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18.10.1996 - 

IT in Osteuropa/Licht am Ende des Tunnels

Der ungarische IT-Markt

Ungarn sind Pessimisten. Das ist durchaus verständlich angesichts ihrer wechselvollen Geschichte. Stärker als ihr Pessimismus ist jedoch ihre Genialität. Auf diese Eigenschaft könnte es zurückzuführen sein, daß sie 1996 den 1100. Jahrestag der Eroberung ihres Heimatlandes feiern können, und zwar unabhängig und in ihrer eigenen Muttersprache.

Die offiziellen Marktdaten der letzten Perioden sind ein Grund für Pessimismus. Den Untersuchungen zufolge, die von der ungarischen Tochter der International Data Corporation (IDC) durchgeführt wurden, hat der ungarische IT-Markt 1995 nachgegeben: Der Gesamterlös in US-Dollar - das genaue Endergebnis liegt noch nicht vor - war um zehn Prozent niedriger als im Jahr 1994. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist, daß der Verkauf von Computern 1995 um 6,9 Prozent niedriger lag als 1994 (der PC-Bereich macht ungefähr 30 Prozent des gesamten ungarischen IT-Marktes aus).

Laut Zsolt Vçrkonyi, Research-Leiter von IDC Ungarn, ist der Rückgang im Jahr 1995 nicht Teil eines regionalen Trends, sondern vielmehr ein ungarisches Phänomen. Mitte März 1995 entwickelte und erließ Lajos Bokros, der damalige Finanzminister, einen wirtschaftlichen Sanierungsplan (der in der einheimischen und internationalen Presse als "Bokros-Package" bekannt wurde). Sein Hauptziel war, die Inlandsnachfrage sowie das Haushalts- und Handelsdefizit zu senken. Der Forint-Preis für importierte Güter - einschließlich Computer - stieg innerhalb weniger Tage um fast 20 Prozent. Das Bokros-Package hat sein Ziel erreicht: Der Inlandsabsatz ging drastisch zurück - mit einer direkten negativen Auswirkung auf den IT-Markt.

Wir wissen nicht, ob die deutschen Unternehmer gerne Steuern zahlen oder nicht, man kann jedoch mit Sicherheit sagen, daß nicht alle ihre ungarischen Kollegen dies als ihre vordringlichste vaterländische Pflicht ansehen. Für einige Analysten waren die Maßnahmen des Bokros-Packages der Auftakt für die "Balkanisierung" des ungarischen IT-Marktes: Einige PC-Händler taten und tun alles (einschließlich sämtlicher legaler und illegaler Tricks), um die Nachfrage nach PCs - und damit ihre Gewinne konstant zu halten beziehungsweise zu erhöhen. Schmuggel, PC-Falsifikate, Betrug bei der Mehrwertsteuer: Die Liste der Meisterleistungen auf dem Schwarzmarkt ist lang. Schätzungen zufolge gibt es, zusätzlich zu der von IDC Ungarn angegebenen Zahl von ungefähr 108000 im Jahr 1995 in Ungarn verkauften PCs 20000 bis 30000 vor Ort zusammengebaute oder ins Land geschleuste PCs, die nirgendwo in den Akten des Zolls, des Finanzamtes oder gar der Marktforscher registriert sind.

Dieses Bild erscheint auf den ersten Blick recht düster, aber es gibt eine Reihe von Trends, die dieses Bild präzisieren und etwas aufhellen. Auf dem Markt, der früher ausgesprochen Hardware-orientiert war - daß heißt, wo immer die Bereitschaft vorhanden war, für Hardware oder manchmal auch für Software zu zahlen - gibt es einen drastischen Anstieg des Bedarfs an professionellen Dienstleistungen im Bereich der Informationstechnologie.

