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17.09.1993

Deutsche Autoren verschlafen den GPO-Trend Literatur: In neuen Schlaeuchen verbirgt sich noch viel alter Wein

Ein neues Schlagwort schickt sich an, Karriere zu machen. Spaetestens im kommenden Jahr werden die Begriffe "Business Re- Engineering" beziehungsweise "Geschaeftsprozessoptimierung" (GPO) notwendige Bedingung fuer einen Platz in der Bestsellerliste der Management-Literatur sein. In den USA stehen die ersten Titel bereits in den Regalen. CW-Mitarbeiter Martin Weinert* hat sich in einige vertieft.

Im Buch Re-Engineering the Corporation - A Manifest for Business Revolution von Michael Hammer und James Champy (Harper Business, Stanford 1993, 223 Seiten, 25 Dollar) entwickeln die Autoren die Vision eines Unternehmens, das durch eine Optimierung der Geschaeftsprozesse Quantenspruenge in der Leistungsfaehigkeit erreicht.

Waehrend deutsche Autoren Re-Engineering vorsichtig und bisher erst im Rahmen von Expertenseminaren durch schrittweises Vorgehen und neu motivierte Mitarbeiter realisieren wollen, fordert dieser Titel eine radikale Abkehr von antiquierten Theorien ueber Arbeitsorganisation. Mit halbherzigen Loesungen der Sorte zehn Prozent schneller hier und zwanzig Prozent billiger dort sei kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

Der Titel liest sich wie ein spannender Roman, kommt aber ueber Allgemeinplaetze mit so beruhigenden Aussagen wie "Re-Design kann Spass machen" nicht hinaus. Nach der Lektuere springt der Leser motiviert aus seinem Sessel und spuert: Alles muss anders werden. Waehrend der Einband dem Leser suggeriert, eine Art Fahrplan zur Prozessoptimierung zu umhuellen, gesteht das Autorengespann im Epilog das Gegenteil: "We have written only a little about how organizations can actually make reengineering happen".

Das knallrote Buch ist trotzdem lesenswert, denn die markigen Worte des "Management-Gurus 1990" Michael Hammer treffen ins Schwarze.

Mit der US-Vision im Herzen sollte der Leser zu einem Titel greifen, dessen Autor die Wurzeln des organisatorischen Uebels schon vor zehn Jahren erkannt hat. In dem Standardwerk Prozessorganisation (Vahlen, Muenchen 1983, 258 Seiten, 38 Mark) kritisiert der Verfasser Michael Gaitanides den klassischen "Top- Down-Ansatz", weil die Strukturierung von Prozessen bei vorgegebener Arbeitsteilung erst dann beginnen koenne, wenn die jeweiligen Stellenaufgaben bereits gebildet seien.

Das Problem der Prozessstrukturierung werde durch diese Betrachtungsweise methodisch auf eine reine Reihenfolgeplanung beschraenkt.

Uebertraegt der Leser diese Erkenntnis auf das aktuelle Ziel, Geschaeftsprozesse zu optimieren, wird klar, dass ihn das gleiche Problem erwartet.

Gaitanides fordert den Leser auf, die Existenz funktionaler und uebergreifender Prozesse zu beruecksichtigen und hat damit das vorgedacht, was heute in Vortraegen zum "Einstieg in die Geschaeftsprozessoptimierung" als brandheisse Erkenntnis verkauft wird.

Um den Hintergrund der Re-Engineering-Diskussion besser zu verstehen und um aufgewaermte Weisheiten von wirklich neuen Konzepten unterscheiden zu koennen, leistet das Buch beste Dienste. Der Verfasser hat Ziele, Programme und Methoden, die zum Thema Ablauforganisation existieren, aufgearbeitet und in eine geschlossene Konzeption der Prozessorganisation eingebracht.

Theoretische Basis und Gestaltungstips

Im Gegensatz zu seinen amerikanischen Kollegen zeigt er konkret auf, wie man Probleme als die eigentlichen Ausloeser eines Reorganisationsbedarfs zerlegen kann und wie sich ueber diese Problemdifferenzierung Teile aus dem Gesamtprozess ausgrenzen lassen.

Wer sich mit Business Re-Engineering befasst und dieses Buch zur Hand nimmt, muss viele Passagen im Hinblick auf seine speziellen Belange modifizieren. Um Prozesse zu optimieren, muss jedoch bekannt sein, wie sie spaeter ablaufen sollen. Fuer diesen Zweck bietet das Buch das theoretische Fundament und konkrete Gestaltungshinweise. Allen Begriffsneuschoepfungen der Management- Literatur zum Trotz erweist es sich seit zehn Jahren als wegweisend und ist in den Bibliotheken zur Zeit begehrt wie nie.

Process Innovation - Reengineering Work through Informa-tion Technology von Thomas H. Davenport (Harvard Business School Press, Boston 1993, 336 Seiten, 25 Dollar) stellt nicht nur die Philosophie des Business Re-Engineerings in den Vordergrund, sondern beschreibt auch die Bedeutung moderner Informationstechnologien und der Motivation der Mitarbeiter fuer das Gelingen.

Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Unternehmensberater stellt Davenport jene Kriterien heraus, die fuer ihn als Erfolgsfaktoren einer gelungenen Innovation gelten. Mit diesem "How-to-do-Konzept", das amerikanische Leser grundsaetzlich zu lieben scheinen, koenne jedes Unternehmen sorglos in das kommende Jahrhundert blicken.

Eine Checkliste fuer Brainstorming-Sitzungen

Ein Schwerpunkt des Buches liegt in der Auswahl derjenigen Geschaeftsprozesse, die am ehesten einer Innovation beduerfen. Im Gegensatz zu Hammer und Champy weist Davenport jedoch einen vergleichsweise konkreten Weg, Prozessinnovationen in Gang zu bringen.

Neben rein technischen Anforderungen an Informationssysteme geht er auch auf Schwierigkeiten ein, die bei den Mitarbeitern auftreten koennen. Fuer eine gelungene Brainstorm-Sitzung in Sachen Business Re-Engineering haelt er eine Art Checkliste bereit.

Der dritte Hauptteil befasst sich mit den Geschaeftsprozessen innerhalb der einzelnen Funktionsbereiche eines Unternehmens und kommt damit der deutschen Auffassung von betriebswirtschaftlicher Methodik entgegen. Im Zentrum stehen der Einsatz von Informationssystemen im Marketing, im Sales-Management und im Kundendienst.

Der Titel ist um einiges informativer als das "Manifest" von Michael Hammer, eignet sich aber entsprechend weniger zur Bettlektuere. Wer im Labyrinth der aktuellen Management-Konzepte vergessen hat, worum es beim Business Re-Engineering geht, findet im letzten Kapitel des Titels eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte.

Martin Weinert ist freier Journalist in Muenchen