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16.06.1995

Deutsche Firmen: Null Bock auf Multimedia Noch zu wenige Vorteile der DV-Symbiose sichtbar

"Multimedia-Technologien bilden das Rueckgrat der entstehenden Informationsgesellschaft und ein wichtiges Element bei der Loesung weltweiter Probleme", prognostiziert das Bundesministerium fuer Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF), Bonn. Doch die Begeisterung fuer die DV-Symbiose aus Sprache, Text, Audio und Video haelt sich - zumindest in deutschen Unternehmen - noch in Grenzen. Finanzieller Aufwand, fehlende Anwendungen, eingeschraenkte Telekommunikations-Infrastrukturen und nicht zuletzt Akzeptanzprobleme bei der aelteren Generation lassen zahlreiche Firmen hierzulande vor einem multimedialen Projekt zurueckschrecken. Einzig Online-Dienste und Videokonferenzen scheinen sich allmaehlich durchzusetzen. Ich habe genug andere Probleme und brauche nicht auch noch Multimedia dazu", gibt Lutz Jericho, Abteilungsleiter EDV- Organizations bei der Nissan GmbH in Neuss, unumwunden zu. Er habe sich ueber die Prognosen von Marktforschern in Sachen Datenautobahn noch keine weitreichenden Gedanken gemacht. Die abwartende Haltung des Automobilhersteller-Managers ist symptomatisch fuer zahlreiche deutsche Unternehmen, geht es um die Planung oder gar den Einsatz von Multimedia-tauglichen DV-Systemen. Wenig Verstaendnis zeigt Jericho auch fuer die vom Diebold Management Report Ende letzten Jahres aufgestellte Definition, Multimedia diene dazu, "der menschengerechten Nutzung von Informationssystemen ein ganzes Stueck naeher" zu kommen. Zwar habe der Abteilungsleiter den Trend zur Multimedia-orientierten DV zur Kenntnis genommen, noch fehle es allerdings am Bedarf. Das Verlangen nach dem Einsatz dieser Technologie muesse, so der Nissan-Manager, zuerst von den Fachabteilungen an die DV- Mannschaft herangetragen werden. Derzeit laeuft bei uns nichts mit Multimedia Schwaches Multimedia-Interesse ist nicht nur hierzulande zu verzeichnen. Auch im europaeischen Ausland haben sich die "elektronischen Alleskoenner" offenbar noch nicht durchgesetzt. "Im Moment laeuft bei uns gar nichts in Sachen Multimedia", beschreibt denn auch Erwin Schaefer, Systemprogrammierer beim Automobil- Importeur Amag AG aus Buchs bei Zuerich, die derzeitige Situation in seinem Unternehmen. Das einzige, was beim Schweizer Konzern mit der neuen Technologie zu tun habe, sei ein elektronischer Teilekatalog auf CD-ROM, der monatlich ueberarbeitete Explosionsbilder vom Volkswagenwerk zur Verfuegung stelle. Schaefer: "Das ist bei uns Multimedia." Amag vermisse fuer die Fahrt auf der Datenautobahn schlichtweg sinnvolle Applikationen. Doch nicht nur der Mangel an Software laesst einige Projekte bereits fruehzeitig scheitern. Auch das bei vielen Unternehmen auftretende Generationsproblem erweist sich nicht selten als Multimedia-Blocker. "Unsere Leute sind sehr 3270- orientiert und gewohnt, noch mit dummen Terminals zu arbeiten", begruendet Schaefer die Zurueckhaltung seiner Kollegen. Benutzer wenden sich heutzutage erst dann einer neuen Technologie zu, so die Erfahrungen des Schweizers, wenn alles hundertprozentig funktioniert und es spuerbare Verbesserungen bringt. Akzeptanzprobleme aehnlicher Art musste kuerzlich auch das Deutsche Jugendherbergswerk verzeichnen, obwohl