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04.07.1997 - 

Intranet-Zwischenbilanz

Deutsche Anwender backen kleine Brötchen

Folgt man den täglich in die Redaktionen flatternden Ergebnissen der allerneuesten Studien zum Thema Internet und Intranet, hat sich alle Welt bereits auf den globalen Informations-Highway begeben. Zumindest die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache und reflektieren eine sprunghafte Entwicklung sondergleichen.

Doch hinter den Kulissen kracht es kräftig im Gebälk. Die Anwender trauen der Sicherheit im World Wide Web nicht über den Weg, die Anbieter sind enttäuscht von den eher dürftigen Gehversuchen ihrer Kunden. Was mit dem Anspruch grenzüberschreitender Kommunikation locker-flockig daherkommt, fristet als digitales Telefonverzeichnis oder Speiseplan auf Knopfdruck ein trauriges Dasein.

Die zunehmend aus Imagegründen getroffenen Investitionsentscheidungen - man kann sich den Ruf, "altbacken" zu sein, nicht leisten - sind voller Tücken. Nicht wenige Vorstände, hieß es auf einer Münchner Tagung vor wenigen Wochen, drehen den Daumen spätestens dann nach unten, wenn ihnen Gewaltverherrlichung und Pornografie im Netz selbst begegnen. "Damit wollen wir nichts zu tun haben", lautet das Verdikt. Aber auch andere Erscheinungen des Internet- und Intranet-Booms lassen tief blicken: Mehr als der Einsatz von E-Mails kommt dabei für die Firmen-DV oft nicht heraus.

Einer, der sich mit dem Thema Intranet intensiv beschäftigt hat, ist Fabian Eilingsfeld, Referent für Total Quality Management bei der Siemens AG in Berlin und Autor eines in diesen Tagen erscheinenden Buches. "Worum es in den Unternehmen geht, ist nicht die Frage nach TCP/IP, Browser, Router oder Firewall", so seine Erfahrung. "Die Frage lautet vielmehr, wie bringt man Menschen dazu, ihr Wissen zu teilen?"

Eilingsfeld und Co-Autor Daniel Schätzler fühlen sich selbst als Opfer einer Aufbruchsstimmung zu Beginn der 90er Jahre. Damals hatte vor allem die Groupware-Philosophie von Lotus Notes nicht nur die jungen Siemens-Kollegen begeistert: neue Wege in Information und Kommunikation, Unterstützung konzernübergreifender Projektteams, Wissens-Management etc.

"Leider haben sich die Erwartungen nicht erfüllt." Auch Intranet sei nur mehr ein "Buzzword" unter vielen, das die Anwender in einen Rausch versetze. Gab es in der Altavista-Suchmaschine 1995 nur 30 Treffer bei dem Begriff Intranet, sind es heute 150 000.

Das Rad nicht immer wieder neu erfinden

"Wenn Siemens wüßte, was Siemens weiß" - dieses geflügelte Wort ist quasi ein Schlüssel für die wirklichen Probleme der Verständigung in Unternehmen solcher Größenordnung. Wo das Rad laufend neu erfunden wird, müßten die Apologeten der modernen Kommunikation doch offene Türen einrennen?

Trifft es zu, was das amerikanische Magazin "Wired" in seiner Juni-Ausgabe schreibt, daß der Weg von Groupware "weiter nach unten" führt? Und daß gegenüber dem Versprechen der "Real- time"-Zusammenarbeit von Gruppen heute nur noch "Discussion groups" übrigblieben oder Netscapes Groupware-Strategie auf NNTP und damit auf einem 13 Jahre alten Use-Net-Protokoll basiere? Hier tun sich Welten zwischen Wunsch und Wirklichkeit auf.

Bessere Kommunikation ist das häufigste Motiv

Ohne Zweifel sind konkrete Intranet-Pläne in deutschen Unternehmen vielfach bereits Realität. Zum Beispiel berichtet Joachim Löffler, Projekt-Manager bei DHL Worldwide Express in Frankfurt, von der auf Management-Ebene getroffenen Entscheidung, in diesen Tagen ein Intranet aufzusetzen. Die Zielsetzung dürfte nicht erstaunen: verbesserte und kostengünstige Kommunikation mit einfachen Mitteln - und das nicht nur in der Mainmetropole, sondern auch in anderen Regionen.

Während der amerikanische Versender in dem Projekt auf ein bereits bestehendes Netzwerk der DHL-Zentrale in London aufsetzt, will der Sanitärspezialist Richter und Frenzel seine dezentrale Struktur per Intranet unter einen Hut bringen. Andreas Wasner, DV-Leiter im Stammhaus Regensburg, will zehn Niederlassungen, sechs Rechenzentren und bald auch 4500 Kunden aus dem Handwerk online verbinden. Unternehmensweit sollen 1900 PCs an 37 Standorten ins Netz. 500000 Mark, lüftet Wasner das Geheimnis, sind unter anderem für Siemens-Firewalls sowie Cisco-Router auf ISDN-Basis hinzublättern.

Ebenfalls im Plan liegen die Strategen der Lebensversicherung LV 1871 in München. Wie Mitarbeiter Robert Lemm skizziert, orientiere man sich "in Richtung Groupware" und wolle vor allem den branchentypisch ausufernden Datenstrom "über eine einheitliche Oberfläche und ein einheitliches Transportmedium" kanalisieren. Um den Einstieg der Mitarbeiter und die Gewöhnung an das neue Medium zu erleichtern, ist einheitliches E-Mailing geplant, daneben Telefonverzeichnisse, Schwarzes Brett und natürlich der obligatorische Speiseplan.

