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01.09.1995

Deutsche IT-Chefs stuetzen sich auf veraltete Technik Schlechte Perspektiven fuer Cobol-Programmierer

Der Kampf hat Tradition: Wissenschaftler und Softwerker sehen das Ende der instruktionsorientierten prozeduralen Programmiersprachen gekommen, doch die Cobol-Gemeinde wehrt sich nach Kraeften. Die Folge: Eine Unzahl von Entwicklern ist mit der Wartung teilweise uralter Programme beschaeftigt - bis zu dem Tag, an dem die Geschaeftsfuehrung sich fuer den flaechendeckenden Einsatz von Standardsoftware oder sogar fuer ein radikales Outsourcing entscheidet. Uwe Gill, anerkannter KI-Visionaer und Geschaeftsfuehrer der Insiders GmbH, Mainz, fordert die Anwender dazu auf, endlich einen Bruch mit der alten Technik herbeizufuehren und die bestehenden technischen Moeglichkeiten, insbesondere neue Sprachen und Entwicklungsmethoden, besser zu nutzen. Dazu gehoeren Mut und Innovationsbereitschaft - Eigenschaften, die nur in einem technologiefreundlicheren Klima gedeihen koennen. Das Gespraech fuehrte CW-Redakteur Heinrich Vaske.

CW: Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Superminister Juergen Ruettgers haben einen Technologierat mit wichtigen Industrie- und Forschungsvertretern gegruendet, um zu verhindern, dass der deutsche Information-Highway zur Sackgasse wird. Was halten Sie von dieser Massnahme?

Gill: Ich bin sehr skeptisch, ob der Technologierat den Einfluss auf die Politik haben wird, den er eigentlich haben sollte.

CW: Mit welchen Problemen hat der High-Tech-Standort Deutschland zu kaempfen?

Gill: Generell mit einer gering ausgepraegten Innovationsbereitschaft. Das beginnt bei den Start-up-Companies: Die Banken sind weder Know-how-maessig noch mental in der Lage, High-Tech-Firmen in den Markt zu begleiten. Da nuetzen auch die ganzen Foerderprogramme nichts. Wir muessen erreichen, dass sich eine Innovationskultur entwickeln kann.

Es gibt in Deutschland meiner Auffassung nach kein Venture- Kapital. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, um den sich die Politik unbedingt kuemmern muss. Ein staatliches Venture-Programm koennte Abhilfe schaffen. Die deutschen Banken koennen das nicht leisten - schon deswegen nicht, weil sie sich im Gegensatz zu auslaendischen Geldinstituten weniger als Wirtschaftsunternehmen, sondern mehr als Verwalter des Vermoegens fremder Leute sehen.

CW: Kann eine Technologiepolitik diese Defizite ausgleichen?

Gill: Ich bin generell skeptisch, ob Technologiepolitik in Deutschland funktionieren kann. In den USA ist sie mit militaerischen Aspekten verknuepft, in Japan beruht der wirtschaftliche Erfolg auf kulturellen Vorteilen. Ein Miti nach japanischem Vorbild waere in Deutschland nicht durchsetzbar. Dem stuenden auch die Gewerkschaften entgegen, die noch immer Technologieblockaden errichten - auch wenn ihr Selbstverstaendnis ein anderes ist.

Technologiepolitik muss als konzertierte Aktion zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen stattfinden und ein innovativeres Klima zum Ziel haben. Die gezielte Foerderung bestimmter Technologien, etwa der Kuenstlichen Intelligenz, kann nur ein untergeordnetes Anliegen sein.

CW: Aber mit der Foerderpolitik hierzulande ist die KI nicht schlecht gefahren.

Gill: Damit faehrt sie auch heute noch sehr gut. Aber es kann nur ein Aspekt der Technologiepolitik sein, den Grundlagenforschungs- Bereich staatlich abzufedern. Wir benoetigen eine Aufbruchsstimmung aller am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben beteiligter Gruppen. Dazu gehoeren neben der Wirtschaft und den Gewerkschaften auch die Kirchen, die sich fuer meine Begriffe extrem technologiefeindlich verhalten.

CW: Spiegelt sich die technologiefeindliche Grundhaltung der Gesellschaft auch im Zustand der DV-Abteilungen in den Unternehmen wider?

Gill: Allerdings. Zirka 90 Prozent aller Unternehmen, auch der mittelstaendischen, haben eine katastrophal organisierte, desolate, alte und ueberholte Datenverarbeitung. Die Situation hier ist absolut nicht mit der in Suedostasien oder den USA zu vergleichen.

