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22.06.1984 - 

Wang sticht mit Vertriebs- und TV-Know-how Siemens, Nixdorf, Philips, IBM und CTM aus:

Deutsche Parteien kommunizieren mit US-System

22.06.1984

MÜNCHEN/BONN - Eine Niederlage ersten Ranges hat die deutsche informationstechnische Industrie auf eigenem Terrain erlitten. Die Mehrzahl der deutschen Parteien im Bundestag hat Verträge über Kommunikationsequipment mit US-Office-Primus Wang abgeschlossen: CDU, SPD und die Grünen. Den Durchbruch zur flächendeckenden Präsenz im quasiöffentlichen Bereich dürfte der jüngste Abschluß mit der CDU-Fraktion gebracht haben. Auch Gespräche auf höchster Ebene zwischen Alfred Dregger und Heinz Nixdorf konnten die Entscheidung der Partei-Strategen nicht beeinflußen.

Nachdem die deutsche nachrichtentechnische Industrie mit der Vergabe des Btx-Auftrages an IBM bereits eine Schlappe von ähnlicher Peinlichkeit zu verbuchen hatte, ereignet sich jetzt ein ähnlicher Fall zum zweiten Mal - weniger spektakulär, dafür möglicherweise aber von gleich nachhaltigem Einfluß auf die informationelle Infrastruktur und internationale Konkurrenzfähigkeit der Bundesrepublik. Technologie-Politiker aller Schattierungen, Forschungsinstitutionen wie zum Beispiel die GMD (Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung) und Normierungsgremien predigen seit Jahren eine "nationale Strategie" (siehe CW 15/84, Seite 6) im Rahmen der Open-System-Philosophie und neuerdings im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt "Esprit" (siehe CW 23/84, Seite 1) auch eine gemeinsame europäische Kommunikationspolitik - in Politikerkreisen offensichtlich ohne Erfolg.

"Wang paßt zu diesen (Lippen)-Bekenntnissen wie die Faust aufs Auge", schimpfen mit BMFT-Mitteln und anderen öffentlichen Geldern geförderte Büro-Ausrüster; nicht einmal eine eigene Produktion hätten die Amerikaner in der Bundesrepublik vorzuweisen, geschweige denn eine nennenswerte Anzahl von Installationen ihres Netzwerks "Wangnet". Rat holten die Bonner Parteioberen aus dem berufenen Munde der auch für derartige Zwecke ins Leben gerufenen GMD im benachbarten St. Augustin jedenfalls nicht ein, wie ihr wissenschaftlicher Vorstand Friedrich Winkelhage gegenüber der COMPUTERWOCHE versicherte.

Pikanten Hintergrund zu dem in Branchenkreisen auf blankes Staunen stoßenden Wang-Coup liefern zum einen bemerkenswerte personelle Verknüpfungen, zum anderen selbstbemitleidende und anschwärzende Kommentare der Besiegten im Kampf um diese Schlüsselposition im kommenden Markt der Bürokommunikation, speziell der Netzwerke und digitalen Nebenstellenanlagen (LAN, WAN und PABX).

Ins Zwielicht geraten ist insbesondere der frühere Geschäftsführer des CDU-Wirtschaftsrats Christian Zschaber; heute ist er Chef des Wang-Verbindungsbüros in Bonn. Bei der Projektabwicklung innerhalb der CDU-Fraktion habe man auf deutliche Distanz zu dem einstigen Wirtschaftsrat-Mann geachtet. Er hätte für das erste Entree von Wang bei der CDU seine damalige Position zur Geltung gebracht, wollen etliche Bonner Kenner der politischen Szene wissen. Inzwischen sei der Lobbyist über "Meinungsverschiedenheiten " mit der CDU gestolpert, sagen ihm seine heutigen Konkurrenten nach und ebenfalls, daß er entscheidenden Einfluß im Parteihauptquartier, dem Konrad-Adenauer-Haus, genommen habe, als es darum ging, eine veraltete IBM-Ausrüstung durch Neues zu ersetzen. Rechtfertigend führen involvierte CDU-DV-Experten hierzu an, daß es damals für die speziellen Textverarbeitungsaufgaben einer Partei eben keine vergleichsweise gut geeigneten anderen Produkte gegeben habe. Verlierer dieses ersten Probelaufs um die Gunst der Parteien waren neben IBM die Siemens AG und Nixdorf. Wang kam auf der Basis eines kurzfristigen Vertrages mit einer OIS 140 und einem Fotosatzgerät ins Geschäft.

