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20.10.2000 - 

Einführung von R/3-Retail endet im Rechtsstreit

Deutsche See verklagt ihren SAP-Berater

MÜNCHEN (CW) - Während R/3 in der Finanzbuchhaltung und der Kostenrechnung der Deutschen See GmbH & Co. KG läuft, schlugen fast drei Jahre lang alle Versuche fehl, die Retail-Software der SAP einzuführen. Schuld daran ist die Unternehmensberatung PDV GmbH, Hamburg, - sagt der Fischhändler aus Bremerhafen.

Peter Dill, Geschäftsführer und Miteigentümer der Deutschen See, fühlt sich getäuscht. "Dass ein Projekt scheitert, kommt durchaus vor", räumt der ehemalige Topmanager von Boston Consulting ein. Doch was ihn wirklich wütend mache, seien die falschen Angaben der PDV-Berater über den Projektstatus (seit vergangener Woche ist die Londoner Logica Plc. neue Besitzerin des Hamburger Beratungshauses). Noch zwei Tage vor dem endgültigen Stopp hätten sie ihn glauben machen wollen, das Projekt sei noch zu retten.

Die Fehler im eigenen Hause sieht Dill beim Vorbesitzer seines Unternehmens, bei Unilever. Erst im November 1998 hatte er zusammen mit Andreas Jacobs und Egbert Miebach die Deutsche See aus der Unilever-Tochter Nordsee herausgekauft. Die Fischhandelskette ist heute ihr größter Kunde. Das R/3-Projekt haben die drei Käufer sozusagen geerbt.

Das ursprüngliche Abkommen sah vor, die Host-basierte Individualentwicklung der Bremerhavener im Frühjahr 1999 abzulösen, zumal die Altanwendung nicht Jahr-2000-fähig war.

Zu Beginn des vergangenen Jahres fand Dill Zeit, sich intensiver mit dem Retail-Projekt auseinanderzusetzen. Nach seinen Angaben habe es jedoch Anfang 1999 noch keinen qualifizierten Projektplan gegeben.

Derweil die PDV ihren Projektleiter auswechselte, habe schließlich die Deutsche See den Projektplan mit dem Enddatum Sommer 1999 aufgesetzt.

Doch sei die PDV nicht in der Lage gewesen, den Plan einzuhalten. Dill dazu: "Im Oktober habe ich angeordnet: So. Stopp. Ich glaube gar nichts mehr. Alle Kraft auf die Jahr-2000-Fähigkeit unseres alten Warenwirtschaftssystems!" Daraufhin rettete die Deutsche See mit hohem Einsatz ihre DV tatsächlich ins Jahr 2000.

Derweil wurde das Verhältnis zu den PDV-Beratern immer gespannter, zumal die hinzugezogenen Experten aus dem Hause SAP in ihrer Einsatzuntersuchung bestätigten, dass das Retail-Modul bis zum aktuellen Release 4.6 die Erfordernisse der Deutschen See nicht erfüllen konnte. Im März dieses Jahres schließlich brachen die Vertragspartner das Projekt ab. Im April 2000 reichte der Fischspezialist Klage beim Hamburger Landgericht ein. Nebst Schadenersatz fordert er die bereits an die PDV gezahlten zwei Millionen Mark zurück. Die PDV brachte in der vergangenen Woche ihre Klageerwiderung auf den Weg.

Was den Einsatz der Retail-Standardlösung von R/3 im Fisch- und Fleischhandel schwierig macht, sind beispielsweise die fehlenden Funktionen zur Abbildung von "Multiple Transaction Quantities" (MTQs). Diese sind erforderlich, da Fisch nach Stück und Gewicht gehandelt wird. Das DV-System benötigt jedoch eine Maßgröße.

Chargenverfolgung war nicht zu realisierenZudem bucht die Deutsche See negative Lagerbestände. Der Fisch wird bereits nach dem Fang verkauft und parallel kommissioniert, der tatsächliche Lagerbestand aber erst am Ende des Tages festgestellt. So konnte man mit dem R/3-System weder verfolgen, welche Charge aus dem Lager entnommen, noch wohin diese geliefert wurde.

Die gesetzlich geforderte Chargenverfolgung hätte sich laut Wolf-Peter Groß, Leiter der PDV-Rechtsabteilung, nur dann in R/3-Retail realisieren lassen, wenn die Deutsche See den Prozentsatz der taggleichen Bestellung von den jetzigen 50 auf 20 Prozent gesenkt hätte und die Bestellungen sequenziell abgearbeitet worden wären. Das aber hätte organisatorische Änderungen vorausgesetzt. Für Dill dokumentieren solche Forderungen nach Umstrukturierung lediglich, dass die Berater die Fischbranche nicht kennen. Stattdessen würden sie das gesamte Geschäftsmodell des Kunden in Frage stellen.

PDV-Justiziar Groß begründet die Verzögerungen vor allem mit den hohen Zusatzaufwendungen. Diese seien unter anderem dadurch zustande gekommen, dass die deutsche See die Rahmenbedingungen für die R/3-Retail-Einführung geändert habe. "Wenn die Deutsche See unsere Vorschläge zur Organisationsänderung umgesetzt hätte, hätte unsere Lösung 100-prozentig funktioniert", kommentiert Groß. Daher habe der größte Fehler der PDV-Berater darin bestanden, nicht rechtzeitig zu signalisieren, dass eine Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen unmöglich gewesen sei.

Mittlerweile ist die Team GmbH, Paderborn, mit der Einführung ihrer Standardsoftware "Pro-Plan" für die operative Logistik und der Warenwirtschaft "Pro-Store" betraut. Die komplette Lösung soll bis April 2001 stehen.

Die "Lebensmittel-Zeitung" trug mit Informationen zum Enstehen dieses Artikels bei.