In den grossen Industrieunternehmen ist die Datenverarbeitung ausserdem extrem inhomogen. Zwar wird ihre strategische Bedeutung zunehmend erkannt, doch die Einfuehrung neuer Technik und die daraus resultierenden organisatorischen Veraenderungen werden nur sehr traege nachvollzogen.

CW: Ihre Kritik trifft demnach auch die Organisationsstrukturen in den Unternehmen?

Gill: Sie betrifft die Organisation sogar in einem ganz starken Masse. Es gibt in der Industrie so gut wie keinen DV-Vorstand. Im Versicherungssektor dagegen ist das IT-verantwortliche Vorstandsmitglied die Regel. Dort wird die Informationstechnik ueberhaupt sehr viel ernster genommen als in der produzierenden Wirtschaft.

CW: Grosskonzerne wie Daimler-Benz oder BMW arbeiten doch sehr wohl mit den allermodernsten Techniken...

Gill: ...aber nur auf Inseln. Sie arbeiten nicht nach einem Muster, einem DV-strategischen Plan. Es sind immer die operativen Ebenen, die moderne Techniken hereinholen, um ihre Probleme zu loesen. Natuerlich stehen diese Unternehmen auf der Referenzliste nahezu jeden Softwarehauses, doch das bedeutet nicht, dass sie die Software auch wirklich produktiv nutzen.

CW: Nach welchen Kriterien organisieren denn diese Unternehmen ihre Datenverarbeitung?

Gill: Das, was mir ueberall begegnet, ist SAP. Das kann es doch wohl nicht sein: SAP und moderne Individualverfahren schliessen sich einfach aus. Leider wird diese Welle wohl noch mindestens fuenf bis zehn Jahre anhalten.

CW: SAP macht auch im asiatischen und US-amerikanischen Raum gute Geschaefte, wo doch Ihrer Ansicht nach die DV-Zustaende besser sind als hierzulande.

Gill: Ich habe mich auch schon gefragt, warum das so ist. Als SAP- Kunde muss man doch ein Heer von Beratungs- und Software- Unternehmen beschaeftigen, die die DV pflegen. Ich habe erhebliche Zweifel daran, dass der Einsatz von SAP-Software immer wirtschaftlich ist. Neue Techniken machen es heute wieder moeglich, Individualsoftware als eine ernsthafte Alternative zu Standardsoftware in Erwaegung zu ziehen. Eine Zeitlang war Individualsoftware immer zu teuer und zu problematisch. Heute muessen sie jedoch in ihre Standardsoftware soviel Overhead hineinprogrammieren, um gewisse Kundenanpassungen zu realisieren, dass Individualsysteme wieder eine reelle Chance haben.

CW: Die meisten Firmen haben keine Alternative zum Einsatz von Standardsoftware. Um moderne Entwicklungsmethoden und Tools zu nutzen, fehlen ihnen die Mitarbeiter mit dem entsprechenden Know- how. Hinzu kommt, dass sie ihre Altsysteme nicht vernachlaessigen duerfen, wenn sie ihr Geschaeft nicht in Mitleidenschaft ziehen wollen.

Gill: Man muss endlich konsequent sein und neue Projekte nur noch mit wirklich neuen Verfahren realisieren. Dazu haben nur wenige den Mut. Die meisten schreiben aus Kapazitaets-, Personal- und Know-how-Gruenden nach wie vor neue Systeme in alten Techniken. Solange man das macht, besteht keine Chance, von den Altlasten wegzukommen. Die wichtigste Entscheidung ist also: Ein neues System darf kuenftig nur noch in einem modernen Technologiespektrum entwickelt werden.

Natuerlich gibt es dann immer noch eine Uebergangszeit, da die Investitionsbindung in alte Systeme nach wie vor besteht. Aber der Lebenszyklus der Altlasten wird ueberschaubar. Im Versicherungsbereich ist er auf jeden Fall kuerzer als acht Jahre. Die Wartung eines Altsystems darf nicht durch Veraenderungen des alten Codes durchgefuehrt werden. Neue Funktionalitaet muss ueber neue Unterprogramme und Module in neuer Technik angebunden werden. Dieses Technologiespektrum, das mit Cobol nichts mehr gemein hat, muss festgelegt werden.

CW: Sie werden mit ihren Vorstellungen schon wegen des zu erwartenden Schnittstellenaufwands wenig Begeisterung bei DV- Leitern finden.

