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24.03.1995

Deutsche Bahn erwaegt, Schadensersatz zu fordern Siemens-Rechner legt Stellwerk in Hamburg fuer zwei Tage lahm CW-Bericht, Walter Mehl

HAMBURG - Von Montag bis Mittwoch morgen vergangener Woche standen im Bahnhof Hamburg-Altona alle Signale auf Halt. Wie in der Gruenderzeit liessen sich Weichen nur mit Stellschluesseln von der Groesse eines Brecheisens umstellen. Schuld war ein Fehler in einem Rechner von Siemens, der am Tag zuvor in Betrieb genommen worden war.

Der Bahnhof Hamburg-Altona ist das Revier von Tauben und Moewen. Fast drei Tage konnten sie ungestoert zwischen den Gleisen nach Essbarem suchen und die Leitungsdraehte fuer ein Schaeferstuendchen nuetzen. Seit den Morgenstunden des 13. Maerz 1995 ging nichts mehr im digitalen Stellwerk: Der Leitrechner von Siemens war nach einem Fehler im Arbeitsspeicher ausgefallen.

Der morgendliche Zugverkehr wurde umdirigiert: ICE- und IC- Reisende konnten noch bis zum Hauptbahnhof gebracht werden, fuer alle anderen war die Reise vor den Toren Hamburgs zu Ende - im Sueden am Bahnhof Harburg und im Norden an der Station Pinneberg. Wer weiter wollte, musste in die S-Bahn umsteigen. Nur durch diese Uebergangsloesung war es moeglich, den Zugverkehr ueberhaupt aufrechtzuerhalten. Verspaetungen von bis zu vierzig Minuten liessen sich aber nicht verhindern.

Selbst Mittwoch, als der Rechner wieder in Betrieb war, verliessen Fernzuege die Hansestadt mit zwanzig bis dreissig Minuten Verspaetung. Jeder fuenfte Fernreisezug in ganz Deutschland kam in den drei Tagen nicht rechtzeitig an. Die ICE-Renner mussten aus ihrem Betriebswerk in Eidelstedt noerdlich von Altona aus ueber ein Hilfsgleis zum Hauptbahnhof gelotst werden. Bei Redaktionsschluss stand noch nicht fest, ob die Bahn Schadensersatz einklagen wird. Nach Angaben eines Sprechers der Bahndirektion Hamburg behaelt man sich rechtliche Schritte vor.

Die Siemens-DV kostete die Bahn 40 Millionen Mark

Dabei war die Bahn ausserordentlich stolz auf ihren digitalen Helfer - in der Hauszeitung "Der Zug" war ihm eigens ein Bericht gewidmet. Insgesamt kostete die neue Technik 62,6 Millionen Mark, wovon Siemens rund zwei Drittel kassierte. Der Siemens-Rechner ersetzt acht konventionelle Stellwerke, die aus der Zeit zwischen 1911 und 1952 stammen. Er kontrolliert alle Weichen und Signale im Bereich des Bahnhofs. Faellt er aus, stehen alle Signale auf Rot, und die Weichen lassen sich nur noch haendisch umschalten.

In Altona wurde erstmals ein Simis-3216-Rechner mit Intels 486- Prozessoren verwendet. Siemens macht diese Systeme aussergewoehnlich robust: Sie vertragen Temperaturen zwischen minus 40 und plus 85 Grad Celsius sowie Stoesse bis zum Fuenffachen der Erdbeschleunigung. Selbst Stoersignale von 2000 Volt beeinflussen den laufenden Betrieb nicht. Zur Sicherheit werden die Rechner in einer Zwei- von-drei-Kombination betrieben, das heisst, vor Ort stehen drei identische Rechner, von denen jeder allein die Aufgaben im Stellwerk uebernehmen kann. Zwei Computer laufen staendig parallel, so dass beim Ausfall eines Systems direkt auf eines der Ersatzgeraete umgeschaltet werden kann. Bei einer derartigen Stoerung wird dann das dritte System in Betrieb genommen, so dass nach wenigen Minuten wieder die normale Betriebssicherheit erreicht ist. Laeuft alles normal, kontrollieren sich die zwei funktionierenden Rechner gegenseitig; nur wenn beide Systeme die gleichen Ergebnisse errechnet haben, wird ein Befehl auch ausgefuehrt.

Bei der Suche nach der Ursache fuer den folgenschweren Rechnerabsturz konnte ein Defekt an der Hardware ausgeschlossen werden. Auch die Systemsoftware arbeitete reibungslos. Die Selbstabschaltung ging vielmehr auf einen Fehler in der Planung zurueck: Der Arbeitsspeicher des Rechners war zu knapp bemessen; er reichte nicht aus, wenn sich Ereignisse (= Zuege) und Schaltungen haeuften. Dieser kritische Punkt wurde bereits am Montag im normalen Berufsverkehr ueberschritten. Der Rechner konnte nicht mehr weiterarbeiten und schaltete sich selbstaendig ab.

Bis allerdings die Siemens-Techniker in ihrem Braunschweiger Testzentrum die Situation nachgestellt und analysiert hatten, vergingen zwei Tage. Erst am Mittwoch um fuenf Uhr morgens war der Rechner wieder in Betrieb, und gegen 14 Uhr lief der Zugverkehr ueber Altona wieder reibungslos.