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16.05.2003 - 

Fachmesse für elektronische Beschaffung trotzt der Branchenkrise

Der Weg zum E-Procurement ist steinig

NÜRNBERG (rg) - Trotz weit verbreiteter Ernüchterung bauen vor allem große Unternehmen ihre elektronischen Beschaffungs-systeme weiter aus. Die meisten Zulieferer reagieren jedoch erst, wenn sie von ihren Kunden unter Druck gesetzt werden.

In seiner Eröffnungsrede des diesjährigen "E-Procure"-Kongresses erteilte Ulrich Fricke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME), allen Zweiflern eine Absage: "Wer glaubt, E-Procurement und E-Business seien unwichtig, nicht mehr relevant oder gar am Ende, der irrt." So nutzten bereits 80 bis 90 Prozent der großen Unternehmen elektronische Kataloge.

Fricke präsentierte außerdem die Ergebnisse einer vom BME zusammen mit der European Business School in Oestrich erstellten Studie zum Einsatz elektronischer Marktplätze. An der Befragung nahmen 214 deutsche Unternehmen teil, die insgesamt mehr als 1,4 Millionen Mitarbeiter beschäftigen und einen Umsatz von über 100 Milliarden Euro erwirtschaften. Demnach kaufen 47 Prozent der Befragten auf elektronischen Marktplätzen, weitere 16 Prozent planen dies in naher Zukunft.

Zwei Geschwindigkeiten bei der Umsetzung

Fricke sieht allerdings, dass sich die Unternehmen dem Thema mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten nähern: Mehr als 50 Prozent der Nutzer seien erst seit weniger als zwei Jahren auf Marktplätzen aktiv, befänden sich also vorwiegend noch in der Erprobungsphase. "Während die einen die ersten Gehversuche machen, sind Experten bereits dabei, strategische Überlegungen einer zunehmenden Vernetzung von Wertschöpfungsnetzen in praktische Anwendungen umzusetzen", so der BME-Sprecher. Für den Mittelstand werde die elektronische Beschaffung immer interessanter, fuhr Fricke fort, da mittlerweile auch für kleinere Betriebe geeignete Tools und Software zur Verfügung ständen. Damit ließen sich auch im Mittelstand Prozesskosten sparen, obwohl hier das Potenzial naturgemäß geringer sei als bei Großunternehmen.

Als Zulieferer nähern sie sich dem Thema elektronische Beschaffung jedoch nicht von der Einkaufs-, sondern der Verkaufsseite. Und hier fördert die vom Betriebswirtschaftlichen Institut der Universität Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem BME und dem Lösungsanbieter Quibiq erstellte Studie "E-Readyness deutscher Lieferanten" Ernüchterndes zu Tage.

Mangelnde E-Readyness der Zulieferer

Der Verfasser Ulli Arnold, Lehrstuhlinhaber Investitionsgütermarketing und Beschaffungs-Management an der Universität Stuttgart, machte bei den 126 teilnehmenden Unternehmen einen Hang zur Selbstüberschätzung aus. 58 Prozent hatten angegeben, besser oder sehr viel besser als der Branchendurchschnitt aufgestellt zu sein. Diese Wahrnehmung kollidiere allerdings mit derjenigen von Einkäufern, die auf Lieferantenseite einen großen Nachholbedarf sähen.

Annähernd die Hälfte der befragten Unternehmen gab an, sie verfüge über eine ausformulierte E-Commerce-Strategie. Eine eigene E-Commerce-Abteilung konnte aber nur rund ein Drittel der Unternehmen vorweisen. Die Studie habe außerdem ergeben, so Arnold weiter, dass in der Mehrzahl der Fälle die Initiative zur Weiterentwicklung entsprechender Aktivitäten von den Kunden ausgehe: "Deshalb können die meisten Zulieferer auch kein durchgängiges Konzept vorweisen." Da wahrscheinlich die Firmen, die etwas vorzuweisen hätten, in der Untersuchung überproportional vertreten seien, gäben selbst die schlechten Zahlen noch ein geschöntes Bild ab. "Wir sind bisher weit von einer Welt entfernt, in der Geschäftsprozesse vorwiegend elektronisch abgewickelt werden", lautet Arnolds nüchternes Fazit.

Ein Zulieferer, der bereits einige E-Business-Erfahrung gesammelt hat, ist die Karl Höll GmbH & Co. KG mit Sitz in Langenfeld. Das auf die Herstellung von Tuben für die Branchen Pharmazie, Kosmetik, Lebensmittel und Klebstoffe spezialisierte Unternehmen wickelt über den Marktplatz CPG.com elektronisch Geschäfte mit seinem Großkunden Henkel ab. "Sowohl hier als auch durch eine direkte Anbindung an die Systeme von Wella hat unser Unternehmen große Einsparungen bei den Prozesskosten erzielen können", so der geschäftsführende Gesellschafter bei Höll, Philipp Schack von Wittenau.

Weniger begeistert äußerte er sich zum Thema Auktionen. Durch sie sei ein erhebliches Maß an Unsicherheit und Irrationalität in den Markt getragen worden. Besonders in der Anfangsphase hätten sich manche Versteigerungen so aufgeschaukelt, dass sich dies wirtschaftlich nicht mehr habe rechtfertigen lassen. "Manchmal muss man die Stärke haben, auszusteigen." Zudem seien rund 30 Prozent dieser Veranstaltungen an technischen Problemen gescheitert. Mittlerweile habe der Markt jedoch dazugelernt.