Gill: Dieses Killerargument hoert man haeufig, in Wirklichkeit ist das aber nicht so problematisch. Bei neuen Systemen, beispielsweise im Vertrieb, ist die einzige Schnittstelle oft die Datenbasis. Die aber ist unkritisch, sie ist fuer Cobol-Programme wie fuer KI-Systeme die gleiche. Auch im Interkommunikationssektor der Programme selbst ist das Schnittstellenproblem nicht mehr gross. Ueber C koennen sie immer miteinander reden. Die Problematik besteht eigentlich mehr darin, dass man altes und neues Know-how vorraetig haben muss, um Systeme zu pflegen, die um neue Module erweitert wurden. Darum kommen Sie aber so oder so nicht herum, denn wenn Sie ein neues System anschaffen, muessen sie auch Know- how vorhalten.

CW: Und was geschieht mit dem alten Know-how?

Gill: Man muss den Mut haben, nicht nur alte Programme, sondern auch unfaehige Mitarbeiter auszutauschen. Wir tun uns hierzulande ausserordentlich schwer, Mitarbeiter aufgrund eines veraenderten Anforderungsprofils freizusetzen. Wenn jemand von einem Thema keine Ahnung hat und es sich nicht schnell genug aneignen kann oder will, dann muss er halt gehen. Wir koennen es uns nicht mehr leisten, so zu denken, dass wir einen Mitarbeiter ein ganzes Leben lang beschaeftigen, weil er eine Sache einmal gelernt hat. Wir benoetigen das jeweils aktuelle Know-how. Das geht nur durch Flexibilitaet der Mitarbeiter oder durch Austausch.

CW: Keine Perspektive fuer Cobol-Programmierer?

Gill: Ein Teil unserer Cobol-Programmierer wird tatsaechlich gehen muessen - es gibt ja Firmen, die das vorexerziert haben, und die sind erfolgreich. Ob man in Cobol oder der KI-Sprache Prolog entwickelt, ist ein himmelweiter Unterschied - nicht nur von der Sprache, sondern auch von der Denke her.

Einen Cobol-Programmierer, der 15 oder 20 Jahre prozedural, instruktionsorientiert programmiert hat, wird niemand mehr dazu bringen, objekt-, relationen-, logikorientiert oder auch regelbasiert zu programmieren.

CW: Welche Perspektive haben die Cobol-Spezialisten?

Gill: Ein Teil von ihnen kann sicher Unterschlupf in mittelstaendischen Unternehmen finden, wo oft ueberhaupt noch kein DV-Know-how vorhanden ist. Diese Unternehmen greifen gerne auf Mitarbeiter mit einer bewaehrten DV-kaufmaennischen Ausbildung zurueck, zumal viele Mittelstaendler grundsaetzlich ihre Probleme mit Akademikern haben.

CW: Liegt das Problem, das Unternehmen mit der individuellen Software-Entwicklung haben, nicht vielmehr im methodischen Bereich? Offenbar fehlt den Firmen die Orientierung, nachdem das AD/Cycle-Konzept der IBM gescheitert ist.

Gill: Sicher ist Verunsicherung aufgetreten, weil die IBM nicht mehr der Fixstern ist, an dem man sich orientieren kann. Das ist ein Problem. Hinzu kommt, dass die neuen, nichtherkoemmlichen Methoden deutlich komplexer sind als das prozedurale, instruktionsorientierte Vorgehen. Diese Methoden sind schwerer zu beherrschen; das verursacht zusaetzliche Unsicherheit. Ausserdem ist die Methoden- beziehungsweise Werkzeugvielfalt - Methoden sind vielfach ans Werkzeug geknuepft - unglaublich explodiert. Davon wird 90 Prozent in fuenf Jahren vergessen sein, allerdings kommen auch immer neue Methoden auf.

Dieses Problem muss das DV-Management loesen. Wenn Sie sich aber anschauen, wer in den Topetagen der DV sitzt, dann werden Sie feststellen, dass es sich zu 90 Prozent noch immer um DV-Leute der ersten Stunde handelt. Hier liegt das eigentliche Problem.

Die Unternehmen haben niemanden in der IT-Verantwortung, der mit dem Studium eingesogen hat, dass Programmieren auch noch etwas anderes sein koennte als instruktionsorientiertes Notieren von Computeranweisungen. Dort sitzt noch immer die zweifellos verdienstvolle Bitfummler-Generation.

CW: Ist es nicht verstaendlich, dass die Unternehmen ihre wenigen Prolog-Spezialisten bremsen und sich statt dessen auf einen ganz grossen Nenner - Cobol und SAP-Standardsoftware - einigen.

Gill: Das ist das Argument, von dem die IBM viele Jahrzehnte profitiert hat. Mit IBM fuehlte man sich auf der sicheren Seite. Aehnliches gilt heute fuer SAP - was Tausende von Anwendern einsetzen, kann so falsch nicht sein. Ich verstehe diese Haltung, aber ich denke, man wird so nicht die Fortschritte machen koennen, die man im internationalen Wettbewerb benoetigt.