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04.10.2002 - 

Outsourcing-Abkommen über 2,5 Milliarden Euro

Deutsche Bank vergibt IT an IBM

MÜNCHEN (wh) - Die Deutsche Bank hat sich entschieden. Über einen Zeitraum von zunächst zehn Jahren soll IBM die IT-Infrastruktur in Kontinentaleuropa übernehmen. Der noch auszuhandelnde Outsourcing-Vertrag im Wert von rund 2,5 Milliarden Euro könnte für andere deutsche Großunternehmen Signalwirkung entfalten.

"Es war ein sehr enges Rennen", kommentierte Deutsche-Bank-Sprecher Klaus Thoma den Zuschlag für Big Blue am 24. September. Nach der ersten Ausschreibungsrunde im Juni hatten sich zunächst IBM und der US-amerikanische CSC-Konzern gegen EDS, Accenture und T-Systems durchgesetzt. Welche Gründe letztlich den Ausschlag gegeben haben, wolle man nicht öffentlich diskutieren, so Thoma.

Überraschend kam die Entscheidung nicht. Schon zu Beginn des Auswahlprozesses schrieben Beobachter IBMs Dienstleistungssparte Global Services (IGS) die besten Chancen auf den lukrativen Deal zu. Zum einen unterhält IT-Vorstand Hermann-Josef Lamberti als ehemaliger Geschäftsführer von IBM Deutschland enge Beziehungen zu dem Hersteller. Zum anderen besteht die IT-Infrastruktur des größten europäischen Kreditinstituts in wesentlichen Teilen aus IBM-Hardware und -Software.

Auf der Grundlage eines noch zu verhandelnden Vertrages will Lamberti nun den Betrieb der IT-Infrastruktur in Kontinentaleuropa an den Outsourcing-Partner abgeben. Dazu zählen Rechenzentren und kleinere Server-Sites mit insgesamt 900 Mitarbeitern, davon 700 in Deutschland. IBM plant dazu ein größeres Data Center im Rhein-Main-Gebiet, das auch anderen Kunden IT-Dienste feilbieten soll. Spätestens im Dezember soll der Vertrag unterzeichnet sein, der Betriebsübergang der Rechenzentren ist für das erste Quartal 2003 vorgesehen.

Über die ursprünglich im gleichen Zug angestrebte Auslagerung des Netzbetriebs werde man separat entscheiden, teilten die Frankfurter mit. Darüber hinaus prüfe man, ob künftig auch die Rechenzentren in London und New York von einem externen Dienstleister übernommen werden können.

Von dem bislang größten Outsourcing-Vorhaben seines Unternehmens erhofft sich Lamberti in erster Linie Kostenvorteile. Schon im Vorfeld der Entscheidung hatte er von einem dreistelligen Millionenbetrag gesprochen, der sich pro Jahr im IT-Betrieb einsparen ließe. Sein Sprecher Thomas wurde konkreter: Er erwarte jährliche Einsparungen von 30 Prozent oder rund 100 Millionen Euro.

Andreas Zilch vom Kasseler IT-Marktforschungsunternehmen Techconsult hält diese Werte für "utopisch". Würden sie zutreffen, "wäre die IT der Deutschen Bank bisher absolut lausig". Mit derartigen Zahlen stoße das Management die internen IT-Mitarbeiter vor den Kopf. Zilch: "Realistisch sind höchstens fünf bis zehn Prozent."

Nicht ganz so kritisch beurteilt Andreas Burau, Consultant bei der Meta Group, das Einsparziel. Kurzfristig hält er eine Reduktion um 30 Prozent zwar für erreichbar. Studien der Meta Group hätten aber ergeben, dass solche Kostenvorteile nach zwei bis drei Jahren meist überholt sind oder sich stark verändern. In vielen Fällen ständen dann andere Aspekte im Vordergrund, beispielsweise anspruchsvollere Service-Level-Agreements, die den Personalaufwand wieder erhöhen.

Tatsächlich hat die Deutsche Bank bisher nicht detailliert erklärt, wie die Einsparungen realisiert werden können. An den Personalkosten lasse sich schon wegen des starken Betriebsrats wenig ändern, sagt Zilch dazu. Und beim Hardwareeinkauf erhalte das Unternehmen als Großabnehmer ohnehin günstige Konditionen.

