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13.06.2003 - 

Schleppende Geschäfte mit frischem Geld

Der Venture-Capital-Kanal trocknet aus

MÜNCHEN (ajf) - Der Markt für Beteiligungskapital steckt wie schon im Jahr zuvor in der Krise. Vor allem Hightech-Unternehmen leiden unter der Entwicklung. Ihnen wird durch den Finanzierungsengpass die langfristige Perspektive verbaut.

Der Lebensweg eines erfolgreichen Startups nach dem Brainstorming ist vorgezeichnet: Vorstände gewinnen, Business-Plan erstellen, Firma gründen, Kapital einsammeln, wachsen, noch mehr Kapital einsammeln, wieder wachsen und schließlich noch schneller wachsen - manchmal so schnell, dass Beobachter und Beteiligte erst gar nicht in die Verlegenheit kommen, über den Sinn und Unsinn des Treibens nachzudenken. Belohnt wurden die Anstrengungen lange Zeit durch den Exit in Form eines Börsengangs, das neuzeitliche Erntedankfest der Gründer und Finanziers.

Doch die Zeiten haben sich gewandelt, statt über die edle Münchner Maximilianstraße wandeln die Firmen und ihre Geldgeber seit mehr als einem Jahr die Via Dolorosa entlang. Es gibt anscheinend kaum noch viel versprechende Ideen, kein frisches Geld, Wachstum findet jetzt bei Insolvenzverwaltern und Wirtschaftsauskunfteien statt, und als Exit steht nicht der Börsengang, sondern die Abschreibung an. Fragt man einzelne Risikokapitalgeber, läuft das Geschäft gut - fragt man jedoch die Statistik, fährt die Branche gegen eine Wand.

"Immerhin", sagt Werner Schauerte, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK; www.bvk-ev.de), wurden im ersten Quartal 2003 rund 622 Millionen Euro neu investiert. Dies waren 25 Prozent mehr als in den ersten drei Monaten des vergangenen Jahres. So richtig überzeugt, ob unter den Füßen bereits fester Boden ist, war Schauerte indes nicht. Schließlich hatten sich die Bruttoinvestitionen der Geldgeber sowohl im Jahr 2000 als auch 2001 auf jeweils etwa 4,4 Milliarden Euro summiert.

Die Expansion wird verschoben

Die aktuellen Zahlen machten es dem BVK-Chef nicht leicht, auf dem Verbandskongress Mitte Mai in München weitere positive Signale auszusenden. So fiel etwa der Anteil der Wachstumsfinanzierung am Venture-Capital-Kuchen im vergangenen Jahr in Deutschland auf neue Tiefstände, berichtet Schauerte. Schlimmer noch, der Abwärtstrend setzte sich im ersten Quartal 2003 fort: Nur noch 9,7 Prozent der investierten Mittel flossen von Januar bis März in die Expansion von Unternehmen. "Hier hatten wir uns mehr erwartet", fasste Schauerte die Hoffnungen seiner Verbandsmitglieder zusammen.

Ähnlich düster sah es im ersten Quartal bei den Frühphasenfinanzierungen (Seed- und Startup-Phase) aus, die lediglich 11,7 Prozent der Investitionen ausmachten. Drei Viertel der in die Wirtschaft gepumpten 622 Millionen Euro entfielen hingegen auf Buyouts, bei denen interne oder externe Manager das Ruder und die Verantwortung übernehmen. Vor einem Jahr waren es hier nur 18 Prozent gewesen.

Das Exitvolumen, also die "Erlöse" der Venture-Kapitalisten etwa beim Verkauf von Beteiligungen oder dem Börsengang, hat sich verglichen mit dem Vorjahreszeitraum auf 173,6 Millionen Euro halbiert: Davon stammten 95,6 Millionen Euro aus Teil- oder Gesamtverkäufen, 78 Millionen Euro waren Totalverluste. "Besonders stark getroffen wurden die Technologiemärkte", fasste Schauerte die Zahlen des ersten Quartals zusammen.

Kaum neues Kapital kommt nach

Negativ wirkt sich vor allem aus, dass der Zufluss an frischem Kapital nicht mehr ein breiter Strom, sondern nur noch ein kleines Rinnsal ist. Gespeist wird die Branche vornehmlich durch so genannte Evergreen-Fonds, deren Laufzeit und Volumen nicht definiert sind und die bei Bedarf von den Gesellschaftern mit weiterem Kapital ausgestattet werden. Freies Fundraising findet jedoch praktisch nicht statt, kaum private oder institutionelle Investoren wollen sich gegenwärtig in Fonds engagieren; Schauerte konstatierte angesichts der im ersten Quartal hierüber eingenommenen 26 Millionen Euro ein "niederschmetterndes Ergebnis". Als Folge bilde sich eine Finanzierungslücke, die sich auf das gesamte Wirtschaftswachstum Deutschlands auswirken werde, warnte der BVK-Chef.

