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12.05.2000 - 

Nasdaq beteiligt sich am europäischen Wertpapierhandel

Deutsch-britische Börsenfusion IX treibt Konsolidierung der Handelsplätze voran

MÜNCHEN (CW) - Beobachter stufen das Gemeinschaftsunternehmen "International Exchange" (IX) von Deutsche Börse AG und London Stock Exchange (LSE) bereits als "Superbörse" ein. Ab 2001 sollen dort rund 45 Prozent des Kapitals aller in Europa börsennotierten Unternehmen gehandelt werden. Mit ins Boot steigen außerdem der ursprünglich geplante euopäische Ableger der US-Hightech-Börse Nasdaq sowie die Handelsplätze Mailand und Madrid.

Zentrale und juristischer Sitz von IX wird London sein, zum CEO wurde Werner Seifert, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG, berufen. Den Chairman (Aufsichtsratsvorsitzenden) stellen die Briten mit Don Cruickshank, der erst kürzlich für diesen Posten an der LSE nominiert wurde. Die Vereinbarung zwischen den beiden größten Börsen Europas sieht vor, dass künftig der Handel sämtlicher Standardwerte in die britische Metropole verlagert wird, während das Geschäft mit Technologietiteln sowie der Terminmarkt Eurex in Frankfurt am Main bleiben sollen.

Um die Gewichte der Fusionspartner gleich groß zu halten, wurden Clearstream und Crest, die im Hintergrund der Börsen arbeitenden Clearing-Dienstleister, nicht in die Fusion miteinbezogen. Beobachter werten dies als ein wesentliches Manko. Das Clearing, also die dem eigentlichen Handel nachgelagerte Abrechnung des Wertpapiergeschäfts, wird zu festgelegten Gebühren abgewickelt. Während diese Kosten für Kleinanleger meist in der Provision seines Aktienhändlers verborgen bleiben, stellen sie für Großinvestoren einen nicht unerheblichen Aufwand dar.

Clearing-Stellen wurden nicht verschmolzenAnders als die Deutsche Börse AG, die dieses Geschäft mit dem Luxemburger Clearing-Dienstleister Cedel über das gemeinsame Tochterunternehmen Clearstream abwickelt, hat London den Bereich in das externe Institut Crest ausgelagert. In Zukunft wollen beide Unternehmen zwar kooperieren, doch eine integrierte Clearing-Stelle ist nicht vorgesehen, Clearstream bleibt bis auf Weiteres ein Ableger der Deutsche Börse Holding. Für den künftigen Betrieb bedeutet dies, dass mit zwei Clearing-Stellen auch weiterhin zwei große Datenbanken gepflegt werden müssen. Die Chance, in diesem Bereich wesentliche Kosten einzusparen, haben die Fusionspartner nicht genutzt.

Erhebliche Einsparungen zeichnen sich hingegen bei der Integration des gemeinsamen Computersystems ab. Hier einigten sich beide Börsen darauf, das deutsche Handelssystem "Xetra" und nicht das englische Pendant "Sets" als zentrale Handelsplattform zu übernehmen. Entwicklung und Betrieb der Computersysteme verursachen rund 70 Prozent der gesamten Kosten für die Deutsche Börse AG, so eine Sprecherin des Unternehmens. Man habe sich für Xetra entschieden, da sich die Lösung vor allem in Hinblick auf die Ausfallsicherheit bewährt habe. Die gemeinsame IT soll weiterhin von Frankfurt aus betreut werden.

Außerdem bewältigt Xetra den Handel in unterschiedlichen Währungen. Ein nicht unwesentlicher Pluspunkt, da die deutschen und britischen Aktien zunächst in ihrer jeweiligen Landeswährungen gehandelt werden - deutsche Aktien also in Euro, britische in Pfund. Bankenexperten zufolge dürfte es jedoch über kurz oder lang zu einer Umstellung britischer Aktien von Pfund auf Euro kommen. Dafür spricht, dass bereits jetzt ein wachsender Teil des verwalteten Vermögens großer Pensionsfonds in London in Euro gehandelt wird.