es sich bei der anvisierten Zielgruppe um alles andere als Mainframe-Spezialisten handelte. Mehrere deutschlandweit installierte, multimediale Informationssysteme, die die Herbergszentrale in Detmold Ende 1993 in ihren groessten Filialen stationiert hatte, sind "vor kurzem rausgeschmissen worden", bremst Klaus Weidinger, Systembetreuer bei der Muenchner Jugendherberge, allzu hochfliegende Traeume mancher Multimedia-Enthusiasten. Der von Befuerwortern oftmals als Paradebeispiel zitierte Informationskiosk sollte Jugendlichen aktuelle Nachrichten zu den einzelnen Herbergen, Staedten und Sehenswuerdigkeiten sowie Landkarten und Fahrplaene auf sogenannten "Touch-Screens" multimedial praesentieren. Das unter anderem von Compaq, Microsoft, Logitech, Artifact und Pixelpark gesponserte und durchgefuehrte Projekt hatte Weidinger zufolge zum Ziel, die Taetigkeiten der Service-Informationsbueros in den einzelnen Jugendherbergen zu unterstuetzen. "Die Nachfrage unter den Jugendlichen war nicht gross genug", bilanziert jedoch der Systembetreuer. "Man hat sich dabei uebernommen." Trotz der bisher vorwiegend distanzierten Einstellung der Wirtschaft zu Multimedia fuehrt nach Auffassung staatlicher Stellen am elektronischen Medien-Mix langfristig kein Weg vorbei. Hochwertige Arbeitsplaetze der Zukunft werden, so prognostiziert zumindest das Bundesministerium fuer Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, vor allem durch wissensintensive Dienstleistungen geschaffen oder wettbewerbsfaehig gehalten. Dabei profitierten kuenftig unter anderem das Ingenieurswesen, Forschung, Consulting, Software-Entwicklung, Finanzdienste, aber auch private Nutzer, die besseren Komfort mit Hilfe von Tele-Banking, Video on demand oder Online-Shopping erhalten sollen. Ebenso erwartet das BMBF fuer die Bereiche Aus- und Weiterbildung, Gesundheits- und Sozialdienst sowie fuer Natur und Umwelt Schuetzenhilfe durch die Integration der jungen DV-Technologie. Waehrend interaktive Bildungs- und Unterhaltungsangebote den Freizeitbereich praegen sollen, erhofft sich das Ruettgers- Ministerium ausserdem eine oekologische Entlastung durch Telearbeit und Verkehrsleitsysteme. Bereits heute sei die Informations- und Medienbranche mit rund drei Billionen Dollar Umsatz und jaehrlichen Steigerungsraten in der Informationstechnik zwischen sieben und 15 Prozent neben dem Tourismus der weltweit bedeutendste Wirtschaftszweig. 1995 seien in Deutschland mehr Computer als Autos verkauft worden. Eine moderne Gesellschaft koenne es sich nicht leisten, so schlussfolgert das BMBF, auf diese Techniken und Dienste zu verzichten, sondern nur die Option zur Gestaltung dieser Prozesse. Technische Basis fuer saemtliche Multimedia-Szenarien bildeten Kommunikationsnetze mit ISDN, breitbandige Glasfasern beziehungsweise Koaxial-Kabel. Waehrend das Ministerium die Infrastruktur fuer das Zeitalter der multimedialen Informationsgesellschaft als gegeben ansieht, macht Ralf Kahler, Projektleiter bei der Muenchner Polikon GmbH, einem Hersteller von Bildverarbeitungssystemen, fehlende DV-Voraussetzungen fuer den Stau auf deutschen Datenautobahnen verantwortlich. "Bei uns hat alles einen moralischen Hintergrund" Kahler, der das Stichwort Multimedia aehnlich dem BMBF und anders als mancher Marktforscher, die einen PC mit integriertem