Zweifel sind angebracht, zumal die Erfahrungen anderer Finanzkonzerne mit großen Outsourcing-Projekten nicht durchweg positiv sind. Die Deutsche Bank hingegen betont - zumindest offiziell - die vermeintlichen finanziellen Vorteile. Mit Blick auf die derzeitigen Sparzwänge des Vorstands stehe dieser Aspekt naturgemäß im Vordergrund, kommentiert Burau. Längerfristig aber gehe es um eine Steigerung der Effizienz und Effektivität der IT. Lamberti erhofft sich laut eigenen Angaben etwa einen rascheren Übergang auf neue Technologien. Dabei dürften Themen wie Multichannel-CRM (Customer-Relationship-Management), Enterprise Application Integration und Business Intelligence eine wichtige Rolle spielen.

Gegen den Einwand, das Geldinstitut könne mit der Auslagerung die Kontrolle über Anwendungen und Prozesse verlieren, hatte sich der IT-Vorstand schon im Vorfeld der Entscheidung gewehrt: "Die Deutsche Bank übernimmt wie bisher die Produktentwicklung, Prozesskontrolle und die Steuerung der Anwendungen." Bei dieser Aussage bleibe es, ergänzt Pressesprecher Thoma. Das in den Anwendungen enthaltene Banken-Know-how wolle man im Haus behalten.

Wie dieses Vorhaben in der Praxis umgesetzt wird, scheint indes noch ungeklärt zu sein. "Die Schnittstelle zwischen Applikationsentwicklung und IT-Betrieb ist eine große Herausforderung", urteilt Zilch. Selbst im klassischen Inhouse-Betrieb bereitet die Übergabe der Systeme an die RZ-Mannschaft häufig Probleme.

Trotz solcher Widrigkeiten könnte Lambertis Outsourcing-Projekt für andere deutsche Großunternehmen Signalwirkung entfalten. "Vor allem Banken und Versicherungen geraten unter Druck, ähnliche Maßnahmen einzuleiten", meint Zilch. Nach Ansicht Buraus ist die IT-Auslagerung letztlich "eine politische Entscheidung". Wie etliche andere Finanzkonzerne trennt sich die Deutsche Bank systematisch von Bereichen, die nicht mehr als Kerngeschäft angesehen werden.

So erledigt der Dienstleister Sinius - ein Joint Venture der Bank mit Siemens Business Services - das komplette Desktop-Management. Denkbar ist im nächsten Schritt, auch ganze Geschäftsprozesse wie das Wertpapiergeschäft oder den Zahlungsverkehr auszulagern. Letztere Funktion haben die Frankfurter ohnehin in der Tochter European Transaction Bank (ETB) gebündelt, die bislang allerdings wenig erfolgreich agiert. Auf mittlere Sicht könnte sich der Vorstand auch davon lösen. Mit dem US-Finanzdienstleister State Street verhandelt das Management derzeit den teilweisen Verkauf der Wertpapierdienste. Zudem soll der Bereich passives Asset-Management an die amerikanische Northern Trust veräußert werden.

Offen ist bislang, was die IT-Auslagerung für die betroffenen Mitarbeiter bedeutet. Von Anfang an hatte sich der Betriebsrat vehement gegen den Outsourcing-Deal gestemmt. Zwar teilte die Geschäftsleitung der Bank mit, IBM werde alle Beschäftigten übernehmen. Doch die Arbeitnehmervertreter wollen mehr. Unter anderem verlangen sie Bestandsgarantien für die Rechenzentren in Eschborn oder Frankfurt sowie für Hamburg und Düsseldorf. "Diese Standorte müssen erhalten bleiben", fordert Peter Müller, Betriebsratsvorsitzender für den Standort Eschborn. Da-rüber hinaus solle der Outsourcer für die Dauer der Vertragslaufzeit von zehn Jahren auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. In einer Betriebsversammlung am 25. September machten rund 800 Mitarbeiter nochmals ihre Vorstellungen für einen Betriebsübergang deutlich. Lamberti habe zugesagt, die Forderungen in den Vertragsverhandlungen zu berücksichtigen, so Müller.

Dessen ungeachtet hat der Betriebsrat seine Anliegen auch in einem Schreiben an die Personalchefin von IBM Deutschland, Juliane Wiemerslage, formuliert. Der IT-Konzern wollte sich dazu unter Verweis auf die laufenden Verhandlungen nicht äußern.