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30.01.1998 - 

Eisenbahner starten großes Multimedia-Schulungsprojekt

Deutsche Bahn: Von CBT zum Lernen im Netz

Trotz vieler anderslautender Sonntagsreden regiert in deutschen Unternehmen der Rotstift, wenn es um Weiterbildung geht. Wie aus einer Untersuchung des Kuratoriums der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung hervorgeht, wandert das Lernen zunehmend aus den Seminarräumen ab und siedelt sich am Arbeitsplatz oder in den eigenen vier Wänden der Mitarbeiter an.

Auch bei der Bahn spielt die Reduzierung der Weiterbildungskosten eine wichtige Rolle, erzählt Lothar Hofmann. Wie der Leiter des DB-Multimedia-Projekts verdeutlicht, wolle man aber vor allem einen Bewußtseinswandel bei den Mitarbeitern bewirken. Lernen soll zu weiten Teilen selbstgesteuert stattfinden und das am besten mit Hilfe von multimedialen Lernprogrammen aus dem Intranet.

Für den Einsatz von Selbstlernkonzepten mit Hilfe von CBT sprechen überzeugende betriebswirtschaftliche Argumente. Allein die dezentrale Struktur der Bahn mit rund 6000 Außenstellen sei Grund genug, in Zukunft Wissen und nicht Menschen zu transportieren. "So sparen wir Personalkosten und halten Auslagen und Zeitbudgets in Grenzen", kalkuliert Hofmann.

Die ersten CBT-Inhalte sind jetzt fertiggestellt worden, es geht dabei um das Thema Wagentechnik. Zwar sei die Entwicklung des Lernprogramms komplex und teuer, rechne sich aber aufgrund seiner längeren Nutzung, so der Bahn-Manager. Pro Multimedia-Entwicklungsstunde kalkuliert er mit rund 30000 Mark, was schon als recht günstig gilt. Normalerweise rechnen Experten mit 80000 bis 100000 Mark pro Stunde. Für den notwendigen Transfer zwischen fachlichen und informationstechnischen Anforderungen wurden allein sechs Mitarbeiter ein Jahr lang freigestellt.

Der CBT-Anteil umfaßt ungefähr zwei Drittel der gesamten Kursdauer. Der Rest entfällt auf die praktische Schulung vor Ort. Das heißt, Teilnehmer begutachten zum Beispiel die Klimaanlage von Eisenbahnwagons oder machen sich mit bestimmten Handgriffen vertraut. Rund 60000 Teilnehmertage kommen für die Wagentechnik pro Jahr zusammen.

CBT ist für Hofmann Teil einer komplexen Lernlösung und könne einen Großteil des Stoffes abdecken. Tutoren für die praktische Unterweisung und speziell entwickelte Lernunterlagen runden das Kursangebot ab. Wagentechnikspezialisten sollen als Teletutor fungieren oder eine Hotline betreuen. Ruft das nicht Widerstand unter den Trainern hervor? "Unsere Dozenten müssen sich mit den neuen Aufgaben vertraut machen", verdeutlicht Hofmann seinen Standpunkt.

Einstige Vorbehalte unter den Pädagogen hätten sich auch Zug um Zug gelegt. Permanent stehe man mit den rund 100 Spezialisten für Wagentechnik in der Diskussion. In einem dreitägigen Seminar habe man die Trainer auf die neuen Unterrichtsmethoden vorbereitet. Keinerlei Berührungsprobleme mit der neuen Technik haben die Auszubildenden - ein Problem des "inneren Alters", mutmaßt Hofmann. Viele Mitarbeiter seien dagegen nicht mehr offen für Neues und verweigerten sich Veränderungsprozessen.

Die Entwicklung künftig in eigener Regie zu verantworten sei erklärtes Ziel. Partner der DB sind bisher Siemens-Nixdorf, beraten werden die Eisenbahner von der Sema Group. Die Wagentechnik ist nur der Anfang. Schon arbeitet ein Team am nächsten großen Trainingsthema, dem "Bahnbetrieb". Weitere sollen folgen. Hofmann möchte soweit kommen, daß in der Azubi-Ausbildung die Hälfte aller Inhalte nicht mehr durch Frontalunterricht vermittelt werden, sondern durch computerunterstütztes Lernen "natürlich mit Hilfe der Lehrer". Eine gute Betreuung der Lehrlinge sei hier Voraussetzung.

Die Bahn beabsichtigt, ohne herkömmliche Lernprogramme auf CD-ROM auszukommen. Dazu sollen Multimedia-Lernpakete in Datenbanken gespeichert werden, auf die die Mitarbeiter zugreifen können. Damit haben sie die Möglichkeit, häppchenweise Inhalte abzurufen, die ihren individuellen Bedürfnissen und Wissensstand entsprechen. So ließen sich viele Redundanzen und Überschneidungen vermeiden, die bei der herkömmlichen CD-ROM-gestützten Weiterbildung anfallen.

"Bisher brennen wir unsere neuen Produkte auf CD-ROM, zumal unser Netz noch nicht weitflächig geknüpft ist", räumt Hofmann ein. Das auf Lotus Notes basierende Intranet verbindet erst die großen Standorte, noch in diesem Jahr allerdings soll der gesamte Verbund erschlossen werden.

Jeder Mitarbeiter, der über eine Netzanbindung verfügt, kann sich demnächst im Intranet mit konkreten Lernanwendungen beschäftigen, die mit einer ausgeklügelten Zählvorrichtung ausgestattet sind und dem Teilnehmer nach erfolgreich absolvierten Lerneinheiten auch ein Zertifikat ausstellen.

Nun sind die Weichen gestellt. Das DB-Projekt soll auf der kommenden Learntec Anfang Februar in Karlsruhe vorgestellt werden. Und wie sich das für ein ordentliches Projekt gehört, wird es auch wissenschaftlich begleitet, und zwar von den Pädagogikprofessoren Winfried Sommer und Uwe Beck von der Universität Karlsruhe.

*Winfried Gertz ist freier Journalist in München.