CD-ROM- Laufwerk und Soundkarte bereits als tauglich erachten, nicht ohne die Ankopplung leistungsstarker Netze verstehen will, bemaengelt hauptsaechlich die mangelhafte Hardware-Performance herkoemmlicher DV-Systeme: "Die Leistung der Rechner reicht nicht aus, um auch Videos in Echtzeit uebertragen zu koennen", gibt der Spezialist zu bedenken. Den Beteuerungen des BMBF, die Ausgangsposition in Deutschland fuer den Start in die Informationsgesellschaft sei gut, widerspricht Kahler: "In den USA laeuft Multimedia bereits vorbildlicher, als es in Europa je funktionieren wird", zeigt sich der Muenchner aufgrund kultureller Differenzen skeptisch. Die Wissenschaftler seien im Land der unbegrenzten Moeglichkeiten schlichtweg offener und stellten ihre Errungenschaften grosszuegig in Netzen zur Verfuegung. "Bei uns hat alles einen ethischen, moralischen und politischen Hintergrund", kritisiert Kahler. Auf bislang positive Erfahrungen mit der Multimedia-Technologie kann jedoch Werner Glaser, Fachgebietsleiter bei der Knorr-Bremse aus Muenchen, zurueckblicken. Erst im vergangenen Monat habe die Knorr-Bremse anlaesslich der Eroeffnung einer neuen Repraesentanz eine Videokonferenz abgehalten, allerdings noch mit einer gemieteten Ausruestung. Zudem konnten Meetings mit einem Joint-venture-Partner aus den USA mit Hilfe der Telekooperation erfolgreich durchgefuehrt werden. "Das hat sich als aeusserst kommunikativ und produktiv herausgestellt", bilanziert Glaser. Eines stellt Glaser allerdings klar: "Wir werden uns dabei momentan nicht auf Video-Conferencing am PC, sondern auf die professionelle Durchfuehrung mit Fernsehgeraet und Kamera konzentrieren." Die von einigen Skeptikern geaeusserten Bedenken, Diskussionen am virtuellen Besprechungstisch fuehrten lediglich zum Abbau des persoenlichen Kontakts, akzeptiert Glaser nur zum Teil. Wegen kuerzeren Produktzyklen in dieser schnellebigen Zeit sei es noetig "sich kurzfristig vor die Kamera zu setzen, ohne erst langwierige Reisevorbereitungen zu treffen". Zudem sei es moeglich, im Gegensatz zu den Dienstreisen, mehrere Spezialisten ohne zusaetzlichen Aufwand an Videokonferenzen teilnehmen zu lassen. Glaser hat dafuer ein konkretes Beispiel parat: Konstrukteure konnten mit Hilfe einer Dokumentenkamera ein Problem loesen, "bei dem man mir vorher versichert hatte, dass eine Reise noetig sei". Zwei bis drei Wochen Verzoegerung konnte sich sein Unternehmen dank des Video-Meetings sparen. Carl Lehmann, Senior Research Analyst des Marktforschungsinstituts Meta Group, Connecticut, fasst die derzeitige Situation zusammen. Waehrend in der Software-Entwicklung fuer den privaten DV-Bereich aufgrund der Integration von Video und Sound ein regelrechter Rummel um Multimedia zu verzeichnen sei, hielten sich Unternehmen diesbezueglich noch zurueck. Firmen sollten zunaechst die Probleme mit konventioneller Dokumentation und Workflow in den Griff bekommen, bevor an ein Multimedia-Engagement zu denken ist. Auch herkoemmliche Bildbearbeitung werfe in zahlreichen Unternehmen noch immer gravierende Schwierigkeiten auf. Der Einstieg in die neuartige DV-Verarbeitung koenne mit multimedialem Training bewaeltigt werden. Vor allem im Ausbildungsbereich biete die Multimedia-Technologie im Vergleich zu herkoemmlichen Lernmethoden eine kostenguenstigere und effektivere Alternative.