Viele Intranet-Erfahrungen bei Mercedes-Benz

Erst dann wolle man eine konzernweite Informationspolitik im Netz einsetzen. Das "sehr aktuelle" Projekt nutze die Potentiale des frisch installierten 100-Mbit-Ethernet-Netzwerks, dem die abteilungsspezifischen Novell-Server "umgehängt" werden. Für die Applikationsentwicklung des "Abfallprodukts aus der neuen Verkabelung und Netzwerkstruktur" (Lemm) sind Java und C++ vorgesehen.

An einem Intranet-Projekt größeren Umfangs arbeitet man bereits seit März 1996 bei Mercedes-Benz, wo konzernweit inzwischen mehrere Intranets im Einsatz sind. Mit Unterstützung der EU wollen Projektleiter Fritz Pollak und Berater Carsten Kindermann von der Berliner Condat GmbH im Projekt Training Network for the European Car Industry (Tecar) das europaweite Training von Servicemitarbeitern über eine einheitliche Kommunikationsschiene zusammenschweißen und eine bereits installierte breitbandige Business-TV-Lösung für die konzernweite Schulung ausbauen.

Der bisherige Aufwand, der für die aus allen Teilen Europas kommenden Trainer erforderlich war, um Schulungsunterlagen für weltweit rund 60000 Mitarbeiter zu erstellen, zu überarbeiten und auszutauschen, soll erheblich zurückgeschraubt werden. Außerdem will man die enormen Reisekosten kappen.

Die zentrale Erstellung von Schulungsunterlagen wird deshalb im Rahmen des Projekts durch eine dezentrale Arbeitsweise ersetzt und durch die Tecar-Intranet-Anwendung unterstützt. An dem Projekt ist außer der Mercedes Benz Marketing Academy in Esslingen auch die Fiat-Schulungstochter Isvor in Turin beteiligt. Die Italiener wählten für das Projekt eine Fabrik mit etwa 400 Mitarbeitern in Melfi aus, das an der südlichen Stiefelspitze liegt.

Außer einem Web-Server sind in Stuttgart ein Groupware-(Altavista) und SQL-Datenbank-Server installiert. Da Videokonferenzsysteme von Picturetel bereits konzernweit zum Einsatz kommen, entschied man sich beim Application Sharing für MS Net-Meeting, das als reine Softwarelösung mit Picturetel und dem Standard H.323 kompatibel ist. Bei der Internet-Technologie heißt die Wahl Netscape Navigator. Per Javascript erstellte Oberflächen sollen den Client-Zugriff auf die zirkulierenden Informationen verringern.

Problematisch ist laut Kindermann der Dokumentenaustausch zwischen LAN- und WAN-Konstellationen. Damit zum Beispiel ein in Spanien teilnehmender Trainer eine Word-Unterlage auf seinen PC herunterladen kann, müssen eingebundene Abbildungen Server-seitig über OLE-Referenzen umgewandelt werden. Andernfalls fehlten die Bilder in Spanien, und das gesamte Dokumentenlayout drohte auseinanderzufallen.

"Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Welten gestaltet sich nicht einfach", resümiert Projektleiter Pollak. "Wir sind aber optimistisch, bis zur Einführung der A-Klasse den entscheidenden Durchbruch zu erzielen."

Vorläufig wenig Interesse an Intranet-Investitionen hat Gerhard Luber, DV-Leiter des Berufsbildungswerks Dr. Eckert in Regenstauf. E-Mail-Funktionalität in herkömmlichen Groupware-Programmen, in diesem Falle Novell Groupwise, sei für die bestehende LAN-Struktur völlig ausreichend. Zwar ist man bereits mit einer eigenen Home Page im Internet vertreten, für ein Intranet jedoch bestehe "zumindest in den nächsten drei Jahren" kein Bedarf.

Doch nicht nur kleinere Anwenderunternehmen halten sich auffallend zurück. Selbst der gewachsene Mittelstand setzt noch nicht aufs Web. Kurt Weiß, Mitarbeiter der Rodis GmbH in Regen, einem für Rodenstock tätigen DV-Dienstleister, weiß von keinem einzigen Intranet-Projekt in der gesamten Rodenstock-Gruppe. Auch bei der Ernst Reime GmbH & Co. KG, einem Nürnberger Spezialisten für Präzisionsmaschinen, haben andere Projekte Vorrang. "Vor unserem Umzug im nächsten Jahr lassen wir uns nicht verrückt machen", setzt DV-Leiter Heinz Wacker die Prioritäten für den Unternehmensalltag.

Kein Zweifel - vieles hat sich im Laufe der Jahre verbessert. "Suchmaschinen und die Beschleunigung des Informationsflusses", um die es laut Siemens-Mann Eilingsfeld doch in erster Linie gehe, "könnten Entscheidungsprozesse verkürzen und die Qualität von Entscheidungen spürbar verbessern". Doch in der Praxis droht offenbar auch der Intranet-Ansatz, da strategische, betriebswirtschaftliche und informationstechnische Zielsetzungen oft sehr verschieden sind, zu scheitern.

Daß sich die Beschäftigten nichts mehr wünschen als eine offene Informationspolitik, kann nicht oft genug betont werden. Wer sich lieber an die Aktionäre wendet als ans eigene Fußvolk, braucht sich über ausbleibende Motivation und nachlassenden Ertrag ebensowenig wundern wie derjenige, der den Mitarbeitern ungehemmtes E-Mailing ermöglicht, ohne über sinnvolle Anwendungen nachzudenken. Der Zugang zu Information, Wissen und Ideen ist ein menschliches Problem. Wer nur eine technische Lösung sucht, erhält oft die Katze im Sack.

*Max Leonberg ist freier Journalist in München.