Eine Kommission, der Zschaber jedoch nicht angehört haben soll, und vier firmenunabhängige Experten wie Karl Schumacher, Hauptabteilungsleiter der Organisation im Konrad-Adenauer-Haus betont, haben anschließend dafür gesorgt, daß die Entscheidung durch die politische Führung, Schatzmeister Walter Leisler Kiep und Generalsekretär Heiner Geißler, abgesegnet wurde, das heißt in einen längerfristigen Rahmenvertrag einmündete. Erste Konsequenz: Das Konrad-Adenauer-Haus wurde koaxial verkabelt.

Wang installierte dort im September 1982 eine VS 100 mit 56 Bildschirmarbeitsplätzen sowie 23 Druckern und begann gleichzeitig mit Pilotinstallationen in zwei Landesgeschäftsstellen und sechs Kreisverbänden. Inzwischen Verfügt die Partei in Bonn über den stattlichen Installationspark von einer VS 100 mit 1,6 Gigabyte Speicherkapazität 88 Workstations, 29 Druckern, drei Fotosatzgeräten und zwei Laserprintern aus dem Hause Wang. Und in den Landesgeschäftsstellen stehen bereits sieben VS 80 mit unterschiedlichen Zahlen an Arbeitsplätzen sowie zwei OIS-Anlagen in Berlin und Wiesbaden; weitere 15 Kreisverbände seien ebenfalls schon an das System angeschlossen.

Vorläufiges Ziel der CDU-Kommunikationsstrategie ist es, bis zum Sommer 1986 - also rechtzeitig zur nächsten Bundestagswahl - alle 300 Außenstellen bis auf die Kreisebene hinab in ihr dann flächendeckendes Netz einzubinden.

Der Organisations-Chef der Bonner Parteizentrale ist guten Mutes, dieses Ziel fristgerecht zu erreichen. Seinen Schätzungen zufolge beläuft sich der Installationswert der geleasten Anlagen derzeit auf sechs Millionen Mark; bis 1986 würden sich die summierten Beträge auf zehn bis zwölf Millionen belaufen. "Keinerlei Veranlassung, von Wang wieder runterzugehen" sieht der Fachmann bei solchen Investitionen und im wesentlichen selbstgestrickter Software. Mit 18 Leuten verfügt das Konrad-Adenauer-Haus nämlich über eine eigene Informatik-Abteilung, fünf davon Programmierer in der Entwicklungsgruppe. Wert der dortigen Software-Bibliothek: 900 000 Mark. "Da wechselt man nicht ohne Not", sagt Schumacher.

Nun sind aber knapp eine Million Mark in den Augen der sachverständigen Kritiker der kürzlich erfolgten weiteren Festlegung auf Wang auch für die Fraktion der CDU "einfach ein Klacks, gemessen am gesamtwirtschaftlichen Schaden, den diese neuerliche Systementscheidung anrichten könnte". Sehr hoch bewerten neutrale Marketing-Experten insbesondere ihren psychologischen Effekt; schließlich seien die Abgeordneten des Deutschen Bundestages Multiplikatoren par Excellence, die zumindest dem Wang-Image in der öffentlichen Verwaltung äußerst zuträglich sein könnten. Das Parlament bestehe bekanntlich mehrheitlich aus Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes.

"Keinerlei Veranlassung, von Wang wieder runterzugehen "

Genau dieses zu verhindern war - nach eigenem Bekunden - die Aufgabe des erst kürzlich in Wang-Dienste getretenen Max Uwe Ferck, als er noch in der Lobby des Bundeshauses für den Paderborner Nixdorf-Vorstand tätig war. Der jetzige Pressesprecher im Frankfurter Wang-Quartier gibt zu, in diesem Job gescheitert zu sein, doch drehte sich anschließend das Personalkarussell für ihn zum neuen Bonner Hoflieferanten.

Der befürchtete Multiplikator-Effekt hat jedenfalls auf die SPD-Partei und -Fraktion sowie die Grünen schon durchgeschlagen. Und auch die Verwaltung des Deutschen Bundestages, eine von den Parteien zunächst einmal unabhängige Einrichtung, beginnt bereits sich Gedanken zu machen, inwieweit sie sich der Sogwirkung, die der amerikanische Textverarbeitungskönner ausübt, noch entziehen kann, wenn erst einmal die SPD daran geht, ihren bereits existierenden Rahmenvertrag mit Hard- und Software-Tatsachen auszufüllen.

