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31.08.1990 - 

Zwei Professoren aus Kaiserslautern schlagen Alarm

Deutsche Elektronikindustrie verliert international an Boden

31.08.1990

KAISERSAUTERN (CW) - In puncto Elektronik steht die Bundesrepublik an der Schwelle zu einem Nettoimportland. Eine Positionsverbesserung ist nicht in Sicht, zumal es an der Ausbildung von Elektronikingenieuren mangelt. Die Professoren Heiner Müller-Merbach und Werner Rupprecht der Universität Kaiserslautern machen in zwei Studien auf die Fehlentwicklung aufmerksam.

Die Studien erscheinen im Heft 3/90 von "Technologie & Management".

Elektronik-Produkte verzeichnen auf den Weltmärkten seit langem das höchste Wachstum. Nur sechs Länder ziehen aus dieser Erkenntnis Nutzen und haben sich eine Nettoexportposition erarbeitet: Japan, die "vier kleinen Tiger Asiens", nämlich Korea, Taiwan, Hongkong und Singapur, ferner Irland, wo asiatische Elektronikkonzerne Fertigungsbetriebe angesiedelt haben. Alle westlichen Industrienationen sind mit elektronischen Produkten in Nettoimportpositionen gerutscht. Nur die Bundesrepublik hält sich gerade noch auf dein schmalen Grat eines ausgeglichenen Elektronik-Außenhandels.

Müller-Merbach vergleicht in seiner Studie 17 Nationen und differenziert nach acht großem Produktklassen. Danach stellt Japan mit seinem Exportüberschuß elektronischer Produkte mit 61,3 Milliarden Dollar (1988) mit großem Vorsprung an der Spitze. Nippons Söhne erzielen in allen acht Produktklassen Überschüsse.

Die Stärken der "vier kleinen Tiger Asiens" liegen in den fünf Produktklassen, die durch Massenproduktion geprägt sind: Computer, Büromaschinen, Unterhaltungselektronik, Telekommunikation, Bauelemente. Schwach sind sie in den drei Produktionsbereichen, die eine hohe individuelle Ingenieurkurist erfordern: Meß- und Regelungstechnik, Medizin- und

Industrieelektronik, Funk- und Militärelektronik. Diese wiederum sind die Stärken der Bundesrepublik. Sie erzielte in der Meß- und Regelungstechnik einen Außenhandels Überschuß von 2354 Millionen Dollar, in der Medizin- und Industrieelektronik von 830 Millionen Dollar und in der Funk- und Militärelektronik von 362 Millionen Dollar (alle Zahlen für 1988). Auch in der Telekommunikation und bei den Büromaschinen konnte die bundesdeutsche Industrie Außenhandelsüberschüsse in Höhe von 658 Millionen Dollar beziehungsweise 81 Millionen Dollar erreichen.

Industrienationen mit Außenhandelsdefiziten

Defizitär waren dagegen drei durch Massenproduktion gekennzeichnete Produktbereiche, die Unterhaltungselektronik mit 1428 Millionen Dollar, Computer mit 2206 Millionen Dollar und Bauelemente mit 322 Millionen Dollar. Als Saldo ergibt sich der knappe Außenhandelsüberschuß von 329 Millionen Dollar für die Produkte der Elektronik insgesamt.

Im Gegensatz zur insgesamt noch ausgeglichenen Position der Bundesrepublik weisen alle anderen großen Industrienationen Nordamerikas und Europas erhebliche Außenhandelsdefizite in diesem Bereich aus; die USA mit 16,6 Milliarden Dollar, Großbritannien mit 5,7 Milliarden Dollar, Frankreich mit 5,6 Milliarden Dollar und die Niederlande mit 2,9 Milliarden Dollar.

Zur Wiedergewinnung gesicherter Nettoexportpositionen für elektronische Produkte bedarf es der quantitativ hinreichenden und qualitativ hochwertigen Ausbildung von Elektronikingenieuren. Am Beispiel der Nachrichtentechnik zeigt Rupprecht die bundesdeutschen Ausbildungsmängel auf. Von den Technischen Universitäten der Bundesrepublik werden nur Studiengänge der Elektrotechnik angeboten, nicht aber solche der Elektronik. Zahlreiche Spezialfächer, die eine zentrale Rolle für die Elektronik spielen, würden an den Technischen Universitäten Deutschlands gar nicht oder in nicht hinreichender Breite und Tiefe gelehrt werden. Als Beispiele nennt er Verkehrstheorie, Kommunikationsnetze, digitale Modulationsverfahren, Faltungscodes, Quellencodierung von Sprache und die Kryptographie. Seine Warnung vor weiterem Rückstand mündet in der Frage, ob die Technischen Universitäten nicht ein eigenständiges Studium der Elektronik aufnehmen sollten.

Die beiden Professoren aus Kaiserslautern befürchten für Deutschland eine lang anhaltende Phase hoher Außenhandelsdefizite für elektronische Produkte, den Wachstumsträger Nr. 1 auf den Weltmärkten. Diese Defizite könnten ihrer Meinung nach die bundesdeutsche Leistungsbilanz erheblich belasten.