakteur: Vollzeitausbildung, Fachhochschulstudium und Weiterbildungs-Seminare.

Vollzeitausbildungen - das heißt eine knapp einjährige, kontinuierliche Ausbildung bieten zum Beispiel Siemens und die DAG in Recklinghausen an. Das Münchner Institut für technische Literatur hat diesen Ausbildungsgang mit Siemens entwickelt und führt ihn in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen durch.

Ende 1989 entwickelte der Dachverband für technische Redakteure tekom zusammen mit der Bundesanstalt für Arbeit das Konzept eines Fachhochschulstudiums. Diese Ausbildungsmöglichkeit wird im Wintersemester 1990 zum ersten Mal angeboten - bisher steht allerdings noch nicht fest, an weicher Fachhochschule.

Für 1990 ist auch ein Ausbildungsgang der Industrie- und Handelskammern geplant. In Zusammenarbeit mit der IHK in Offenbach werden die ersten einjährigen Vollzeitausbildungslehrgänge plus Praktikum starten. Der Abschluß eines technischen Autors ist dann die IHK-Prüfung. Wie die Vollzeitausbildung bei Siemens, so wird auch diese Ausbildung vom Arbeitsamt gefördert.

Die dritte und älteste Möglichkeit ist die Teilnahme an Weiterbildungs-Seminaren. Solche Kurse werden seit mehreren Jahren von Privatunternehmen wie dem itl angeboten. Technische Redakteure und solche, die es werden wollten oder mußten, konnten sich hier in ein- und mehrtägigen Seminaren im Verfassen und Gestalten von Handbüchern, Visualisierungstechniken oder Handbuch-Projektmanagement fortbilden.

Positiver Nebeneffekt: Fachsimpeln mit Kollegen

Firmeninterne Schulungen konzentrieren sich in der Regel auf branchenspezifische Anforderungen eines bestimmten Unternehmens, wie beispielsweise "technische Dokumentation für Maschinenbauer", während sich "offene Seminare" an technische Redakteure aller Fachrichtungen wenden: Hier geht es vor allem um Grundlagen und generelle Kriterien, wie man Handbücher sachlich richtig, verständlich und benutzerfreundlich schreibt und gestaltet. Ein von den Teilnehmern offener Seminare immer wieder hervorgehobener, positiver Nebeneffekt liegt im Erfahrungsaustausch und im Fachsimpeln mit Kollegen aus anderen Branchen.

In Zukunft sollen von den Industrie- und Handelskammern sogenannte berufsbegleitende Ausbildungen zum technischen Redakteur angeboten werden. Geplant ist, daß diese Kurse mit qualifiziertem Abschluß zum Beispiel ein Jahr lang an zwei Abenden in der Woche stattfinden.

Eine Anmerkung noch zum Berufsbild und zu den Ausbildungsmöglichkeiten. Der Beruf des technischen Redakteurs sollte nicht auf ein Studium beschränkt beziehungsweise nur als Zusatzqualifikation zu einer akademischen Ausbildung angeboten werden.

Als wichtigster Kooperationspartner für die Aus- und Weiterbildung erscheinen die Industrie- und Handelskammern. Diese Institutionen bieten qualifizierte Lehrgänge, die mit bundesweit anerkannten Prüfungen abgeschlossen werden. Voraussetzungen für technische Autoren sind dann Mittlere Reife plus Lehre und ein beruflicher Nachweis über eine Qualifikation, die einem technischen Studium gleichkommt. In der geplanten IHK-Ausbildung wird kein technisches Fachwissen, sondern nur die Autoren-Ausbildung vermittelt.

Perspektiven, Chancen und Spezialisierungen

Einmal technischer Redakteur, immer technischer Redakteur - diese wenig reizvolle Perspektive mag viele Techniker, DV-Spezialisten oder technisch qualifizierte Geisteswissenschaften davon abhalten, diesen Beruf zu ergreifen. Die Praxis sieht jedoch anders aus. Technische Redakteure haben vielfältige Möglichkeiten, sich zu spezialisieren, zu verändern und aufzusteigen.

Je nach Voraussetzung, Aufgabengebiet und Interesse können technische Redakteure beispielsweise zu Spezialisten für Handbuchübersetzungen, Visualisierungstechniken, Layout, grafische Gestaltung von Handbüchern oder Electronic Publishing werden. Erfahrene Handbuchautoren sind vor allem im Projektmanagement, in der Leitung und Koordination größerer Aufträge gefragt.

Eine weitere, gerade in der DV zunehmend wichtigere Aufgabe ist die Beratung der Entwickler. Der technische Redakteur wird zum gefragten Partner des Programmierers in Fragen Benutzerfreundlichkeit, Oberflächengestaltung, Menü-Ablauffolgen und so weiter. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Software-Entwickler und Handbuchautor bietet die beste Gewähr für anwenderorientierte Programme. Spezialisten für Didaktik und Benutzerfreundlichkeit haben auch die Möglichkeit, im wachsenden Markt für Anwendertraining und -beratung unterzukommen.

Die Aufgaben reichen hier vom Konzipieren und Ausarbeiten von Schulungsunterlagen bis hin zur Entwicklung von "Computer Based Training". Mit Sicherheit werden selbsterklärende Programme, Online-Dokumentationen, Lernfilme und der Einsatz neuer Medien für Benutzerinformationen immer wichtiger.

Der technische Redakteur berät zum Beispiel, welches Medium für welchen Zweck eingesetzt werden soll, welche Anweisungen am Bildschirm, auf Video oder im Handbuch gegeben werden sollen.

Mediendidaktik sollte für den versierten technischen Redakteur kein Fremdwort sein: Hier bieten sich Zukunftschancen.

Ein gutes Handbuch ist mit Sicherheit auch ein gutes Verkaufsargument, doch sollte man andererseits auf keinen Fall den Fehler machen, im Handbuch ein Marketinginstrument im Sinne einer "Pre-Sales-Broschüre" zu sehen. Die Zielgruppe für ein Handbuch sind die Benutzer.

Aber auch im Bereich Marketing bieten sich interessante Aufgaben für den technischen Redakteur: Marketing, Werbung und Vertrieb benötigen zielgruppenspezifisch aufbereitete Fachinformationen. Werbeleute, Marketingexperten und Vertriebsingenieure sind auf das Fachwissen und die Mitarbeit von technischen Redakteuren angewiesen.

Technischer Redakteur ist ein interessanter Beruf mit Zukunftschancen - nicht nur in der DV.

Die zur Zeit in der Bundesrepublik angebotenen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten konzentrieren sich zum einen auf das redaktionelle Fachwissen: Sie vermitteln, nach welchen Kriterien der technische Redakteur ein Handbuch professionell, zielgruppenorientiert und benutzerfreundlich verfassen und gestalten kann. Technisches Fachwissen ist Voraussetzung. Zum anderen bieten sie auch eine Grundausbildung im "technischen" Fachwissen.

"Quereinsteiger" und DV-Umschüler

Die Vollzeitausbildung bei Siemens beispielsweise vermittelt parallel zur "Fachautorenausbildung" eine solide "DV-Ausbildung". Deshalb sollten sich technisch interessierte Geisteswissenschaftler nicht da von abhalten lassen, sich in diesem vielseitigen Beruf zu qualifizieren: Ihre Stärke liegt im Vermitteln, in der didaktischen, zielgruppenorientierten Aufbereitung. Diese Fähigkeiten sind in erster Linie bei Handbüchern zu Anwenderprogrammen in der Bürokommunikation sehr gefragt.