Zunächst jedoch kämpft Parteivorstand Peter Glotz in seiner Eigenschaft als Arbeitgeber, wie er vor der Presse einräumte, erst einmal "mit großen Schwierigkeiten" an der Basis. Der Betriebsrat in der "Baracke", der Parteizentrale der Sozialdemokraten, versucht nämlich auf dem Wege über eine Betriebsvereinbarung ein Mitsprache- wenn nicht Mitbestimmungsrecht über den Einsatz von Daten- und Textverarbeitung für die Parteiorganisation zu erzwingen.

Auf der Arbeitsebene der Parteien stehen derweil die entsprechenden Projekt-Verantwortlichen zu den Entscheidungen: Von "ungeschickten deutschen Vertriebsbeauftragten" bis zu detailliert vorgebrachten Hinweisen auf Sachzwänge, wie etwa die erwähnten "Software-Investitionen in Millionenhöhe" bei der CDU oder "praktizierte freie Marktwirtschaft" bei der SPD, reichen ihre Argumente gegen die angebotenen Siemens, Nixdorf-, Philips- und CTM-Produkte.

Diese Hersteller wurden, zunächst nur Siemens und Nixdorf, mit einem Fragenkatalog, der sich offenbar ausschließlich an der vorhandenen Wang-Installation orientierte, aufgefordert, ihre Angebote abzugeben. Auf eine Intervention von Philips hin wurde dieser multinationale Kommunikationskonzern, der auch in der Bundesrepublik Produktionsanlagen unterhält, ebenfalls in die "Ausschreibung" einbezogen. CTM, Konstanz, folgte.

Das "Pflichtenheft" habe einer formalen Ausschreibung sehr unähnlich gesehen. Jede zweite Frage hebt in der Tat darauf ab, welche Zusatzkosten durch das "Fremdprodukt" (Anpassungssoftware und Zusatzgerät) gegebenenfalls zu erwarten seien - die Kosten für die geforderte Schnittstellensoftware zur vorhandenen Wang-Anlage in der Parteizentrale und zu Siemens-Installationen im Bundespresseamt (BS 2000/Golem) oder zum IBM-Rechenzentrum der CSU in Bayern sowie Datenbanken in den Bundesministerien etc. hätten jedoch kein unüberwindliches Hindernis dargestellt. "Sie würden im Rahmen bleiben" und seien vertretbar, meint der DV-Experte der SPD, Klaus Klein, der offenbar mit seinen Kollegen bei den Christdemokraten guten Kontakt pflegt; er sei dort beratend tätig, erklärt er.

Kosten scheinen denn auch, so stellt es sich dar, nicht ausschlaggebend gewesen zu sein. Nixdorf sei zu weitestgehenden Zugeständnissen in dieser Hinsicht bereit gewesen, heißt es aus der Frankfurter Wang-Zentrale.

"Der Gesichtspunkt der Benutzerfreundlichkeit hat eine entscheidende Rolle gespielt"

Als "völligen Unsinn" allerdings bezeichnet ein Bonner Publizist, der als zuverlässige Quelle gilt, beispielsweise Absagegründe, die die CDU-Fraktion an die Philips-Vertriebsmannschaft adressierte: "Das Textverarbeitungssystem von Philips ist gewiß leistungsfähig, seine Benutzerfreundlichkeit fällt aber gegenüber dem Wang-System sehr stark ab. Der Gesichtspunkt der Benutzerfreundlichkeit und damit die Akzeptanz bei der Entscheidung der Fraktion angesichts des hohen Fluktuationsgrades der Arbeitskräfte und der erhofften Benutzung des Systems auch von solchen Mitarbeitern, die nicht über Schreibmaschinenkenntnisse verfügen, hat eine entscheidende Rolle gespielt. Diesem Gesichtspunkt trägt das System keine Rechnung".

Ungeschicklichkeit und mangelnde Erfahrung in der Textverarbeitung wurde den Nixdorf-Leuten vorgeworfen: "Die Entscheidung des Fraktionsvorstandes fand vor dem Hintergrund statt, daß die Firma Nixdorf nach Prüfung unseres Anforderungskataloges selbst festgestellt hat, daß sie das Projekt in dieser Schwerpunktfestlegung und dem eben vorgegebenen Zeitraum nicht in einer Projektlösung dem Firmenrang entsprechend erfüllen kann". Auch hatte es bei der Präsentation eines Vergleichssystems in der Wiesbadener Stadtverwaltung "spürbare Verzögerungen im Antwortzeitverhalten gegeben". Weiter heißt es im Fraktionstext: "Das gezeigte System kann wegen seines Umfangs und seiner Schwerpunktsetzung in keiner Weise als Beweis für die problemlose Durchführung des Fraktionsprojekts mit diesem Produkt gesehen werden". Demonstriert hatten die Paderborner ihr System 8890, für das aber offenbar keine ausgesprochene Textverarbeitungssoftware zur Verfügung stand.

