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08.12.2000 - 

Die Alternative zur Green Card

Deutsche Internet-Firmen zieht es in den Osten

Weil es mit der Green Card nicht funktioniert, gründen immer mehr junge IT-Unternehmen und Startups Niederlassungen dort, wo noch Entwickler und Programmierer zu finden und zu bezahlen sind, nämlich in Osteuropa. Von Kathi Seefeld*

Es ist Freitag, der Tag, an dem bei 1-2-Snap in Prag alle gemeinsam Mittag essen. Tische sind Luxus, Stühle auch. Die Ping-Pong-Platte wird zur Seite geräumt. Tortillas und Chili schmecken zwischen den Knien anscheinend doppelt gut. Mehr als 40 junge Männer, einige wenige Frauen plaudern, fachsimpeln, planen. Zwischen ihnen hocken in weißen Kitteln mit dem Snap-Logo auf der Brust die "Chefs": Web-Master Michael Kirsch, ein Münchner, und Mark Grondin, der, wie er sagt, "Silicon-Valley-geschädigte" Chief Technology Officer. Freitage sind immer auch die Tage, an denen neue Mitarbeiter vorgestellt werden. Diesmal sind es zwei Spezialisten aus Indien, einer aus Spanien.

Seit das Mobile-Commerce-Startup, das mit seinen "Auktionen übers Handy" von München aus bekannt wurde, an der Moldau residiert, haben seine Gründer ein Problem weniger. Das Unternehmen kann weiterwachsen; in Tschechien fliegen 1-2-Snap Hightech-Profis regelrecht zu. Neben Entwicklern, Programmierern und Architekten aus Pakistan, Indien, Amerika, Belgien und Spanien sind das vor allem Spezialisten aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks: Kroaten, Ungarn, Polen, Rumänen, Slowaken und tschechische Mitarbeiter.

Zu den wenigen Deutschen gehört Web-Master Kirsch. "Unser Unternehmen", erzählt er, "ist noch sehr jung. Im Januar sind wir in München gestartet. Allerdings mit großem Erfolg, so dass uns bald permanent Fachleute fehlten. Dann kam die ganze Debatte um die Green Card in Deutschland und für uns die Ernüchterung. Denn auf diesem Weg würden wir niemals schnell zu guten Mitarbeitern kommen."

Eine Erkenntnis, mit der 1-2-Snap hierzulande nicht allein dasteht. Dooyoo-Chef Felix Frohn-Bernau nennt die vorgeschriebenen 100000 Mark Jahresgehalt beziehungsweise den Nachweis eines abgeschlossenen Hochschulstudiums praxisfern und kontraproduktiv. Aber auch die rechtsradikalen Ausschreitungen gegenüber Ausländern hätten, so Bitkom-Verbandschef Volker Jung, "dem deutschen Image" geschadet und dazu geführt, dass noch immer sehr wenige Spezialisten an Jobs in deutschen IT-Unternehmen interessiert sind.

In der Konsequenz gehen besonders junge Firmen und Startups, die in der internationalen Wirtschaftswelt weder bekannt sind noch Spitzengehälter zahlen können, bei den Green-Card-Zuwanderern leer aus. 1-2-Snap hatte keine Zeit zu verlieren. "Wenn die Arbeitskräfte nicht zu uns kommen, gehen wir zu ihnen", hieß die Devise. Von München aus stellte sich Prag als die nahe liegendste Lösung heraus. "Die tschechische Metropole bietet nicht nur eine gut vernetzte Community amerikanischer Zuwanderer, sondern eine gute technische Infrastruktur, günstige Mieten und einen riesigen Pool an ITExperten", erklärt CTO Mark Grondin.

Programmieren hinter KlostermauernUnterm Strich fanden die Münchner Bedingungen vor, die mittelfristig dazu führen werden, die "teure, zu kleine und wenig attraktive Niederlassung" in München aufzugeben, weiß Kirsch. Im Juni bezog 1-2-Snap ein ehemaliges Kloster unweit der Moldau. Es gehört einem schwedischen Möbelhersteller, der es saniert und umgebaut hat. Das Mobile-Commerce-Startup ist Mieter in der Etage unter dem Glasdach. Bei bester Prager Innenstadtlage kosten die Snap-Labs etwa 24 Mark pro Quadratmeter. Derzeit bewirtschaftet das Unternehmen 670 Quadratmeter, Optionen existieren für weitere 250.