Laut Zsolt Vçrkonyi liegt die Wachstumsrate der Einkommen aus diesem Dienstleistungssektor prozentual im zweistelligen Bereich. Der Forschungsleiter von IDC Ungarn teilte im Zusammenhang mit, daß der Consulting-Markt für Informationstechnologie sich zusehends belebe. Unter den sechs großen Anbietern ist KPMG dasjenige Unternehmen, das auf dem ungarischen Markt am schnellsten wachsen könnte.

Der Softwarebereich bildet die zweite Ausnahme auf dem rückläufigen IT-Markt. Wie Attila Reisz, Geschäftsführer von Microsoft Ungarn, berichtet, umfaßt der Gesamterlös der ungarischen Tochtergesellschaft von Microsoft im Geschäftsjahr 1996, das am 30. Juni zu Ende ging, 180 Millionen US-Dollar das bedeutet 50 Prozent Zuwachs gegenüber 1995. Seiner Meinung nach dürften die Gewinnmargen von Softwarelieferanten wie Autodesk, Novell und Symantec in der gleichen Periode ebenfalls höher gelegen haben, wenn sie auch nicht vergleichbare Wachstumsraten wie Microsoft erreichen konnten.

Einer der Hauptgründe für den Boom auf dem Softwaremarkt ist die Tatsache, daß die Zahl der feilgebotenen Raubkopien allmählich sinkt. Reisz zufolge - er war einer der Gründer der ungarischen Filiale von BSA und von November 1994 bis zum Sommer 1995 deren Vorsitzender - belegen die Zahlen von BSA, daß der Anteil von Raubkopien im Softwarebereich langsam, aber stetig sinkt. "1993 wurden 87 Prozent aller kommerziellen und produktiven Anwendungen in Ungarn illegal benutzt. 1994 waren es 83 Prozent, und im Vorjahr 75 bis 80 Prozent", erläuterte er.

Der Geschäftsführer von Microsoft Ungarn gehört sicher nicht zu den Pessimisten. Er glaubt, daß der Bedarf des ungarischen Marktes an neuen Technologien unvermindert anhält. Als Beispiel führt er eine repräsentative Umfrage an, die ein ungarischer PC-Händler unter seinen Kunden durchgeführt hat. Befragt wurden größtenteils Anwender aus kleinen Unternehmen und einer Soho-Umgebung. 20 Prozent der Interviewten sind schon auf Windows 95 umgestiegen. Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß am 10. November 1995, dem Tag, an dem die ungarische Version von Windows 95 auf den Markt kam, 11000 Kopien verkauft wurden. Schätzungen zufolge läuft Windows 95 bis heute legal auf mehr als 40000 PCs in Ungarn die legalen und illegalen Kopien zusammengenommen, dürfte Windows 95 wahrscheinlich auf über 80000 Rechnern installiert sein, was mehr als zehn Prozent der in Ungarn installierten PCs entspricht.

Ungarn sind - wie eingangs erwähnt - Pessimisten und Genies. Zudem sind sie Patrioten. Insbesondere in der IT-Branche wird es nicht gern gesehen, wenn die örtlichen Tochtergesellschaften multinationaler Unternehmen von Ausländern geführt werden. Derzeit stehen den Dependancen von Bull, IBM und Hewlett-Packard ausländische Geschäftsführer vor. Dieser Umstand - darüber sind sich die meisten Analysten einig - dürfte den betreffenden Unternehmen zum Nachteil gereichen.

Einheimische als Geschäftsführer

György Beck, der ungarische Geschäftsführer von Digital Ungarn, kann dagegen von positiven Trends und einer guten finanziellen Situation berichten. DECs Erträge in Ungarn - gemessen in Dollar - sind im Geschäftsjahr 1996, das am 30. Juni zuende gegangen war, um 17 Prozent gegenüber 1995 gestiegen. Da die Privatisierung in Ungarn voranschreitet, dürfte die Bedarfswelle für IT-Systeme nicht so schnell an Kraft verlieren, meint Beck. Signifikantes Anzeichen dafür ist, daß die solvente Marktnachfrage nach integrierten Systemen stetig steigt. Der Erfolg von Digital Ungarn ist auf seine marktführende Position im Bereich der Anpassung von unternehmensumfassenden Informationssystemen wie SAP R/3, Oracle Financials zurückzuführen.