Die trübe Stimmung auf dem Markt schlägt unterdessen auch auf die Finanziers durch. Rund 200 ordentliche Mitglieder verzeichnet der Verband noch, etwa 40 Kapitalgeber haben 2002 den BVK verlassen. Laut Schauerte mussten davon 33 Beteiligungsgesellschaften ihr Geschäft einstellen. Sorgen bereiten den Geldgebern vor allem die Rahmenbedingungen hierzulande, weil etwa die steuerliche Behandlung von Fonds immer noch nicht dauerhaft geregelt ist.

Der Ruf nach Berlin ist indes nicht ungehört verhallt. Mit einem Hightech-Masterplan wollen Teile der Regierung der lahmenden Investitionsbereitschaft Beine machen. Das Vorhaben sieht als Kernkomponente vor, dass selbständige Unternehmen, die in den ersten Jahren im gleitenden Durchschnitt mehr als 15 Prozent ihrer Umsätze in Forschung und Entwicklung investieren, über acht Jahre von der Körperschaftssteuer befreit werden (siehe Kasten "Der Masterplan"). Allerdings lässt sich nur schwer vorstellen, dass Finanzminister Hans Eichel in der aktuellen wirtschaftlichen Situation begeistert sein wird, wenn er nur kurze Zeit nach dem "Gesetz zum Abbau von Steuervergünstigungen und Ausnahmeregelungen" eben diese für Startups wieder zulassen soll.

Er sei zuversichtlich, dass der Plan in den nächsten vier Wochen beschlossen werde, sagte Uwe Thomas, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Schließlich habe sich Bundeskanzler Gerhard Schröder Anfang Mai öffentlich für das Papier ausgesprochen. Auch machte sich Thomas für weitere Reformen an der deutschen Hightech-Börse stark, die zudem besser mit ihren europäischen Pendants vernetzt werden müsse. Sie sei eine unverzichtbare Voraussetzung, um nicht zuletzt das Gründungskapital zu refinanzieren und die Beteiligungsbranche in Schwung zu halten. Entscheidend sei jedoch sowohl beim Plan als auch der Börse die Geschwindigkeit: "Was wir heute nicht unternehmen, können wir morgen nicht wieder gutmachen", appellierte Thomas an das Finanzministerium.

Der Mittelstand als Rettungsanker

Derweil löst sich die Beteiligungsbranche zusehends vom unsicheren Geschäft mit den Startups und bemüht sich stattdessen um Finanzierungsmodelle für mittelständische Traditionsunternehmen. Dass jedoch der Mittelstand den Beteiligungsgesellschaften nicht von selbst in den Schoß fallen dürfte, ist auch Schauerte klar - allein die berühmt-berüchtigte "Herr-im-Haus-Mentalität" der Unternehmer dürfte als "psychologische Barriere" nur schwer zu überwinden sein. Der Weg ist weit, und einigen Geldgebern werden bis zum großen Ziel die Reserven ausgehen. Jedoch sind die Aussichten verlockend, denn schließlich zählen 95 Prozent aller deutschen Unternehmen zum Mittelstand - immerhin.

Der Masterplan

Der Markt für die Finanzierung neuer Technologieunternehmen liegt am Boden. Mit einer Initiative will das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) dem Trend entgegensteuern. Der "Masterplan" sieht vor, dass junge Unternehmen in den ersten acht Jahren von der Körperschaftssteuer befreit werden. Allerdings muss der Forschungs- und Entwicklungs-Anteil am Umsatz über 15 Prozent betragen. Zudem sollen unter anderem Verlustvorträge länger verrechnet sowie Mitarbeiter- und die Gewinnbeteiligungen der VC-Initiatoren am Veräußerungsgewinn steuerlich freigestellt werden. Dadurch würde sich Deutschland bei den steuerlichen Rahmenbedingungen an die weltweite Spitze setzen, heißt es in einem Papier des BMBF. Das wäre ein "Signal des Willens" der Bunderegierung zur Erneuerung der heimischen Wirtschaft, das auch international ausstrahlen werde.