Die werden auch gebraucht, ist sich Kirsch sicher. Bis Ende des Jahres sollen in der Prager Niederlassung, die mit zwölf Mitarbeitern startete, 60 Spezialisten aus aller Welt tätig sein. Die Liste der Stellenangebote vom Java-Programmierer bis zum Datenbankprofi ist lang. Um Fachkräfte zu rekrutieren, berichtet Human Resources Managerin Abi Vocking, nutze das Unternehmen neben den "persönlichen Kontakten" fast ausschließlich das Internet. Wöchentlich treffen zwei, drei Bewerbungen ein.

Neben den auch in Deutschland bei anderen Startups inzwischen gängigen Zusatzleistungen wie Massagen, Spielen und Präsenten gehören dazu auch Weiterbildungskurse zweimal in der Woche. Die Gehälter spielen keine ausschlaggebende Rolle. Viele der tschechischen Spezialisten haben, im Unterschied zu britischen oder amerikanischen, keine Vorstellungen von Stock Options oder anderen Mitarbeiterbeteiligungsmodellen und, laut Vocking, auch wenig Interesse daran. "Das ist für sie nicht das Wichtigste. Diese Leute im Osten sind einfach keine Geld-, sie sind Technologiejäger", schildert die Personal-Managerin anerkennend. "Sie stecken ihre ganze Kraft in das Unternehmen, und sie nehmen an Wissen mit, so viel sie kriegen können."

Dazu gehört bei 1-2-Snap der Aufbau einer Mitarbeiterbibliothek. Jeder, der Fachliteratur erwerbe, könne die Auslagen erstattet bekommen und das Buch allen Mitarbeitern zur Verfügung stellen. Eine angemessene Entlohnung der Spezialisten, die wie bei Startups hierzulande auch, ein hohes Arbeitspensum absolvieren, sei dennoch wichtig. Kirsch spricht davon, dass an die tschechischen Mitarbeiter Gehälter gezahlt würden, die viermal so hoch seien wie bei vergleichbaren einheimischen Unternehmen: "Es ist aber weniger als in München oder den USA."

Kein Wunder, dass auch bei anderen jungen IT-Unternehmen der Personalmangel ein verstärktes "Go East" ausgelöst hat. Vor allem Metropolen wie Prag, Budapest, Bratislava, Warschau und Bukarest sind begehrte Standorte für die Programmierer. So hat die Bertelsmann-Tochter Pixelpark im Oktober eine erste Niederlassung in Osteuropa eröffnet. Pixelpark Hungary Kft startete in Budapest mit elf Mitarbeitern. Weitere operative Niederlassungen, meint Alfred Höfinger, Chief Executive Officer der Pixelpark CEE-Holding AG, seien in Tschechien, der Slowakei, Polen und auch in Russland geplant. Der Online-Werbevermarkter Ad Pepper Media ist seit dem Sommer in der slowakischen Hauptstadt Bratislava präsent. Anders als 1-2-Snap haben beide Unternehmen nicht an erster Stelle die günstigen Entwicklungsstandorte und Arbeitskräfte im Blick, sondern erklären ihren Gang nach Osten mit dem Internet-Wachstumsmarkt Osteuropa.

Prognosen sprechen dort immerhin von einer Vermehrung der Online-Nutzer auf das Fünffache und einer Zahl von mehr als 45 Millionen Anwender im Jahr 2005. Doch über den Vorteil, günstig Mitarbeiter rekrutieren zu können, freuen sich nicht nur internationale Netzwerke wie Pixelpark und Ad Pepper. Die Berliner Popnet Agentscape AG zog es Anfang September nach Rumänien. Mit einer eigenen Tochtergesellschaft zur Softwareentwicklung startete das Hightech-Unternehmen in der Hauptstadt Bukarest. Popnet Agentscape Romania SRL beschäftigt zwölf IT-Entwickler und einen Office-Manager. "Wir haben als Alternative zur Green Card die für uns günstige Lösung gefunden. Gerade in Bukarest", so Stefan Covaci, IT-Vorstand der Popnet Agentscape, "können wir wegen der großen Hochschule auf ein Reservoir von Talenten zurückgreifen." Die Hamburger Mutterfirma Popnet Internet AG war bereits im April in die ukrainische Hauptstadt expandiert.

Genau wie 1-2-Snap hat auch das Linux-Systemhaus Suse in Prag ein Büro eröffnet. Es startete Anfang Oktober mit neun Mitarbeitern. "Inzwischen", erzählt Geschäftsführer Richard Jelinek, "sind wir 40, die neben der Entwicklung, Herstellung und dem Vertrieb speziell lokalisierter Suse-Linux-Produkte künftig auch Consulting- und Trainingsdienstleistungen bieten wollen."