Auch "das schriftliche Angebot der Firma Nixdorf läßt nach wie vor eine Reihe von Fragen offen; so ist die Mailbox, nach Aussagen des Anbieters derzeit im Test. Sie steht also nicht zur Verfügung. Gleiches gilt für Teletex. Die Anbindung eines Scanners wird zwar zugesagt, der Anbieter selbst läßt jedoch die Frage des Herstellers und damit der Kompatibilität offen. Etc.", wird an gleicher Stelle moniert.

Ein "großer süddeutscher Hersteller" hatte sich offenbar rechtzeitig aus dem Schußfeld gebracht und sein LAN-Angebot über das System EMS 5800, das inzwischen innerhalb und außerhalb des Hauses Siemens auf nennenswerte Installationszahlen verweisen kann, zurückgezogen, mit der Begründung, es sei "ein paar Nummern zu groß".

Heute, nachdem die Entwicklung eine "bedenkliche Wendung" genommen hat, wie Franz Arnold aus der Geschäftsführung des Hamburger Beratungsunternehmens SCS, mit Sitz in Bonn, es zurückhaltend formuliert, steht Siemens Gewehr bei Fuß. "Jetzt hätten wir das System", heißt es lapidar in München, und auch Arnold bestätigt, daß die geforderte Art von Textverarbeitung "in nächster Zeit" auch von deutschen Unternehmen angeboten wird: "Definitiv weiß ich es von Siemens".

Das nützt den gebeutelten Informations-Managern in der CDU und SPD nun wahrscheinlich nichts mehr. Erklärtermaßen haben sie ihre Entscheidungen für Wang nur gegen den zähen politischen Widerstand ihrer weniger sachkundigen Parteifreunde durchsetzen können. "Um Gottes willen, es ist egal, wie ihr das Kind schaukelt, aber es muß ein deutsches sein", hatte deren Spruch gelautet.

Markt-Macht

Politiker sind offenbar auch keine anderen Menschen als Firmenchefs. Beide suchen für sich und ihren Apparat die Systeme der Macht- beziehungsweise Markterhaltung zu sichern, zu optimieren und schließlich möglichst gewinnbringend zu vermehren. Im politischen Markt der Meinungen nun ist der Umgang mit diesen Systemen der Machterhaltung nicht ganz so problemlos wie im kommerziellen Markt der Waren. Die Kosten-/Nutzenanalyse der Systeme führt nicht ad hoc zu verläßlichen Resultaten, die sich in Mark und Pfennig rechnen. In diesem sensiblen Bereich muß leider mit Meinungseinheiten kalkuliert werden, die sich am Wahltag in Wohl- oder Wehe-Stimmen niederschlagen.

"Wer den Nutzen hat, braucht für Neid nicht zu sorgen"; dieses modifizierte Sprichwort dürfte den Macht- und damit Informations-Managern bei der CDU, bei der SPD und bei den Grünen noch zu schaffen machen. Wenn deutsche Parteien mit US-Systemen (vergleiche Seite 1) kommunizieren, dann mag das zwar gut für die deutsch-amerikanische Beziehungen sein, entlarvt aber Hersteller-Aussagen und Politiker-Bekenntnisse als schieres Gesäusel und Geschwätz - im besten Fall als Verbalakrobatik des guten Willens über einem Netz von leeren Versprechungen.

Abstürzen dürften im konkreten Falle die Zentraleinheiten des amerikanische Herstellers nicht, schließlich stehen sie kampferprobt auch im Headquater der US-Regierungsmannschaft. Zusammen dürften vielmehr die Potemkinschen Kartenhäuser der technologiepolitischen Sprecher der Fraktionen. Die nationale Karte sticht nicht.

Die Vortragskünstler müssen ihre Textbausteine jetzt umsortieren und sich unter dem Stichwort "Wang" etwas Neues einfallen lassen. Aber Textverarbeitung ist ja eine Spezialität dieses Herstellers mit dem chinesischen Namen. Hand in Hand und cheek to cheek - Wang(e) an Wang(e) - lassen sich so manche Klippen eines Politikerlebens überwinden.