Einkauf von Dienstleistungen per Auktion

Von Wittenau hat zwischen den Auktionsveranstaltern große Unterschiede ausgemacht. Für einen fairen Verlauf müsse eine Reihe von Punkten erfüllt sein: Die Transparenz des Teilnehmerfeldes, die Klarheit der Spezifikationen sowie die vertrauliche Behandlung der von den Bietern zur Verfügung gestellten Informationen. Der Auktionator sei darüber hinaus für die Vergleichbarkeit der Gebote verantwortlich, die aber in der Praxis oft nicht gegeben sei. Insgesamt bezweifelt von Wittenau, dass sich Auktionen im großen Stil durchsetzen werden: "Ich glaube nicht, dass dies ein langfristiges Geschäftsmodell ist."

Ganz anders sieht das mit Ulrich Schott-Wüllenweber, Head of Strategic Sourcing Corporate and Partner Projects bei der Deutsche Lufthansa AG, ein Vertreter der Einkaufsseite. Von der Prämisse ausgehend, dass sich durch Auktionen der Wettbewerb steigern und somit niedrigere Preise erzielen lassen, fragte er in seinem Vortrag provokativ, warum Unternehmen nicht alle Bedarfe verauktionieren sollten. Unter gewissen Voraussetzungen sei es möglich, nicht nur auf weitgehend standardisierte Güter, sondern auch Dienstleistungsaufträge auf diese Weise zu vergeben. Die großen Hausaufgaben müssten hier vor der eigentlichen Auktion gemacht werden, stellt Schott-Wüllenweber klar. Dazu gehöre zum Beispiel eine gründliche Spezifizierung der zu beschaffenden Leistungen. Die Lufthansa bildet für Ausgaben von mindestens 500000 Euro Beschaffungsteams, die sich aus Vertretern der Fachbereiche und des Einkaufs zusammensetzen.

Einen weiteren Schwerpunkt der Vorbereitungen bilde das Auktionsdesign, also die Auswahl der Auktionsform. So sei in vielen Fällen ein mehrstufiger Prozess notwendig, beispielsweise mit einer vorgeschalteten Preisanfrage (Request for Quotations = RFQ), um die potenziellen Teilnehmer und ihre Angebote im Vorfeld bewerten zu können. Derzeit bilde die Lufthansa pro Beschaffungsteam einen Auktionator aus.

Beratung unter dem Hammer

An so komplexe Themen wie die Vergabe einer Marketing-Kampagne per Auktion will sich Schott-Wüllenweber vorerst nicht heranwagen. Den Einkauf von Beratungsleistungen für zeitlich begrenzte Projekte kann er sich dagegen vorstellen. Insgesamt äußert er sich überzeugt, dieser Weg lohne sich für alle Beteiligten: "Faire Auktionen führen auch für die Lieferanten zu Vorteilen."

Mit Auktionen überwiegend positive Erfahrungen gesammelt hat auch ein anderer großer Einkäufer: Daimler-Chrysler. Tilman Knapp, Senior Manager Global Procurement & Supply/OSB, bilanzierte in seiner Präsentation die knapp dreijährigen Erfahrungen des Konzerns im Bereich der elektronischen Beschaffung. In dieser Zeit habe Daimler-Chrysler in mehr als 1500 Online-Bidding-Events Bedarfe im Wert von nahezu 20 Milliarden Euro vergeben.

Nichtproduktionsmaterial beschafft der Automobilbauer mit Hilfe der Katalog-Lösung "E-Shop", die technisch auf einer Kombination des "Enterprise Professional Buyer" von SAP mit der Katalogsoftware von Heiler basiert. Das System sei ein voller Erfolg, so Knapp. 20 Prozent der Projektkosten seien dabei auf die Entwicklung entfallen, 80 Prozent auf die Einführung der Lösung. "Das hatten wir zu Projektbeginn anders erwartet, aber der Teufel steckt hier in sehr vielen Details." Zudem sei die Generierung von guten elektronischen Katalogen nach wie vor ein Engpass.

Was die Nutzung elektronischer Marktplätze betrifft, ist bei Daimler-Chrysler mittlerweile etwas Ernüchterung eingetreten. "Wir haben da anfangs sehr viel erwartet, doch leider hat es nicht zu den Erfolgen geführt, die wir uns erträumt hatten", so Knapp. Der Konzern stehe jedoch weiterhin zu dem von ihm mitgegründeten Marktplatz Covisint - auch wenn in Teilbereichen das Portfolio überprüft werden müsse.

Messe und Kongress

Mit 130 Ausstellern fanden dieses Jahr 30 Anbieter weniger als 2002 den Weg auf die dritte "E-Procure" in Nürnberg. Walter Hufnagel, Mitglied der Geschäftsleitung beim Veranstalter Nürnberg Messe, führt den Rückgang in erster Linie auf die Krise unter den Herstellern zurück: "Einige Aussteller vom Vorjahr sind leider mittlerweile der Konsolidierung zum Opfer gefallen." Dennoch seien auf der Messe alle relevanten Anbieter vertreten. Zum Ende der dreitägigen Veranstaltung konnten sich die Verantwortlichen über knapp 3000 Besucher freuen, das seien nur unwesentlich weniger als im Vorjahr.

Mit rund 400 Teilnehmern musste auch der parallel vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) veranstaltete Kongress einen Besucherrückgang hinnehmen. Über 70 Experten gaben im Plenum sowie neun Themen- und drei Branchenforen einen Einblick in ihre Projekte.