Fest steht, dass IX mit dem Handel von 45 Prozent des Kapitals aller in Europa börsennotierten Firmen der mit Abstand größte Handelsplatz auf dem alten Kontinent sein wird. Arnd Wolpers, Geschäftsführer der Münchner Kapitalgesellschaft CMW GmbH, begrüßt die zunehmende Machtmacht von IX ausdrücklich und wertet den Zusammenschluss als konsequenten Schritt zur Konsolidierung des Finanzplatzes Europa. Die Londoner seien immerhin die größten Nettoinvestoren in Frankfurt und brächten außerdem eine Reihe außereuropäischer Anleger, etwa finanzkräftige Japaner, mit in die Ehe. An zunehmende Transparenz, wie sie die Börsenvorstände propagieren, mag der Börsenexperte allerdings weniger glauben und befürchtet eher das Gegenteil: "Je größer der Markt wird, desto intransparenter wird er gleichzeitig." Trotzdem hält Wolpers die Weiterführung von Regionalbörsen wie Berlin, Stuttgart oder Düsseldorf für wenig sinnvoll.

Letzterem widerspricht Andreas Schmidt, Geschäftsführer der Bayerischen Börse in München. Für ihn ist der Börsenzusammenschluss vor allem getrieben vom Willen großer institutioneller Anleger wie US-amerikanischer Pensionsfonds oder deutscher Banken, die an einem zentralen Zugang zu den 300 liquidesten Titeln interessiert sind. Doch "für uns wird die Nische größer", glaubt Schmidt. Da IX sich vor allem auf die Betreuung großer Kunden konzentrieren müsse, hofft er, dass "Werte der zweiten und dritten Reihe", die uninteressant für internationale Investoren sind, nun den kleineren Handelsplätzen vorbehalten sein könnten. Außerdem sieht er das elektronische Handelssystem Xetra als eine Lösung, die besonders für den Profi-Handel geeignet sei. Das offene System verhindere eine oft von Privatanlegern gewünschte Anonymität, wie sie jedoch die kleineren Börsen bieten könnten. Ein weiterer Pluspunkt für die hiesigen Regionalbörsen ergibt sich unmittelbar aus der Verlagerung der Standardwerte nach London. Denn anders als hierzulande wird in Großbrittanien bei jedem Kauf eine Steuer ("stamp duty") in Höhe von 0,5 Prozent des Kurswertes erhoben. Denoch müssen sich die Regionalbörsen nach der Decke strecken und sich beispielsweise durch Gebührensenkungen oder spezielle Dienstleistungen bei den Kleinanlegern profilieren.

Bereits vor der offiziellen Absegnung durch den Aufsichtsrat der Deutschen Börse AG beziehungsweise die Eigentümerversammlung der LSE übte die IX eine starke Anziehungskraft aus. Die Notwendigkeit eines zentralen Börsenplatzes für Europa wird von Fachleuten längst nicht mehr bezweifelt. Offen ist nur, welcher Finanzplatz am Ende das Rennen machen wird. Noch buhlen über 20 Börsen sowie immer mehr branchenfremde Wettbewerber wie Nachrichtenagenturen und Broker um die Gunst der Anleger. Rückenwind erhält die neue Gesellschaft IX von der New Yorker Nasdaq sowie den Börsen in Mailand und Madrid, die bereits Absichtserklärungen für eine Beteiligung unterzeichneten.

Demnach verzichten die Manager der Nasdaq auf die ursprünglich für Ende dieses Jahres geplante Einrichtung einer separaten Europa-Niederlassung in London und machen statt dessen gemeinsame Sache mit IX. Wahrscheinlich ab Frühjahr nächsten Jahres soll das Joint Venture namens "Nasdaq-IX" einen paneuropäischen Markt für Wachstumswerte in Frankfurt schaffen, in dem die Werte des Neuen Marktes, der Londoner Tech Mark sowie Unternehmen des Nasdaq-100-Index gelistet werden. Auch die Handelsplätze Mailand und Madrid sprachen sich für eine Beteiligung an IX aus. Ob die Börsen Paris, Brüssel und Amsterdam, die erst im März einen Zusammenschluss unter dem Namen "Euronext" geplant hatten, ebenfalls mit IX kooperieren wollen, ist noch offen. Offiziell hieß es, dass man an der Euronext-Initiative festzuhalten beabsichtige, ein Partnerwechsel sei nicht geplant.

Abb.: Nutzniesser von IX dürften große Banken und Broker sein, denn sie müssen ihre Technik künftig nur noch für eine deutsch-britische Handelsplattform einrichten. Quelle: Unternehmensangaben