Um noch einmal auf die andere, die Kehrseite der Medaille zu sprechen zu kommen: Beck erklärt, daß der ungarische Markt traditionell von PC-basierten Lösungen dominiert werde, und es daher schwierig sei, "Nicht-Wintel"-Plattformen zu verkaufen. Das Zurückdrängen des Schwarzmarktes sei deshalb von besonderer Bedeutung, da Markenhardware nur auf diese Weise seinen marktüblichen Stellenwert erlangen könne. Alle großen weltweiten IT-Hersteller seien in Ungarn vertreten, fügte Beck hinzu, es bedürfe intensiver und stetiger Bemühungen seitens der IT-Lieferanten, um auf dem ungarischen Markt auf Dauer Erfolg zu haben.

Tibor Gyurós, Vorsitzender des Verbandes von IT-Unternehmen und Geschäftsführer von Rolitron Informatika, einem einheimischen Unternehmen im Bereich der Systemanpassung, pflichtet dem bei. Demzufolge beginnen alle globalen Lieferanten, die in der östlichen Hälfte Europas Fuß zu fassen versuchen, auf dem ungarischen Markt, der ihnen sozusagen als Testgebiet dient. Er stimmt mit dem Geschäftsführer von Digital Ungarn auch darin überein, daß die Zeit der unternehmensum- fassenden Informationssysteme gekommen sei. SAP hat in zwei Jahren etwa 50 Systeme installiert, die anderen gängigen Systeme (Baan, Ross Systems, Symix, J. D. Edwards) seien jedoch auch präsent.

Ein wichtiger positiver Aspekt bei der Entwicklung der ungarischen Informationstechnologie ist das große Potential an gut ausgebildeten, qualifizierten Fachkräften. Dies ist einer der Gründe für den weltweiten Erfolg der ungarischen Firma Graphisoft und deren hochentwickelter Architektur-CAD-Software "Archicad", die auf der Macintosh-Plattform marktführend, aber auch als Windows-Version erhältlich ist. Andererseits sei leider nicht zu übersehen, sagt Gyurós, daß es Management-Defizite gebe. Die Manager (insbesondere jene in der Altersgruppe ab 40 Jahre), die derzeit an der Spitze der IT-Unternehmen stehen, seien den neuzeitlichen Anforderungen in mancherlei Hinsicht nicht mehr gewachsen. Anlaß zur Hoffnung geben hingegen die meisten jüngeren Manager, die für ihre Aufgaben gut qualifiziert seien.

Die Entwicklung des Marktes zeige laut Gyurós, daß die gesetzlichen Grundlagen für die IT-Branche den neuen Erfordernissen angepaßt wurden. In diesem Frühjahr beispielsweise wurde der "Procurement Act" (eine Art Beschaffungsgesetz) erlassen, auch an der für die Angebotspraxis relevanten Gesetzgebung werden ständig Verbesserungen vorgenommen.

Als Fazit läßt sich sagen, daß Ungarn das Gröbste hinter sich hat und daß, wie die Einheimischen gerne sagen, das Licht am Ende des Tunnels schon zu sehen ist.

Angeklickt

Die Veränderungen des Jahres 1990 im politischen System lösten einige wirtschaftliche Prozesse aus, die die gesamte ungarische Gesellschaft erschütterten. Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Anzeichen, daß ein Weg aus der tiefen Rezession herausführt. Die IT-Branche spielt dabei eine zunehmend wichtigere Rolle in der Gesamtentwicklung in der ungarischen Wirtschaft. Und das muß selbst diejenigen, denen der Pessimismus schon in die Wiege gelegt wurde, etwas optimistischer stimmen.

*Sandor Mester ist Chefredakteur von Computerworld-Szamitastechnika und PC-World Ungarn.