Dass in den osteuropäischen Ländern genügend Softwareentwickler mit solider akademischer Ausbildung zur Verfügung stehen, haben schon vor der Green-Card-Debatte Unternehmer erkannt. Doch nur wenige gründeten wie der Geschäftsführer des Softwarehauses Telesens, Genadi Man, "aufgrund des Expertenmangels in Deutschland" schon vor zwei Jahren eine Entwicklungsniederlassung im ukrainischen Charkow. Der gebürtige Russe, der 1977 nach Israel emigrierte und seit Mitte der 80er Jahre in Deutschland lebt, hatte keine Berührungsängste und brachte in einem der großen Forschungszentren der ehemaligen Sowjetunion knapp 100 Spezialisten in Arbeit - Fachkräfte, die oft familiär gebunden waren und mehrheitlich nicht nach Deutschland kommen würden.

Auch die tschechischen Mitarbeiter von 1-2-Snap haben wenig Interesse, sich um eine deutsche Green Card zu bewerben. Sprachprobleme werden benannt, das faszinierende Flair von Prag, aber auch der Traum, eines Tages doch noch ins Silicon Valley zu gehen. Der Kalifornier Mark Grondin hat dort einschlägige Erfahrungen gesammelt und ging genau deshalb nach Prag. "Ich habe erlebt, wie Programmierer ständig den Arbeitgeber wechselten, weil sie unter einem Mangel an Anerkennung litten, kein Gefühl für erbrachte Leistungen vorherrschte, es an Herausforderungen fehlte." Deshalb, so Grondin, habe er sich auf das "Abenteuer Osteuropa" eingelassen. Von den technologischen Voraussetzungen her sei das 1-2-Snap-Labor in der tschechischen Hauptstadt vergleichbar mit amerikanischen Einrichtungen wie den Bell Labs. Webmaster Kirsch schätzt, dass sich in weniger als fünf Jahren die Prager Altstadt in ein "Mekka der New Economy" verwandelt.

Ob jedoch eine spürbare Anzahl junger IT-Unternehmen Richtung Osten aufbrechen und - so wie es 1-2-Snap plant - auch seine Niederlassungen in Deutschland aufgeben wird, ist fraglich. Zu groß seien die Unsicherheiten, gibt Christoph-Peter Isenbürger vom Berliner Startup Meome zu bedenken. Isenbürger, der Erfahrungen in Ungarn sammelte, sieht unter anderem die Gefahr, dass Standorte Zielobjekte krimineller Machenschaften werden. Geld könne in unlautere Kanäle fließen. Der Schutz vor Datendiebstahl erfordere in den Niederlassungen große Investitionen. Startups könnten dies kaum leisten. Zudem mangle es den Spezialisten vor Ort zwar nur selten an Fachkompetenz, aber Flexibilität und Mobilität seien wenig ausgeprägt.

Andere Argumente gegen einen Trend nach Osten nennt eine von der Hamburger Beratungs- und Planungsgesellschaft Metroplan in Auftrag gegebene und vom Marktforschungsinstitut GfK sowie von polnischen Wirtschaftsexperten realisierte Ost-West-Studie. Diese ergab, dass zum Beispiel in Polen kulturelle Unterschiede, Zulassungsprobleme sowie zähe Verhandlungen mit der staatlichen polnischen Privatisierungsagentur ein stärkeres Engagement deutscher Unternehmer hemmten.

1-2-Snap hält viele der Argumente gegen die osteuropäischen Länder für vorgeschoben. Natürlich, so Personalerin Vocking, sei es sehr kompliziert, als Ausländer im Ausland eine internationale Mannschaft aufzubauen. Besonders Mitarbeiter, die das Unternehmen außerhalb Tschechiens angeworben habe, müssten viele Hürden überwinden. "Das beginnt mit den vielen Besuchen in den Botschaften, Arbeitspapiere sind manchmal unglaublich schwer zu erhalten." Auch müssten Sprachkurse organisiert, Wohnungen beschafft, der Nachzug von Familienangehörigen geregelt und die Kinder in englischsprachigen Schulen untergebracht werden. "Wir unterstützen uns hier alle sehr. Es herrscht eine tolle Atmosphäre", lobt Grondin fast andächtig. Noch nie habe er eine Company erlebt, bei der sich so viele Freundschaften zwischen den Nationalitäten entwickelt haben. "Ich denke, solche Dinge wurden bei der ganzen Green-Card-Geschichte in Deutschland einfach zu sehr vernachlässigt."

*Kathi Seefeld ist freie Journalistin in Berlin.